Die Sorge um uns Gottes Sorge sein lassen - Predigt über 1. Mose 2, 4b-9.15

15. Sonntag n.Tr. - 31.8.2008, Petrus- u. Christuskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

"Sorget nicht!", hat uns Jesus vorhin in der Evangelienlesung zugerufen. Und der Wochenspruch für diesen Sonntag lautet: "All eure Sorge werft auf ihn, den er sorgt für euch". Dieser 15. Sonntat n.Tr. ist sozusagen der Anti-Sorgen-Sonntag im Kirchenjahr. Manchmal brauchen wir so einen Tag. Wie kann das geschehen, die eigenen Sorgen, wenigstens vorübergehend, mal hinter sich zu lassen? Sicher nicht dadurch, daß man sie schönredet oder mit Macht wegschiebt, indem man sich in irgendwelche fade Ablenkungen flüchtet. Eher schon dadurch, daß man sich die eigenen Sorgen mal so richtig von der Seele redet, bei einem Menschen, zu dem man Zutrauen hat und der zuhören kann. Das ist schon ein Stück Ent-Sorgung. Und man kann versuchen, Abstand, Distanz zu bekommen zu all dem, was uns manchmal den Schlaf raubt, indem man mit seinen Sorgen an einen anderen Ort geht: dorthin, wo man etwas anderes zu sehen bekommt als sich selbst und seine Sorgen, wo man plötzlich aufatmen kann und gestärkt wieder heimkommt. Nicht ohne die Sorgen, aber so, daß man vielleicht neuen Schwung spürt, die Sorgen offensiver anzugehen und sie dadurch allmählich zu überwinden.

Einen solchen Anti-Sorgen-Weg möchte ich heute mit Ihnen gehen. Er wird uns durch unseren Predigttext vorgezeichnet. Es ist ein langer Weg, ein Weg zurück nach vorn sozusagen. Das klingt merkwürdig, ist aber ganz einfach. Der Weg führt uns dorthin, wo wir nach Auskunft der Bibel eigentlich herkommen, als wir noch ursprünglich waren, so, wie Gott uns eigentlich gedacht hat: hinein in das Paradies, in den Garten Eden. Also dorthin, wo die Gemeinschaft mit Gott, untereinander und mit der nichtmenschlichen Kreatur noch nicht gefährdet und zerstört war. So wie es uns durch unser Getauftsein auch für die Zukunft verheißen ist, wenn wir unseren Weg durch jenseits von Eden, also durch diese Welt, einmal zu Ende gegangen sind.

Damit wir auf diesem Weg zurück nach vorn auch wirklich voran kommen, ist es wichtig, daß wir nicht stehen bleiben bei den Gedanken, die einem beim Hören dieser uralten Geschichte von der Erschaffung der Welt natürlich auch kommen können. Wer dächte nicht auch daran, wie sehr die einst paradiesische Erde geschädigt und geschändet ist, wieviel fruchtbare Flächen längst zubetoniert, an wieviel Orten dieser Erde aus blühenden Landschaften Mondlandschaften geworden sind? Die amerikanischen Astronauten, die vor mehr als 30 Jahren den Mond betreten und mit eigenen Augen gesehen haben, was für eine staubige, kalte Steinwüste dieser in so vielen Abendliedern freundlich besungene Himmelskörper tatsächlich ist, die haben später erzählt, mit wieviel Heimweh und Sehnsucht sie sich von dort zurückgewünscht haben auf die Erde, den leuchtend blauen Planeten mit seinen paradiesischen Pflanzen, Bergen und Meeren. Einer von ihnen schrieb später: "Als ich auf dem Rückflug vom Mond die Erde als kleine blaue Kugel wieder auftauchen sah, wurde ich von einer heftigen Liebe zu ihr erfaßt und ich beschloß, in meinem weiteren Leben etwas zu tun, um bei ihrer Rettung mitzuhelfen".

I.

Gehen wir also hinein in den Garten Eden! Damit uns der Weg nicht zu mühsam wird, schließen wir uns einem Großvater an, der seinem Enkel die uralte Geschichte schon einmal erzählt hat. Und nun will das Enkelkind die Geschichte wieder hören und stellt tausend Fragen dazu. Ich will versuchen zu erzählen, wie der Großvater antwortet, obwohl ich selber noch kein Großvater bin.

