Einer kommt doch noch - Predigt über Lukas 21, 25-33

2. Advent - 7.12.2008, Petrus- u. Christuskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

Ziel oder Ende - das ist hier die Frage. Lang ersehntes glückliches Ziel oder oft befürchtetes schreckliches Ende? "Wenn aber dies anfängt zu geschehen", wie es hier heißt, wenn also am Himmel und auf der Erde jene grundstürzenden Veränderungen vor sich gehen werden, von denen in den ersten drei Evangelien ziemlich übereinstimmend die Rede ist - kommt dann ein Ziel in den Blick, das der Weltgeschichte und deshalb auch unserem Leben in dieser Welt einen Sinn gibt? Oder kommt dann nichts als ein sinnloses Ende, das allem, was jemals war, ist und noch sein wird, das Etikett der Vergeblichkeit anheftet: alles umsonst? Werden wir oder unsere Nachkommen am Ende unter einer zusammenbrechenden Welt begraben werden? Oder werden wir erhobenen Hauptes ins Ziel gehen, also dabei sein, "when the saints go marchin' in"?

Oder ist das eine falsche Alternative? Vielleicht führt uns dieser Predigttext aus der großen Rede Jesu über die Endzeit noch etwas ganz anderes vor Augen als das Entweder-Oder von Sinn und Sinnlosigkeit? Advent ist ja auf jeden Fall nicht das Warten auf etwas, was schon einmal war. Ein richtiger Advent ist die Ankunft einer Zukunft, die sich nicht hochrechnen läßt aus dem, was bisher war, was uns gewohnt und vertraut ist. Ein richtiger Advent ist immer für Überraschungen gut. Sehen wir also genauer hin, was unser Adventsevangelium uns in Aussicht stellt.

I.

Ziele sind für Handelnde da, für aktive Menschen, die aus sich und ihrem Leben etwas machen wollen. Ein passiver Mensch, der mit lauter Konjunktiven lebt: Es müßte, es sollte, es könnte doch - ein solcher Mensch lebt nicht mit Zielen. Eigentlich lebt er gar nicht so sehr, sondern wird eher von anderen gelebt. Ziele hingegen sind immer unser Werk. Wir setzen sie uns, weil wir etwas erreichen wollen, für uns oder für andere. Welcher Art die Ziele sind, ist zunächst einmal zweitrangig. Entscheidend ist nur: Solange wir zielgerichtet existieren, hat unser Leben Sinn.

Der große, vor zehn Jahren gestorbene Wiener Arzt und Psychologe Viktor Frankl hat aus diesem einfachen Grundgedanken eine ganze Therapieform entwickelt, die sog. Logotherapie, die "sinnzentrierte" Psychotherapie. Sie geht davon aus, daß dem an der Leere, der vermeintlichen Sinnlosigkeit seines Daseins leidenden Klienten nicht der Blick zurück hilft, also die klassische psychoanalytische Suche nach den mehr oder weniger frühkindlichen Ursachen seines Leidens. Vielmehr soll der Blick konsequent nach vorne, in die Zukunft gerichtet werden, und zwar mit der Frage, wo es Aufgaben und Ziele gibt, auf die hin zu leben sich lohnen könnte. Wenn die gefunden werden, dann, so Frankl, stellt sich der Sinn gewissermaßen von selber wieder ein und die Seele kann gesunden.

Aber wie gesagt, der Haken an der Sache ist, daß es eben auch weniger ehrenhafte Ziele gibt, die für den, der sie verfolgt, dennoch Sinn machen. Ein Halunke, dem es gelingt, das selbstgesteckte Ziel - etwa: im großen Stil Steuern zu hinterziehen - zu verwirklichen, wird sein Leben durchaus als sinnvoll ansehen. Erst wenn es schiefgeht, erst wenn das schreckliche Ende in Gestalt der Staatsanwaltschaft kommt, erst dann zerbricht der Sinn. Der Halunke ist frustriert. Seine kriminelle Energie war umsonst.

Ist in diesem Sinn am Ende alles umsonst? Haben wir uns falsche Ziele gesetzt? Was unser apokalyptischer Text ankündigt an unerhörten Ereignissen am Himmel über und im Abgrund unter uns, das hört sich ja tatsächlich nach einem schrecklichen Ende an. Solche Ankündigungen gehören seit der Zeit des Alten Testaments zum Szenario, wenn es um das Ende der Zeit und der Welt geht. Lukas sagt es hier kurz und bündig: "Die Kräfte des Himmels werden ins Wanken kommen". Will heißen: Die Sonne, Quelle des Lichts, wird stockfinster werden; der Mond wird seinen den Liebespaaren lieblich leuchtenden Schein verlieren; die funkelnden Sterne werden die vertrauten Bahnen verlassen und vom Himmel stürzen. Kurzum: Auf den gestirnten Himmel über uns, bisher Inbegriff der Verläßlichkeit, wird dann kein Verlaß mehr sein.

