Der Stallgeruch Gottes - Predigt über Lukas 2, 1-20

Christvesper - 24.12.2008, Christuskirche Freiburg

Liebe Schwestern und Brüder!

Es war vor zwölf Jahren, wenige Tage vor Weihnachten. Ich erinnere mich noch heute daran. Jürgen Klinsmann, schon damals bei Bayern München unter Vertrag, aber eben als Spieler, war zu einem seiner seltenen Medienauftritte ins "Aktuelle Sportstudio" gekommen. Was sich sonst, bei vielen Vertretern der kickenden Zunft, in Platituden erschöpft, wurde bei ihm zu einem denkwürdigen Gespräch, wie man es bei einem Fußballer selten erlebt. Jürgen Klinsmann sprach sehr offen über seine Probleme bei den Bayern, über das künstliche Leben eines Fußballers, und wie schwer es für ihn sei, sich in dieser Haifischwelt des Profifußballs noch ein Stück Lebensfreude zu bewahren. Er sei so ernst und verschlossen geworden, meinte der Moderator, und zum Schluß fragte er ihn, ob denn bei ihm das "Kind im Manne" noch da sei.

Da gab Klinsmann eine völlig unerwartete Antwort: "Das Kind ist unterwegs!" Mit dieser Aussage machte er öffentlich, daß seine Frau und er ihr erstes Kind erwarteten. Und kaum hatte er das gesagt, hellte sich seine bedrückte Miene auf, und er geriet ins Schwärmen. Seit dieser Nachricht habe sich sein ganzes Lebensgefühl verändert. "Es erscheint als die normalste Sache der Welt, die Millionen andere auch erleben, und doch ist es für uns etwas absolut Einmaliges. Unser ganzes Leben ist dadurch in ein neues Licht getaucht." So versuchte Jürgen Klinsmann etwas von dem Neuen in seinem Leben in Worte zu fassen.

I.

Dieses Gespräch hatte mich damals sehr beeindruckt. Warum? Weil der berühmte Fußballer, wohl ohne es zu merken, in ganz einfachen, "weltlichen" Worten etwas vom innersten Kern der Weihnacht zur Sprache gebracht hatte. Ein Kind ist unterwegs: die Hirten kehren wieder um, zurück in das gleiche Leben, aus dem sie zum Kind in der Krippe aufgebrochen waren. Und doch ist auf dieses harte, glanzlose Leben ein Glanz gefallen, der nicht mehr weggeht. Was Jürgen Klinsmann da erzählt hatte, ist eine "Hirtenerfahrung" moderner Art.

Und so überraschend ist die Antwort, die er auf die Frage des Reporters nach dem "Kind im Manne" gab, eigentlich gar nicht. "Das Kind ist unterwegs" - wenn wir an das Kind denken, um dessentwillen wir hier beieinander sind, dann gilt nämlich: über die Ankunft dieses Kindes können wir uns gar nicht kindlich genug freuen! "Ei, so kommt und laß uns laufen, / stellt euch ein, groß und klein, /eilt mit großen Haufen": das Wunder der Heiligen Nacht spricht, wie nichts sonst, nicht nur die Kinder an, sondern auch das Kind im Manne, und in der Frau. Und es tut uns einfach nur gut, uns das wenigstens einmal im Jahr, an diesem Abend, einzugestehen, daß wir alle so etwas noch in uns tragen: etwas unzerstörbar Kindliches. Denn die Erinnerung an unsere Kindheit gehört zu Weihnachten wie Lebkuchen, Tannenduft und Kerzenschein. Ja, ich denke, wir können die Weihnachtsgeschichte gar nicht besser anschauen als durch die eigenen Kinderaugen. Kindern geht der Lobgesang der fröhlichen, seligen und gnadenbringenden Weihnachtszeit ja noch beneidenswert frisch über die Lippen. Als sei ihnen nicht vor 2008 Jahren, sondern wirklich heute der Heiland geboren. Die brauchen keine Auslegung der weihnachtlichen Geschichte. Denn für die Kinder ist Weihnachten ja noch beides zugleich, und gar nicht zu trennen: ein hochheiliges, geheimnisvolles Geschehen, und ein ganz irdisches Vergnügen!

