Gott ist der große Verwandler - Predigt über 2. Petrus 3, 8-13

Ewigkeitssonntag - 23.11.2008, Petrus- u. Christuskirche Freiburg

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Schlußvers unseres Textes drückt aus, was Kern und Stern der biblischen Botschaft ist: "Wir aber warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt". Bei solch einem Satz horchen wir auf. Die Sehnsucht nach Neuem, nach Erneuerung: Damit wird ein Urbedürfnis des Menschen getroffen. Nach dem Neu-werden-Können haben viele Menschen eine tiefe Sehnsucht! Noch einmal ganz von vorn anfangen können: mit meiner Liebe, damit sie nicht so schnell wieder langweilig und routiniert wird. Mit meinem Beruf, damit ich die sich bietenden Gelegenheiten wacher und entschlossener nutze. Mit meinem Engagement in der Politik oder in einer Bürgerinitiative, damit ich nicht so schnell resigniere. Mit meinem Glauben, damit ich die innere Leere und Müdigkeit loswerde.

I.

Der heutige letzte Sonntag im Kirchenjahr ist im Bewußtsein vieler Kirchgänger immer noch mehr der "Totensonntag" als der Ewigkeitssonntag, wie wir ihn in der Kirche nennen. Natürlich ist es richtig, daß unsere Blickrichtung nach vorne gelenkt werden soll. Nicht die quälende Frage: Was habe ich verloren?, soll im Mittelpunkt dieses Tages stehen, sondern die Frage: Was darf ich trotzdem hoffen? Aber wir sind nun einmal Menschen, mit unseren Gefühlen, mit unserem Herz, das sich unendlich schwer tut, das loszulassen, woran es in Liebe gehangen hat. Darum kann es gar nicht anders sein, als daß uns an diesem Tag ganz besonders intensiv die vor Augen sind, die wir in diesem Jahr verloren haben und um die wir immer noch sehr trauern, weil unser Leben jetzt anders, ärmer ist ohne sie.

Und nicht wahr, da holt uns diese Sehnsucht nach dem Neuen auf tief schmerzhafte Weise ein: noch einmal neu anfangen können, mit ihnen zu leben, damit wir die Fehler vermeiden, die wir im Umgang mit ihnen gemacht haben! Das ist ja oft das Schlimmste am Tod eines geliebten Menschen, daß uns dann, wenn die Beziehung endgültig abgebrochen ist, mit einem Mal wie eine schonungslose Anklageschrift vor Augen kommt, was wir ihnen schuldig geblieben sind, was wir hätten anders und viel besser machen können. "Den eignen Tod, den stirbt man nur / Mit dem Tod der andern aber muß man leben" M. Kaleko) - das ist wahr. Ist das Sterben geliebter Menschen nicht deshalb so schrecklich, weil uns damit unerbittlich vor Augen gestellt wird, was wir sonst so gut wegschieben können: daß alles in einer letzten Vergeblichkeit endet, Bruchstück und Fragment bleibt, und daß immer wieder die alte, unerlöste Welt Triumphe feiert?

"Wir aber warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt". Dieses Wort lädt ein, in es hineinzukriechen, es sich überzuziehen wie einen wärmenden Mantel, wenn einen der Wind umpfeift. Vielleicht gerade darum, weil es von so weit her kommt und nach so weit hin verweist, und weil es in seinem schroffen Kontrast zu dem, was uns das Leben ist, auch ein sehr fremdes Wort ist. Denn Gerechtigkeit - wo gelingt es schon, die einmal wirklich zu realisieren? Schon der Kontrast zwischen dem Recht, das wir Gott sei Dank in unserem Land in sehr ausgeprägter Weise haben und in Anspruch nehmen können, und der Gerechtigkeit ist himmelweit.

