Predigt von Pfarrer Wolfgang Kammerer
zur Goldenen Konfirmation der Christusgemeinde Freiburg
am 30.6. 2006


Dieser Bericht wäre zu Ende, hätte es nicht, nach dem Mahl, das Gespräch gegeben, das ich aufzeichnen muss:  
das Gespräch mit Petrus, der Jesus verraten hatte in der Nacht, ehe der Hahn schrie.
"Simon,
Kind des Johannes", sagte Jesus, "du weißt, dass meine Schüler mich lieben. Ich aber frage dich, Simon, liebst du mich mehr als sie?"
"Ja, Herr, ich habe dich lieb."
"Dann sorge für meine Lämmer - und kümmere dich um die Böcklein!"
Und ein zweites Mal! "Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?"
"Ja, Herr, du weißt, ich habe dich lieb."
"Dann führe meine Schafe hinaus auf die Weide!"
Und nun das dritte Mal! "Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?"
Da wurde Petrus sehr traurig, weil Jesus ein drittes Mal fragte: "Hast du mich lieb", und er sagte zu ihm:
"Herr, du weißt alles - und solltest das eine nicht wissen: dass ich dich lieb habe?"
"Dann weide meine Schafe. Weide meine Böcklein und die Lämmer und behüte sie. Ich sage dir, und das ist wahr: Als du noch jung warst, hast du dich gegürtet, rasch und fröhlich und mit eigener Hand, und gingst hierhin und dorthin, wie´s dir gefiel. Doch eines Tages bist du alt, bittest um Hilfe, streckst deinen Arm aus, und ein anderer Mensch wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst."
So hat Jesus gesprochen, um Petrus zu zeigen, wie sein Ende sein werde: einsam, am Kreuz, durch das er Gott verherrlichen sollte. Und dann sagte er zu ihm: "Komm, Simon, folge mir nach."

(Johannes 21, 15- 19, nach der Übersetzung von Walter Jens, Am Anfang das Wort. Das Johannes-Evangelium, Seite 123-125)

 

Liebe Goldene Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

 In guter Tradition unserer Gemeinde nehme ich das Motto unserer Konfirmanden von diesem Jahr für ihre Konfirmandenzeit und Gedanken der Predigt zur Konfirmation beim Konfirmationsjubiläum auf.

 „Das Gemeindeschiff – und wir sind das Segel“. Unter dieses Motto haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die im April und Mai konfirmiert wurden, ihre Konfirmandenzeit gestellt. Neues beginnt für sie. Unsicher sind sie noch und doch selbstbewusst, in die Zukunft gewandt, wie das Motto. So sind sie, die jungen Menschen. Und das ist auch gut so. Dazu passt auch unser Text.

Nach dem Tode Jesu kehren die Jünger resigniert in ihren gewohnten Beruf zurück. Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung machen sich breit. Was er uns sagte -doch nichts mehr als nur große Worte. Sie wollen weg von Jerusalem, von der großen Stadt, der Stadt der Enttäuschung und des Todes. Sie wollen zurück nach Galiläa. Dort sind sie zuhause. Dort passen sie hin.

Da steht ein unbekannter Mann am Ufer. Werft doch das Netz noch einmal aus, auf die rechte Seite des Bootes. Er weiß wohl, wo die Fische zu finden sind. Und - weniger als nichts wird´s wohl nicht sein. Komm, wir wagen es. Und die Überraschung ist groß. Das Netz ist voll mit Fischen. Das kennen sie doch, das kommt ihnen bekannt vor: Plötzliche Fülle nach vergeblicher Mühe, Überfluss nach großem Mangel, ein Geschenk aus dem Nichts.

Sie spüren es: Er ist es. Der reiche Fang reißt sie aus ihrer Resignation heraus. Wortlos sitzen sie am Kohlenfeuer, und jeder weiß, was das bedeutet, als der Unbekannte Brot und Fisch nimmt und austeilt. Doch nicht alles aus und vorbei.

Auch das Johannes-Evangelium ist eigentlich schon beendet, da kommt dieser seltsame Nachtrag. Da war doch noch was, das könnte ich auch noch erzählen.

Menschen, die unzuverlässig waren, die davongelaufen sind, dürfen neu beginnen. Den Petrus, der ihn dreimal verleugnet hat, den beauftragt Jesus, seine Schafe zu weiden, seine Aufgabe zu übernehmen.

Es gibt immer einen neuen Anfang, wie verworren die Lage auch sein mag. In der Predigt zur Konfirmation habe ich gesagt: „Wir konnten im Konfirmandenunterricht erfahren, dass sich christliche Gemeinde nicht aus Superfrauen und Supermännern zusammen setzt. Da gehören Menschen dazu, die durch Lebenskrisen gegangen sind, die enttäuscht wurden und enttäuscht haben. Da gehören Menschen dazu, die verzweifelt sind und resigniert haben, genauso wie Menschen voller Tatendrang, Lebensfreude und Energie. Und allen, auch uns sagt es Jesus, nicht nur dem Petrus: „Weide meine Schafe, die Lämmer und die Böcklein!“

Das ist eine Einladung, die wohl jedem Gläubigen gilt, wie Tilman Raban, ein katholischer Priester, sagt. Diese Einladung ist urprotestantisch und widerspricht aller kirchlichen Exklusivität und Hierarchie. Sie gilt bis zum heutigen Tag. Aus der persönlichen Erfahrung mit dem Auferstandenen empfingen sie, empfängt die Kirche und empfangen wir diesen Auftrag. Und dann, was für ein Auftrag. Jesus übergibt uns allen seine Aufgabe, ein guter Hirte zu sein. Welch großes Vertrauen in uns, in seine Gemeinde. Können wir dieses Vertrauen überhaupt rechtfertigen? Was ich den Konfirmanden im Frühjahr als Lebensperspektive, als Lebensaufgabe, mit auf den Weg gegeben habe, können Sie, liebe Goldenen Konfirmandinnen und Konfirmanden, schon rückblickend betrachten. Konnten wir dieses Vertrauen rechtfertigen oder müssen wir nicht immer hinter dem Auftrag Jesu zurückbleiben. Wir haben mit Defiziten zu leben, mit Enttäuschungen.

Enttäuschungen können Resignation und Flucht zur Folge haben. Nicht anders erging es den Jüngern. Aber es ist gerade das Faszinierende an dieser Bewegung, die vom See Tiberias ausging. Diese Menschen mit all ihren Schwächen und Defiziten wurden nicht ausgeschlossen und blieben nicht ausgeschlossen. Sie wurden beauftragt, die Aufgabe Jesu, des guten Hirten, in der Welt auszuführen.