Liebe Gemeinde, genau das ist das Geheimnis von Weihnachten: ganz und gar göttlich und durch und durch menschlich! Denn wir feiern ja die Ankunft dessen, den das Bekenntnis der frühen Christen vere homo vere deus genannt hat: "Wahr Mensch und wahrer Gott", wie wir es vorhin gesungen haben. Deshalb können wir Gott gar nicht besser ehren als durch unsere Freude, unsere ganz menschliche, irdische Freude. Und deshalb haben die Kinder ganz recht: Die Weihnachtsplätzchen können nicht lecker genug sein, und der Christbaum nicht reich genug behängt, und lieber ein Geschenk zu viel als zu wenig! Denn mit all diesen schönen Dingen antworten wir auf unsere irdische, menschliche Art auf das himmlische, göttliche Geschenk, das uns in der Krippe zu Bethlehem gemacht ist. Und das machen wir "alle Jahre wieder" so, ohne daß es uns langweilig dabei würde. Denn womit wir niemals fertig werden, das fasziniert uns immer wieder neu. Und mit Weihnachten werden wir eben nie fertig. Warum nicht? Eigentlich ist es sehr einfach: Ein hilfloser Säugling in einem Futtertrog als Heiland, als Retter der Welt - auf die Idee kann gar kein Mensch kommen! Auch der Tiefsinnigste oder Versponnenste nicht. Das steht völlig quer zu all unserer Logik. Das können wir uns unmöglich selber klar machen. Das muß uns von ganz woanders her gesagt werden. Dazu braucht es schon einen Engel!

Nicht auszudenken deshalb, wenn der Engel fehlen würde in der Weihnachtsgeschichte. Engel sind nämlich, anders als wir um uns selbst kreisende Figuren, wache, hellhörige Wesen. Deshalb haben sie auch so viel zu sagen. Aus dem unartikulierten Gebrüll eines Neugeborenen haben sie Gottes Ja zu unserer Welt bereits herausgehört. Die zunächst so mißtrauischen Hirten haben es dann weitererzählt, Lukas, Johannes und viele andere haben es in alle Welt gebracht - und so wird es heute Abend auch in der Christuskirche laut, Gottes großes Jawort, das er uns gibt. Das wird an Weihnachten unüberbietbar konkret. Er wird einer von uns, ein Mensch unter Menschen.

Das ist Weihnachten, liebe Freunde, und darum können wir das ein Leben lang nicht ausschöpfen: Der göttliche Gott in der Höhe ist sich nicht zu schade, ein ganz und gar menschlicher Mensch zu werden und unsere Tiefe, unsere Dunkelheit zu teilen. Oft mögen wir es nicht glauben, aber manchmal gibt es diese Momente, da ahnen wir: Gott ist gerade dann da, wenn ich es gar nicht glauben mag! Deshalb diese Krippengeschichte mit dem schäbigen Holzverschlag am Rande der Stadt. Deshalb ausgerechnet die Hirten als erste Hörer der großen Nachricht: abgebrühte Figuren ohne Illusionen über ein besseres Leben. Die kennen keine Kirche von innen, und wissen nichts von der "Spaßgesellschaft". Nicht auszudenken, wenn diese Leute, die auch nachts noch hart arbeiten müssen, fehlen würden in der Heiligen Nacht! Diese Typen wissen etwas von der Welt, denn sie haben nicht nur Ahnung von den Schafen, sondern auch von den Wölfen, die die Schafe reißen. Die Hirten haben wahrlich gewußt, wie mörderisch, wie friedlos die Welt sein kann. Die konnten ermessen, was das heißt: Friede auf Erden!

II.

"Ihr werdet ihn finden in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen": Was in unserer geliebten Weihnachtsgeschichte nach Lukas so anschaulich, wie in naiver Malerei dargestellt ist, wird anderswo in der Bibel abstrakter, aber tiefsinnig so ausgedrückt: "Gott ist offenbar geworden im Fleisch" (1. Tim 3,16). Im Fleisch: das ist die Welt, wie wir sie kennen. Die Welt, in der geküßt und gefoltert, gestillt und gekillt, gefuttert und verhungert wird. In der Menschen einander helfen und einander Entsetzliches antun. In der alle Menschen am Anfang gleich sind - und dann wird aus dem einen Mutter Teresa und aus dem anderen ein Vorstand von Lehmann Brothers, der irgendwann komplett der Realität entrückt und sich an immer gigantischeren finanziellen Werten berauscht, die gar nicht mehr durch reale Werte gedeckt sind. In dieser Welt ist Gott drin. Er bleibt nicht in sicherer göttlicher Distanz zu all dem, was wir in der Welt tun und erleiden, aufbauen und kaputt machen. In Jesus teilt er das alles mit uns.

