Mit allen Lebenswassern gewaschen - Taufpredigt über Ps 36, 10

8. Sonntag n.Tr. - 13.7.2008, Christuskirche Freiburg

- Taufen von Mathilda u. Jonathan Brück, Luk Stremmel und Elias Balthasar Wiebel -

Liebe Gemeinde, und in ihrer Mitte: liebe Taufeltern und Paten!

"Es weht Westwind. Er kann einen Menschen in 19 Stunden austrocknen. Ich kann gerade noch meinen Mund öffnen, auch wenn er hart ist und schmerzt. Das schlimmste ist, daß ich leuchtende Flecken sehe. Wenn sie zu Flammen werden, breche ich zusammen". Diese Sätze stammen von dem berühmten Autor des "Kleinen Prinzen", Antoine de St.-Exupéry, dem fliegenden Dichter und Gottsucher. 1935 war er über der Sahara abgestürzt. Bevor ihm die Sinne schwanden, geschah das Unwahrscheinliche: "Ein Wunder, ein Wunder! Es kommt auf uns zu wie Gott über das Meer... Und nun trinken wir, auf dem Bauch liegend, den Kopf im Wasser wie Kälber."

Man muß nicht eine solche Grenzsituation mit dem Tod vor Augen durchlebt haben, um zu wissen, was es heißt, zum frischen Wasser zu kommen. Wer schon mal unterwegs war auf einen Dreitausender oder noch höher, in sengender Sonne, die Feldflasche längst ausgetrunken, und bei jedem Schritt die verführerische Frage: pack ich's noch, oder will ich nicht lieber umkehren - und dann sprudelt hinter einer Ecke ganz unverhofft frisches, klares Bergwasser aus den Felsen hervor - der weiß, was St.-Exupéry da beschreibt.

I.

Wenn jetzt bald die großen Ferien kommen, zieht es wieder Unzählige an Quellen, Seen und Strände. Warum fliegen und fahren - koste es auch in Zeiten knapper Geldbeutel, was es wolle - Millionen zu den nahen und den fernsten Ufern? Es gibt eine menschliche Ursehnsucht nach Wasser. Ich weiß, was ich da sage, denn eben dies ist der einzige Grund, weshalb ich manchmal, jedenfalls jetzt im tropischen Freiburger Sommer, noch etwas wehmütig an meine vorherige Heimat am Bodensee zurückdenke...

Das Wasser steht wohl deshalb für Gesundheit, Freude und Freizeitgefühl, weil es uns auf eine intuitive Weise mit dem Geheimnis der Lebenserneuerung verbindet. Das ist der Grund, weshalb die Bibel an vielen Stellen in den sprudelnden Wasserquellen ein Symbol, ein anschauliches Gleichnis für Gott selbst entdeckt. Und wie alle menschlichen Ursehnsüchte ist auch die Sehnsucht nach Wasser letztlich nichts anderes als ein Ausdruck der Sehnsucht nach dem, der die wahre Quelle des Lebens ist.

Auch wenn wir längst auf dem Trockenen sitzen, hängen wir doch ganz und gar vom Wasser ab. Wir Menschen sind nun einmal ziemlich wässerige Wesen. Fast 70 % von uns besteht aus H2O. Bereits bei einer Temperatur von 30 Grad schwitzen wir ca. acht Liter pro Tag heraus, wie man in Freiburg oft genug leidvoll erfahren kann. Nur ein Beispiel von vielen, das deutlich macht, welch kostbares Lebenselixier das Wasser ist, und ein wie schwieriges Problem die Wasserbeschaffung: denn nur 4 % allen Wassers auf Erden ist Süßwasser.

Obwohl Wasser sich als Eis, als Flüssigkeit oder als Dampf über die ganze Erde hin gleich bleibt, lösen sich in ihm alle anderen Elemente auf. Das Wasser kann sich mit allem verbinden und deshalb auch die anderen Stoffe über die ganze Erde befördern. Die ungeheuren Mengen an Wärme, die unser Klima erst lebensfreundlich machen, sie werden durch die Meeresströme gespeichert. Das Wasser führt unseren Zellen all das zu, was sie an Nährstoffen brauchen. Etwas poetisch gesagt: Selbstlos wie kein anderes Element dient das Wasser allen anderen Elementen und bleibt sich in dieser Eigenschaft treu. Es ist das globale Element schlechthin. Beim ersten großen Denker der frühen Christenheit, dem römischen Kirchenvater Tertullian, heißt es: "Einfach, heiter und rein bietet sich das Wasser Gott als sein würdiges Fahrzeug an."

