1. Sonntag im Advent, 30.11.08

Predigt

Gnade sei mit euch, und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

I  

Es ist Advent, liebe Gemeinde, der erste Sonntag eines neuen Kirchenjahres, der Beginn der Zeit, in der wir auf eine Ankunft warten. Die Ankunft des Christkindchens, vordergründig, doch im Hintergrund ist Advent mehr. Die Ankunft auf die wir warten, wird kein Teil unserer Geschichte mehr sein, sondern ihr Ende. Sie wird nicht alles beim alten lassen, sondern alles neu machen. Aber wir warten noch, wir sehen noch nicht und wissen noch nicht. Wir wissen nicht, wer der sein wird, der da kommt, wir kennen seine Namen, Jesus Christus, der Messias, der Herr Zebaoth. Aber wie wird er kommen, was wird er sagen und tun? Wie wird das Neue sein und wie werden wir zurückblicken auf das Alte? Wir wissen es nicht, wir warten aber dennoch, denn eines wissen wir genau: so wie es ist, kann es für ewig nicht bleiben. Und die Spur dieser Ankunft ist gelegt, wir verfolgen sie mit der Geschichte einer früheren Ankunft, die niedergeschrieben ist im Evangelium nach Matthäus, im 21. Kapitel:

II  

Mt. 21, 1-9
1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht : 5 ,,Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.'' 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

III  

Wie jedes Jahr um die Zeit vor dem Passafest, zogen sie auch dieses Jahr herauf von der Küste, aus der Residenzstadt Caesarea, in der das Klima so angenehm mediterran ist, in die Stadt auf dem Berge, Jerusalem, die staubige, die heiße und dürre. Allen voran ritt Pontius Pilatus, der Statthalter des Kaisers, gefürchtet ob seiner willkürlichen Brutalität. Dahinter seine Generäle und Hauptmänner, seine Reiter und Streitwagen, die Legionen der römischen Weltmacht. Am Ende des Zuges Sklaven, Gefangene und Todgeweihte. Durch das Westtor zogen sie ein in die Stadt, die Herren der Welt, stolz, hart, unbesiegbar. Ihre blankgezogenen Waffen vor sich hertragend wie das Wort von der Vernichtung, auf den Gesichten die Entschlossenheit, die Stadt und das Land unter das zu zwingen, was sie den ,,römischen Frieden'' nannten.
Und am Wegrand fehlte niemand von denen, die in der heiligen Stadt Jerusalem auf sich hielten. Die Priester des Tempels klatschten Beifall und standen mit den Einflussreichen Spalier und mit denen, die längst ausgesorgt hatten. Nur nicht in Ungnade fallen, nur keinen Einfluss verlieren. Speichellecker der Arroganz, Claqueure der Macht. ,,Heil Dir oh Caesar, Herrscher der Welt''

IV  

Wirst Du so auch kommen, Jesus, wenn Du wiederkommst? Als stolzer Heerführer, hinter dem die Erzengel und die Menge der himmlischen Heerscharen einherziehen? Wird Dein Tag ein Tag des Zorns, an dem diese Welt ihr Urteil nimmt? Werden wir Dir in Angst und Schrecken gegenüberstehen, wird Dein Friede herrschen, weil die Sünder vernichtet sind? Und die Frommen, werden sie Dir Spalier stehen und selbstgefällig lächeln, weil sie ja schon immer wussten, dass sie auf Seiten der Gerechtigkeit stehen?
Matthew 9:13 ,,Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten'' hast Du einmal gesagt und wir Sünder warten, dass Du wiederkommst und uns rufst.

V  

Doch dieses Jahr öffnete sich das Tor auch im Osten der Stadt, wo die Straße endet, die von Norden her aus der Provinz Galiläa kommt. Eine kleine Gefolgschaft näherte sich da, zwölf Männer und einige Frauen, von Kopf bis Fuß bedeckt mit dem Staub des langen Weges, schäbig gekleidet und in den Taschen ein wenig Brot, vielleicht genug bis zum Abend. Und ihnen voran, nicht weniger staubig und kein bischen vornehmer, ritt einer auf einem Eselchen, einer, von dem sie sagten, dass er Kranke geheilt und Tote auferweckt hatte auf dem Wege, dass er Mut gemacht hatte und getröstet, dass er es wagte, in dieser Welt von einem Frieden zu sprechen, der aus Sanftmut wächst und aus Liebe. Auf einem Eselsfüllen, von dem einst der Prophet Zacharias geweissagt hatte, dass es einen sanftmütigen König herauftragen würde nach Zion. Sollte er das sein?
Und auch dieser Einzug geschah nicht unbemerkt. Gekommen waren all die, die in der Welt der Macht nicht zu Hause sind, die Armen und die Sünder, die Hinfälligen und die, die schon alles verloren haben. Das Wort der Hoffnung zog ein in ihre Mitte, auf einen Frieden ohne Zwang, auf Gerechtigkeit, auf eine Welt ohne Macht und Gewalt. Dem säumten sie den Weg, legten ihm ihre Kleider zu Füßen und breiteten ihm einen Teppich aus frischen Palmzweigen aus. ,,Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!''

