Auch Buße ist nicht billig - Predigt über 2. Samuel 12, 1-15

11. Sonntag n.Tr. - 3.08.2008, Petrus- u. Christuskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

"Gott ist einsam geworden. Es gibt keine Sünder mehr." (Paul Schütz) - hat ein Theologe des 20. Jahrhunderts einmal resigniert und ironisch zugleich festgestellt. Denn natürlich hat er gewußt, daß das nicht stimmt. Natürlich gibt es noch Sünder, und zwar jede Menge. Die anderen nämlich! Und so ganz allgemein und abstrakt gesehen natürlich auch uns selbst. Das "wir sind allzumal Sünder" des Apostels Paulus geht uns erstaunlich leicht ins Herz und über die Lippen, als kollektives Schuldbekenntnis am Beginn jeden Gottesdienstes. Ich bin immer wieder überrascht, was passiert, wenn ich am offenen Grab nach dem Erdaufwurf mich zu den Trauernden wende und den Satz sage: "Wem er etwas zuleide getan hat, der vergebe ihm, weil wir als Menschen alle Sünder sind und von der Vergebung leben." Jedes Mal, wenn ich das sage, blicke ich in nachdenkliche Gesichter, und viele nicken, wenn sie so an ihr Sündersein erinnert werden. Solche ganz grundsätzlichen, allgemeinen Erinnerungen an die conditio humana sozusagen, an unser Dasein und Mitverstricktsein in die Unsauberkeit dieser nicht erlösten Welt, die tun uns offenbar nicht weh, da können wir uns gut drin wieder finden. - Aber wehe, es käme jemand und würde mich nicht allgemein und abstrakt, sondern ganz konkret eines bestimmten, klar benennbaren Vergehens schuldig sprechen. "Du bist der Mann!" Wer wollte es wagen, mich so ins Visier zu nehmen? Schließlich habe ich mich doch mein ganzes bisheriges Leben lang gemüht, schwere Fehler zu vermeiden, ein einigermaßen anständiger, sozialverträglicher Mensch zu sein, nicht auf Kosten anderer zu leben und dergleichen…

Was also geht mich, geht uns diese alte Geschichte an, in der eben dies geschieht? Werden wir anständigen Gottesdienstbesucher und ehrbaren Prediger uns ansprechen lassen von einem Propheten, der den Finger sehr schmerzhaft in verborgene Wunden legt? "Bitte nicht stören", antwortet unser Unterbewußtes dem Gott, der sich danach sehnt, schuldig gewordenen Menschen Vergebung und Gemeinschaft zu schenken. Aber nun erzählt uns die Bibel ja von A bis Z, daß die, die sich von Gott haben stören, lassen, eben darin von ihm Heil und Leben empfingen.

I.

Also, noch einmal: was geht uns diese uralte Story an? Wir könnten es uns ja leicht machen: Herrliche Historienfolklore das alles, ein Stück der überbordenden Fabulierlust der Erzähler des Vorderen Orients, die uns als Kinder in den Geschichten aus 1001 Nacht so fasziniert hat. Toll eigentlich, daß sich dergleichen sogar in der Bibel findet, wieder einmal ein Beleg, daß dieses Buch der Bücher alles andere als langweilig und verstaubt ist! Ein Stoff, aus dem die Märchen und Parabeln sind: Machtversessene Sultane, die sich ihre Launen leisten, mit jeder Menge Frauen, mißratenen Kindern und mißliebigen Untertanen. Ab und zu ein unglücklicher Kronprinz, der wie Davids Sohn Absalom seinen unseligen Aufruhr macht, bis irgendein finsterer Pascha dem Spuk ein Ende macht. Spannend zu lesen, weit weg von unseren Verhältnissen bürgerlich gesitteter "Kirchlichkeit". Keiner unter uns würde, und hätte er sich noch so sehr in einen anderen Menschen verliebt, mit List und Heimtücke den Tod von dessen Ehepartner organisieren, um freie Bahn zum Glück zu haben.

Im Kirchenkampf des "Dritten Reichs", der hier an dieser Kirche noch vielen in lebendiger Erinnerung ist, hätten die sog. 'Deutschen Christen' zeternd von einer schmutzigen Untat gesprochen, die eben aufzeige, wie "der Jude" ist und immer schon war, und daß das Alte Testament solcher ekelhafter Geschichten wegen nicht in die christliche Bibel gehört. Solche Töne sind uns Gottseidank vergangen. Nein, die Geschichte von David und den Auswirkungen seines Machtrauschs ist eben kein Schnappschuß orientialischer Dekadenz. Sie ist aufgeschrieben worden als ein offenbar wichtiges Kapitel aus der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Und unser Text, der Auftritt des Propheten Nathan bei seinem König, ist gleichsam ein Beichtgespräch, das der Weltgeschichte und der Weltliteratur angehört.