"Ich glaube nicht mehr, daß Gott gerecht ist", sagte mir eine Frau unter Tränen, die von einem Tag auf den anderen ihren Mann verloren hatte. Er hatte im Vorstand einer Firma gearbeitet, siebzig, achtzig Stunden jede Woche, außer dem gemeinsamen Frühstück und dem späten Abend hatten sie wenig voneinander. Jahrzehnte ging das so. Aus Dankbarkeit, daß sie das ausgehalten hatte, und um ihr nun etwas zurückzugeben, hatte er sich vorzeitig pensionieren lassen. Ein ganz neuer, intensiv gestalteter Lebensabschnitt sollte jetzt beginnen, mit viel gemeinsamen Erlebnissen, Reisen zu den Kindern und Enkeln, und endlich mehr als 14 Tage Urlaub im Jahr. Und dann, wenige Monate nach Beginn des Ruhestands, der Herzinfarkt. Der ganze Lebensplan zerstört. Wie kann sie jetzt weiterleben? "Gott kann nicht gerecht sein": Ich versuchte nicht, mit ihr darüber zu diskutieren. Vielleicht muß sie das so sagen, um - zunächst - weiterleben zu können.

"Dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden", heißt es in unserem Text. So fern uns solch ein Bild im Blick auf die Vorstellung vom Jüngsten Tag, vom Weltende gerückt sein mag, so nah und konkret wird es für solche, die einen geliebten Menschen verlieren. Jeder Mensch ist ein ganzer Kosmos, sagt ein uralter Satz der alten Griechen. Für die Liebe ist er zeitlos gültig. Denn ein Mensch, den wir lieben, ist für uns so viel wie Himmel und Erde. Manche der in diesem Jahr Gegangenen sind uns weit vor der Zeit, wie man so sagt, genommen worden. Da sind Pläne, Hoffnungen, ganze Lebensentwürfe zerbrochen. Wo vorher intensives Miteinander, Lebendigkeit, Kommunikation war, ist mit einem Mal nur noch diese erschreckende Stummheit und Beziehungslosigkeit, die die bösen Eigenschaften des Todes sind.

Alles bleibt bruchstückhaft, unvollendet. Media vita in morte sumus, wie die Alten sagten: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Das ist unsere Erfahrung.

II.

Wie kann da das Neue in die Welt kommen, das wir so dringend brauchen und nach dem wir Sehnsucht haben? Unser Text gibt auf die Frage, wie die neue Welt kommt, eine Antwort, indem er sie verweigert. Denn er sagt allenfalls, wie Gottes neue Welt nicht kommt: "Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb". Merkwürdiges Bild - aber ziemlich deutlich. Denn ein Dieb kommt auf jeden Fall nicht mit Vorankündigung und großem Bahnhof, sondern unangemeldet, plötzlich, heimlich, still und leise. Also ganz anders als alle menschlichen Revolutionen und Erneuerungsversuche. Gott überrumpelt nicht. Wir hätten das manchmal gern, daß er mit eiserner Faust dazwischen geht wie die Geheimpolizei eines Diktators. Aber die Eindringlichkeit Gottes ist keine uns Menschen überfallende Zudringlichkeit.

"Wir aber warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt". Für die Bibel heißt das, daß in der zukünftigen neuen Welt Gottes nicht mehr sein wird, was unsere Welt, unser Leben jetzt leidvoll ausmacht. Jetzt sind uns oft die Tränen näher als das Lachen (Karl Barth) - nicht nur am "Totensonntag". Aber in der Ewigkeit Gottes, der wir entgegengehen, wird es Tränen, Stummheit, Vergeblichkeit, Krankheit, Leid und Tod nicht mehr geben. All das, was uns bis in unsere einsamsten und verborgensten Stunden hinein belastet, wird aufhören. Welche Lasten werden dann abfallen! Nicht nur bei uns, sondern viel mehr noch bei anderen! Unschuldige Frauen und Kinder werden nicht mehr in Flüchtlingslagern und Kriegsgebieten vor Hunger und unter Bombenhagel sterben. Depressive werden ihr Leben nicht mehr wegwerfen. Menschen werden sich selbst nicht mehr rücksichtslos ausbeuten, weil sie erfahren werden, daß sie unabhängig von ihrer Leistung wertvoll sind. Alkoholkranke werden nicht mehr mit zitternden Händen nach der Flasche greifen.

