KonfirmandInnen-Vorstellung, 21.9.08, Petrussaal Freiburg

Predigt: 1 Kor 13,4-7 und Mk 12,28-31

Und es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?

Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,

und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5.Mose 6,4-5).

Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

die Stimmgabel zum Klingen bringen

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

gestern haben wir einige der Lieder geübt, die wir heute gemeinsam gesungen haben oder noch singen werden. Markus Franke und ich hatten keine Gitarre dabei - da ist passiert, dass wir nicht auf Anhieb den richtigen Ton getroffen haben; zu hoch oder zu tief haben wir angestimmt, meistens eher zu hoch.

Mit dieser Stimmgabel kann ich immer den richtigen Ton finden. Die beiden Gabelstäbchen geraten durch einen leichten Schlag in Schwingung und erzeugen auf diese Weise immer den gleichen Ton. Ein A. Das ist das Entscheidende einer Stimmgabel: Egal, ob ich in einem warmen Zimmer oder in klirrender Kälte im Freien mich aufhalte, egal, ob ich ein Lob- oder ein Klagelied anstimmen will, egal also welche Atmosphäre und Stimmung vorherrscht: mit dieser Stimmgabel finde ich immer den richtigen Ton.

Das schaffen wir Menschen nicht. Wir sind lebendig. Und deshalb können wir unendlich viele Schwingungen in uns erzeugen. Wenn wir geschlagen werden, reagieren wir ganz anders als wenn uns jemand zärtlich berührt. Unsere Laune kann vom Wetter abhängig sein. Und uns prägt die Stimmung, die andere machen. Es ist schwer, heiter zu bleiben, wenn einer eine miese Stimmung verbreitet. Und Traurigkeit kann schnell verfliegen, wenn uns etwas Schönes passiert.

Wir Menschen sind keine Stimmgabeln. Zum Glück nicht. Das wäre sehr langweilig.

Und doch kommt eine solche Stimmgabel heute in der Predigt zum Einsatz. Warum?

Es gibt ein Wort, das beide biblischen Texte, die wir gehört haben, miteinander verbindet. Dieses Wort heißt Liebe, im Griechischen Agape.

Mir scheint, mit dieser Liebe ist es wie mit einer Stimmgabel: Sie trifft immer den richtigen Ton.

Paulus macht in 1 Kor an insgesamt 14 Beispielen deutlich, wie die Liebe wirkt. Das ist einer der berühmtesten Texte des NT und ich kann mir nicht einen Menschen vorstellen, den dieser Text kalt ließe. Wäre es nicht wunderbar, wenn alle Menschen von dieser Liebe erfüllt wären, immer diesen Ton der Liebe träfen?! "Die Liebe ist freundlich, die Liebe bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig" usw.

"Benehmen" war eine der Regeln, die die Mädchen sich gestern für den KU gegeben haben. Darüber hab ich mich ein bisschen gewundert. Doch ich kann das Wort so füllen: Wir sind eine Gemeinschaft, in der alle sich benehmen, aufeinander achten, sich niemand in den Vordergrund spielt, jede und jeder aufmerksam und rücksichtsvoll ist usw. Wenn es so wäre: Das wäre ein Zusammenleben und Zusammenarbeiten und Zusammenfeiern, von dem wir wohl nur träumen können.

Die Gebote und Weisungen der Bibel, unsere Regeln für den KU, sie sind so etwas wie eine Stimmgabel: Sie wollen uns helfen, den richtigen Ton zu finden, immer neu, in allen Begegnungen, in unserem Leben, Lieben und Arbeiten. Es gibt Menschen mit einem absoluten Gehör. Die brauchen keine Stimmgabel. Die haben das A in sich. In der Musik. Doch in Sachen der Liebe sind wir alle, ausnahmslos alle, auf eine solche Stimmgabel angewiesen. Wir sollen uns immer neu an der Liebe orientieren und können daran überprüfen, ob wir gerade verstimmt sind. Und wir können schauen, zu welcher Stimmung wir gerade beitragen.

Am besten wäre es, mehrmals am Tag, immer wieder kurz, diese Stimmgabel der Liebe hervorzuholen und innezuhalten: Stimmt die Musik, die ich gerade spiele? Bin ich noch in der richtigen Tonart? Das ist geistliches Leben: Eine immer neue Orientierung an der Liebe - wie an einer Stimmgabel in der Musik.

