Gott lebt seinen Traum - Kurzpredigt über 1. Mose 28, 10-19

Ök. Gottesdienst beim "Dreisamhock" - 7.09.2008, Ganter-Gelände

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Diese Erzählung von Jakob und der Himmelsleiter ist eine der großen, hintergründigen Stories der Bibel. Sie ist uralt, aber keine Sage aus religiöser Vorzeit. Nein, sie ist eine ewig junge Geschichte - weil wir in ihr vorkommen. Sie geht uns an, weil uns aus ihr Wichtiges über den Gott Jakobs, unseren Gott aufgeht. Dreierlei ist es, was wir hier an unserem Gott entdecken können.

I.

Gott begegnet uns, wann und wo er will. - Jakob hat diese Begegnung mit Gott wahrlich nicht gesucht und gewollt. Im Gegenteil: Er ist auf der Flucht! Und das hat Grund. Er ist ein Mann mit Vergangenheit. Eben der versucht er zu entkommen. Vielleicht kennen wir das von uns selbst: mit ungeklärter, drückender Vergangenheit hat man kaum Lust auf Beten und Gottesdienst.

Wir kennen Jakobs Vergangenheit. Er hat Leichen im Keller. Seinen älteren Zwillingsbruder Esau hat er übel hinters Licht geführt, sich für ein Linsengericht die Privilegien des Erstgeburtsrechts erschlichen. Jakob ist ein echtes Cleverle. Nach der bekannten Melodie "Was ich haben will, das steht mir auch zu!", holt er sich das, was er braucht, um nach oben zu kommen.

Nun ja, wie das bei Erbstreitigkeiten so geht, beim Geld hört bekanntlich die Geschwisterliebe auf. Und da bekommt es Jakob dann doch mit der Angst zu tun. Wer weiß, was der Bruder mit ihm anstellt. An körperlicher Kraft ist er ihm, dem Stubenhocker und Muttersöhnchen, ohnehin haushoch über. Da ist es besser, erstmal abzutauchen, in den Untergrund zu gehen, um Gras über die Sache wachsen zu lassen. Die Zeit wird die alten Wunder schon irgendwie heilen!

Das ist alles sehr menschlich, wir können Jakob verstehen. Aber nun muß er eine Erfahrung machen, die wir auch kennen: daß man nämlich seine Vergangenheit nicht so einfach abschütteln kann wie eine lästige Fliege im Gesicht! "Tief ist der Brunnen der Vergangenheit": mit diesem denkwürdigen Satz beginnt Thomas Manns großer Roman "Josef und seine Brüder", in dem auch die Geschichte Jakobs hinreißend erzählt wird. Jakob ist viel zu klug, um nicht sehr bald zu merken, wie tief der Brunnen seiner Vergangenheit ist.

In dieser desaströsen Lage wird Jakob ganz unerwartet mit Gott konfrontiert. Beim Einbruch der Dunkelheit, wenn die Wüste trostlos und bedrohlich wird, unter freiem Himmel, als der gehetzte Betrüger todmüde ist. Alles andere als das passende Setting für eine entscheidende Gottesbegegnung. Liebe Gemeinde, daran können wir sehen: Gott hat seine Orte und seine Zeiten, da er uns seine Nähe erfahren läßt. Jakob hat diese Begegnung nicht gesucht und gewollt. Wahrscheinlich gibt es unter Ihnen auch manche, die da einiges erzählen könnten, wie sie in ihrem Leben ganz ungesucht, unerwartet überraschende Erfahrungen mit Gott gemacht haben. Manchmal vielleicht in ähnlichen Situationen wie bei Jakob. In Zeiten, wo einem das Gefühl einer unbewältigten Schuld zu schaffen machte.

Und vielleicht haben Sie Gott dann auch so erfahren wie Jakob. Das ist für mich nämlich das Große an dieser Geschichte: daß Gott diesem Mann auf der Flucht nicht den Weg verbaut und ihn stellt, nach dem Motto: Halt, stehengeblieben, oder ich schieße! Was hast du deinem Bruder angetan - und deinem alten Vater? Denkst du, du kannst dich einfach so davonstehlen? Doch nichts davon. Die so naheliegende Frage nach der Schuld wird nicht gestellt. Gott kann nämlich auch ganz anders! Er verfährt nicht nach Schema F. Er begegnet uns, wann, wo und wie er will. Immer wieder besonders.

II.

Der Gott Jakobs ist der Gott, der den Abstand zu uns überbrückt. - Jakob legt sich schlafen und träumt. Das ist noch einmal ein eindrückliches Bild dafür, wie frei Gott ist: wir können nicht über ihn verfügen, Ort und Zeit seines Kommens nicht erzwingen. Unsere Träume können wir ja nicht produzieren. Sie kommen von selbst, steigen auf aus den tiefen Kellern unseres Unterbewußten, das wir nicht unter Kontrolle haben, in dem wir aber so authentisch 'wir selbst' sind wie sonst nirgendwo. So überfallen sie uns - mal als Alptraum, der uns schweißgebadet aufwachen läßt, mal als himmlisch-süßer Traum, bei dem eher das Erwachen zum Alptraum wird.

