Christuskirche Freiburg, 18. n. Tri, 21.9.08

Bachkantate BWV 21 und Ps 42,6

Begrüßung und Einführung: "Ich hatte viel Bekümmernis" - der Text der Bachkantate, die heute zum Klingen kommt, beginnt mit dem Wort Ich. Schon das ist ein kleines Indiz dafür, dass die Kantate im Pietismus anzusiedeln ist. Nach der Reformation, in der über dogmatische Fragen gestritten wurde, ging es im Pietismus um die subjektive Aneignung der Glaubensinhalte. Wie sehen meine Erfahrungen mit diesem Gott aus, dem ich doch so gerne glauben und vertrauen möchte? Im Blick auf den ersten Teil der Kantate bin ich geneigt von einer "Ich-Kantate" zu sprechen. In Anlehnung an die Ich-Lieder, die Paul Gerhardt getextet hat. Ein Theologe hat vom geistlichen Vokalwerk Joh. Seb. Bach als einer "Musik-Sprache des Glaubens" gesprochen. Die Noten machen den Text lebendig. Lebendiger, als es der Text allein je sein könnte. Dabei bringt die Kantate ein Wechselbad der Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck, dem das gläubige Ich ausgesetzt zu sein scheint. "Die kräfftige Erquickung unter der schweren Angst=Last" - so ein Zitat als Titel eines Aufsatzes über die Entstehung der Kantate. Die schwere Angst-Last: Sie kommt im ersten Chorsatz zum Ausdruck. Das "Ich" eröffnet das Klagen mit drei eindrücklichen Akkorden. Die ganze Last, die das gläubige bzw. um den Glauben ringende Ich drückt, steht am Anfang gleichsam im Raum. "Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen". Der fugenähnliche Beginn des Chores wird nach einiger Zeit durch ein markantes "Aber" unterbrochen. Auch dieses "Aber" wirkt wie im Raum stehend. "Die kräftige Erquickung" unter dieser schweren Angstlast wird dann im bewegten lebendigen Schlussteil dieses ersten Chorsatzes anschaulich: "Deine Tröstungen erquicken meine Seele". Die folgenden zwei Arien mit einem Rezitativ dazwischen geben sich ganz dieser Angstlast des Ich hin. In Seufzern, Tränen, Kummer, Not, ängstlichem Sehnen, Furcht und Tod, in Jammer, Schmerz und Bächen von gesalznen Zähren gibt das Ich seinem Elend breiten Raum. Der Sturm und die Wellen, in denen das Ich unterzugehen droht - man hört sie förmlich über dem Ich zusammenbrechen. Beim Hören werden wir selbst gleichsam mit hineingezogen in den Grund und Höllenschlund.

Der Chor, der den ersten Teil der Kantate abschließt, erinnert inhaltlich an den Chorsatz vom Anfang, weil er wieder aus zwei Teilen besteht. Bei beiden Texten handelt es sich um Psalmverse (Ps 94,19: "Ich hatte viel Kummer in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele." und 42,6 usw.). Betrübnis und Unruhe als Ausdruck der Angst-Last werden kontrastiert mit dem Ausblick auf göttliche Hilfe und Trost.

[Gebet]

Kantate Nr. 1 bis 6

Predigt: Ps 42,6; 42,12; 43,5

Liebe Gemeinde,

"was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist."

Dieser Vers bildet in Psalm 42 und 43 einen Refrain, der die beiden zusammengehörenden Psalmen in drei Strophen unterteilt.

In diesem Psalm werden unterschiedliche Leiderfahrungen verdichtet. Der Text unserer gesamten Kantate lehnt sich an diesen Psalm an:

In der ersten Strophe des Psalms ist vom Durst der Seele nach dem lebendigen Gott die Rede. Eine Aussage, die in der Kantate breit entfaltet wird, lautet: "Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht." (Ps 42,4) Gott scheint sich ganz entzogen zu haben: "Wo ist nun dein Gott?" wird die Seele gefragt und sie fragt sich das auch selbst in ihrem Erleben der Gottferne.

In der zweiten Strophe fühlt sich die Seele durch chaotische Wassermassen bedrängt: "Deine Fluten rauschen daher, / und eine Tiefe ruft die andere; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich." (Ps 42,8) Auch das haben wir in der Arie ganz ähnlich gehört.