"Großvater", fragt der Enkel, "warum gab es denn damals noch keine Sträucher und keine Bäume? Warum war denn alles so trocken, wie du mir erzählt hast? Und weshalb gab es noch keinen Menschen? Wer hat denn den Menschen gemacht?" -

"Langsam", antwortet der Großvater, "eins nach dem anderen!", und malt dem Enkel noch einmal den kahlen, trockenen Boden vor Augen, wo gar nicht wächst, eine einzige steinige Wüste, staubig wie die Oberfläche des Mondes. "Da, auf einmal stieg aus dem Boden wunderbar der Nebel auf und machte ihn feucht, er wurde zu Lehm, aus dem man etwas formen kann. Viel weiche, feuchte Erde nahm Gott in seine Hände und bildete damit liebevoll und sorgfältig einen Menschen". -

"Das war ja dann ein Erdmann, Großvater!" -

"Das hast du gut gesagt! Wir sind alle Erdmenschen, genommen von Erde. In der Sprache derer, die die Bibel geschrieben haben, im Hebräischen, heißt Erde 'Adama', und Mensch heißt 'Adam'. Schon daran kann man es gut sehen: Wir sind alle Erdmänner und Erdfrauen. Vielleicht erinnerst Du Dich noch, vor zwei Jahren, als Deine Omi beerdigt wurde, wie der Pastor am Grab gesagt hat: 'Von der Erde bist du genommen, zur Erde sollst du zurückkehren!'" -

"Aber Großvater, du hattest mir doch erzählt, daß der Erdmann sich ja noch nicht bewegen konnte, er konnte noch gar nicht gehen, nicht mal atmen konnte er!" -

"Richtig. Deshalb nahm Gott ihn auch und blies ihm in beide Nasenlöcher hinein, ganz kräftig und ganz lange. So lange, bis es in dem Erdmann zu atmen anfing. So atmet es auch in uns: einatmen, ausatmen, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr. Vom ersten Schrei an bis zum letzten Aushauchen. Auch im Schlaf atmet es in dir, ganz von selbst, du brauchst gar nichts dazu zu tun. Das ist das Leben, und es kommt von Gott. Und der Erdmann, der Adam, richtete sich auf, konnte gehen, er war ein lebendiges Wesen, ein Mensch mit Leib und Seele". -

"Aber Großvater, er hatte ja nichts zu essen, es war ja noch nichts gewachsen!" -

"Ja, und deshalb pflanzte der Ewige, unser Gott, auch einen Garten in Eden. Dort setzte er den Menschen mitten hinein. Für den war's eine Freude, eine Augenweide, sich umzusehen in diesem Garten: hohe Palmen mit süßen Datteln, Granatapfelbäume mit herrlich roten, saftigen Früchten, der Feigenbaum mit seinen schattenspendenden Blättern, der Frucht bringt vom Frühling bis in den späten Herbst hinein, silbern-grün schimmernde Ölbäume mit unzähligen kleinen Oliven, und auch der mächtige Nußbaum, dessen Nüsse Du so gerne magst. Und zwischen den Bäumen lauter Triebe vom Weinstock, sie rankten sich von Ast zu Ast und trugen schwere, blaue Trauben. Und mitten im Garten" - hier zögerte der Großvater und sein Gesicht wurde ernst - "mitten im Garten stand der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen". -

"Was sind das für Bäume?" -

"Davon erzähle ich Dir ein andermal, heute wird's zuviel." -

"Großvater, wer gab denn all den Bäumen zu trinken?" -

"Na, das habe ich dir doch schon erzählt. Eine mächtige Quelle sprang auf im Garten, sprudelndes, frisches, köstliches Wasser, unendlich viel mehr Wasser, als der Garten Eden brauchte. In einem Strom floß das Wasser dahin, und der Strom teilte sich in vier Arme, die flossen nach Norden und Süden, nach Osten und Westen, in die ganze Welt." -

