Christmette 08

Ansprache: Lk 2,15-20 bzw. 3. Kantate des Weihnachtsoratoriums von J. S. Bach

Liebe Gemeinde,

Sie haben soeben eine Predigt gehört. Eine Predigt in Tönen. Die 3. Kantate aus dem WO. Damit scheint schon alles gesagt. Mir bleibt nur, diese Predigt zu kommentieren.

Die 3. Kantate greift den letzten Teil der Weihnachtserzählung auf, Lk 2,15-20. Der Engelchor ist verschwunden. Und die Hirten beschließen, sich nach Bethlehem aufzumachen, um selbst zu sehen nach diesem Kind, das ihnen als Heiland, als Messias, verheißen wurde. Oi poiménes eláloun pros allélous. - Eláloun pros allélous; so heißt es im griech. Text. Liebe Gemeinde, hören Sie es, das Lallen? Bach hat es im Eingangschor aufgenommen: Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen.

Die Hirten also eilen nach Bethlehem.

Die Verheißung des Engels: "Euch ist heute der Heiland geboren [...] Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen." - diese Verheißung wird indirekt zitiert. "Seht, Hirten! dies hat er getan. Geht! dieses trefft ihr an!" wiederholt ein Rezitativ der Kantate. Und dann folgt der erste Hauptteil der Bachschen Predigt, eine erste Auslegung der biblischen Verheißung, das Duett: "Herr, Dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei. Deine holde Gunst und Liebe, deine wundersamen Triebe machen deine Vatertreu wieder neu."

An Weihnachten kommt Gottes Wesen zum Ausdruck. Dieses Wesen ist mütterlich und väterlich. Das Duett spricht von Mitleid und Erbarmen. Beides sind Wörter, die im Hebräischen von der Wurzel rächäm kommen. Das ist das Wort für den weiblichen Schoß, den Mutterschoß oder die Gebärmutter. Neben dem Herz ist rächäm das am häufigsten erwähnte innere Organ im Ersten Testament. Gott selbst wird immer wieder durch rachamim, durch heftige Anwandlungen von Mitleid und Erbarmen heimgesucht. Oft wird Gott im Ersten Testament so beschrieben, als wohnten zwei Seelen in seiner Brust, Zorn und Gerechtigkeitssinn auf der einen, Mitgefühl und Erbarmen auf der anderen Seite. Im Duett wird sehr stark die mütterliche Seite Gottes betont. Gottes Mitleid und Erbarmen tröstet uns und macht uns frei. "Tröstet, tröstet mein Volk", so beginnt das 40. Kap. in Jes. Und wenig später sagt Gott dort von sich: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." (Jes 66,13).

Liebe Gemeinde, Weihnachten lässt sich gar nicht verstehen ohne ein Bewusstsein für diese weibliche, mütterliche Seite Gottes. Vom biblischen Denken ausgehend hatte Bach ein waches Gespür dafür. Gott gebiert ihr Kind in diese Welt. Eine Geburt ohne Gebärmutter, ohne rächäm, geht nicht. Diese mütterliche Seite wird durch die Rede von der Vatertreu ergänzt. Beides gehört zusammen. Mutter und Vater allerdings sind lediglich Bilder, es sind Bilder dafür, dass Gott Quelle, Ursprung allen Lebens ist.

Im Kind in der Krippe zeigt sich Gottes Mitleid und Erbarmen für uns. Warum tröstet und befreit uns dieses Kind? Ein Kind weist uns darauf hin: Es beginnt etwas Neues. Wir dürfen neu anfangen. Ein Kind lässt uns Hoffnung schöpfen. In einem Kind stecken unergründliche Möglichkeiten. Das Kind ist zart, verletzlich, durch und durch abhängig. Der Blick auf das Kind hat immer auch mit mir zu tun. Das Kind erinnert mich an die zum großen Teil verschütteten kindlichen Seiten in mir selbst. Ich werde daran erinnert, wie verletzlich ich war und bin und bleiben werde. Ich werde daran erinnert, wie angewiesen ich war auf Andere, es heute noch bin und auch morgen sein werde. Ich werde erinnert an das Vertrauen, das ich ehedem haben musste, und das ich auch heute und morgen brauche. Gott als Kind: dieses Bild macht mich frei von allen Illusionen falsch verstandener Autonomie. Gott als Kind: das tröstet mich, weil es mir eine tiefe Ahnung von Gottes Erbarmen vermittelt: Gott, Immanuel, teilt mein Leben und meine Verletzlichkeit.

Aus mütterlichem Erbarmen und Mitleid, getrieben von reiner Liebe, gibt sich Gott uns als Kind. Das ist Inhalt des ersten Teils der Predigt in der 3. Kantate des WO.

Die Hirten finden Maria und Josef und das Kind in der Krippe und nun "lallen" sie erneut, sie erzählen, was ihnen auf dem Feld vom Engel Gottes verkündigt wurde, und sie helfen so den Beteiligten, das wundersame und wunderbare Geschehen zu deuten. Der zweite Hauptteil der Bachschen Predigt nun knüpft an die Bemerkung an: "Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen." Bach nimmt uns gleichsam mit Maria mit. Dieser zweite Predigtteil lädt uns unmittelbar zur Aneignung des Geschehens ein: "Schließe, mein Herze, dies selige Wunder fest in deinem Glauben ein. Lasse dies Wunder der göttlichen Werke immer zur Stärke deines schwachen Glaubens sein!"

Das Staunen über das Wunder, die Erfahrung von Unversehrtheit und Heiligkeit, die das Kind in der Krippe vermittelt, das Glück über das Neue - wie schnell gerät das in Vergessenheit, wie leicht wird das überlagert von Skepsis, Angst und Arroganz. Den Glauben haben wir nicht wie einen Besitz. Täglich neu müssen wir um ihn ringen. Doch wir haben Glaubenserfahrungen, auf die wir in Zeiten der Not und Anfechtung zurückgreifen können wie auf eine aus der Tiefe sprudelnde Quelle. Dazu rät uns diese wunderbare Arie: Dass wir solche Erfahrungen von Urvertrauen und Geborgenheit in unser Herz schließen, bergen und bewahren, denn sie sind unverlierbar und helfen, wenn die Glaubensprüfungen kommen.

Die Hirten kehren nun wieder auf ihre Felder zurück, voll der Freude und des Lobes über das, was sie gesehen und gehört hatten.

Stimmen wir in ihre Freude ein, indem wir aufstehen und gleichsam mit ihnen singen: Fröhlich soll mein Herze springen.