III.

Das zieht sich durch die Bibel von A bis Z: Gott ist der große Verwandler. Was Gottes Schöpfung heißt, was es bedeutet, daß Gott unsere Zeit lenkt, das versteht niemand, der nicht diesen Elementarsatz für sich buchstabiert: Gott ist der große Verwandler. Und wenn einer stirbt, dann fällt er nicht ins Bodenlose, sondern in die Hände dieses großen Verwandlers. "Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben, ...aber wir werden alle verwandelt werden" (1. Kor 15,50f), sagt der Apostel Paulus. Der Tod mag der Sieger über unser "Fleisch und Blut" sein, dessen Unterworfensein unter die Vergänglichkeit wir ja mit jedem Jahr, das wir älter werden, desto bedrängender am eigenen Leib erfahren. Aber mehr als daß, was sterblich an uns ist, zur Erde zurückkehrt, aus der es einmal genommen war, kann der Tod uns nicht antun. Gegen die radikale Verwandlung, die der lebendige Gott mit uns vornehmen wird, ist er machtlos. Wenn Er uns wieder in seine Hand nehmen wird, dann haben Fleisch und Blut ihre Schuldigkeit getan, dann geht aus der Werkstatt des großen Bildners und Verwandlers ein neuer Mensch hervor, der nicht mehr bei der Schuld und den Verbindlichkeiten von gestern behaftet wird.

Vor einiger Zeit traf ich einen Mann mittleren Alters, dessen Frau ein halbes Jahr vorher gestorben war. Auf meine Frage, wie es ihm gehe, meinte er: "Es geht mir sehr unterschiedlich. Neulich war wieder so eine Woche, da habe ich fast jeden Abend viel geweint, ich konnte mich nicht beherrschen. Und ich habe - Sie werden es nicht glauben - mehr als einmal durch den Tränenschleier hindurch ganz deutlich meine Frau gesehen. Sie stand so klar vor mir, ganz sie selbst. Und Sie können sich nicht vorstellen, wie schmerzlich das war; denn ich habe sie zwar gesehen, ich konnte sie aber nicht erreichen, wir waren und blieben getrennt. Und doch: das war so stark, so innig - so wie unsere Ehe war. Ich möchte das nicht vermissen, und ich werde das nie vergessen. Ob Sie mich verstehen?" Ich nickte und sagte nach einer Weile: "Ich glaube, es wird Ihrer Frau gut gehen". Da sagte er heftig: "Davon bin ich völlig überzeugt!" -

Liebe Schwestern und Brüder, laßt uns das von unseren Toten glauben: daß es ihnen gut geht, und daß sie uns nur ein Stück voraus sind auf dem Weg in ein neues, ewiges Licht, das keine Schatten mehr wirft. Der große deutsche Dichter Gottfried Benn hat kurz vor seinem Tod in seinem letzten Brief notiert: "Ich habe mich zeitlebens mit dem Gottesglauben schwer getan. Aber dessen bin ich sicher: Der letzte Augenblick wird ohne Schrecken sein. Wir werden nicht fallen, sondern steigen".

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in dem Himmel ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Ewigkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sie dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

So soll unsere Hoffnung sein. Unsere Erfahrung "Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen" ist nicht der Schlußsatz im Buch unseres Lebens. Der lautet umgekehrt: Media morte in vita sumus - Mitten im Tod sind wir vom Leben umgriffen. Gott gebe uns, und ganz besonders den Trauernden unter uns, daß wir das glauben können!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unser Denken und Vorstellen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, bis wir ihn schauen können von Angesicht zu Angesicht.

Amen.

Lieder: 396,1+2+6 / 147,1+2 / 570,1-4 / 224,1-3 / 112,4+6+8 / 535