VI  

Wirst Du so noch einmal kommen, Jesus, wenn Du wiederkommst? Wie ein Bettler in staubigen Kleidern, mit einer Handvoll Getreuer, die dich auf dem beschwerlichen Weg begleiten? Wird Dein Tag ein Tag der Nachsicht, an dem sich in Wohlgefallen auflöst, was Dir entgegensteht? Werden wir Dir neutral und teilnahmslos gegenüberstehen können, weil Du als Versöhner kommst, und nicht als Richter? Und die Mörder und Despoten, die Vergewaltiger und die Profiteure, werden sie Dir Spalier stehen und selbstgefällig lächeln, weil sie ja schon immer wussten, dass sie von Dir nichts zu befürchten haben?
Matthew 10:34 ,,Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.'' hast Du einmal gesagt und wir warten, dass Du wiederkommst und Gerechtigkeit aufrichtest.

VII  

Sie würden sich unweigerlich begegnen, diese beiden so unterschiedlichen Könige, die da aufeinander zuritten. Sie mussten sich aneinander messen.
Die auf Seiten des Bettlers aus Galiläa hofften, dass er auch hier ein Wunder vollbringen und der Maschinerie des anderen Einhalt gebieten würde. Die auf Seiten des römischen Prokurators erwarteten, dass seine Wucht aus Gewalt und Zwang den anderen zerschellen ließe. Die Ideologen der Macht fragen nicht, wer der Sieger sein wird, wenn sie auf Sanftmut und Liebe stoßen.

VIII  

Was wird geschehen, Jesus, wenn Du wiederkommst, wenn Deine Macht der Liebe auf die Mächtigen unserer Welt trifft? Wirst Du bestehen können? Wird man Dich überhaupt hören und sehen? Oder geht es Dir wie uns, Deinen Nachfolgern, uns, denen Du den Auftrag gegeben hast an Deiner Statt Sanftmut und Liebe in die welt zu bringen, dass kaum einer hört, fast niemand sieht, und erst recht kein Mensch Konsequenzen zieht? So wie auch wir selbst uns mühen und doch scheitern?

IX  

Die Geschichte der Begegnung von Jesus und Pilatus geht ihren Weg. Sie folgt der Logik der Macht, Pilatus beseitigt den, der sich ihm in den Weg stellt, der es wagt mit dem Mut zur Sanftheit dort anzukommen, wo das Schauspiel der rücksichtslosen Durchsetzung gegeben wird. Nur kurz hält die Maschinerie des Pilatus inne, nur kurz lässt der sich hinreißen zu schauen und zu fragen: ,,Bist Du der König der Juden?'' und: ,,Was hat er denn Böses getan?'', um ihn dann umso ungnädiger hinauszustoßen und die Oberhand zu behalten über den, der seinen Weg kreuzt. Und der sanftmütige König zerschellt an der Härte der Macht, in einem Spiel, das er nicht mitspielen will, weil sein Reich nicht von dieser Welt ist und sein Sieg nicht auf den Schlachtfeldern unserer Zeiten errungen wird.

X  

Wie wird es sein Jesus, wenn Du kommst? Wenn Du offen heraustrittst und nicht im Verborgenen bleibst. Wenn Du selbst sichtbar wirst, klarer als in Deinem Wort, deutlicher als in Brot und Wein. Wenn Du in unsere Städte einziehst, statt in unsere Herzen, wenn Du Dein Friedensreich errichtest, wo unsere Reiche miteinander im Krieg liegen, wenn das Alte vergehen wird, weil Du alles neu machst?

XI  

Und doch wäre Pilatus heute längst vergessen, hätte er nicht diese eine Begegnung gehabt. Gescheitert an seiner eigenen Gier und Brutalität, die sogar dem Kaiser Roms unerträglich war, starb er vereinsamt und verbannt, irgendwann, irgendwo, wir wissen es nicht. Und Jesus, der sanftmütige König, dem er begegnete bei seiner Ankunft in Jerusalem, kam zurück und blieb Sieger über den, dessen Möglichkeiten den Tod nicht überdauern. Die, deren Macht auf Zwang, Gewalt und Angst vor dem Tod ruht, kommen an das Ende ihrer Möglichkeiten, wo der Tod verschlungen ist in den Sieg. Die Mächtigen werden vergessen, der sanftmütige König aber wird auch heute noch erwartet, damit nun endlich diese letzte große Verheißung erfüllt werde: ,,Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.''

XII  

Es wird nun Zeit, Jesus, dass Du kommst. Es wird Zeit, dass Du Dich offen zeigst und alles neu machst. Es wird Zeit, dass Du Frieden schaffst, wo Zwang und Gewalt herrschen. Es wird Zeit, dass du den Terror beendest, genau wie die Unterdrückung und die Perspektivlosigkeit, gegen die er seine Schläge führt. Es wird Zeit, dass Du den Kriegsherren Einhalt gebietest und denen, die ihre Geschäfte machen mit dem Tod. Es wird Zeit, dass Du in Deine heilige Stadt einziehst und sie zum Frieden bringst zwischen den Völkern und Religionen. Es wird Zeit, dass Du den Menschen das Wort des Lebens zurufst, den Lebenden und den Toten. Es wird Zeit, denn es ist Advent und wir warten auf Dein Kommen.
Amen



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On 18 Jan 2009, 15:44.