Predigt: Lk 2,15-20

Liebe Schwestern und Brüder,

Ihr habt bestimmt alle ein Bild von mir im Kopf. Die meisten kennen mich als Mutter mit dem kleinen Kind auf dem Arm. Viele sehen in mir die schöne Frau, wie sie Raffael zu malen nicht müde wurde. Andere erinnern an die Umarmung, als ich Elisabeth begegnete. Häufig auch bin ich mit einem riesigen Mantel bekleidet zu sehen, unter dem arme und entrechtete Menschen Schutz finden. Und als sog. Pietà bin ich bekannt, als eine Mutter voller Schmerzen, deren eigener ermordeter Sohn auf ihrem Schoß liegt. Schließlich, und damit komme ich zum heutigen Thema, bin ich aus keiner Krippendarstellung wegzudenken.

Ich will Euch heute, liebe Schwestern und Brüdern, aus meiner Sicht erzählen, wie das damals war mit der Geburt meines Sohnes. Von den genaueren Umständen. Lukas erzählt ja zu Beginn seines Evangeliums einiges von mir.

Wie der Engel Gabriel zu mir kam und mir meine erste Schwangerschaft und die Geburt des Messias ankündigte. Und dann die Begegnung mit meiner Verwandten Elisabeth, die auch sehr überraschend schwanger geworden war und die mich sehr schnell als diejenige identifizierte, die den Messias zur Welt bringen sollte. Elisabeth war fast außer sich, als sie mich sah. Sogar das Kind in ihrem Bauch machte sich freudig bemerkbar. Und so brach Elisabeth in den Jubel aus: "Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!" Und etwas später: "Selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn."

Mit diesen Worten, die bestätigten, was mir von Gottes Engel verheißen worden war, brachte mich Elisabeth dazu, dieses große Gebet zu sprechen, das Ihr als Magnificat kennt. Elisabeth war sozusagen meine Hebamme, die durch ihre Ermutigung mein Gotteslob entbinden half. Ein Gotteslob, das zugleich voller Hoffnung war auf die Revolution aller verkehrten Verhältnisse.

Ich war eine graue Maus. So hat neulich mal jemand von mir gesagt. Ein junges jüdisches Mädchen, ca. 13 Jahre alt. Von Erzählungen wusste ich, dass Gott immer wieder ins Leben seines Volkes eingegriffen hat. Vor allem durch Prophetinnen und Propheten hat er zu uns gesprochen. Oft hat er, um sich Gehör zu verschaffen, zu eigenwilligen, überraschenden Mitteln gegriffen. Kleine Leute hat er angesehen und zu seinen Werkzeugen gemacht. Ich wusste zum Beispiel von Hanna, die lange kinderlos war und deshalb viel Häme erdulden musste. Wie Gott eines Tages ihr Gebet erhört hat, und sie dann Samuel zur Welt brachte. An den Lobgesang der Hanna habe ich bei meinem Gebet angeknüpft.

Ich war ergriffen, glücklich, dass ich nun auch so Großes erfahren durfte. Ich war überzeugt, denn es entsprach meiner Erfahrung: Gott steht auf der Seite der kleinen Leute. Denen hilft er. Bei den Reichen und Mächtigen, bei denen, die sich in sich selbst verschließen, hat Gott keine Chance anzukommen.

Die weitere Geschichte kennt Ihr gut, Ihr habt sie erst gestern wieder gehört: Wie Josef und ich, die ich hochschwanger war, von Nazareth nach Bethlehem mussten wegen der Volkszählung, die Kaiser Augustus veranlasst hatte. Wie wir dann Mühe hatten, eine Unterkunft zu finden und ich das Neugeborene in eine Krippe legen musste.

Kurz nach der Geburt muss es passiert sein, dass in der Nähe weilende Hirten von einem Engel Gottes erfuhren, dass das Kind, das ich eben zur Welt gebracht hatte, der lang ersehnte Messias sei. Ein ganzer Chor von Engeln hat diese gute Nachricht durch seinen himmlischen Gesang bestätigt.

Was Lukas dann weiter erzählt, das will ich Euch nun wörtlich weitergeben:

Lk 2,15-20: Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Liebe Schwestern und Brüder, ich kann euch kaum sagen, wie dankbar ich für diese Hirten war. Ich hatte nämlich schon zu zweifeln begonnen, ob dieses Kind denn wirklich ein Gottesgeschenk sei, wie es mir verheißen worden war. Die Geburt war doch anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Dass wir so abgewiesen wurden in Bethlehem - das hat mich irritiert. Alles rund um die Geburt war so trist. Doch die Hirten haben Schwung in das Geschehen gebracht. Das Zeugnis dieser kleinen Leute hat meinen Glauben gestärkt. Diese Randständigen, die in unserer Gesellschaft damals nicht sehr geachtet waren, die haben mir die Augen geöffnet für das Wunder, das durch mich geschehen ist. Sie haben mir die Augen geöffnet für das, was mit diesem Kind, das ich geboren hatte, beginnen sollte. Lukas sagt von mir, ich hätte alle diese Worte der Hirten behalten und in meinem Herzen bewegt. Wörtlich heißt es, ich hätte die Worte zusammengefügt, "symballein" im Griechischen. Von diesem "symballein" kommt euer Ausdruck Symbol.