Und da ist ihm wahrlich nichts erspart geblieben. Das Erlebnis des ersten Lebenstages: in dieser Welt macht keiner freiwillig dem anderen Platz. Und bald schon auf der Flucht ins Ausland: in dieser Welt sind sie hinter einem her. Und dann als Mann: von der eigenen Familie nicht verstanden, von den besten Freunden im Stich gelassen, als es drauf ankam. Verhaftet, von gekauften Zeugen belastet, von einem unter Druck gesetzten Richter verurteilt, mit zwei Terroristen aufgehängt und qualvoll gestorben. Das ist der Stallgeruch im Leben des im Stall Geborenen. Und das ist das Geheimnis, das wir heute anbeten: Gott hält sich nicht raus aus der Welt, sondern geht in sie hinein mit allen Konsequenzen. "Er ist auf Erden kommen arm, / daß er unser sich erbarm": als hilfloser Säugling kommt er in diese Welt - nicht im Triumphmarsch nach Jerusalem. Und als wehrloser Mensch, hilflos denen ausgeliefert, die ihn aus dieser Welt wieder weghaben wollen, beschließt er seinen Weg - nicht mit einem Staatsbegräbnis am Tempel.

Das ist ja das Wunderbare an diesem einen Menschen, das, was mit ihm in diese Welt gekommen, und seither nicht mehr aus ihr wegzukriegen ist: Er hat nicht aus verweigerter Liebe angefangen, zu hassen - wie wir das so tun. Er hat nicht die ständigen Erfahrungen von Enttäuschung über sich Herr werden und sein Handeln bestimmen lassen. Mochten sie ihm den Dank schuldig bleiben, mochten sie ihn als Sympathisant der Zwielichtigen beschimpfen, weil er auf die zuging, mit denen die anderen nichts zu schaffen haben wollten - er blieb bei denen, die ihn besonders brauchten. Mochten sie Spitzel auf ihn ansetzen, die auf jedes Wort aufpaßten - er wurde kein Diplomat, sondern er sagte bis zum Schluß ungeschützt die Wahrheit. Er ertrug es, wenn man ihm Unrecht tat. Er schlug nicht nur nicht zurück, er betete sogar für seine Peiniger. Und, am wichtigsten: Er gab für niemanden die Hoffnung auf. Später sagten sie über ihn: Er war ohne Sünde. Das ist wahr, denn Sünde heißt im Tiefsten, keine Hoffnung mehr zu haben, jemand anderen - aber auch sich selbst! - zum hoffnungslosen Fall zu erklären.

Auch das ist der Stallgeruch im Leben des Stallgeborenen. Er trägt alles Leiden dieser Welt mit, aber er trägt selber nichts dazu bei. Gott hat sich erfahrbar gemacht im Stückwerk eines - nach äußerlichen, weltlichen Maßstäben - dramatisch gescheiterten Menschenlebens. Ecce homo - Seht, welch ein Mensch!

III.

Denn das ist ja auch wahr, und wir würden der weihnachtlichen Geschichte ihre Tiefe nehmen, wenn wir's heute Abend verschweigen würden: Auch und gerade in der 2009. Heiligen Nacht spricht diese Welt an vielen Orten dem Weihnachtsfrieden Hohn. Gerade auch da, wo sich all das zugetragen hat, dessentwillen die Welt heute Abend inne hält. Aber auch bei uns, wo immerhin stabiler Friede herrscht, hat sich vielerorts Angst breit gemacht. Die "Finanzkrise", die mit unheimlichem Tempo auf die reale Wirtschaft übergegriffen hat, hat uns allen mit einem Mal bewußt gemacht, auf wie dünnem Eis wir in unserem Wohlstand existieren, daß auch unser bürgerlich gesetteltes Leben mehr, als wir ahnen, ein Tanz auf dem Vulkan ist. Für Hunderttausende in unserem Land ist die Weihnachtsfreude von der nackten Angst um ihren Arbeitsplatz, ihr Auskommen überschattet. Die Kanzlerin hat wiederholt in diesen Wochen ein neues Jahr angekündigt, das hinsichtlich der schier unlösbaren Probleme älter zu werden droht als das alte.

