Röm 8 und Paul Gerhardt, Ist Gott für mich (EG 351)

Liebe Gemeinde,

Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom am Ende von Kap. 8 (V 38f):

"Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist."

Liebe Gemeinde,

das Leben mit Gottes Geistkraft führt zu einer solch umwerfenden, atemberaubenden Gewissheit. Sie tröstet und macht froh. "Christliches Trost- und Freudenlied" ist das Gedicht überschrieben, in dem Paul Gerhardt die Inhalte des 8. Kapitels aus dem Römerbrief ver-dichtet zurückgibt. Und was läge heute näher als eine Predigt über ein singbares und zum Singen einladendes Gedicht!?

Paulus schreibt: "Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?" (Röm 8,31) Bei Paul Gerhardt wird daraus:

"Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich; sooft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich. Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?"

Das ist die erste von insgesamt 15 Strophen, von denen 13 in unserem EG abgedruckt sind.

Das ist sehr substantiell gemeint, dieses "Ist Gott für mich". Da wird ernst genommen, dass unser Leben gefährdet ist, bedroht, durch äußere und innere Feinde, Anfeindungen, Anfechtungen.

Einen sehr konkreten Trost haben Pauls Gerhardts Verse für Hildegard Schaeder bedeutet. Sie war als promovierte Historikerin im Preußischen Geheimen Staatsarchiv tätig und war zugleich Mitglied der Bekennenden Kirche im Umkreis von Martin Niemöller. 1943 wurde sie wegen "Judenbegünstigung" verhaftet und kam in Einzelhaft ins Polizeigefängnis am Berliner Alexanderplatz, später dann ins Frauen-KZ Ravensbrück. Hildegard Schaeder schrieb in einem Brief aus der Einzelhaft, ihre Erfahrungen im Gefängnis könne sie "nicht richtiger und schöner und wesentlicher schildern, als es Paul Gerhardt in den demütig-dankbaren Worten seines "Ist Gott für mich..." Vers für Vers tut. Das als Wirklichkeit erfahren zu dürfen, das können wir uns einiges kosten lassen, nicht wahr?"

Das als Wirklichkeit zu erfahren, dieses "Ist Gott für mich" - solche Erfahrungen brauchen wir heute dringend. Unser Leben wird durch vieles in Frage gestellt. Und wir fühlen uns permanent überfordert, weil uns von den eigenen Kindern bis zur weltweiten Bankenkrise so vieles zu entgleiten scheint.

"Ist Gott für mich": Die Zugehörigkeit zu Gott immunisiert nicht. Wir machen nicht dicht, wir sind nicht unangreifbar, wenn wir mit Gott befreundet sind. Das Leiden wird nicht unbedingt kleiner dadurch. Doch eine innige Verbundenheit mit Gott lässt mich leichter leben. Und sie lässt mich, was mir von außen als Anfeindung widerfährt, gelassen hinnehmen.

Singen wir die erste Strophe:

1. Ist Gott für mich, so trete
gleich alles wider mich;
sooft ich ruf und bete,
weicht alles hinter sich.
Hab ich das Haupt zum Freunde
und bin geliebt bei Gott,
was kann mir tun der Feinde
und Widersacher Rott?

Gott wurde für uns anschaulich in Jesus Christus. "Der Grund, da ich mich gründe, ist Christus" heißt es bei PG in der 3. Strophe. Entsprechend zu Röm 8,35: "Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?" In Christus ist uns Gottes Liebe zugeflossen. In seiner Liebe, die vorbehaltlos und vollkommen ist, erkennen wir, dass wir angenommen sind. Immer wieder erfahre ich mich als unannehmbar: So wie ich bin, so wie ich mich verhalte, das ist meist schwer zu akzeptieren, für Andere und für mich selbst. Doch Gottes Liebe in Christus Jesus nimmt mich an, mich, die Unannehmbare. Am liebsten würde ich im Boden versinken, wenn jemand meine Lieblosigkeit mit Liebe kontert und mich so überführt. Ich könnte sterben, manchmal auch vor Glück, im Hören grandioser Musik oder in Anbetracht der Weite unseres Universums. Dass ich lebe und nicht vergehe, dass meine Winzigkeit und Vergänglichkeit, mein Nichts mich nicht verlöschen lassen, dessen vergewissert mich der Blick auf Jesus Christus, der in mir lebt und besteht. Ihn habe ich nicht wie einen Besitz, über den ich verfügen oder den ich begreifen, gleichsam mit den Händen greifen könnte. Doch auf geheimnisvolle Weise ist er mir näher als ich selbst es mir bin. "Mein Jesus ist mein Ehre".

4. Mein Jesus ist mein Ehre,
mein Glanz und schönes Licht.
Wenn der nicht in mir wäre,
so dürft und könnt ich nicht
vor Gottes Augen stehen
und vor dem Sternensitz,
ich müßte stracks vergehen
wie Wachs in Feuershitz.