Wenn mir manchmal die Starrheit und Verkrustung von Kirche und Welt zusetzt, finde ich es tröstlich, daß der Weg zum Leben durch das Wasser führt, also durch die Verflüssigung von alten Zuständen. Wer sich ins Wasser traut, löst sich nicht nur körperlich von alten Verkrustungen. Wenn wir für andere zu einem Strom des Lebens werden, dann sind wir wirkliche Mit-Menschen, deren Lebendigkeit sich gewaschen hat. Jesus sagt es so: "Wer von dem Wasser aus dem Brunnen trinkt, den wird wieder dürsten; war aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht mehr dürsten, sondern dieses mein Wasser wird in ihm eine Quelle werden, die in das ewige Leben quillt" (Joh 4,14).

Es stimmt ja wirklich: Sei es als Regen, oder als Verdunstung - Wasser ist das Element, das oben und unten, Himmel und Erde immer wieder miteinander verbindet. Und nicht nur oben und unten: am Wasser haben Menschen seit jeher gesiedelt, es hat eine eminent soziale, menschen- und völkerverbindende Bedeutung. Und schließlich verbindet es auch den Menschen mit der nichtmenschlichen Kreatur. Das Wasser, sagte Hildegard von Bingen, ist die Seele der Erde.

II.

Kurz gesagt: Im Wasser werden wir offen für Gottes Dasein in dieser Welt. Deshalb gibt es kaum ein schöneres und wahreres Bild für unseren Gott als das Bild der sprudelnden Quelle. "Bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht": heißt es im 36. Psalm. An der Quelle: das ist da, wo alles noch frisch und neu ist. Da sprudelt noch quicklebendig, was später träge und trübe dahinfließt. An der Quelle ist das Leben noch ursprünglich und unverdorben. Wer an der Quelle sitzt, wird unmittelbar und unerschöpflich versorgt. "Der sitzt an der Quelle" - wenn wir das von jemand sagen, schwingt Neid mit. Wenn wir doch auch da wären!

Aber wer lebt schon ursprünglich? Wer von uns sitzt an der Quelle? An einer Geldquelle vielleicht der eine oder andere. Das ist auch nicht zu verachten. Geld beruhigt ja bekanntlich. Aber ebenso bekanntlich kann es nicht glücklich machen. Und das heißt, es kann den Durst nicht löschen, jenen Durst, der in dem bekannten Psalmbild vom Schrei des Hirsches nach frischem Wasser so symbolkräftig beschrieben ist: den Durst der Seele, der um so brennender wird, je weiter sich unser Leben vom Ursprung entfernt. Und mit dem Lebensdurst wächst die Sehnsucht nach dem Ursprung, nach einem ursprünglichen Leben, frei von all dem, was wir unterschwellig so mit durch unser Leben schleppen: Enttäuschte Hoffnungen, Zweideutigkeiten, Lebenslügen, Schuld an uns selbst und an anderen. Zurück zum einfachen, klaren, besseren Leben - zurück zu den Quellen!

Dabei ist dieses "Zurück" ja kein Rückschritt, keine Regression, sondern in einem bestimmten Sinn der Beginn eines Fortschritts. Denn wer zu einer Quelle will, muß ja aufwärts gehen. Quellen liegen höher als Flüsse, Seen und Meere. "Zurück zu den Quellen", das heißt in einem tiefen Sinn, sich nach oben zu bewegen. Und genau das, die Bewegung nach oben, das Sich-Aufrichten aus der gebückten, eingekapselten Haltung des Menschen, der immer nur aus sich selbst und für sich selbst leben will, der eine Runde nach der anderen um sich selber dreht, also des Menschen, den die Bibel mit dem uns heute so verstaubt vorkommenden, aber immer noch realistischen Wort Sünder bezeichnet - diese Bewegung aus der Tiefe in die Höhe ist, so sieht es die Bibel, die Grundbewegung des Menschen, wenn er die Beziehung, die Gott zu ihm aufgenommen hat, seinerseits annimmt und gestaltet. "Ich hebe meinen Augen auf zu den Bergen", so beginnt der berühmte 121. Psalm. Also dorthin, wo die Quellen sind...

"Zurück zur Quelle", das heißt freilich auch: gegen den Strom waten. Es ist immer ein Weg gegen Widerstände, ein Antreten gegen den Trend, ein Zusammenprall mit Kopfschütteln. An Jesus können wir das von A bis Z sehen, wenn wir es als Christen nicht alle auch aus eigenem Erleben wüßten. In manchen Milieus muß man sich fast schon dafür rechtfertigen, daß man diesem zopfigen Verein namens Kirche immer noch angehört. Kirche, Christsein - das gilt in unseren Breitengraden heute eher als uncool. Auch dafür, für die Herausforderung, die der Weg zur Quelle unseres Lebens eben auch darstellt, ist das Wasser der Taufe sowohl Symbol wie auch Wegzehrung.