Ich stelle die Frage ganz ernsthaft. Ist diese Aufgabe nicht eine Nummer zu groß? Ich sage: nein. Denn wir dürfen wissen: Wir sind dabei nicht allein. Es gibt viele Menschen, die sich gemeinsam auf den Weg gemacht haben und weiter machen, leidenschaftlich und liebevoll. Wer liebt, empfängt einen Auftrag. Deshalb auch die Frage an Petrus: „Hast Du mich lieb?“ Ohne Liebe wird es nichts werden. Diese Liebe kennen wir aus dem ersten Korintherbrief: "Nun aber bleiben Glaube Hoffnung, Liebe, diese drei - aber die Liebe ist die größte unter ihnen." Wer in dieser Liebe bleibt, die sogar größer ist als der Glaube, wird die schwierige Aufgabe des Hirtendienstes bewältigen können. Aufträge Jesu kann man nur erfüllen, wer liebt.

Wir kommen noch einmal zum Motto unserer Konfirmandinnen und Konfirmanden und zum Bild des Schiffes zurück. In dem bekannten Adventslied „Es kommt ein Schiff geladen“ heißt es: „Das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.“ Das Segel, fängt die Energie des Lebens ein, diese Kraft, diese Energie ist die Liebe. Es wird gehalten vom Heiligen Geist. Ohne Mast liegt das Segel nur schlaff und nutzlos im Bootsrumpf herum. Das Schiff bewegt sich nicht; nichts bewegt sich. Um ein Segel zu hissen, brauchen wir einen Mast und Vertrauen in diesen Mast, dass er hält und nicht beim ersten Sturm gleich bricht. Der Heilige Geist hält stand, all den Lebensstürmen, den beruflichen und persönlichen, den positiven und negativen, in Stunden voller Enttäuschung und Einsamkeit, in Stunden voller Kummer und voller Leid, aber sicher auch in Stunden voller Lebensfreude und Lust. Er lässt die Kraft der Liebe wirken in dieser Welt.

Deshalb können wir uns einlassen auf dieses Wagnis des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Wir können Trauernde trösten und Suchenden den Weg zeigen. Wir können Vorurteilen, Hass, Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Krieg entgegentreten. Da werden wir alle gebraucht. Das ist die Nachfolge, von der die Erzählung am Ende spricht. "Folge mir nach". Darum bittet Jesus auch heute, auch uns. Uns alle, oft schwach im Glauben und stark im Zweifel. Er traut uns das zu.

 Amen

 

Predigt von Pfarrer Wolfgang Kammerer
Am Pfingstsonntag, 4. Juni 2006
In der Christuskirche Freiburg

 Kap. 14 (23)Jesus antwortete und sprach: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
(24)Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.
(25)Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin.
(26)Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
(27)Den Frieden lasse ich euch, (a) meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Kap. 16 (33)Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir (a) Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, (b) ich habe die Welt überwunden.

Johannes 14, 23-27 und 16, 33

 

Heinrich Albertz, Pfarrer und in den 60er Jahren Regierender Bürgermeister von Berlin, hat schon vor mehr als 25 Jahren in der Predigt auf dem Landesmissionsfest 1979 gesagt: „Das einzige, was die Welt zusammenhält ist die Angst.“

Vielleicht scheint uns diese Aussage auf den ersten Blick ein bisschen übertrieben zu sein. Wenn wir uns einmal umschauen, dann merken wir, wie viele Ängste um uns herum sind.

Angst, im Rentenalter keine Rente mehr zu bekommen; Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren oder nach dem Schul- oder Studienabschluss keine Arbeitsstelle zu bekommen; Angst vor Krankheit, Alter und Tod; Angst vor dem Alleinsein. Noch mehr könnte ich aufzählen. Doch will ich Sie weder langweilen noch ihnen die Arbeit abnehmen, sich selbst einmal Gedanken zu machen, wovor wir, Sie und ich, eigentlich Angst haben.

Angstsituationen sind bei den Menschen völlig verschieden. Und doch spüren wir, dass die Angst uns in unserer Möglichkeit zu leben behindert. Ernstgenommen werden die Ängste von den Mitmenschen nicht. Wer sie äußert, wird belächelt oder schief angeschaut. Die Folge davon ist: Der Konsum von Beruhigungsmitteln, Psychopharmaka, Alkohol und illegalen Drogen ist immens. Und wie schnell geraten wir in einen Teufelskreis: man zieht sich zurück und wird den anderen gegenüber misstrauisch. Es entsteht eine Situation, die die Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle in ihrem Buch „Die Hinreise“ beschreibt: „Alleinsein und dann alleingelassen werden wollen; keine Freunde haben und dann den Menschen misstrauen und sie verachten; die anderen vergessen und dann vergessen werden; für niemanden da sein und von niemandem gebraucht werden; um niemanden Angst haben und nicht wollen, dass einer sich Sorge um einen macht; nicht mehr lachen und nicht mehr angelacht werden; nicht mehr weinen und nicht mehr beweint werden; der schreckliche Tod am Brot allein.“ Dorothee Sölle umschreibt diese Situation mit „Tod“. Dieser Tod ist ein Tod, der oft nicht bemerkt wird, nicht zuletzt, weil er nicht als solcher erscheint. Dieser Tod erinnert uns immer wieder daran, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern ein Wesen ist, das nur dann richtig lebt, wenn er  friedlich, in Frieden und deshalb auch in Freiheit,  leben kann.

Wer Angst hat, kann nicht in Frieden leben, ist nicht frei. Gegen diese Angst setzt der Evangelist den Frieden. Er wird uns allen verheißen, auch im Angesicht von Gewalt und Tod, denn unser Text steht im Zusammenhang von den Schwierigkeiten, die die christliche Gemeinde hat, mit Verfolgungen und Angriffen von allen Seiten. Aber Jesus verheißt uns vor seiner Gefangennahme den Frieden, nicht den Frieden der Welt. Der ist immer nur ein Scheinfriede, weil er auf unsicheren Füßen steht; weil er allzu oft auf Kosten der Unterlegenen geschlossen wird und deshalb von Misstrauen begleitet wird. „Diesen Frieden lasse ich euch“, sagt Jesus, „meinen Frieden gebe ich euch.“ Wir spüren, wie fein hier Jesus unterscheidet – und es ist wirklich auch ein Unterschied. Er wird uns nicht gegeben, wie die Welt gibt. Es ist der shalom. Deshalb brauchen wir nicht zu erschrecken und uns zu fürchten – wir brauchen keine Angst zu haben.

Damit wären ja alle Probleme, alles Angstmachende beseitigt – so einfach ist es also? Nein - es ist nicht so einfach. Jesu Wort setzt keinen Automatismus in Gang. Erst wenn wir uns einlassen auf diesen shalom wird er in vielerlei Gestalt sichtbar. Im shalom stimmt die Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zu den Völkern, zu der Schöpfung. Er ist Ausdruck des Mutes, der Angst ins Gesicht zu sehen und sie nicht zu verdrängen bis sie sich in Magengeschwüren unweigerlich ankündigt. Wenn die Angst akzeptiert wird, dann kann aus der vermeintlichen Schwäche eine Stärke werden.

