Altjahrsabend 2008

Predigt: Lk 12,35-40

Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen

und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wenn er zurückkehrt von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun.

Selig sind die Sklavinnen und Sklaven, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich umgürten und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen.

Und wenn er kommt in der zweiten oder in der dritten Nachtwache und findet's so: selig sind sie.

Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein Haus einbrechen.

Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr's nicht meint.

Die Zeit rast. Die Zeit fliegt. Schon wieder ist ein Jahr um. Espresso. Ständige Beschleunigung. Und ich hatte so wenig Zeit. Dieses Buch hätte ich gerne noch gelesen. Jene Arbeit hätte ich gerne noch zu einem Abschluss gebracht. Die Zeit hat gefehlt, gute Freundinnen und Freunde zu besuchen. Das Jahr war voll. Voller Arbeit. Oft hektisch. Von einem Termin zum nächsten bin ich gehetzt. Kaum ein freier Platz im Kalender. Keine Zeit zum Zeitvertreib. Nur sehr wenig Auszeiten.-

Das Jahr war lang-weilig. Es ist ruhig dahin geflossen. Es hätte ein bisschen mehr los sein dürfen. Die Kinder kamen zu selten zu Besuch. Eine Krankheit hat mich ans Bett gefesselt. Oft fürchtete ich: Mir fällt die Decke auf den Kopf. Manchmal musste ich die Zeit regelrecht tot schlagen. Doch meist hab ich es verstanden mich abzulenken. Bloßes Warten: das macht mürbe.-

Immer deutlicher spüre ich: Meine Zeit läuft ab. Meine Vergangenheit frisst meine Zukunft auf. Mit Augustinus kann ich sagen: "Ich aber splittere in Zeit und Zeit und kenne ihre sinnvolle Ordnung nicht, und im aufgeregten Unbestand der Dinge werden meine Gedanken, wird das tiefste Leben meiner Seele hierhin, dorthin gezerrt" (Conf XI, 29). Ich merke: Die Gegenwart als eine Strecke zwischen Vergangenheit und Zukunft: die gibt es nicht. Alles ist immer im Nu vergangen oder eben zukünftig. Zerrissen bin ich.-

Im nächsten Jahr will ich unbedingt mehr Zeit haben. Oder besser: Ich will mir mehr Zeit nehmen. Frei-Zeit. Für mich. Für meine Hobbies. Für meine Partnerschaft. Für meine Freundinnen und Freunde.-

Liebe Gemeinde,

am Ende des Kalenderjahres vier Schlaglichter auf unseren Umgang mit der Zeit. Ihnen allen gemeinsam: Zeit wird als Ware betrachtet. Ich kann sie mir nehmen. Zeit als Handelsware. Zeit ist Geld. Ich kann Zeit haben wollen. Und ich habe nie genug davon. Ich bin getrieben. Oder gelangweilt. Hin- und hergerissen zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Der Predigttext heute gibt uns auf, über unser Zeitverständnis nachzudenken.

Das Essen steht auf dem Tisch und fängt bereits an kalt zu werden, bis die Kinder endlich aus der Schule kommen. Die Abendgarderobe ist angelegt, ich bin zum Ausgehen bereit - doch der Partner verspätet sich, weil er dringend noch eine Arbeit zu Ende bringen musste. Die Koffer sind gepackt, ich bin startklar - doch die Freundin braucht ein halbe Ewigkeit, bis sie alles zusammen hat.

Es ist nicht schön, wenn jemand auf sich warten lässt. Je nach Temperament oder eigenem Zeitmanagement werden wir zumindest ungeduldig, bisweilen ärgerlich oder gar böse.

Vor diesem Hintergrund empfinde ich unseren Predigttext aus dem Lk-Ev als Zumutung. Da lässt sich einer offenbar viel Zeit. Da lässt einer auf sich warten. Der Hausherr ist auf einer Hochzeit. Das Ende des Festes ist nicht abzusehen. Kann der nicht zumindest ungefähr sagen, wann er wiederkommt? Was für mich nahe liegend ist, wird gar nicht problematisiert in unserem Text. Ich finde es unhöflich, dass jemand anderen Menschen so die Zeit stehlen darf, dass jemand ungefragt so auf sich warten lassen darf.

Mir bleibt nichts anderes übrig als einzugestehen: es geht um den Kyrios, Jesus Christus selbst. Diese Souveränität muss ich ihm zubilligen. Von ihm bin ich ganz und gar abhängig. Hörig. Zu ihm gehörend. Auf sein Wort hörend. Sklavinnen und Sklaven sind wir in dieser Beziehung. So hart ist das formuliert. Unzeitgemäß. Anstößig. Uns zum Segen.

In dieser Rolle als Sklavinnen und Sklaven spricht uns der Text an: Lasst eure Lenden umgürtet sein. D.h. das Oberkleid bleibt an den Hüften hochgeschürzt. Legt Euch nicht zur Ruhe. Und lasst eure Lichter brennen. Allseits bereit. Wartet, damit ihr Eurem Herrn, wenn er kommt und anklopft, die Tür öffnen könnt.