Das ist nun eine sehr wichtige und tiefsinnige Aussage, die Lukas da macht. Die Hirten hatten, als sie bei uns waren, genau erzählt, was der Engel auf dem Feld zu ihnen gesagt hatte: "Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus." (Lk 2,10f) Diese Worte hab ich in meinem Herzen behalten. Ich habe sie dort aufbewahrt wie einen Schatz. Sie wurden mir zu einem Symbol, einem Zeichen, an dem ich mich immer wieder orientieren konnte.

Liebe Schwestern und Brüder, mein Glaube an mein eigenes Kind wurde immer wieder auf die Probe gestellt. Schon bei meiner Reinigung 40 Tage nach der Geburt hatte der geisterfüllte greise Simeon mir vorhergesagt: "Durch deine Seele wird ein Schwert dringen". Mit anderen Worten: Dieser Jesus wird zum Stein des Anstoßes. Als Gottes lebendiges Wort ist er selbst wie ein Schwert, das Deinen Glauben prüfen wird.

Und dann: Als wir in Jerusalem waren und Jesus, er war gerade 12 Jahre alt, uns solchen Kummer bereitete. Wir haben Jesus damals nicht verstanden, als er sagte, er müsse in dem sein, was seines Vaters sei. Lukas erzählt da ganz Ähnliches von mir wie in dem Text, den ich eben wörtlich zitiert habe: "Seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen." (Lk 2,51).

Liebe Schwestern und Brüder, mein Herz!

Da hatte sich im Laufe der Zeit einiges angesammelt, das ich immer neu zusammenfügen musste. Symballein.

Noch an zwei weiteren Stellen erzählt Lukas in seinem Evangelium von mir.

Einmal wollten wir, meine anderen Kinder und ich, zu Jesus, als er schon erwachsen war und sich weithin einen Ruf als Wanderprediger erworben hatte. So viele Leute waren um ihn, dass wir keinen Zugang bekamen. Wir wurden ihm gemeldet, woraufhin er schroff erwiderte: "Meine Mutter und meine Geschwister sind diese, die Gottes Wort hören und tun."

Und schließlich rief eine Frau auf eine Rede Jesu hin einmal begeistert aus: "Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast." Woraufhin Jesus sagte: "Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren."

Ihr seht, liebe Schwestern und Brüder, dass ich biologisch die Mutter Jesu war, das spielte keine Rolle.

Wie alle anderen Menschen musste ich den Glauben an Jesus als Messias mühsam lernen. Als Mutter war ich in keiner Weise privilegiert. Mir wurde nichts leichter gemacht. Und das war es eben: Bei Jesus kam es allein auf den Glauben an, das Vertrauen, dass Gott sich wirklich mit ihm so innigst verbündet hatte.

Beim Kind in der Krippe haben mir die Hirten durch ihre verheißungsvollen Worte sehr beim Glauben geholfen. Auf diesen Anfang konnte ich immer wieder zurückgreifen. In meinem Herzen hatte sich da schon so etwas wie ein Glaubensbekenntnis, ein Symbol, zu bilden begonnen. Immer wieder wurde dieser Glaube angefochten. Am allermeisten freilich dann am Ende, als Jesus so grausam am Kreuz hingerichtet wurde. Ein absolut traumatisches Erlebnis. Da war es viel wert, dass ich tief in meinem Herzen dieses andere Wissen hatte, diese Worte der Hirten, dass dieser Jesus der Heiland, der Messias sei. Das hat mir überleben geholfen, als das Schreckliche passierte. Das hat mich später auch an die Erzählungen von der Auferstehung Jesu glauben lassen. Das war ein Schatz, auf den ich immer wieder durch alle Schichten des Zweifels und der Verzweiflung, der Anfechtung und der Angst hindurch zurückgreifen konnte.

Ich bin mir sicher, liebe Schwestern und Brüder, auch Ihr tragt in eurem Herzen einen solchen Schatz. Eine Erfahrung von Geborgenheit. Ein Wort der Liebe, das Euch zuteil wurde - und mag das noch so lange her sein, es wurde euch gesagt. Ein Ja, das Euch am Leben hält. Erinnert Euch! Kehrt dahin zurück! Das hilft Euch leben und überleben durch alle Trauer und Verzweiflung hindurch. Das Kind in der Krippe ist Zeichen für dieses Ja, Ausdruck für dieses Ja, das uns allen gilt.

Viele Bilder von mir gibt es. Eines davon möchte ich Euch heute besonders ans Herz legen: Ich bin eine von Euch. Eine Schwester im Glauben. Deshalb besingt mit mir zusammen dieses Kind in der Krippe - im Aufstehen, im Stehen. Amen.

Predigtlied: Ich steh an Deiner Krippen hier (EG 37,1-4.9)