Paul Gerhardt bringt nun ins Spiel, was theologisch und geistlich im Zentrum von Römer 8 steht. Die geheimnisvolle Kraft, in der Jesus Christus gegenwärtig ist, diese Kraft nennen wir den Geist. "Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist", heißt es schon in Röm 5,5. Dieser Heilige Geist lebt in uns, diese göttliche Kraft atmet in mir, in den Tiefen der Tiefen seufzt sie in mir. Ich kenne das, es passiert mir öfters: ein tiefes Aufseufzen, das wie von selbst kommt, das ich gar nicht steuere. Im Hebräischen sind beide Begriffe verwandt: seufzen und trösten. Wenn ich seufze zeigt mir das, dass ich Trost brauche. Das etwas mich belastet, bedrückt, beengt. Zugleich bedeutet das Seufzen bereits Trost. Dass das, was da in mir sitzt als Sorge, Kummer, Angst und Schuld, hinausdrängt im Seufzen - das ist schon Trost. "Der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen", denn in unserer Schwachheit wissen wir nicht, was wir beten sollen, doch der Geist betet in uns, er nimmt allen Kummer weg, er lässt uns das Abba zu Gott schreien, er befreit uns von uns selbst und richtet uns aus auf das göttliche Du, das allein die Quelle des Lebens ist.

7. Sein Geist wohnt mir im Herzen,
regiert mir meinen Sinn,
vertreibet Sorg und Schmerzen,
nimmt allen Kummer hin;
gibt Segen und Gedeihen
dem, was er in mir schafft,
hilft mir das Abba schreien
aus aller meiner Kraft.

Paul Gerhardt entfaltet das christliche Leben in den ersten neun Strophen seines Gedichtes trinitarisch: Gott ist der Freund des Lebens, Jesus Christus ist die Liebe Gottes und die Heilige Geistkraft ist die Einwohnung dieser Liebe in uns. Nun richtet sich in der 10. Strophe der Blick in den Himmel.

Die Ergebnisse der Naturwissenschaften drohen uns den Himmel immer fremder zu machen. Nach der ersten bemannten Raumfahrt 1961 meinte der Russe Juri Gagarin bei seiner Rückkehr auf die Erde: Von Gott gibt es im Himmel keine Spur. Doch freilich nicht dieser physikalische Ort ist gemeint. Himmel ist der Raum des Göttlichen, Ort des puren Glücks und des vollen Friedens. Der neue Himmel und die neue Erde bedeuten: es gibt keine Scheidung mehr zwischen einem Wohnsitz Gottes und einem Wohnsitz der Menschen. Es kommt zur Vermählung. Wir sind noch unterwegs zu dieser neuen Existenzweise, in der dann "Gott abwischen wird alle Tränen" (Offb 21,4). Wir sind noch unterwegs. Hier weinen wir noch. Hier leiden wir noch. Doch der Himmel ist unser Ziel. Und dieser Himmel hat sich bereits geöffnet, ist bereits da in seiner Beständigkeit. Sein Licht erhellt schon heute unser Dunkel.

10. Da ist mein Teil und Erbe
mir prächtig zugericht';
wenn ich gleich fall und sterbe,
fällt doch mein Himmel nicht.
Muß ich auch gleich hier feuchten
mit Tränen meine Zeit,
mein Jesus und sein Leuchten
durchsüßet alles Leid.

In den folgenden vier Strophen von Paul Gerhardts Gedicht wird nun die Glaubensgewissheit stark gemacht und durchgehalten trotz allem erlebten Kreuz, trotz aller erfahrenen Not, trotz aller Trauer und trotz allen Leidens. Der Text des Paulus aus Röm 8 wird entfaltet:

"Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist."

Liebe Gemeinde, wie gelangen wir zu einer solchen Gewissheit? Was stärkt unseren Glauben? Das gemeinsame Feiern. Das Gespräch mit Anderen über unseren Glauben und unsere Zweifel. Vor allem auch: das Gebet, die Meditation. Und dann "last but not least": das Singen.

Singen als Frömmigkeitspraxis ist gelebte Rechtfertigung. Singen ist unser Einstimmen in das Ja Gottes zu uns. Es ist lebensnotwendig, singend zu loben und lobend zu singen. Das Singen steht hier im Gedicht Paul Gerhardts am Ende. Nach einem langen Weg, den Seufzen und Schreien begleiten, mündet alles in die letzte Strophe, die einmal als "eine der strahlendsten Lichthymnen" der deutschen Literatur bezeichnet wurde. Bleiben wir nicht in uns selbst verschlossen. Lassen wir uns aufschließen auf Gott hin, der unsere Lebensquelle ist. Gottes Wort bewegt: es lässt uns aus unserer Einsamkeit springen hinein ins Offene und Freie, da uns die Sonne lacht. So sei es. So stehen Sie, springen Sie auf zum Singen der letzten Strophe. Amen!

(13.) 15. Mein Herze geht in Sprüngen
und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud und Singen,
sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet,
ist mein Herr Jesus Christ;
das, was mich singen machet,
ist, was im Himmel ist.