Aber damit nicht genug. Zu den erschreckenden Ereignissen in der Höhe kommen hier nicht weniger schreckliche Vorgänge in der Tiefe. "Sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres": Die Urgewalt des Wassers wird entfesselt werden. Für die Menschen der damaligen Welt bedeutete das noch mehr als eine verheerende Überschwemmung. Die Bändigung des Wassers: das war ja ein Teil von Gottes Schöpfungswerk! Am Anfang, als Gott Himmel und Erde schuf und die Erde wüst war und leer, tohuwabohu, chaotisch also, da verwandelte Gott das Tohuwabohu in eine blühende Schöpfung. Und das tat er nach den Worten der Bibel nicht zuletzt dadurch, daß er die zerstörerische Urgewalt tobender Wasser bändigte und als chaotisches Urmeer hinab in die Tiefe verbannte. Am Ende aller Dinge aber, so meint Lukas, bricht das Wasserchaos aus der Tiefe wieder nach oben. Und es ist dann nicht ein einzelner Mensch, es ist vielmehr die Menschheit, der das Wasser bis zum Hals stehen wird. Wer vor genau vier Jahren an den Stränden Thailands oder Idonesiens er- und überlebt hat, wie dort die Urgewalt des Wassers alles unter sich begraben hat, hat mehr als nur ein fernes Gleichnis dafür erlebt. Der Himmel über uns bricht herab. Das Urmeer bricht aus der Tiefe heraus. Eine Welt bricht zusammen.

II.

Die Wirkung dieses kosmischen Zusammenbruchs auf die Menschheit läßt sich mit einem Wort beschreiben: Ausweglosigkeit. "Und auf Erden wird den Völkern bange sein", heißt es hier. Wenn selbst auf den Himmel kein Verlaß mehr ist, wenn der Menschheit das Wasser bis zum Hals steht, dann ist die Nacht da, in der alle Katzen grau sind.

Daß eine Welt zusammenbricht, dazu muß man freilich nicht bis zum Ende derselben warten. Das kann man jederzeit erfahren. Da reicht schon, daß ein Mensch, den ich für unbedingt verläßlich, vertrauenswürdig hielt, die Treue bricht - und eine Welt bricht zusammen. In den neuen Bundesländern haben nicht wenige die bittere Erfahrung machen müssen, daß der beste Freund, ja sogar der eigene Partner als Stasi-Spitzel auf sie angesetzt war. Und wie viele Menschen in unserem Land machen die Erfahrung, daß die Zusagen ihrer Firmenchefs für einen krisensicheren Job und Fürsorge für die Mitarbeiter oft gerade nur so lang gelten, wie die Konjunktur halbwegs läuft. Und dann steht man manchmal schneller, als man denken kann, auf der Straße. Wie auch immer - wer unmittelbar von Treuebruch betroffen ist, für den wird das eigene Leben schnell wüst und leer. Ausweglos.

Wenn aber das eigene tägliche Leben so penetrant als ausweglos erfahren wird, dann mag man der Weltgeschichte auch keine Fortschritte zum Besseren mehr zutrauen. Dann traut man der Welt insgesamt kein gutes Ende zu. Da erscheinen dann die dunklen prophetischen Ankündigungen eines letzten, schrecklichen Tages wie gefundenes Fressen. Mit ihnen konnte man die tiefe Melancholie ausdrücken, die sich auf die Gesamtstimmung der damaligen Welt gelegt hatte. Endzeitstimmung, Weltuntergangsstimmung. Jener Tag, der letzte Tag, an dem zutage treten soll, was wir aus Gottes guter Schöpfung gemacht haben - er wurde über Jahrhunderte nicht anders denn als Tag der gnadenlosen Abrechnung, als Tag des Zorns erwartet: Dies irae, dies illa - in den vertrauten Klängen des Requiem, von Mozart etwa richtig düster und aggressiv vertont, hallt auch unser Predigttext unüberhörbar nach.

Ingeborg Bachmann, unter den deutschsprachigen Dichtern des 20. Jahrhunderts vielleicht die prägnanteste und sensibelste, hat die ganz persönliche Erfahrung einer zusammenbrechenden Welt in Worte gefaßt:

Nichts wird mehr kommen.

Frühling wird nicht mehr werden.

Tausendjährige Kalender sagen es jedem voraus.

Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen

wie "sommerlich" hat -

es wird nichts mehr kommen.

Du sollst nicht weinen,

sagt eine Musik.

Sonst

sagt

niemand

etwas.