Dieser Frieden ist der Glaube, ist das Vertrauen an die Macht der Solidarität, ist das Interesse an anderen Menschen. Dieser shalom ist letztendlich die Frucht des Geistes, der in der Gemeinde Jesu Christi herrscht oder zumindest herrschen sollte. Unser Predigttext spricht ganz konkret die Gemeinde damals an, sicherlich anders organisiert als heute, und er spricht auch uns an und wirkt bis heute, dieser Geist, der Tröster und Beistand. Ihn, sein Kommen, feiern wir heute. Und, wie schon erwähnt, viele Menschen haben Schwierigkeiten mit diesem Fest. Es gibt nichts Handfestes zu feiern wie an Weihnachten und Ostern. Der Weihnachtsmann und der Osterhase haben ganz klar die Oberhand behalten über den Pfingstochsen. Und vielleicht ist doch mehr dran, als wir denken, an diesen Schwierigkeiten. Pfingsten muß erfahren werden. Vor zwölf Jahren waren meine Frau und ich im senegalesischen Busch bei einer katholischen Pfingstmesse. Wir haben die Kommunion natürlich mitgefeiert, beim Friedensgruß, der dort mit Umarmungen ausgetauscht wird, hat es mich durchzuckt. Da wurde auf einmal Pfingsten erfahrbar, da wurde klar, was der Heilige Geist bewirkt. Mehr als tausend Worte war jene Umarmung von uns unbekannten Menschen. Da war Leib Christi spürbar und nicht nur eine theologische Richtigkeit. Das war Heiliger Geist. Offensichtlich kann er nur in der Gemeinschaft erfahren werden, im gegenseitigen Respektieren, im gegenseitigen Helfen, im gegenseitigen Hoffen, im gegenseitigen Mitleiden, und auch im gegenseitigen Entdecken von Fähigkeiten, gegen die Angst anzukämpfen. Solche Gemeinschaft gibt dem Geist eine Chance, dem Geist, der oft verkannt wird. Er ist nichts mehr, aber auch nichts weniger als der gute Geist, der mit Jesus in die Welt kam, der Geist des Friedens, der Liebe, der Gerechtigkeit und des Verzeihens. Er wartet darauf, weitergetragen zu werden.

Wenn wir die Wirksamkeit des Geists an Pfingsten 2006 resümieren, kommen wir sicherlich zu verschiedenen Ergebnissen. Ich hoffe, dass wir alle in einem Punkte einig sind: der Geist muss weitergetragen werden, gerade weil, wie es Heinrich Albertz sagte, offensichtlich immer noch die Angst es ist, die die Welt zusammenhält. Es wäre schade, wenn es so bliebe.

 

Predigt von Pfarrer Wolfgang Kammerer 
zur Konfirmation der Christusgemeinde Freiburg
am 30. April 2006

 Dieser Bericht wäre zu Ende, hätte es nicht, nach dem Mahl, das Gespräch gegeben, das ich aufzeichnen muss:
das Gespräch mit Petrus, der Jesus verraten hatte in der Nacht, ehe der Hahn schrie.
"Simon,Kind des Johannes", sagte Jesus, "du weißt, daß meine Schüler mich lieben. Ich aber frage dich, Simon, liebst du mich mehr als sie?"

"Ja, Herr, ich habe dich lieb."
"Dann sorge für meine Lämmer - und kümmere dich um die Böcklein!"
Und ein zweites Mal! "Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?"
"Ja, Herr, du weißt, ich habe dich lieb."
"Dann führe meine Schafe hinaus auf die Weide!"
Und nun das dritte Mal! "Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?"
Da wurde Petrus sehr traurig, weil Jesus ein drittes Mal fragte: "Hast du mich lieb", und er sagte zu ihm:
"Herr, du weißt alles - und solltest das eine nicht wissen: dass ich dich lieb habe?"
"Dann weide meine Schafe. Weide meine Böcklein und die Lämmer und behüte sie. Ich sage dir und das ist wahr: Als du noch jung warst, hast du dich gegürtet, rasch und fröhlich und mit eigener Hand, und gingst hierhin und dorthin, wie´s dir gefiel. Doch eines Tages bist du alt, bittest um Hilfe, streckst deinen Arm aus, und ein anderer Mensch wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst."
So hat Jesus gesprochen, um Petrus zu zeigen, wie sein Ende sein werde: einsam, am Kreuz, durch das er Gott verherrlichen sollte. Und dann sagte er zu ihm: "Komm, Simon, folge mir nach." 

(Johannes 21, 15- 19:,nach der Übersetzung von Walter Jens, Am Anfang Das Wort. Das Johannes-Evangelium)

 

 Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Paten, liebe Gemeinde,

 das Johannes-Evangelium ist eigentlich schon beendet, da kommt dieser seltsame Nachtrag. Da war doch noch was, das könnte ich auch noch erzählen.

Um das verstehen zu können, zuerst einmal ein kleiner Rückblick: Nachdem Tode Jesu kehren die Jünger in ihren gewohnten Beruf zurück; sie gehen wieder fischen. Enttäuschung und Resignation machen sich breit. Unsere Hoffnung war doch so groß, und jetzt nichts als große Enttäuschung. Was er uns sagte, doch nichts mehr als große Worte. Sie wollen weg von Jerusalem, von der großen Stadt, der Stadt der Enttäuschung und des Todes. Sie wollen zurück nach Galiläa. Dort sind sie zuhause. Dort passen sie hin. Aber daraus wird nichts. Der Rückweg ist versperrt; sie fangen nicht einen einzigen Fisch.

Da steht ein unbekannter Mann am Ufer. Werft doch das Netz noch einmal aus, auf die rechte Seite des Bootes. Erweiß wohl, wo die Fische zu finden sind. Er kennt sich wohl aus mit den Fischgründen des Sees. Schaden kann es nichts. Weniger als nichts wird´s wohl nicht sein. Komm, wir wagen es. Und die Überraschung ist groß. Das Netz ist voll mit Fischen. Das kennen sie doch, das kommt ihnen bekannt vor: Plötzliche Fülle nach vergeblicher Mühe, Überfluss nach großem Mangel, ein Geschenk aus dem Nichts.

Sie brauchen keinen weiteren Beweis. Er ist es. Der reiche Fang reißt sie aus ihrer Resignation heraus. Wortlos sitzen sie am Kohlenfeuer, am Grill, und jeder weiß, was das bedeutet, als der Unbekannte Brot und Fisch nimmt und austeilt. Das ist die Vorgeschichte.

Jetzt beginnt unsere Geschichte. Doch nicht alles aus und vorbei Er ist bei uns. Das ist Ostern.

Jetzt beginnt etwas Neues. Menschen, die unzuverlässig waren, die davongelaufen, abgehauen sind, werden dürfen neu beginnen. Den Petrus, der ihn dreimal verleugnet hat, den beauftragt Jesus, seine Schafe zu weiden, seine Aufgabe zu übernehmen.

Und auch für euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, beginnt etwas Neues. Ihr gehört jetzt mit allen Rechten und Pflichten zur Gemeinde. Und wir haben sie kennen gelernt, die Kirche und die Gemeinde. Sie hat uns im Bild des Schiffes die Konfirmandenzeit hindurch begleitet, mit Anker Galionsfigur, Ruder, Mast, Segel, und Steuerrad.