Jakobs Traum, das ist das Spannende, ist weder Alp- noch Wunschtraum. Aber es ist ein denk-würdiger Traum. Die Leiter, die ihm erscheint, ist nicht nach oben, sondern nach unten, zur Erde gerichtet. Vielleicht kann man es so sagen: der am Erdboden liegende Schläfer träumt sich nicht von der Erde weg, in den Himmel über den Wolken, wo die Freiheit wohl grenzenlos sein muß - sondern andersherum, der Himmel träumt sich gewissermaßen zu ihm auf die Erde herab! Diese Leiter, sie verbindet gleichsam den Ort, an dem Gott wohnt, mit dem Ort, wo er uns begegnet. Menschen sind auf der Leiter nicht zu sehen. Das heißt doch wohl: sie ist nicht für uns Menschen errichtet, die wir manchmal den Himmel stürmen wollen und dabei oft umso härter bei uns selbst, auf dem eigenen Hosenboden landen.

Nein, die Leiter ist den Engeln vorbehalten! Das ist wichtig. Denn es bedeutet: Die Bewegung geht von oben, vom Himmel aus! Von dort öffnet sich Gott den Menschen, überwindet er die unendliche Distanz. Jakobs Traumbild von der Himmelsleiter ist das großartige Gegenbild zu der düsteren Geschichte vom Turmbau in Babel. Dort wollten die Menschen in maßloser Selbstüberschätzung gottgleich werden und den Himmel stürmen. Hier erreicht uns Gott durch sein Entgegenkommen. Ein entgegenkommender Gott! Und deshalb sollen wir auch nicht unter einem verschlossenen, sondern unter dem geöffneten Himmel leben.

Liebe Freunde, eigentlich müßte man über diese Geschichte in der Adventszeit predigen. Denn dieser Traum von der Leiter, die von ganz oben nach tief unten führt, deutet eine Geschichte an, von der Jakob noch nichts wissen konnte, die wir aber kennen und von der wir leben. Die Geschichte vom Advent, von der Ankunft dessen, der ohne uns nicht Gott sein wollte und deshalb uns in allem gleich wurde. Jesus Christus hat Jakobs Traum aufgenommen und gesagt: "Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und hinab fahren über den Menschensohn" (Joh 1,51). Er ist Gottes gelebter Traum vom Menschen, von dir und von mir. Wer zu ihm die Verbindung nicht ein für alle Mal aufgibt, der sieht die Welt nicht hoffnungslos sich selbst überlassen, sondern weiß, daß Gott in ihr Fuß gefaßt hat und sie deshalb nicht mehr losläßt.

III.

Und schließlich das dritte, was uns die Geschichte über den Gott Jakobs nahebringt: Es ist der Gott, der mit uns geht und uns ans Ziel bringt. - Gott begegnet Jakob ja nicht bloß in einem wortlosen Traumbild, sondern er redet ihn an, persönlich. "... Siehe, ich bin mit dir, und will dich behüten, wo du hinziehst, ... bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe". Jakob muß weiter. Im Beth-El, im Gotteshaus kann man sich immer nur auf Zeit aufhalten. Er muß auf einen langen Weg, auf dem er oft am Morgen noch nicht weiß, wo er am Abend sein wird. Aber in allem Unbekannten war da doch eine letzte Gewißheit: er ging mit Gottes Segen. "Ich bin mit dir, und will dich behüten, wo du hinziehst". Liebe Freunde, das ist das Beste, was uns gesagt werden kann. Wir haben einen Gott, der nicht an einer heiligen Stätte festsitzt, zu der wir mühsam hin müssen, sondern der mit uns unterwegs ist. Der fest Ort, an dem er uns begegnet, und der weite Weg, auf dem er uns begleitet - Bethel und Mesopotamien, unsere Kirchen und unsere Alltagswege -, sie gehören zusammen.

Und vor allem: Unsere Wege stehen unter dem Versprechen, daß sie, wie krumm und gewunden sie auch verlaufen mögen, allemal Nachhausewege sein werden. "Ich bin mit dir ... und will dich wieder herbringen in dies Land", hat er zu Jakob gesagt. "Wenn ich erhöht werde von der Erde, will ich alle zu mir ziehen" (Joh 12,32), hat Jesus uns versprochen.

Liebe Schwestern und Brüder, das heißt: Gottes Geschichte mit uns läuft auf das ewige Zuhause zu, in das alle unsere Wander- und Fluchtwege, die Durst- und die Glücksstrecken einmünden sollen, und in dem Gott für immer mit uns zusammen sein will. Dort und dann wird Gottes Raum vom Menschen und unsere Träume endlich eins. Alle unsere Lebenswege sind in diesem Sinn Nachhausewege - auch die, die uns als Um- und Irrwege erscheinen.

Amen.