Wenn niemand mehr etwas sagt, dann wird wirklich nichts mehr kommen. Dann gilt: So viel Ende war noch nie. - Die Wahrheit einer solchen Erfahrung, wie sie die Dichterin in Worte gefaßt hat, ist sehr ernst zu nehmen. Aber solange uns der Advent mehr ist als Kerzenschein und Plätzchenbacken, nämlich das Festhalten an der alten Hoffnung "O Heiland, reiß die Himmel auf" - solange haben wir die Pflicht, ihr noch eine andere Wahrheit zur Seite zu stellen. Und diese Wahrheit kommt nicht in "tausendjährigen Kalendern", sondern im Evangelium zur Sprache. Und weil sie eben dort zur Sprache kommt, will sie sich genau an jener bitteren Wahrheit bewähren, also gerade da gesagt werden, wo wir vielleicht nur noch sagen mögen: "Nicht wird mehr kommen...", und: "...sonst sagt niemand etwas".

III.

In unserem Text tritt ja, verwirrend genug, neben die Ankündigung jenes Endes, nach dem nichts mehr kommen soll, ein Gleichnis, das unsere Augen in eine ganz andere Richtung lenkt. Mitten in der Erwartung des Weltendes wird unsere Aufmerksamkeit zurück in die Welt gelenkt und auf einen Feigenbaum gerichtet. Und mit ihm auf alle anderen Bäume, deren Zweige gerade eben auszuschlagen beginnen, also einen neuen Sommer ankündigen. In Palästina kommt der Sommer, im Unterschied zu uns, ohne das Zwischenspiel des Frühlings sehr plötzlich. So plötzlich, daß man über dem sommerlichen Anfang den noch herrschenden Winter sofort vergißt.

Der Feigenbaum also spricht eine andere Sprache als die, in der wir nur noch sagen können: "Nichts wird mehr kommen". Wer seine Sprache versteht, der wird da, wo er selber nichts machen, bewirken kann, einen ganz anderen Anfänger bereits am Werk sehen. Das ist nämlich Gottes Lieblingstätigkeit, liebe Gemeinde: Anfänge machen. Das Gleichnis vom Feigenbaum soll in uns das Vertrauen wecken, daß Gott auch da ein Gott des Anfangs sein wird, wo alle anderen Dinge an ihr Ende kommen. Und daß er mit seinem wunderbaren Anfang sogar unserem elenden Ende zuvorkommt. Wenn es unwiderruflich dunkel wird in unserem Leben, in unserer Welt, dann wird Gott selber das Licht sein, das uns leuchtet und wärmt. Das ist gemeint, wenn es hier heißt, daß der Menschensohn kommen wird mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und so wie das Sonnenlicht die Pflanze dazu bringt, sich aufzurichten und dem Licht entgegenzuwachsen, so wird der in Gottes Licht erscheinende Menschensohn uns aufrichten: äußerlich und innerlich. Er wird aus dem krummen Holz, das wir nach dem Urteil des großen Aufklärers Immanuel Kant alle sind, endlich aufrechte Menschen machen. "Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht". Erhobenen Hauptes also, meint Jesus, nicht ängstlich und verdruckst, dürfen wir unserem Richter entgegengehen.

Seltsam: Wie kann man, wenn der Himmel über einem herab bricht und die Wasser aus der Tiefe nach oben kommen, das Haupt heben? Wie kann man in einer zusammenbrechenden Welt den Kopf oben behalten und den aufrechten Gang üben? Nein, das wäre unmöglich - wenn, ja wenn da eben nicht der Feigenbaum wäre, mit seinen ausschlagenden Zweigen. Wer seine Sprache versteht, der beginnt zu ahnen, daß all unsere Geschichten in eine andere Geschichte hineinverwoben sind - eine besondere, unvergleichliche Geschichte, die kein Ziel und kein Ende haben wird. Denn seit Gott in dem Kind in der Krippe zur Welt gekommen ist, hat seine Geschichte mit uns einen unerschöpflichen Anfang, mit dem man immer wieder anfangen und von dem aus man erhobenen Hauptes weitergehen kann:

Die ihr noch wohnt im Tal der Tränen,

wo Tod den schwarzen Schatten wirft:

Schon hört ihr Gottes Schritt, ihr dürft

euch nun nicht mehr verlassen wähnen.

Wer in diesen Anfang verwoben ist, liebe Gemeinde, der hat so etwas wie Ziel und Ende, der hat auch jeden Sinn weit hinter sich gelassen. Das ist wie mit zwei Liebenden. Die fragen auch nicht nach dem Sinn des Liebe und des Lebens. Sie lieben sich einfach - und so leben sie und sind gewissermaßen sinnlos glücklich.

Genauso ist es auch mit der Adventsgemeinde, wenn sie weiß, was sie da eigentlich feiert an den Adventssonntagen: sinnlos glücklich - oder etwas frömmer ausgedrückt: selig sind alle, die mit Gottes Advent etwas anfangen können. Sie werden auch mitten im Winter der Weltzeit vieles entdecken und kommen sehen, "was so gute Namen wie sommerlich hat".

Amen.