Wir konnten erfahren, dass sich christliche Gemeinde nicht aus Superfrauen und Supermännern zusammen setzt. Da gehören Menschen dazu, die durch Lebenskrisen gegangen sind, die enttäuscht wurden und  haben. Da gehören Menschen dazu, die verzweifelt sind und resigniert haben, genauso wie Menschen voller Tatendrang, Lebensfreude und Energie. Und allen, auch uns sagt es Jesus, nicht nur dem Petrus: „Weide meine Schafe, die Lämmer und die Böcklein!“ Er übergibt uns allen seine Aufgabe, ein guter Hirte zu sein. Welch großes Vertrauen in uns, in seine Gemeinde. Können wir dieses Vertrauen überhaupt rechtfertigen?

Liebe Konfirmandinnen, liebe KonfirmandenIhr habt jetzt gerade im Konfirmandenunterricht die Grundlagen unseres christlichen Glaubens kennen gelernt. Mit manchen Dingen habt ihr eure Schwierigkeiten –und die haben nicht nur die Konfirmanden-, viele von euch sind noch immer auf der Suche. Und dann, diese Aufgabe. Ich stelle die Frage ganz ernsthaft. Ist das nicht gerade für euch, eine Nummer zu groß? Ich sage,: nein. Denn ihr seid nicht allein. Es gibt viele Menschen, die sich mit euch auf den Weg machen, liebevoll und leidenschaftlich. Wer liebt, empfängt einen Auftrag. Deshalb auch die Frage an Petrus nach der Liebe.

In dem bekannten Adventslied „Es kommt ein Schiff geladen“ wird das Bild des Schiffes aufgenommen. In diesem Lied heißt es: „Das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.“

Das Segel, also die Energie, die Kraft ist die Liebe. Und ihr seht euch selbstbewusst als das Segel; als Energie; als Kraft dieser Gemeinde. Ihr wisst es: Ohne Liebe wird es nichts werden. Im Griechischen gibt es verschiedene Wörter für das deutsche Wort "lieben". In unserem Text steht das Wort "agape", das Wort, das wir aus dem ersten Korintherbrief kennen, und das auch eine Konfirmandin als ihren Konfirmandenspruch ausgesucht hat: "Nun aber bleiben Glaube Hoffnung, Liebe, diese drei - aber die Liebe ist die größte unter ihnen." Wer in dieser Liebe bleibt, die sogar größer ist als der Glaube, wird die schwierige Aufgabe des Hirtendienstes bewältigen können. Und es ist nicht immer leicht, das auch vor anderen Menschen, Gleichaltrigen zumal, zu vertreten. Wer sich im Gespräch als Christin oder Christ bekennt, hat nicht selten einen schweren Stand. Unter Jugendlichen gelten Christen zur Zeit eher als veraltet oder weltfremd, zumindest haben junge Christen den Eindruck, sich für ihren Glauben und für ihre Lebenseinstellung rechtfertigen zu müssen.

Ich hoffe, dass ihr in diesem Jahr im Konfirmandenunterricht erfahren konntet, dass die Kirche und die Welt Christinnen und Christen, und dabei vor allem junge, braucht. Wir brauchen Menschen (ich beschränke mich jetzt auf Themen, die wir im Konfirmandenunterricht besprochen haben), die sich nicht damit abfinden, dass Menschen in den Ländern des Südens- das sind mehr als zwei Drittel der Menschen- durch ungerechte Verhältnisse, durch Verschuldung, durch wirtschaftliche Abhängigkeit in ihren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt sind. Wir brauchen Menschen, die gegen Vorurteile Menschen gegenüber, die anders glauben, aussehen, fühlen, denken und lieben, die HIV-Positiv sind, ankämpfen. Wir brauchen Menschen, die pflegebedürftige und behinderte Menschen als Bereicherung des Lebens erkennen können.

Das ist Christ sein heute: sich Einlassen auf dieses Wagnis des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, Vorurteilen, Hass,  Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Krieg entgegenzutreten. Und das können wir, liebe Gemeinde, nicht unseren jungen Christen allein überlassen. Da werden wir alle gebraucht. Das ist die Nachfolge, von der die Erzählung am Ende spricht. "Folge mir nach", darum bittet Jesus auch heute, auch uns. Uns alle, oft schwach im Glauben und stark im Zweifel. Er traut uns das zu.

 Amen

 

Predigt von Pfarrer Wolfgang Kammerer
an Sonntag Rogate, 21. Mai 2006

 (2) Seid beharrlich im Gebet (haltet an am Gebet) und wacht in ihm mit Danksagung!
(3) Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin,
(4) damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.
(5) Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus.
(6)Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.

Kolosser 4, 2-6

 Drei Schwerpunkte lassen sich aus dem Text herausschälen, die ich in Stichworten so benennen möchte: Kontinuität, Konvivenz (ein Begriff, der von Theo Sundermann, dem Heidelberger Missionswissenschaftler, ins Gespräch gebracht wurde), Kommunikation. Ins Deutsche gebracht: mit langem Atem, miteinander leben, miteinander verbunden sein.

Am Text entlang gehend möchte ich gerne diese drei Schwerpunkte bedenken.  

Kontinuität (mit langem Atem)
Das Beten, das Gebet ist für den Verfasser des Briefes nicht ein Einzelakt, eine zeitweilige Hinwendung zu Gott, kein bloßes Wortemachen. Kontinuierliches Beten ist keine Aneinanderreihung von einzelnen Gebeten, keine Gebetskette, auch keine ewige Anbetung, wie wir sie aus der römischen Tradition kennen. Es ist vielmehr eine durchgehende Grundhaltung des Menschen, ein Leben vor Gott, ihm zugewandt zu führen. Es ist schon gar keine Flucht aus der Welt, kein Aussteigen aus der Wirklichkeit, sondern eine kontinuierliche Hilfestellung in der Welt und für die Welt. Um das zu verwirklichen, braucht es nicht selten einen langen Atem. Wie oft sind wir in Gefahr, uns von den sogenannten Sachzwängen entmutigen zu lassen und dann zu resignieren. Dem setzt unser Text entgegen: Beterinnen und Beter haben einen langen Atem. Sie leben nicht schläfrig und träge dahin. Sie sind wach, wachsam, wobei hier Wachsamkeit, als „Chiffre für ein bewusstes christliches Leben“ (Ingrid Maisch) zu verstehen ist. Christinnen und Christen sind Wächter in der Welt. Wie der Nachtwächter, der in der Nacht Wache und Wachende, dafür sorgt, dass in der Nacht nichts geschieht, was das Wohlergehen und das Leben der Menschen gefährden könnte, so sind die Christen in der Welt Wache und Wachende, damit das Zusammenleben der Menschen nicht gefährdet ist.  