In der dritten Strophe ist von tödlicher Bedrohung durch gesellschaftliche Gewalt die Rede: "Warum muss ich so traurig gehen, / wenn mein Feind mich dränget? / Sende dein Licht und deine Wahrheit". (Ps 43,2f) Mit anderen Worten hören wir es zu Beginn des zweiten Kantatenteils im Rezitativ: "Hier ist ja lauter Nacht, [...] wo lauter Schalken seind." Daran schließt die Bitte an: "Brich doch mit deinem Glanz und Licht des Trostes ein."

Was die nächsten drei Teile der Kantate diesem Doppelpsalm 42/43 so verwandt macht, ist vor allem die dialogische Struktur.

Der Psalm ist ein Selbstgespräch im Innern der Beterin bzw. des Beters und eine betende Gottsuche. Die Seele stürmt auf ein Ich ein, das diese lebenshungrige, geängstete und bedrängte "Seele" zu Ruhe und Gelassenheit hinführen will. Das Ich rät zum geduldigen Warten auf Gott, der in der Vergangenheit doch Quelle des Lebens war und sicher auch in Zukunft verlässlich sein wird. Nochmals der Refrain: "Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken."

In der Kantate führen die Menschenseele und Jesus einen inneren Dialog. Jesus übernimmt dabei gleichsam den Part des starken Ichs, der die Menschenseele stabil und lebensmutig machen will.

Ganz symmetrisch ist der Text des Duetts aufgebaut. Zwischen Liebe und Hass, leben und sterben, verloren und erkoren sein bewegt sich der Dialog. Dabei ist die Musik wieder sehr textnah und deutet einzelne Worte affektreich aus.

Dem Psalm und der Kantate liegt vermutlich das zu Grunde, was wir heute eine depressive Krise nennen würden. Woher stammt diese Zerrissenheit? Liegt sie daran, dass wir aus einer symbiotischen Verbindung kommen, mit Gott, mit unserer Mutter - und von daher die Entzweiung und Not, die in unserer Welt vorherrschen, als so belastend empfinden? Oder ist der Grund für die Depression der Widerspruch zwischen den gesellschaftlichen Normen und Idealen und der persönlichen Erfahrung, nicht zu genügen.

Der Psalm und auch die Kantate haben eine therapeutisch Dimension: gegen die Verdrängung und gegen das Überspielen der Niedergeschlagenheit geben sie der Klage Raum. Die Überwindung der depressiven Krise braucht Zeit, sie fällt nicht vom Himmel, sie bedeutet Arbeit, sie beinhaltet auch den psychologischen Mechanismus der Projektion, in der unbewusste Regungen und Gefühle auf andere geworfen werden, im Psalm auf die Feinde, in der Kantate auf Jesus selbst, von dem die Seele meint: "Du hassest mich."

"Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der Herr tut dir Guts." - auch in diesem Chorsatz, den wir zuletzt hören, bleibt die dialogische Struktur bestehen. Ein verborgenes Ich oder Jesus selbst machen der Seele Mut: Sei nun wieder zufrieden! Damit verwoben sind zwei Strophen aus dem Choral "Wer nur den lieben Gott lässt walten". Sie unterstützen die Ermutigung "Sei nun wieder zufrieden". Sie versuchen zu trösten. Zugleich vermitteln sie: alle Notwendigkeit der Klage bedeutet nicht, wehleidig zu sein und nur noch um die eigenen Sorgen zu kreisen.

Der innere Dialog kann ein heilsames Mittel sein. Eine Stimmung, ein bedrängendes Gefühl der Angst oder Traurigkeit hat nicht mich; sondern ich habe das Gefühl. Ich bin nicht dieses Gefühl. Ich kann dazu auf Distanz gehen. Meine Seele, gib Dich zufrieden. "Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist."

Gott umfängt in Treue die Geschichte des Gottesvolkes und die jedes Einzelnen; diese Treue soll uns erneut aufgehen. Denken wir nicht, dass wir von Gott verlassen seien. In Jesus hat sich Gott als verlässlich erwiesen. Jesu Schrei in die Gottverlassenheit wurde erhört. Gott wurde seines Angesichts Hilfe. Und Gott wird auch unsere Hilfe sein. Wir brauchen das gemeinsame Feiern dieses Gottes und wir brauchen die "Musik-Sprache des Glaubens", weil sie uns emotionale und soziale Kraft zu geben vermögen. So sei es. Amen.

Kantate Nr. 7 bis 9

[Fürbitten und Vaterunser]

Wie es sich für einen Gottesdienst gehört: Die abschließende Arie und der abschließende Chor sind des Trostes und Glanzes voll. Wir hören diese ganz am Ende des Gottesdienstes.

Kantate Nr. 10 und 11