Das Ende der Erstarrung - Predigt über Markus 16, 1-8

Ostersonntag - 12.04.2009, Christuskirche Freiburg

Liebe Schwestern und Brüder!

Auch das historische Desaster des sog. real existierenden Sozialismus hat dem seltsamen Kult bislang nichts anhaben können: Noch immer stehen sie Schlange auf dem Roten Platz im Herzen Moskaus, Tag für Tag, um ins Innere des Mausoleums zu gelangen, in dem die nach allen Regeln dieser Kunst einbalsamierte Leiche des "ruhmreichen" W.I. Lenin zu besichtigen ist. Über 80 Jahre liegt er da schon. Der Zahn der Zeit hat der Leiche nichts anhaben können, die sog. sterblichen Überreste scheinen unsterblich zu sein. Ist das eine atheistische Variante des alten christlichen Reliquienkultes? Der Sozialismus war ja mit der Zeit in einer Fülle von pathetischen Ritualen erstarrt (und hat damit unfreiwillig offenbart, wieviel Religion im ihm steckte). Also mich würde es, wäre ich mal in Moskau, nicht reizen, mich in die Warteschlange einzureihen. Endgültiger läßt sich das Totsein eines Menschen eigentlich nicht darstellen.

I.

Ich muß gestehen, irgendwie kam mir dieses Bild, als ich anfing, über das Osterevangelium nach Markus nachzudenken. Markus berichtet, daß die beiden Marias und Salome kostbare Einbalsamierungsmittel dabei haben. Wollen sie eine Art Jesusmausoleum einrichten? So entsetzlich dieses Ende auf dem Berg mit dem grausigen Namen "Schädelstätte" auch war - der Tod muß organisiert werden, er muß seine Ordnung haben. Der Tote ist tot, da ist nichts mehr zu machen. Aber ihn ehren, ihm posthum den fälligen Respekt erweisen - den Respekt vielleicht, den man ihm, solange er lebte, schuldig geblieben ist: da ist immer noch einiges zu machen. So geht es ja bis heute. Nur - an der unangreifbaren Macht des Todes ändert das rein gar nichts. Wer gestorben ist, dessen Leben erscheint festgeschrieben, ein für alle Mal. Nichts ist mehr zu ändern. In seinen Worten, die er irgendwo schriftlich fixiert hat, in Bildern, in den Erzählungen seiner Nächsten ist er noch eine Weile da. Aber was von ihm erzählt, was von ihm überliefert wird, dagegen kann sich der Verstorbene nicht wehren. Man kann es ehren, konservieren, ausbeuten - eben: einbalsamieren. Das alles steckt mit drin in diesem Gang der Frauen zum Grab. Irgendwie haftet ihm etwas trostlos Beruhigendes an. Ein geliebter Mensch war da. Jetzt ist er nicht mehr. Wir ordnen das mit Grabstein und Nachruf, und bringen damit auch unsere Trauer in ein hilfreiches Gerüst. "Tot ist nur, wer vergessen ist": diese etwas hilflos-beschwörend klingende Feststellung ist oft über Todesanzeigen zu lesen. Nein, wir werden ihn nicht vergessen. Mehr können wir nicht tun.

Aber zugleich, vom Evangelisten geradezu beiläufig erwähnt, geht die morgendliche Sonne auf. Die österliche Sonne. "Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging". Da ist jedes einzelne Wort mit größtem Bedacht aufgeschrieben. Ein neuer Schöpfungstag beginnt.