Konvivenz (miteinander leben): 
Um miteinander leben zu können, muss der Andere in seiner Andersartigkeit ernstgenommen werden. Einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern, so beschreibt Sundermeier die Konvivenz, das Miteinander-Leben. So zu leben, so zu handeln: Das ist die Weisheit, von der der Apostel  spricht. In und mit dieser Weisheit zu wandeln gegenüber den Außenstehenden, denen, die draußen sind, dazu fordert er uns auf. Schaut auf alle Möglichkeiten, das zu tun. Kostet die Zeit aus, das heißt, versucht den richtigen Zeitpunkt zu finden. Es geht also um den rechten Augenblick, die Chancen zu nutzen, wenn sie sich bieten. Auch Mission hat ihre Zeit. Das Verständnis von Mission hat sich gewandelt. Einander helfen, voneinander lernen, und dann auch miteinander feiern. Wenn wir es schaffen, uns freizumachen von dem alten Denken der Einbahnstraßen-Mission des vergangenen Jahrhunderts, dann kann und wird unser Zeugnis glaubwürdig sein. Dieses Zeugnis wird nicht mehr vorrangig das Zeugnis des Wortes sein können, es wird immer mehr zum Zeugnis der Tat. Die Weisheit bezeichnet hier die Weisheit des Verhaltens, das dem Glauben, dem Erkennen von Gottes Willen entspricht. Der Lebenswandel in Weisheit hat missionarische Wirkung. Wir werden in den Ländern des Südens immer wieder gefragt, was wir tun gegen die Ungerechtigkeit in dieser Welt, was wir tun gegen die Zerstörung der guten Schöpfung Gottes, der Lebensgrundlage für Menschen, Tiere und Pflanzen. Auch wenn es schon fast zu Tode zitiert ist, es stimmt immer noch, was der Theaterdirektor im ersten Teil von Goethes „Faust“ sagt: „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehen.“ (Oder ein anderes Goethe-Zitat: „Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat.“). Es ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses. Sonntags-Reden und Werktags-Handeln dürfen nicht auseinander fallen. Dann wird die Tür auch wieder geöffnet für das Wort, dann kann die Verkündigung wieder erfolgreich sein. Und diese Glaubwürdigkeit wird nicht nur von den Menschen in den Ländern des Südens eingefordert, sondern auch von den Menschen in unserem Land, die sich abgewandt haben, in den Worten des Kolosserbriefes, denen, die draußen sind. Wenn wir ihnen wieder die Tür öffnen wollen, den jungen Menschen zumal, dann haben wir uns darauf einzulassen, dass auch die anderen uns helfen und wir von ihnen etwas lernen können. Dann können wir gemeinsam feiern, dann können wir miteinander leben, dann sind wir miteinander verbunden.

Kommunikation (Miteinander verbunden sein)
Am Ende des Textes geht es dann um die Kommunikation im modernen Sinne, wie die Botschaft ankommt, wie man den Empfänger einer Nachricht, einer Botschaft erreicht. Der Apostel gibt konkrete Ratschläge, wie denn die Missionsaufgabe in der Welt zu verstehen ist. Im Umfeld der Kolosser gab es viele Mysterien-Religionen. Man musste in geheimen Ritualen in diese Religionen eingeweiht werden. Es war unmöglich etwas über ihr Geheimnis zu erfahren. So soll es bei euch nicht sein, schreibt der Apostel. Das Geheimnis Christi, sein Leben, sein Leiden, sein Sterben und seine Auferstehung soll offenbar gemacht, kommuniziert werden. Das Geheimnis Christi soll unter die Menschen gebracht werden, für alle zugänglich und verständlich. Die Christen sollen Antworten geben und über ihren Glauben Auskunft geben können. Das schafft Verbindung und Verbundenheit mit anderen Menschen. Die Fähigkeit, lieblich und freundlich, eine bessere Übersetzung dieses Wortes ist voll Anreiz, zu reden, ist ein wirksames Mittel der Mission. Gespräche mit Außenstehenden sind zu nutzen, um das Evangelium weiterzugeben. Dafür ist gute Kommunikation vonnöten, gewürzt mit Salz, nicht fad, nicht langweilig, und mit Charme. Diese Übersetzung gefällt mir am allerbesten. Ist das nicht schön? Christinnen und Christen sind charmante Gesprächspartner.

Amen

Predigt von Pfarrer Wolfgang Kammerer   
zum Karfreitag, 14. April 2006

  (15) Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
(26b) Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.
(27)Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht:
(28)so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Hebräer 9, 15.26b-28

Liebe Gemeinde,

erreichen uns diese theologischen Sätze, so wichtig und richtig sie auch sind, überhaupt noch? Verstehen wir, was wir da lesen und hören? Oder rauschen die Worte an uns vorbei: schon mal gehört, vielleicht sogar bekannt, richtig- aber leer. Ja wir haben es schwer mit diesem Text. Tasten wir uns vorsichtig an ihn heran und versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Der Eine hat es dann auf sich nehmen können, dieser Eine: Jesus Christus.

Er ist einmal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünden aufzuheben. Dieses "einmal" ist das Schlüsselwort des Textes, es erschließt uns die Kommunikation mit diesem Text. Einmal erschienen, einmal gestorben, einmal geopfert. All die vielen Versuche vorher sind sinnlos, haben nichts gebracht, sind vergeblich gewesen,--- ein für alle mal, endgültig. Diese Vokabel dringt ins Zentrum des Karfreitags; sie beschreibt das Unbeschreibliche, das Geheimnisvolle des Geschehens.

Einmal fand dieser Tod statt. Ein für allemal. Alle Seiten des Menschen, alles Menschliche schließt er ein- für alle Zeit und alle Ewigkeit. Es ist kein anderer Tod als der Tod der Menschen. Er schließt jeden Tod eines jeden Menschen ein und ist in die vielen Tode eingeschlossen, die gestorben wurden und gestorben werden. Inklusiv ist dieser Tod am Kreuz. Und dann das Paradoxe: Er ist exklusiv zugleich- dieser Tod am Kreuz. Er schließt alle weiteren Opfer aus. Alle Opfer, die Menschen sich abverlangen, macht er überflüssig.

Stimmt das? fragen wir uns. Stimmen unsere Erfahrungen in der Welt mit der Botschaft von Karfreitag überein. Die Ratlosigkeit mit Karfreitag steigert sich. Was soll das bedeuten? Wie ist das gemeint? Der Tod hat doch nicht aufgehört, auch nicht der sinnlose, der gewaltsame, der Menschen ängstigt und drangsaliert, der Opfer fordert auf Straßen, in Hungergebieten, durch Krieg und Terror.