III.

Das vorhin genannte Wort aus Psalm 36 ist wunderbar geeignet, uns aus unterschiedlichster Richtung die tiefe Symbolik des Taufwassers vor Augen zu führen. "Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht": nicht nur der erste Teil dieses Worts, sondern auch sein zweiter wird durch die Symbolik des Taufwassers ausgelegt.

Die Taufe ist ja gewissermaßen ein Wasserzeichen im übertragenen Sinne. Wir wissen alle, was ein Wasserzeichen ist: ein Zeichen in einem Blatt Papier von besonders guter Qualität. Auf so ein Blatt Papier kann man viel schreiben: Gescheites und Dummes, Liebevolles und Verletzendes. Auf einem Blatt Papier kann radiert, durchgestrichen, verbessert, Neues geschrieben werden. Ein Blatt Papier - wir sehen es an unseren Kindern - kann zum Schluß sehr schön aussehen oder auch ziemlich chaotisch. Wie auch immer: Was auf einem Blatt Papier geschrieben steht - ein Zeugnis zum Beispiel, ein Gutachten in einem Prozeß oder eine politische Vereinbarung -, kann Lebenswege bestimmen und verändern.

Was aber nie verändert oder zerstört werden kann, ist das Wasserzeichen in dem Papier. Normalerweise sieht man es gar nicht. Doch wenn wir das Wasserzeichen gegen das Licht halten, gegen die Sonne: dann erkennen wir es. Das Wasserzeichen, das sagt, wer das Papier gemacht hat. Und ein Wasserzeichen kann niemand ändern oder eliminieren.

Liebe Gemeinde, jeder einzelne von uns gleicht einem solchen Stück Papier. Die Bibel spricht ja nicht zufällig manchmal vom "Buch des Lebens". Am Anfang ist unser Lebensblatt noch weitgehend weiß und unbeschrieben, so wie bei unseren Neugetauften. Aber je älter sie werden, desto mehr steht auf ihrem Blatt, so daß hoffentlich nie jemand sagen wird: Der oder die ist für mich ein unbeschriebenes Blatt! Viele werden auf das Lebensblatt unserer Täuflinge schreiben: Die Eltern zuerst und besonders kräftig, die Paten hoffentlich auch, dann die ersten Freunde, später die Lehrer, und irgendwann ein Mensch, der mit dem Auge der Liebe auf sie blickt. Manches von dem, womit sie so beschrieben werden, werden sie selber einmal wieder ausradieren, denn irgendwann kommt die Zeit, wo wir unser Lebensblatt auch selber kräftig beschriften müssen. Sonst blieben wir kindisch.

Aber beschriebene Blätter sind wir alle miteinander! Wir sind beschrieben mit Wichtigem und Banalem, mit Schönem und Traurigem. Entscheidend aber ist, und das feiern wir heute: das Blatt Papier, das wir sind, ist seit dem Tag unserer Taufe unauslöschlich beschrieben mit einem Zeichen aus Wasser. Von heute an werden Mathilda, Jonathan, Luk und Elias das Wasserzeichen Taufe tragen. Dieses Zeichen, durch das Gott zu ihnen sagt: Du gehörst zu mir, du bist mein Kind, komme was da wolle. Das geht von mir her nie mehr weg. Die Taufe, "das unauslöschliche Siegel", wie Martin Luther es genannt hat. Mit diesem Siegel, diesem Wasserzeichen eigener Art bleiben unsere Täuflinge gezeichnet - was immer auch alles im Lauf ihres Lebens auf ihr Blatt geschrieben wird.

Und auch mit diesem besonderen Wasserzeichen ist es wie mit den normalen Wasserzeichen: Normalerweise sieht man es nicht. Normalerweise ist auch das Wasserzeichen Taufe für unsere Augen verborgen. Man kann es nur entdecken, wenn man das Papier gegen helles Licht hält. Eben darum haben wir vorhin die Taufkerzen angezündet. Sie ist auch ein Symbol. Nämlich dafür, daß, wenn Gottes Licht unseren Getauften leuchtet, wenn andere sie im Licht Gottes sehen, daß dann dieses Wasserzeichen Taufe sichtbar wird. - Oder das selbe mit anderen Worten: "...in Deinem Lichte sehen wir das Licht".

Amen.

Lieder: 447,1+2+6+7 / 211,1-4 / 325,1+2+6 / 648,1-3 / 508,1+2