12. Sonntag nach Tri., 10.8.2008

 

Predigt: 1 Kor 3,9-15

Wir sind Gottes Mitarbeiter;
ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.
Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf.
Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist,
welcher ist Jesus Christus.
Wenn aber jemand auf den Grund baut
Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,
so wird das Werk eines jeden offenbar werden.
Der Tag des Gerichts wird's klarmachen;
denn mit Feuer wird er sich offenbaren.
Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.
Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat,
so wird er Lohn empfangen.
Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden;
er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

 

Liebe Gemeinde,

"gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch" - dieser Satz hat mich erinnert an eine ähnliche Äußerung: "Wen Gott liebt, den bringt er durch Schweres - hindurch."

Diese Äußerung stammt von Bärbel Wartenberg-Potter. Sie ist noch bis Ende September Bischöfin in der nordelbischen lutherischen Landeskirche, in meinen Augen eine der bedeutenden Architektinnen der Kirche.

In den 1980 Jahren hat sie ein Buch geschrieben über Engagement und Spiritualität, das mich und viele andere Theologinnen geprägt hat. In ihrer Beherztheit, in ihrer Courage - darin steckt cor, Herz -, in ihrer gelebten Verbindung von politischem Engagement und Spiritualität wurde Bärbel Wartenberg-Potter zum Vorbild.

Ich lasse nun zunächst Bärbel Wartenberg-Potter selbst zu Wort kommen:

"Ich möchte etwas sagen über das, was vielen als ein großes Unglück erschien und für das ich keinen Namen gefunden habe: der Tod meiner beiden Kinder und der sich anschließende Tod meiner Ehe. Die Kinder starben beide an der gleichen Krankheit, einem angeborenen Immunmangel im Blut. Mit dem zweiten Kind lebte ich fast zwei Jahre lang im Krankenhaus, bis es starb.

Zu jener Zeit hing ein gelbes Poster mit einem Bild von Oskar Kokoschka an meiner Wand. Es stellte Jesus dar, der, obwohl ans Kreuz genagelt, mit der einen Hand sich zu den Kindern herabbeugt, die mit verstörten und leeren Gesichtern um ihn herum sind. Eines greift nach seiner Hand, als wollte es sie küssen oder essen. Auf den Kreuzesbalken schrieb der Künstler: "In Erinnerung an die Kinder Europas, die an diesem Weihnachtsfest an Hunger und Kälte sterben müssen." (Ich war eines dieser Kinder, aber ich hatte Glück, ich verhungerte nicht.) Daneben stand als späterer Aufdruck auf das Poster der Bibelvers: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben." Es ist schwer zu beschreiben, in welcher Verbindung dieses Bild zu meinem damaligen Leben stand. Oft fühlte ich mich wie ans Kreuz genagelt, ausgeliefert der Medizin, deren Mitteilungen wie Schläge auf mich niederprasselten, von Laborbefunden geäfft, verhöhnt, immer den Tod vor Augen - oft wünschte ich mir, es würde mein eigener sein -, den Tod meines Kindes, meiner Kinder, der schon feststand, aber wann - in einem Monat, einem Jahr, fünf Jahren? Meiner Kinder, die von allem nichts begreifen konnten und trotzdem wie Lämmchen zur Schlachtbank gehen mussten. Blut floss aus ihren und aus meinen Adern, aus Mark und Bein, in der Hoffnung auf Rettung. Die Schmerzen und Schreie meiner gemarterten Kinder waren meine eigenen, Fleisch vom eigenen Fleisch, Blut vom eigenen Blut. Und da beugte sich einer, der Bescheid wusste, von einem gelben Poster tagtäglich herab - und konnte doch nicht helfen und half doch tagtäglich auszuhalten. Er sah auch die schönen Zwischenhalte, die wir hatten, das Lächeln nach Todesnächten, die Treue der Ärzte und Krankenschwestern, der Freundinnen und Freunde.

Und als die Kinder tot waren und unsere Kraft verbraucht, brachen wir entzwei - aus Schwäche, aus Blutverlust der Liebe; der Atem ging aus, unheilbar: Exitus einer Ehe. Wir konnten die Ehe nicht wie die Kinder in die heilende Erde betten, sondern begruben sie in Trauer und Schuld im eigenen Herzen.

"Ich lebe, und ihr sollt auch leben." Eines Tages stand ich aus dem Grab des Schmerzes und der Verzweiflung auf, aus Gnade, ermutigt von einem gelben Poster und den vielen Menschen, die geholfen hatten, die Steine wegzurollen, die mir den Weg zurück ins Leben versperrt hatten.

Was hatte dies alles zu bedeuten? Ich kann es nicht nennen. Nur dies: Es hat mich tiefer in die christliche Tradition eingefügt, mich vorsichtiger und hoffentlich ehrlicher mit anderen Menschen gemacht. Es hat meinem Leben eine eindeutige Richtung gegeben: Widerstand und Ergebung, mich eingereiht in die unsichtbare Gemeinschaft der Schmerzverletzten, der ich mich für immer zugehörig fühle. Des Lebens empörende Zumutung ist mir zu Mute gegangen und hat meine Beherztheit auf eine äußerste Probe gestellt. Heute denke ich daran fast wie an ein anvertrautes Pfund. Wer durch Schweres geht, erfährt Gott in besonderer Weise. Wen Gott liebt, den bringt er durch Schweres - hindurch. Wie kann man das von außen verstehen? Niemand sollte solche Sätze sagen dürfen - es sei denn von innen." (Bärbel von Wartenberg-Potter, Wir werden unsere Harfen nicht an die Weiden hängen. Engagement und Spiritualität, Stuttgart 41990, 16-19)

 

So weit Bärbel Wartenberg Potter.