"Dann kommt ja alles Wasser aus dem Gottesgarten!" -

"Ja, alles Wasser ist ein Geschenk von Gott, wir können gar nicht genug dafür danken. Wir vergessen das nur so schnell, weil wir nur den Hahn aufdrehen müssen, und dann haben wir so viel Wasser, wie wir wollen. Aber Du weißt ja, anderswo in der Welt ist Wasser so selten und kostbar wie pures Gold, weil es viel zu wenig für die Menschen gibt". -

"Aber Großvater, es gab ja noch keine Tiere, keine Katze, keine Maus, kein Eichhörnchen, keinen einzigen Schmetterling. Und der Erdmann, war er nicht schrecklich einsam, er war ja ganz allein im Garten. Mußte er nichts arbeiten?" -

"Langsam, mein Kind, nicht alles auf einmal. Für heute ist's wirklich genug. Nur soviel noch: Ja, er hatte viel zu tun, der Adam, aber die Arbeit war für ihn eine Freude, eine richtige Lust. Das meiste war ja schon getan. Die Bäume standen ja schon. Nur die Erde mußte er etwas lockern rings um die Bäume und das Gestrüpp wegschneiden, damit die Früchte auf die Wiese fielen und nicht unter die Sträucher, um dort zu verfaulen. Auch einen Wassergraben mußte er hin und wieder ziehen und den Ranken des Weinstockes ein wenig weiterhelfen, indem er sie hier und dort festband. Eigentlich brauchte der Mensch im Garten nur nach dem rechten zu sehen, er brauchte ihn nur zu hegen und zu pflegen." -

"Dann war der Mensch ja ein Gärtner, ein richtiger Obstgartenhalter?" -

"Ja, er hatte den schönsten Beruf, den es gibt. Er war Gärtner in Gottes Garten". --

II.

Liebe Gemeinde, wir sehen, die Geschichte vom Garten Eden ist mehr als ein Märchen. Und selbst wenn sie nur ein Märchen wäre, wäre es doch sehr gut erzählt worden vor dreitausend Jahren, erzählt von Menschen, die in einem solchen Garten lebten und ihn hegten und pflegten. Auf einem schmalen Streifen fruchtbaren Landes vielleicht, wie man es in Palästina öfters sieht, umgeben von Wüste. Beides spiegelt sich in der alten Geschichte: das Grauen davor, daß der Regen ausbleiben und der fruchtbare Garten wieder zu Wüste werden könnte, kahl und trostlos wie die Mondoberfläche - das Grauen davor, daß aus diesem von Gott so wunderbar gestalteten Kosmos (das heißt wörtlich Ordnung!) wieder wüstes Chaos werden könnte, wo nichts zueinander paßt. Es spiegelt sich aber auch das ehrfürchtige Staunen über den Wasserreichtum und das grünende Leben in diesem Garten. Hier kündigt sich noch nichts an vom Ungehorsam des Menschen, von seinem Drang, die ihm zu seinem Besten gesetzten Grenzen zu überschreiten und selber sein zu wollen wie Gott. Auch noch nichts von den Folgen jenes verhängnisvollen Annäherungsversuchs an den Baum der Erkenntnis: die Mühe und Qual seiner oft vergeblichen Arbeit, sei es auf dem Acker, der trotz aller Mühe Dornen und Disteln trägt, oder sei es am Computer, der abstürzt, nachdem die Predigt geschrieben wurde und alle Mühe war vergeblich...

Hier im Garten Eden ist das Leben einschließlich der Arbeit eine Lust. Alle Voraussetzungen für die Arbeit sind ja bereits vorhanden, es gilt nur, zu hegen und zu pflegen, was schon da ist. Das ist es, was uns heute an dieser Geschichte aufgehen soll, die wir uns manchmal in unseren Sorgen nur noch selber sehen, nur noch das, was wir tun und leisten müssen, was wir bisher nicht geschafft haben, was wir anderen schuldig geblieben sind. Wir sollen entdecken, wie vieles auch für uns von selber geschieht, ohne daß wir dafür erst die Ärmel hochkrempeln müssen.