Der Text fordert uns damit zu einem heraus: Seid gegenwärtig! Wartet dem Kommenden entgegen. Die Gegenwart: Jetzt-Zeit wird sie genannt. Doch auf der Linie zwischen Vergangenheit und Zukunft ist sie nicht festzumachen. Sobald ich jetzt sage, ist die Gegenwart, das Jetzt, schon wieder vorbei und zur Vergangenheit geworden. Das Entgegenwarten, die Gegenwärtigkeit der Sklavinnen und Sklaven fällt aus unserem herkömmlichen Zeitverständnis heraus. In der linear aufgefassten Zeit hat die Gegenwart keinen Platz. Versuche ich sie zu fassen oder dingfest zu machen, gehört sie bereits wieder der Vergangenheit an. Die Gegenwart, das Jetzt - das meint eine andere Qualität von Zeit. Ein philosophischer Theologe hat die Ewigkeit als "nunc stans" bezeichnet. Damit meint er, die Ewigkeit sei so etwas wie das immerwährende Jetzt, nunc, Gottes Ewigkeit als immerwährende Gegenwart. Wir singen das bisweilen mit den Worten von Gerhard Tersteegen: Gott ist gegenwärtig.

Im Umkehrschluss können wir sagen: Wenn wir gegenwärtig sind, werden wir gewahr, dass wir Teil haben an Gottes Ewigkeit. Wir existieren: gehen nicht einfach auf, sondern treten heraus -ex-sistere - aus der Linie zwischen Vergangenheit und Zukunft, unterbrechen diese Linie gleichsam und lassen Raum für diese andere Qualität von Zeit, für die Ewigkeit, die zeit-los ist.

Liebe Schwestern und Brüder, haben Sie das schon mal probiert? Haben Sie schon einmal versucht, gegenwärtig zu sein? Im Hier und Jetzt? Wer das probiert, merkt, wie schwer es ist. "Ich aber splittere in Zeit und Zeit", sagt Augustinus. Ich bin mit meinen Gedanken und Gefühlen im Gestern oder im Morgen. Wer auch nur für einen Augenblick einmal ganz präsent ist, erfährt die Fülle. Das sagen uns alle Menschen, die von ihren Gotteserfahrungen erzählen, die Mystikerinnen und Mystiker. Um eine solche Einübung in Präsenz geht es im geistlichen, im geistes-gegenwärtigen Leben.

Das zweite Bild unseres Textes ist später dazugekommen. Es ist schief. Das Kommen Jesu Christi wird hier verglichen mit dem Einbruch, den ein Dieb verübt. Wenn der Hausherr davon wüsste, könnte er den Einbruch verhindern. Hier gibt die Angst den Ton an. Und es geht nicht um ein freudiges Entgegenwarten, sondern eher um Schlaflosigkeit, damit der Dieb keine Chance bekommt. Doch was uns hier positiv gesagt wird: Das Kommen Jesu Christi ist wie ein Einbruch, ein Ein-Fall, der die Zeitlinie unterbricht.

Doch bleiben wir bei unserem ersten Bild. Es entspricht viel eher der Botschaft Jesu und es hat uns heute viel zu sagen.

Wieder geht ein Jahr zu Ende. Noch in dieser Nacht verabschieden wir uns von 2008. Und ein neues Kalenderjahr beginnt. Wir haben Grund uns zu freun auf 2009. Sage ich das nur um des Reimes willen? Nein! Als Christinnen und Christen wissen wir: Die Zeit, die uns bleibt, die Lebenszeit, die Kalenderjahre, die uns noch gegeben sind, die stehen unter einem göttlichen Stern, die sind bereits geprägt durch eine Wirklichkeit, die nicht unserem chronologischen Denken in Zeitläuften entspricht. Wir haben Grund uns zu freun auf 2009, weil wir Hoffnung haben. Worauf? Dass Jesus Christus kommt. Immer wieder klopft er bei uns an. Immer wieder will er zu mir kommen. Mir dienen. Sich Gehör verschaffen. Oft bedient er sich dafür anderer Menschen. Wenn er mich wach und gegenwärtig findet, dann kann ich was erleben. Etwas Wunderbares. Ihn selbst, meinen Heiland. Und selbst wenn ich sein Nahesein, sein Anklopfen und Kommen nicht unmittelbar erlebe, so ist das doch meine Hoffnung, die mich durch alle Traurigkeit, Leere und Einsamkeit durchträgt. Denn das ist uns ja verheißen, dass er kommt. In jedem Augenblick. Und am Ende, das ein Anfang ist, für immer und ewig.

Als die Seinen haben wir eine wunderbare Aufgabe: Wir lassen unsere Lichter brennen. Sie künden von seiner Ankunft, inmitten der Dunkelheiten des Lebens. Diese Lichter, wir selbst, tragen in der Zeit, die bleibt, dazu bei, dass es heller wird in der Welt.

Liebe Gemeinde,

machen wir uns keine Illusionen. Wir werden im nächsten Jahr nicht mehr Zeit haben. Und wir werden uns vermutlich auch nicht mehr Zeit nehmen für die schönen Dinge des Lebens. Und auch manche Langeweile und manches Zerrissensein wird uns nicht erspart bleiben. Was wir tun können? Wir können uns Zeit lassen. Wir können uns der Zeit überlassen. Zeit-Inseln schaffen, in denen wir das Gegenwärtigsein einüben. Je mehr wir gegenwärtig sind, umso leichter und freier wird unser Umgang mit den Aufgaben, die im Kalender stehen. Wir gewärtigen ja nicht das Nichts, wenn wir warten. Unser Heiland kommt, er macht sich selbst zum Sklaven, umgürtet sich und bittet uns zu Tisch. Das ist ein Fest! Das wird ein Fest sein! Amen.