Liebe Gemeinde, wie komme ich dazu, diese Lebenserfahrung mit dem heutigen Predigttext in Verbindung zu bringen?

Da ist zum einen die Altarlesung, die von Jesu Heilung eines taubstummen Menschen erzählt. Das Leitmotiv unseres heutigen Gottesdienstes am 12. Sonntag nach Trinitatis lautet: die große Krankenheilung. Und der Wochenspruch aus dem Jes-Buch passt sehr gut zu dem, was Bärbel Wartenberg Potter widerfahren ist: "Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." (Jes 42,3) - Gott führt durch Schweres - hindurch. Auch unser Predigttext hat einen Zusammenhang zu diesem Thema der großen Krankenheilung. Dieser besteht darin: Wir Menschen sind nicht zu trennen von unseren Taten. Mit ihnen zusammen werden wir geprüft. Nicht nur an einem vermeintlich weit in der Ferne liegenden Tag des Gerichts. Unser ganzes Leben ist ein Gericht, ein gerichtet Werden, ein aufgerichtet Werden. Manches von dem, was wir getan haben und tun, kann einer Prüfung, einer Feuerprobe nicht standhalten. Dennoch werden wir gerettet - durch das Feuer hindurch, auch wenn viele unserer Werke und Taten keinen Bestand haben mögen.

Die Jahreslosung 2008, das Wort Jesu, des Messias, aus Joh 14,19: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben." - für Bärbel Wartenberg Potter ist es entscheidend geworden. Auf eine kaum auszusprechende Weise hat dieses Wort sie durchhalten lassen. Das passt gut zu dem Kernsatz, den Paulus hier im 1. Brief an die Gemeinde in Korinth formuliert: "Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus." Liebe Gemeinde, Jesus, der Messias - das ist unser Fundament, das ist unser Bezugspunkt. Unser Lebens- und Gemeindehaus fällt zusammen wie ein Kartenhaus, beim leisesten Windhauch und erst recht beim wütenden Sturm, wenn es nicht auf diesem Fundament gegründet ist. Das törichte Wort vom Kreuz verheißt Leben. Der Gekreuzigte sagt: "Ich lebe". Es gibt keinen Weg zum Leben, der sich am Schmerz, am Leiden und am Tod vorbeimogeln könnte. Das bedeutet freilich keine Liebe zum Schmerz und Leiden und Tod. Eine innere Annahme und Integration dieser schweren, oft grausamen Realitäten jedoch lässt geheimnisvoll wachsen und durchlebte überstandene Leiderfahrungen rückblickend als ein anvertrautes Pfund deuten.

Paulus geht es in seinem Brief um Gemeindeaufbau. Ackerfeld und Gottes Bau, später Tempel - paulinische Bilder für Gemeinde. Wer daran mitbaut, muss das Fundament, Jesus Christus, im Blick haben. Und er muss schauen, ob das Material, das er benutzt, einer Feuerprobe standhält: Gold, Silber, Edelsteine tun's, Holz, Heu und Stroh freilich nicht. Bärbel Wartenberg-Potter übersetzt die Bilder vom Ackerfeld, von Gottes Bau, vom Heiligen Tempel auf eine für mich sehr überzeugende Weise: Sie weiß sich durch ihre Erfahrungen "eingereiht in die unsichtbare Gemeinschaft der Schmerzverletzten, der ich mich für immer zugehörig fühle".

Die wahre, verborgene Kirche ist die Gemeinschaft der Schmerzverletzten. Sie besteht aus den Menschen, die darum wissen, wie therapiebedürftig sie sind. Menschen, die darum wissen, dass sie der Hilfe und Heilung bedürfen und dass diese Geschenk sind, Geschenk Gottes, vermittelt meist durch andere Menschen, Freundinnen, Freunde, Menschen in und außerhalb der Kirche. In all unseren Fragen nach Kirchenreformen und nach dem richtigen Weg kratzen wir so oft nur an der Oberfläche herum. Es scheint mir kaum die ehrliche Einsicht vorhanden, wie krank und verletzt wir sind. Nur von innen heraus, auf dem Weg durchs Feuer hindurch werden wir auch als Gemeinden, als Kirche heilen und gedeihen können. Als Freiburger Kirche stehen wir mittendrin, im Feuer. Wir können dieses weiterhin verzweifelt zu löschen versuchen, mit einem Wassereimer hier und da, der Preisgabe eines Immobilienstückchens da und dort. Doch im Grunde bin ich überzeugt davon: Gott will anderes von uns. Ehrlichkeit, eine innere Umkehr, die uns ermutigt, unsere Ängste und Verletzungen zu benennen und heilen zu lassen; den Mut, was keinen Bestand hat, dem Feuer zu übergeben, loszulassen und neu anzufangen. Amen.