Wieso ein für allemal, wieso endgültig? Wie steht es mit den Opfern? Nach Golgatha wurden die Opfer größer, auch Christen haben Menschen zu Opfern gemacht., haben ihnen unmenschliche Opfer abverlangt, aus Dummheit oder Machtbesessenheit. Wie also bitte schön, höre ich kritische Zeitgenossen fragen, wie also kann das Kreuz von Golgatha der Tod aller Tode, das Ende aller Opfer sein. Dieser Tod am Kreuz - einmal - ein für allemal. Fragen wirft es auf, dieses einmal. Fragen wirft er auf, dieser Karfreitag. Und das ist gut so. Fragen gehören zum Karfreitag. Wir erinnern uns an die Frage Jesu am Kreuz: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Ein Karfreitag, der keine Fragen aufwirft, bleibt stumm; ist vielleicht gut zur heiligen Verehrung, hat aber seine Dynamik verloren. Fragen passen eher zu diesem Tag als vorschnelle, formelhafte Antworten, passen auch besser als stilles Versinken in stummer Trauer. Es geht um fragende Trauer. Unsere Trauer soll uns wach machen. Trauer soll aufrütteln und schreien, schreien gegen die Opfer von Hunger, Krieg und Straße. Seit Golgatha gibt es für den Tod, und auch gegen den Tod genaue Worte, der Tod kann benannt, kann dingfest gemacht werden. Denn Schreien und Entsetzen, das sich nicht artikulieren kann, setzt blinden, zerstörerischen Zorn und Hass frei. Wir erleben das leider immer wieder in vielen Gegenden unserer Erde. Der Tod auf Golgatha macht nicht sprachlos, sondern sprachfähig, wie beim leidenden Knecht Gottes aus Jesaja.

Dieses Geschehen auf Golgatha, dieses "Einmal" wird so für uns zum Auftrag. Das Kreuz gibt uns die Möglichkeit, die vielen Kreuze, die vielen Opfer unserer Zeit als sinnlose Opfer zu entlarven, als Götzenopfer an die Götzen, die viele Namen und Gesichter haben. Und das dürfen wir um Gottes und Jesu willen nicht zulassen. Die Einmaligkeit des Kreuzes darf nicht hinfällig werden. Deshalb lassen uns die vielen Opfer in den Hungergebieten und auf den Straßen nicht in Ruhe, weil sie das Kreuz hinfällig machen, umsonst. Auch wenn die Qualität des Opfers am Kreuz eine andere ist als die Verkehrsopfer, sie sind eine Folge der Entfernung vom Leben und dem, der will, dass alle Menschen leben, Gott; nennen wir das doch mit den Worten der Tradition "Sünde". Deshalb: Das Kreuz Jesu hat nicht nur den Tod, sondern auch die Sünde und alles Unheil, das aus der Sünde kommt, benennbar und dingfest gemacht. Ein für allemal. Wir müssen und können uns nicht davonschleichen.

 

Erntedankfest 2005, 2. Oktober

Falsches und echtes Fasten

4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?
6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,
sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen kann
Jes 58, 4-12

Ein Text für das Erntedankfest? Beim ersten Hören und Lesen doch eher nicht. Nur wegen des „Brich mit den Hungrigen dein Brot.“ Auch eine nähere Betrachtung erleichtert nicht den Zugang zu diesem Text als Erntedanktext.
So ist unser Predigttext in der Lutherbibel auch mit. „Falsches und echtes Fasten“ überschrieben, Er ist nur ein Teil in der Betrachtung, wie der Gottesdienst sein soll. Der Prophet warnt vor einer Aufteilung in Gottesdienst und Menschendienst. Diese beiden gehören zusammen, das lässt sich nicht auseinanderdividieren. Mein Gottesdienst ist nicht mehr als bloßer Schein, wenn ich den Menschen vergesse. Ich kann nicht Gott dienen und meinen Mitmenschen verachten.
Wenn das Fasten zur selbstverliebten Nabelschau wird: oh Graus. Und dann wird die kritisierte selbstbezogene und selbstverliebte Optik des Fastens  zu selbstloser Mitmenschlichkeit geweitet. Die erwartete Hinwendung zu den Unterdrückten und Bedürftigen geht weit über Almosen hinaus und erinnert an die Tradition des Sabbatjahres, in dem den Verschuldeten, den Ausgebeuteten ein neuer Anfang ermöglicht wurde. „Entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut“ heißt es im Text. Wir werden hineingestellt in die Familie der Menschheit. Wir leben in dieser einen Welt. Das ist nicht verkitscht „alle Menschen werden Brüder“, sondern knallharte politische Realität, in der und mit der sich auch unsere religiöse Praxis messen lassen muss.
Was hat das alles mit Erntedank zu tun, warum wurde dieser Text als Erntedanktext ausgewählt. Auch ich habe mir das lange überlegt – und bin dann auf den Gedanken gekommen, das Wort „Fasten“ in unserem Text mit dem Wort „Danken“ zu ersetzen. Dann lesen wir: „Siehe, wenn ihr dankt, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so danken, wie ihr es jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Danken sein, an dem ich Gefallen habe? Das aber ist ein Danken, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast. Gib frei, die du bedrückst.. Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend sind, führe ins Haus!
Harte Worte, sie treffen jedoch die Realität. Natürlich binden wir als Gemeindemitglieder der Christusgemeinde niemanden mit Unrecht- individuell; natürlich legen wir auf niemanden das Joch – individuell. Aber wir sind eingebunden in diese Welt des Unrechts und der Unterdrückung. Wir können uns nicht vor unserer Verantwortung davonstehlen. Und dieses Wort „responsibility, Verantwortung“ hören meine Frau und ich immer wieder in den Ländern des Südens, wenn wir fragen, was wir tun können, als Individuen. Wie können wir helfen? Verantwortung wahr nehmen. Sie sagen das so liebevoll und begeisternd, dass wir spüren können: sie bieten uns einen Ausweg aus unserer misslichen Lage an. Dafür sind wir dankbar.
Genauso bietet auch der Prophet nach diesen harten Worten einen Ausweg an. Seine Worte ziehen nicht hinunter, sie geben den Blick frei in die Zukunft. Sie erhellen die Welt und sie machen uns und die Welt heil: Brich dem Hungrigen dein Brot, nimm die Obdachlosen auf, gib den Menschen, die in Lumpen herumlaufen, Kleider! „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Hell und heil wird es um uns herum. Schwelgen könnte ich in diesen herrlichen Bildern des Propheten: satt werden wir sein und stark, wie eine Quelle und ein bewässerter Garten. Das ist so entlastend für uns. Wir können wieder lachen, wir können wieder atmen, wir können wieder leben.
Fastenkritik um 500 vChr und Erntedankkritik im Jahre 2005. Sie scheinen doch nicht so weit auseinander zu liegen. Und das nicht nur in den harten Worten, sondern auch in den schönen Worten der Zusage und der Verheißung. Dieser Text ist doch nicht nur wegen des „Brich mit den Hungrigen dein Brot“, auch wenn er vielleicht deshalb ausgewählt wurde, ein Erntedanktext.
Er nimmt uns mit hinein in die Welt des verantwortungsvollen Umgangs mit Gottes guter Schöpfung. Er nimmt uns mit hinein in die großen Zusagen Gottes, diese Welt zu einer Wohnung für alle zu machen. Erntedank hat wie jeder Dank auch etwas mit „Denken und Gedanken“ zu tun. Das richtige Feiern des Erntedankfestes verbietet uns, gedankenlos und deshalb undankbar in diese Welt hineinzuleben.
Die Gaben, für die wir danken, sind nicht selbstverständlich. Sie sind ein Geschenk an uns. Wenn wir jetzt danken, dann dürfen wir gerne nachdenken, warum so viele Menschen auf dieser Erde hungern und verhungern. Wenn wir jetzt danken, dann dürfen wir gerne nachdenken, ob unser Hunger wirklich gestillt ist: der Hunger nach Liebe, nach Heil, nach Zärtlichkeit, nach Frieden, nach Gerechtigkeit.
Auch dieser Hunger kann gestillt werden. Dazu möchte ich Thaddäus Troll, den „schwäbischen Betrachter des Menschlichen“ zu Wort kommen lassen. Er assoziiert zu unserem Text: „Das bedeutet das Ende des Alleinseins in der Möglichkeit des Dialogs mit Gott, der dir Rede und Antwort steht und ein offenes Ohr für deine Nöte hat. In solcher Verbundenheit wirst du niemanden unterdrücken, dich über niemanden erheben, noch einen Mitmenschen diskriminieren können. Du wirst ein Gebender sein, man wird dich brauchen, suchen und finden. Sofern du dein Wissen und deine Gaben den Mitmenschen mitteilst, sie mit ihnen teilst, werden diese Gaben zu einer Wünschelrute, die dort ausschlägt, wo die Quellen des Heils liegen. So wirst du auch geistigen und geistlichen Boden für andere gewinnen, eine Umwelt schaffen, in der es sich friedlich und harmonisch leben lässt. Und du gehörst zu denen, die ein Stück Heimat schaffen. Heimat im weiteren Sinn: nicht den Ort, an dem du aufgewachsen bist, der zerstört werden, aus dem man dich vertreiben kann. Eine Heimat, in der du dich wohl fühlst und in der man dir freundlich begegnet..“
Dafür dürfen wir danken, an diesem Erntedankfest 2005.
Amen