Was ist passiert, daß es zu diesem denkwürdigen Beichtgespräch kommen mußte? David, der größte König in Israels Geschichte, Nationalheld und Vorbild an Frömmigkeit, hat, wie man so sagt, die Bodenhaftung verloren. Nachdem er Israel zu einer vor und dann auch nach ihm nie mehr dagewesenen außenpolitischen Macht gebracht hat, greifen auch bei ihm die Mechanismen, vor denen kaum ein Mensch in außerordentlichen Machtpositionen gefeit ist: die Macht korrumpiert, berauscht den, der sie scheinbar so unumschränkt hat. Mögen vor Recht und Gesetz auch alle gleich sein, ich bin eben doch noch ein bißchen gleicher… Wir könnten sofort aus dem ff viele Beispiele aus unserer Zeit anführen, besonders prominent ist der tiefe Fall des vorletzten Bundeskanzlers aus eben diesen Gründen.

Also, David sieht von ferne eine Frau, wunderschön und begehrenswert. Was soll's, daß er schon diverse in seinem Harem hat - er will der jungen Schönen mehr als nur schöne Augen machen. Er läßt Bathseba, so heißt sie, zu sich bringen, und dann wird nicht lange gefackelt. Eine gemeinsame Nacht, und die Frucht derselben läßt nicht lange auf sich warten. L'appétit vient en mangeant, wie man so sagt, und David spürt bald, daß er es nicht bei einem flüchtigen one night stand belassen will. Er muß Bathseba haben, und zwar ganz und für sich. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, und mag der noch so kriminell sein: David befielt seinem Heereschef Joab, Bathsebas Mann, den Offizier Uria, mit einem Himmelfahrtskommando zu betrauen, von dem dieser nach allem militärischen Ermessen nicht lebend zurückkehren kann. Die Rechnung geht auf. Uria fällt, der Weg zur Geliebten ist frei. Und die schenkt ihm ein Kind.

Ein Sittenskandal erster Ordnung bei Hofe. Sex and crime, der Stoff, aus dem unsere bunten Blätter sind, mitten in der Heiligen Schrift! Auf den ersten Blick ist das ziemlich erstaunlich. Aber solche Geschichten stehen doch wohl deshalb in der Bibel, um uns die Frage zu stellen, ob der Graben von drei Jahrtausenden wirklich so breit ist, wie wir vielleicht denken. Wir ahnen doch, wenn wir manchmal, in ruhigen Momenten, aufmerksam in uns selbst hinein horchen, wie viel Schatten wir mit uns tragen, wie bruchstückhaft unser Leben ist, auf wie dünnem Eis wir manchmal gehen! Und das ist ja das Großartige an der Bibel, daß sie kein Heiligenkanon ist, keine Ruhmesgalerie großer moralischer Vorbilder. Und daß sie nicht nach der Melodie entstanden ist: wir Gläubigen sind halt bessere Menschen. David ist ja der Mensch, in dessen Namen die meisten Psalmen zu uns gekommen sind: diese unvergleichliche Gebetsfibel für die ganze Welt, deren Worte und Verse seit Jahrtausenden immer wieder Menschen den Mund für Gott auf- und ihnen Gott erschließen. Und hinter der geschichtlichen Größe von Davids Königtum leuchtet für Israel bis heute das Hoffnungsbild des Messias, der sehnsüchtig erwarteten Erlösers auf. Und als "Davidssohn" besingt und bekennt die Christenheit seit 2000 Jahren ihren Herrn. Kein anderer also als so einer, ein Gigant im Gottesvolk, findet sich hier in einer abgrundtiefen, absolut selbst verschuldeten Verstrickung und Blutschuld vor.

II.

Sie sind also nicht aus anderem, edleren Holz geschnitzt als wir, die großen Reich-Gottes-Figuren der Bibel. Und Nathan, der Prophet, ist kein aalglatter Oberhofprediger, der auf Staatskosten ein angenehmes Leben führt und mit schönen Sonntagsreden den Mächtigen nur sagt, was die hören wollen. David hat ihn ja auch keineswegs zu einem seelsorgerlichen Gespräch zu sich gebeten, sondern Nathan selber kann nicht anders, als sich auf den schwierigen, für ihn persönlich mit Angst und Risiko behafteten Weg zum König zu machen. "Und der Herr sandte Nathan", heißt es lakonisch. Bei dem Getuschel in den Bazaren Jerusalems, wo man sich sicherlich mit Wonne die Mäuler zerreißt über diffuse, aber irgendwie nicht enden wollende Gerüchte über die kleinen Geschichten, die der große König so macht, will Nathan nicht mitmachen. Er geht in die Höhle des Löwen und sagt dem König von Mann zu Mann, auf den Kopf zu, was Sache ist.