Der verstorbene Johannes Rau hat in einer seiner letzten Reden als Bundespräsident einen einfachen und einfach wahren Satz gesagt: "Vertrauen ist die Grundlage von fast allem". Schon damals, vor fast fünf Jahren, sah Rau die Ursachen der schlechten Stimmung in der Bevölkerung in einem Versagen der Eliten auf breiter Front. Politiker, die ihr Wort nicht halten; Wirtschaftslenker, die ungeniert die eigene Tasche füllen; Parteien, die Machtfragen über Sachfragen stellen - alle zusammen hätten dazu beigetragen, daß die Menschen dem öffentlichen Wort nicht mehr glaubten. Wie Recht Johannes Rau damals hatte, liegt heute offen zutage. Die Schere zwischen Arm und Reich, aber auch zwischen Durchschnitts- und Spitzenverdienern ist so weit auseinander gegangen, daß sie als Schere kaum mehr erkennbar ist. Korruptionsaffären, Bonuszahlungen für Spekulanten, Abfindungen für Radikalsanierer haben unser Wirtschaftssystem und den an sich richtigen Gedanken, daß Leistung belohnt werden sollte, schwer in Misskredit gebracht. Und es kann einem ja auch übel werden, wenn man erlebt, wie Vorstände, die immer "Deregulierung" eingefordert und gegen den vermeintlich übergriffigen, das freie Spiel der Marktkräfte behindernden Staat gewettert haben, jetzt ungeniert die Hand offen halten und gewaltige Staats-, sprich: Steuergelder zur Ausbügelung ihrer unternehmerischen Fehlleistungen fordern.

Aber es nützt ja nichts, empört mit dem Finger auf "die da oben" zu zeigen. Die Physiologie unseres Körpers hat es klug eingerichtet, daß von der Hand, deren Zeigefinger auf andere weist, drei weitere Finger auf uns selbst zurückweisen. Wir alle müssen uns fragen, inwieweit wir, auch durch unserem Umgang mit dem eigenen Geld, zu einer verbreiteten Haltung beigetragen haben, die - um noch einmal Johannes Rau zu zitieren - von allem den Preis kennt, aber von immer weniger den Wert. Geld an sich ist weder böse noch gut. Es muß keineswegs den Charakter verderben. Aber es macht eben auch kein Jota glücklicher, wenn man immer mehr davon hat.

IV.

Viele spüren das an diesem Abend besonders intensiv. Ja, gerade auch an Weihnachten kann einem zum Heulen elend sein. Die Zahl der Selbstmorde steigt zum Heiligen Abend jeweils sprunghaft an. Wir denken nicht nur an die von Gewalt und Angst gequälten Menschen im Heiligen Land, im Kongo und anderswo, sondern auch an den mitten in unserem Überfluß bitterlich einsamen Menschen, der heute Nacht in unserer Stadt mit sich und seinen Tränen allein ist.

Auch Gott wischt diese Tränen nicht einfach so weg, liebe Freunde. Er tut nicht so, als gebe es nichts mehr zu weinen. Sonst wäre die Weihnachtsgeschichte nur ein schönes Märchen, und wenn er nicht gestorben ist, lebt er heute noch. Aber Er ist ja gestorben - und wie! Das kann nur heißen: Das ewige Licht, das in jener Nacht zu leuchten anfing, spiegelt sich in allen Tränen, die heute Nacht geweint werden. Gottes Ja - dort zuerst ist es zu finden, weil er jeden von uns, ganz besonders aber die traurigen Figuren unter uns hoch achtet.

Und deshalb kann auch die tiefste Dunkelheit nicht ewig dunkel bleiben. So mischt sich das Wunder der Weihnacht als stille Begleitmusik in den lärmenden Lauf unserer Zeit. Der damals vergeblich bei uns Heimat gesucht hat, wird am Ende unseres Lebens und am Ende dieser Welt warten, um uns bei sich willkommen zu heißen und ewige Heimat zu geben.

Heute geht aus seiner Kammer

Gottes Held, der die Welt

reißt aus allem Jammer.

Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute,

Gottes Kind, das verbindt

sich mit unserm Blute.

Amen.