Predigt zur Diamantenen Konfirmation 2005
am 19. Juni 2005

Geht durch das enge Tor hinein. Denn weit ist die Tür und breit ist der Weg, der ins Verderben führt. Und viele gibt es, die darauf gehen. Aber eng ist die Tür und schmal ist der Weg, der ins Leben führt. Und wenige nur finden ihn.

Habt acht auf die falschen Propheten. Sie kommen in Schafskleidern daher und sind in ihrem Inneren doch reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Matthäus 7, 13-16

 

Liebe Diamantenen Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Gemeinde!

Wir gehen unseren Weg“. Unter dieses Motto haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die im April konfirmiert wurden, ihre Konfirmandenzeit gestellt.. Selbstbewusst und in die Zukunft gewandt. So sind sie, die jungen Menschen. Und das ist auch gut so.

In guter Tradition nehme ich das Motto der  Konfirmanden und Gedanken der Konfirmation beim Konfirmationsjubiläum auf.

Bei der Predigt zur Konfirmation im April dieses Jahres sagte ich: „Es gibt verschiedene Wege, die wir gehen können. Wir alle sind vor die Alternative gestellt: breiter oder schmaler Weg. Ein ganz altes Bild. Stehen wir also da wie Herakles in der griechischen Mythologie am Scheideweg? Entscheidet sich unser Leben jetzt? Die älteren unter uns kennen vielleicht noch das Bild: (Und ich ergänze heute: Einige von Ihnen, den Diamantenen Konfirmandinnen und Konfirmanden, kennen dieses Bild sicherlich.)

Links hinter einem weitgeöffneten Tor verläuft der breite Weg des Lasters; gesäumt von Theater, Tanzsaal, Spielhölle und, man sehe und staune, Eisenbahn. All das, was vor gut 100 Jahren als verwerflich angesehen wurde. Dieser Weg endet im höllischen Feuer einer zusammenbrechenden Großstadt. Das ist der Weg der Welt.

Rechts dagegen ist, man kommt fast nicht hindurch, die enge Pforte. Dahinter führt der schmale Weg der Tugend durch eine idyllische Berglandschaft zum himmlischen Jerusalem. Dieser Pfad ist gesäumt von Sonntagsschule, Diakonissenhaus und Kinderrettungsanstalt. Das ist der Weg der Kirche.

So wurde ein Jahrhundert lang, besonders jungen Menschen, versucht klarzumachen, was christliches Leben beinhaltet - und vor allem was verboten ist. Gedroht wurde mit dem ewigen Feuer. Wer sich nicht richtig entscheidet, wer auf dem falschen Weg ist, ist verloren. Schlechtes Gewissen konnte man den Menschen vielleicht einreden. Alles, was Spaß macht, ist verboten. Und wenn wir ehrlich sind, denken doch viele so: alles, was Spaß macht, verbietet die Kirche. Das habe ich auch bei einigen Konfirmanden in diesem Jahr gemerkt. Und wie sie dann verwundert waren, wenn die Kirche und die Gemeinde doch viel offener ist als man dachte und schon gar nicht alles verboten ist.

Nein, dieser Text taugt nicht - ich frage mich: gibt es in der Bibel überhaupt welche, die dazu taugen- , die Menschen mit moralischem Zeigefinger vor die Scheidewegentscheidung zu stellen: Tugend oder Laster, Kirche oder Welt, Leben oder Tod.“

Vor sechzig und mehr Jahren sind Sie, liebe Diamantenen Konfirmandinnen und Konfirmanden konfirmiert wurden. Es liegen mehr als diese zählbaren sechs Jahrzehnte dazwischen. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Bei Ihrer Konfirmation war unser Volk im Krieg, mit dem Rest der Welt.

Gehen wir noch einmal in diese Zeit hinein. Menschen wurden auf Abwege gelockt, auf die breiten Wege. Millionen Menschen wurden ermordet, Menschlichkeit mit Füßen getreten. Das ist der breite Weg: die gottferne Welt, die dem Bösen, dem Vergehen, dem Tod preisgegeben ist. Es war aber auch die Zeit, in der zu viele Christen nicht zu bekennen wagten, dass dieser breite Weg ins Verderben führt. Zu wenige machten den schmalen Weg deutlich genug sichtbar

Allerdings: Es gab solche Menschen. Dafür steht auch unsere Christuskirche. Sie war das Zentrum der „Bekennenden Kirche“ in Freiburg. Manche von Ihnen werden sich noch an einige der Männer und Frauen  des „Freiburger Kreises“ erinnern. Einige von Ihnen sind mit ihren Kindern in die Schule und auch in den Konfirmandenunterricht gegangen, andere waren ihre Nachbarn. Die Konfirmation hier war damals auch ein Akt  des politischen Bekennens. Und nicht wenige sind von anderen Gemeinden, vor allem von der Ludwigsgemeinde, in die Christusgemeinde gekommen, um sich hier konfirmieren zu lassen. Es gab doch Menschen in unserer Mitte, die diesem Irrweg den rechten Weg entgegensetzten.