Im MK-Ev antwortet Jesus auf die Frage nach dem höchsten Gebot mit dem sog. Doppelgebot der Liebe. Das steht in Eurem Konfipass und ist Stoff zum Auswendiglernen. Dieses Gebot hat zwei Richtungen, eine vertikale und eine horizontale. Wir sollen Gott lieben und unsere Nächsten wie uns selbst. Beides gehört untrennbar zusammen.

Ganz wichtig ist, wie Jesus dieses Gebot einleitet: "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein." Das ist zum spirituellen Leitwort der jüdischen Glaubensgeschwister geworden.

Gott hat gesprochen und spricht, Gott hat sich offenbart und offenbart sich, Gott hat sich gezeigt und zeigt sich - und nun: höre.

Was gilt es zu hören und damit auch zu erkennen?

"Der HERR ist unser Gott, ist der HERR allein". Gott ist einzig und einzigartig. Dieser Gott ist unbegreifbar. Nicht in Begriffe zu pressen und handhabbar zu machen. Von diesem Gott glauben wir zweierlei: Er ist da, präsent, gegenwärtig, lebendig. Und er sorgt für uns. So überliefert es die Bibel, in vielen Geschichten des Ersten Testaments und in vielen Erzählungen im NT, die von Jesus handeln. Gott Einer. Allein. Einzig. Präsent und fürsorglich. Keine anderen Götter sollen daneben Platz haben. Gott, einzig und einzigartig. So wie wir Menschen, Frauen und Männer, als seine und ihre Abbilder einzigartig sind, in unserer Verschiedenheit verbunden und gleich in unserer jeweiligen Einzigartigkeit, unserer Würde, unserem Wert.

Am Anfang, bevor Jesus aus der hebräischen Schrift das Doppelgebot zitiert, steht dieses: Höre! Erkenne! Der göttlichen Stimme verdankt die Welt ihr Dasein. Diese Stimme war bei der Erschaffung der Welt zu hören. "Und Gott sprach: Es werde Licht." Diese Stimme widerhallt in der Stimme, die am Sinai zu hören ist, bei der Offenbarung der 10 Gebote. Diese Stimme kam in Jesus zu Wort. Diese Stimme spricht auch hier und heute. Höre. Sei offen. Sei aufmerksam! Erkenne: Die Welt ist nicht in sich abgeschlossen. Du, Mensch, bist nicht an Dich selbst gekettet. Du bist nicht eingeschlossen in dich selbst. Höre. Alles lebt aus Gottes Wort. Gott atmet, Gott spricht in allem. Durch den Lärm hindurch tönt Gottes heilvolle Stimme.

Jetzt kommt wieder unsere Stimmgabel ins Spiel: Höre auf den Klang der göttlichen Liebe.

Und dann: Orientiere Dich neu an diesem Gott. Nur aus seiner Liebe heraus, weil Du, Mensch, von ihm geliebt bist, kannst Du Dich selbst und andere lieben. Gottes- und Nächstenliebe hängen zusammen. Aber auch Nächsten- und Selbstliebe gehören untrennbar zusammen. Ich kann meine Nächsten nicht lieben, wenn ich mich selbst nicht liebe. Und ich kann mich selbst und meine Nächsten nicht lieben, wenn ich kein Vertrauen habe in Gott, der mich trägt, die Ja zu mir sagt wie kein Mensch je Ja zu mir sagen kann, deren Liebe stärker ist als der Tod.

Die Stimmgabel erinnert daran: Nur in Gott findest Du den richtigen Ton. Alle anderen Götter, an die Du Dein Herz hängen willst, sind nur handgemachte Götzen! Sie sind nicht tragfähig. Sie geben keinen Halt. Höre! Gott allein ist tragfähig. Ihm, ihr kannst Du vertrauen. Darauf kannst Du Dich einlassen und verlassen.

Das Gebot zu lieben ist eine Einladung, liebesfähig zu werden. Dazu haben wir ein ganzes Leben lang Zeit. Damit beginnen wir jeden Tag neu. Dabei können wir uns immer wieder an der Stimmgabel orientieren, dem Ton der göttlichen Liebe orientieren, der durch uns hindurchtönen will. Amen.