Ehe mein Nachbar morgens in seinen Garten geht, um seine Hühner zu füttern, ehe wir unsere Kinder wecken und uns an den Frühstückstisch setzen, ist schon ganz viel geschehen. Ohne daß wir's gemerkt haben, ist die Nacht der Morgendämmerung gewichen, ist die Sonne schon durch den Dunst durchgebrochen und über dem See aufgestiegen. Die Vögel haben bereits das erste Mal gesungen. Die Menschen, die mir heute freundlich begegnen werden, obwohl ich vielleicht nicht freundlich zu ihnen war, sind auch schon wach. Der Arzt, zu dem ich muß, wenn ich mich heute verletze oder Zahnschmerzen bekomme, hat seine Instrumente schon geordnet. Wenn ich morgens ins Dekanat komme, liegen die Unterschriftenmappen schon bereit, Frau Koch hat die Post bereits geöffnet und geordnet, ich muß sie nur noch lesen. sonntags um viertel vor elf hierher in die Christuskirche komme, dann kann ich mich ganz auf den Gottesdienst selber konzentrieren, weil vor mir bereits Herr Beck da ist und die Kirche einladend hergerichtet hat.

Fast nichts könnte ich heute tun, wenn das alles und noch viel mehr nicht vorausgegangen wäre. "Abend und Morgen sind seine Sorgen" haben wir mit Paul Gerhardt eingangs gesungen. Wer da mit einstimmt, dessen Sorgen bekommen heilsame Grenzen. Er sieht, wie unglaublich viel Gott von sich aus tut. Er, der - wie Jesus es sagt - seine Sonne jeden Tag neu aufgehen läßt über Gerechte und Ungerechte. Wem das bewußt wird, der kann nicht anders als dankbar zu werden.

III.

Wohl war, wir leben nicht mehr im Paradies, sondern jenseits von Eden, in einer übertechnisierten, schrecklich unübersichtlichen Welt. Und doch ist das Paradies nicht nur etwas Fernes von anno dunnemals, es ist auch nicht nur ein erträumtes, leidfreies Jenseits, von dem wir nicht wissen, ob wir je dahin kommen werden. Nein, wenn wir uns den Blick öffnen lassen, wenn uns die Augen aufgehen für alles, was Gott schon hier und jetzt tut, dann öffnet sich der Vorhang zum Garten Eden auch schon hier ein Stück weit. In allernächster Nähe.

Das hat Jesus seinen von ihren Sorgen geplagten Jüngern nahegebracht, indem er ihnen zurief: "Sorget nicht! Laßt euren Blick nicht in die Ferne schweifen! Wollt nicht alles zugleich schaffen, was morgen und übermorgen und bis Weihnachten zu tun ist!". Er setzte ihren Sorgen heilsame Grenzen, indem er ihren Blick auf die nächste Nähe lenkte, auf die Freude und Plage dieses Tages. Auf diese Lilie und diesen Vogel, an denen ihnen aufgehen sollte, wie unermüdlich der Schöpfer in seinem Sorgen am Werk ist - auch für sie, auch für uns.

Genau das hat Martin Luther vor Augen gehabt, als er den ersten Glaubensartikel, das Bekenntnis zu Gott, dem Schöpfer, auslegte, mit den wunderbaren Worten, die wir vorhin miteinander gesprochen haben. Jeder kann sie für sich nachsprechen und in sein eigenes Leben hinein übersetzen. Sie sprechen uns deshalb so unmittelbar an, weil Luther mit seinen Worten nicht in eine ferne Vergangenheit oder eine noch fernere Zukunft weist, sondern in die allernächste Nähe, auf mich selbst und von dort aus in immer größeren Kreisen auf alles von Gott Geschaffene.

Liebe Gemeinde, nicht wahr, wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir das auch! Hinter der Welt, hinter unserem Dasein stehen nicht nur Sackgassen, Sorgen und Mißerfolge, sondern dahinter steht zuerst und zuletzt ein großes Schenken. Und so wird er, der für die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde sorgt, auch dafür sorgen, daß wir uns nicht so schrecklich um uns selber sorgen müssen.

Amen.

Lieder: 449,1+3+4 / 324,12+15 / 369,1-3+7 / 432,1-3 / 629,1-3