Dietrich Bonhoeffer, der auch in enger Verbindung zu Mitgliedern des „Freiburger Kreises stand, hat dazu geschrieben. „Der Weg der Nachfolgenden ist schmal. Leicht geht man an ihm vorüber, leicht verfehlt man ihn, selbst wenn man ihn schon beschritten hat. Er ist schwer zu finden. Der Weg ist wahrhaftig schmal, der Absturz nach beiden Seiten bedrohlich: Zum Außerordentlichen gerufen sein, es tun und doch nicht sehen und wissen, dass man es tut - das ist ein schmaler Weg. Die Wahrheit Jesu bezeugen und bekennen und doch den Feind dieser Wahrheit, seinen und unseren Feind, lieben mit der bedingungslosen Liebe Jesu Christi - das ist schmaler Weg. Die Verheißung Jesu glauben, dass die Nachfolgenden das Erdreich besitzen werden, und doch dem Feind wehrlos begegnen, lieber Unrecht leiden als Unrecht tun - das ist ein schmaler Weg. Den anderen Menschen sehen und erkennen in seiner Schwäche, in seinem Unrecht und niemals richten, ... - das ist ein schmaler Weg. Jeden Augenblick droht der Abfall. Solange ich diesen Weg als den mir zu gehen befohlenen erkenne und ihn in der Furcht vor mir selbst gehe, ist er in der Tat unmöglich. Sehe ich aber Jesus vorangehen, Schritt für Schritt, sehe ich allein auf ihn und folge ihm, Schritt für Schritt, so werde ich auf diesem Wege bewahrt."

Sie, liebe Diamantenen Konfirmandinnen und Konfirmanden, sind diesen Weg mit gegangen. Ihre Kindheit war geprägt von den Jahren des Schreckens und des Krieges. Einige von Ihnen wurden noch in den Krieg geschickt. Als letzte Reserve sollten Sie retten, was nicht mehr zu retten war. Und dann haben wir heute auch schon Konfirmandinnen und Konfirmanden der ersten Nachkriegskonfirmation dabei, nämlich die der zweiten Konfirmation 1945. Die erste im März musste noch am frühen Morgen, im Dunkeln gefeiert werden. Die zweite fand dann im September statt. Es wurde deutlich: neue Wege wurden gesucht und auch gefunden.

Es wurde wieder neu entdeckt – und das gilt bis zum heutigen Tag: Wir laufen nicht ins Leere auf diesem Weg. Es sind oft kleine Schritte, kleine Schritte hin zu mehr Liebe und Menschlichkeit auf dieser Welt.

Dann wird das schöne Bild des Propheten Jesaja aus der Lesung wahr: Wir ziehen in Freuden aus und werden in Frieden geleitet. Berge und Hügel frohlocken und jauchzen, Bäume klatschen in die Hände. Zypressen wachsen statt Dornen und Myrten statt Nesseln. Das geschieht zum Ruhme Gottes. Ist das nicht schön?

 

Amen

 

 

Predigt zur Konfirmation 2004
am 16. Mai

 14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.

15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.

16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

(Matthäus 5, 14-16)

 

 Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Eltern und Paten, liebe Gemeinde,

 "Wir sind das Licht der Welt“. So selbstbewusst steht es auf der Sonne. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden haben sie zu Beginn ihrer Konfirmandenzeit gebastelt. Diese Konfirmandensonne stand jetzt fast ein Jahr in der Kirche. Alle konnten euch sehen, euch, die Strahlen der Christusgemeinde. Heute steht sie hier im Altarraum. Jede und jeder von euch ist ein Sonnenstrahl.

Im Herbst habt ihr euch in einem sehr schönen Gottesdienst der Gemeinde vorgestellt. Ihr habt gesagt, wie und für wen ihr ein Sonnenstrahl, Licht sein wollt: den Menschen in Bolivien, den Kindern dort zumal; den Menschen, die behindert sind; Menschen, die unter Krieg und Terror zu leiden haben; Menschen ganz in eurer Nähe, in der Familie, in der Schule.

Ich ergänze das heute gerne: ihr könnt und sollt auch Licht sein für und in dieser Gemeinde und in der Kirche. Dann wenn sie im Dunkel unsichtbar zu werden drohen, dann brauchen wir euch mit euren zündenden Ideen. Wenn alles grau in grau wird, weil die Phantasie und der Mut fehlt, dann brauchen wir eure Gedankenblitze.

Dieses selbstbewusste „Wir sind das Licht der Welt“ ist eure Antwort auf das Zutrauen und Vertrauen Jesu in der Bergpredigt.

Dieses anspruchsvolle Vertrauen, dieses anspruchsvolle Zutrauen eröffnet für uns und für die Welt neue Möglichkeiten des Lebens. Er traut den Jüngern, er traut uns zu, Licht der Welt und die Gottesstadt auf dem Berge sein können. Jesus traut uns zu und erwartet dass durch uns Christen das Leben durchschaubarer wird und dass durch uns das Ziel aufleuchtet, zu dem Gott die Menschen hinbringen möchte. Jesus rechnet damit, dass jeder Christ Richtungspunkte auf das Ziel hin setzen kann. Solche Lichtpunkte brauchen die Menschen wie die Flugzeuge die Richtungslichter auf Hochhäusern und hohen Schornsteinen. Fallen diese Lichter aus, wird die Route unsicher, das Ankommen gefährdet. Wo Christen Licht sind, sie nicht übersehen werden können, werden Fragen bei anderen wach und es ergeben sich Möglichkeiten, Licht konkret zu machen. Das soll gesehen werden, das soll deutlich werden. Wir beleuchten die dunklen Seiten der Welt, wir lassen sie nicht in ihrer Dunkelheit. Wir lassen nicht zu, dass die Dunkelmänner ihre Geschäfte weiter betreiben können. Das alles machen wir nicht, um unseren eigenen Ruhm zu mehren, sondern um deutlich zu machen, dass Gott das Leben will, das Leben in seiner ganzen Fülle. Da können dann auch die Konflikte im zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Bereich angegangen werden.

Wo Christen diese Aufgabe ernstnehmen, annehmen und wahrnehmen, können auch die drängenden Probleme nicht außer acht gelassen werden.

Wir haben einiges davon im Konfirmandenunterricht besprochen: die ungerechte Verteilung der Güter in der Welt, das Leben von Gefangenen im Freiburger Hochsicherheitsgefängnis, die Situation von AIDS-Kranken. Viele von euch haben beim Arbeitskreis Behinderte an der Christuskirche ihr Praktikum gemacht. Jesus traut uns zu, dass in unseren Gemeinden, in der Kirche und durch sie Entscheidungen fallen, die von letztem Gewicht für das Leben anderer sein können. Es wäre etwas gewonnen für unsere Welt, wenn das Vertrauen, das Zutrauen Jesu in uns Impulse auslösen könnten, aufs neue auszuprobieren, was es heute heißt, Kirche für andere zu sein. Konflikte würden uns ebenso wenig erspart bleiben wie Verzicht auf vertraute Gewohnheiten, Sicherheiten, Vorteile, Rechte, Beziehungen und dergleichen. Aber wir könnten neu erfahren, welchen Rückhalt sie als Gemeinde Jesu hat in dem anspruchsvollen Zuspruch, Licht der Welt und die Stadt auf dem Berge zu sein.

  Amen