Aber wie er das tut! Wir haben hier mitten im alten Testament, 3000 Jahre alt, ein Musterbeispiel eines eminent klugen seelsorglichen Beichtgesprächs, von dem wir PfarrerInnen viel lernen könnten. Nathan konfrontiert David nicht unmittelbar direktiv mit dessen Schuld, so wie ein Kommissar, wenn er endlich dem gesuchten Verbrecher im Visier hat: "Halt, stehenbleiben, oder ich schieße!" Nein, er nimmt selbst bei der Schwere dieser Schuld den Mörder als Person immer noch so ernst, daß er ihm zutraut, selber zur Einsicht in die Tragweite seines Tuns zu kommen. Ohne eine Moralpredigt. Das ist große seelsorgliche Weisheit. Nathan bedient sich einer Parabel, einer Geschichte aus der Welt, der David, der einst nichts als ein Hirtenjunge gewesen war, selber entstammt. Nathan setzt die Geschichte geschickt ein. Er gibt vor, seinen König in dessen Funktion als oberster Richter anzusprechen und ihm einen streitigen Rechtsfall vorzulegen.

Nathan tut damit gleich mehreres, was beispielhaft für ein derart schwieriges, sensibles Gespräch ist. Die Geschichte, die er erzählt, schafft dem David Freiheit zu einem sachgemäßen Urteil, weil er sich in der Gesprächssituation nicht bedroht fühlen muß. Es geht ja, scheinbar, nicht um ihn. Außerdem ermöglich ihm das eine Art Perspektivenwechsel: da David in den Konflikt, den Nathan ihm vorträgt, nicht verwickelt ist, kann er ihn aus der Sicht eines neutralen, außenstehenden Beobachters ansehen. Außerdem gelingt es dem Propheten mit diesem Mittel, daß David sich aus eigenen, freien Stücken auf sein ureigenstes Rechtsempfinden besinnt.

David wird also, wie später so oft sein Sohn Salomo, scheinbar amtlich in Anspruch genommen - und ahnt nicht, daß er seinen eigenen Fall vorgetragen bekommt. Über den er, jetzt nach über einem Jahr, längst Gras genug gewachsen wähnt. Aber Gott hat sich einfach nur Zeit gelassen. Jetzt geht er durch seinen Propheten die Sache an: "Du bist der Mann!" Und mit einem Mal fällt es dem großen König wie Schuppen von den Augen, und er findet sich als Beichtkind wieder - das sich selbst das Todesurteil spricht. So wird der oberste Gerichtsherr mit einem Ruck auf den Platz des Verurteilten gestellt. Nathan, und auch das ist eindrücklich, führt David die ganze Tiefe seines Falles dadurch vor Augen, daß er ihn jetzt nicht mit einer Suada überschüttet, sondern ihm einfach klar macht, wie nobel Gott ihn behandelt, wie er gerade ihn, David, zu einem Glückskind gemacht hat: 'Eine unvergleichliche Stellung in Israel habe ich dir gegeben. Du hättest wahrlich spüren können, wie ich meine Hand über dir hielt. Und was die Freude an der Frauenwelt angeht, habe ich dich auch alles andere als kurz gehalten! Und du hast dennoch so gehandelt, als habest du das alles nie wahrgenommen?!'

III.

Nicht wahr, liebe Gemeinde, das ist jetzt gar nicht mehr 3000 Jahre weg von uns! Sind wir auch keine Davide, aber da erkennen wir uns, wenn wir ehrlich sind, gut wieder: was Gott uns tagtäglich schenkt, wovon wir selbstverständlich leben, auf wie weiten Raum wir gestellt sind, das sehen wir normalerweise kaum. Was wir nicht haben, darauf sind wir umso mehr eingetaktet. Das wollen wir unbedingt haben. Wir Menschen sind leider oft genug defizitfixiert.

Und wenn wir, selten genug, dann einmal etwas ähnliches erleben wie hier David, also daß einer auf uns zukäme und uns ganz direkt, ohne Drumrumgerede mit einer schweren Schuld konfrontierte, die wir auf uns geladen haben, dann würden wir wohl mindestens gedanklich so ähnlich reagieren, wie es die Diktatoren und Potentaten in solchen Fällen tun. Die lassen ja ihre Kritiker und Opponenten kurzerhand rauswerfen, oder machen sie gleich im Gefängnis mundtot. -

Ganz anders David, und das ist dann doch erstaunlich bei diesem mit allen Wassern der Realpolitik gewaschenen Machtmenschen. "Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den Herrn." Mit diesem kleinen, elementaren Satz fängt das unentwirrbar Komplizierte wieder an, einfach zu werden. Karl Barth hat es einmal so ausgedrückt: "Schuld kann uns wohl von Gott und voneinander entfernen. Aber nur die Lüge hält uns dauerhaft in der Fremde und Einsamkeit fest." Das ist wahr. Und wenn wir ehrlich in uns selber hineinhorchen, werden wir diese Wahrheit an uns selber entdecken können. Kein innerer Druck mehr zur Selbstrechtfertigung, zu all den Plausibilitäten und Psychologisierungen, die wir so gut intus haben: "Klar hab ich Mist gebaut, aber bitte bedenke doch… - Schau doch bitte auch auf die Umstände… - Ich hab es ja eigentlich ganz anders gemeint und gewollt…" Nein, wo keine Entschuldigungen mehr gelten, und auch keine Moral, so nach dem Motto "Ich muß mich hinfort halt mehr zusammenreißen" - da ist in einem tiefen Sinn der Weg wieder freigeschaufelt zur Wahrheit Gottes. Da geschieht ein Stück Heimkehr des Menschen zu Gott. Wie bei dem zerlumpt und auf gar keine Rechtfertigung mehr pochenden Sohn aus dem Gleichnis Jesu, der verschämt wieder an der Tür des Vaters anklopfen will - der aber läßt es gar nicht so weit kommen, sondern läuft ihm voller Freude über seine Heimkehr von selber entgegen.

IV.

Freilich ist die Beichte, das unverblümte Aussprechen von eigener Schuld, und dann die zugesprochene Vergebung kein quasiliturgischer Selbstläufer, wie wir manchmal vom katholischen Bereich den Eindruck haben. Beichte ist kein Kaufpreis, den man entrichtet, durch den man die Konsequenzen seines Tuns auch gleich los wird. "Der Herr hat deine Sünde wegggenommen, dun wirst nicht sterben" - das klingt zu schön nach Happy end, um die ganze Wahrheit zu sein. Nein, auf andere Weise bleibt das von David in seinem grimmigen Zorn gesprochene Todesurteil doch bestehen. Nur daß es eben nicht den Schuldigen, sondern den unschuldigen Sohn trifft. Es ist ein harter, gerade auch für unsere christlichen, ganz auf Vergebung ausgerichteten Ohren schwer erträglicher Gedanke, aber es ist hier so: Gott vergibt David, aber ertut es nicht so, daß er damit auf die Durchsetzung seines - in diesem Fall eben: strafenden - Rechts verzichtete. Stellvertretend für den Vater muß der kleine Sohn den Tod erleiden.

Neben aller Härte und Finsternis, die für uns da mitschwingt, ist aber auch daraus noch etwas Wichtiges für uns zu entdecken: wir bleiben verantwortlich für die Folgen unseres Tuns, auch wenn wir diese nie und nimmer gewollt haben. So läßt Gott die Folgen seiner Schuld über David kommen. Klaren Tisch machen, Bathseba wegschicken, das gestorbene Kind als tragisches Geschick abbuchen - so einfach geht es nicht. Gnade ist kein Mittel zum Zweck, Gnade ist Weg zum Leben: und der kann, wie das Wege zum wirklichen Leben so an sich haben, auch wahnsinnig schmerzhaft sein. Frage sich jede und jeder von uns selber, an welcher Stelle wir schon so ein Stück Sterben erfahrne haben, durch das wir mußten, um zu einem anderen, tieferen Leben zu gelangen.

Gottes Weg zum wirklichen Leben, in dem der Tod nicht mehr die immer mitbestimmende Gegenmacht ist, sondern wirklich besiegt und ein für alle Mal blamiert - dieser Weg ist ja selber durch reale, fürchterliche Schmerzen gegangen, die am Ende auch in einen grausamen Tod gemündet sind. Auch ein unschuldiges, stellvertretendes Sterben. Aber in dem Tod dieses Einen ist ja auch unser Tod, der Tod, der auf jeden von uns wartet, und die vielen anderen Gestalten des Todes mitten im Leben, die wir uns selbst und einander manchmal zufügen, mitgestorben. So daß auch wir, als Schuldiggewordene, aber von unserer Schuld Freigesprochene, wie David neu anfangen können auf dem Weg zum wirklichen Leben.

Amen.

Lieder: 446,1-6 /333,1+3 / 382,1-3 / 233,1-5 / 643,1-3