Die Christen haben nicht umsonst von da an den ersten Tag der Woche als ihren Sabbat gefeiert, als den Auferstehungstag, den Tag der neuen Schöpfung, der überglänzt ist von Gottes neuer Sonne. Vielen ist das gar nicht mehr klar. Für sie ist der Sonntag einfach "das Wochenende", also der Schlußpunkt, der letzte Wochentag, bevor mit dem Mühen des Alltags am Montag die neue Woche beginnt. Dabei ist es etwas sehr anderes, wenn das Neue nicht mit Arbeit und Stöhnen, sondern mit Beschenktwerden und Aufatmen anhebt. Der durch Ostern bestimmte Sonntag ist der Freudentag, von dem her ganz neues Leben in eine Welt kommt, die vom Tod gezeichnet ist. Angesichts des Todes können wir, wie gesagt, nichts mehr machen. Aber für Gott ist etwas zu machen. Ostern, das heißt: wo uns alles aus der Hand genommen ist, hat ein anderer alle Initiative an sich gerissen. Deshalb sollen wir an dem Tag, der an diese unvergleichliche Initiative erinnert, aus ständig Machenden, Produzierenden, Angestrengten einfach nur Beschenkte, Aufatmende, uns Freuende werden. Am Anfang aller Lebensvollzüge steht das Empfangen. Wo das nicht so ist, wird das Leben krank und erstirbt. Der Sonntag als erster Tag der Woche ist "die temporäre, die zeitliche Form der Rechtfertigungsbotschaft" (Eberhard Jüngel). -

Aber jetzt habe ich fast weit voraus gegriffen. Die Frauen wissen ja noch nichts von alldem. Sie sind noch auf dem Weg zum Grab. Sie haben einen schweren Gang. Mit Jesu Hinrichtung sind auch alle ihre Hoffnungen zerbrochen. Eine Welt ist eingestürzt. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Wenn Lebensperspektiven endgültig zerstört sind, dann stürzen Welten ein. Die Füße sind jetzt schwer wie Stein, und jeder Schritt tut weh. So gehen Verlierer. Wahrscheinlich kennen wir das. Und wirklich: Gottes Revolution gegen die alten Mächte, die das Leben ersterben lassen in Profitgier und Ideologiewahn, seine Revolution gegen die alte Welt und ihre Gesetze, die er in Jesus angezettelt hat, scheint für immer auf Golgatha niedergeschlagen. Der Tod ist die größte Konterrevolution. Von ihm scheinen die drei Frauen wie magisch angezogen. Wenn sie schon nichts ausrichten können gegen den Tod, dann wollen sie ihn wenigstens einkapseln. Da ist dieser Stein vor der Grabeshöhle. Wie kann man den wegkriegen? Mausoleumsprobleme...

II.

Doch siehe da: Der Stein ist weg. Und im Grab liegt kein Leichnam, sondern da sitzt ein Engel. Wie wuchtige Hammerschläge sind seine Worte: Jesus sucht ihr, den Gekreuzigten? Der ist nicht hier, der ist auferstanden. Seht die Stelle, wo sie ihn hingelegt hatten. Den werdet ihr nicht zum Einbalsamierten machen können. Den könnt ihr nicht durch die Rituale eurer Pietät zum Erstarren bringen. Geht weg von hier, zurück ins Leben und vergeßt das mit dem Jesusmausoleum. Er bleibt nämlich der Lebendige. Er wird euch immer vorangehen, wo ihr auch seid.

So wird Ostern in unerwarteter Weise zur "Stunde der Frauen". Aber merkwürdig: "Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen". Etwas anderes hat Markus nicht zu erzählen über die Reaktion der Frauen. Nichts als Angst und Schock. Jedes Mal, wenn ich die biblischen Osterberichte lese, tut es mir gut, daß die Evangelisten das so ungeschminkt aufgeschrieben und nicht erbaulich retuschiert haben. Denn Ostern wäre nur ein schönes Märchen, wenn es nicht all unsere Vorstellungskraft sprengen würde. Da bleibt in aller Freude über die große Botschaft eine letzte Ratlosigkeit, ein Nichtverstehenkönnen: Wie kann das nur sein, daß diese ehernste aller Ordnungen, die geregelte Abfolge von Leben und Tod, so fundamental durchbrochen und auf den Kopf gestellt wird? Auch die Frauen sind noch meilenweit davon weg, das zu begreifen. Innerlich sind sie immer noch auf dem Weg zum Grab.

Das hilft mir bei den Zweifeln, die wir mit unserem Durchschnittsglauben ja auch am Ostermorgen nicht so einfach wegkriegen. Nicht nur, daß übermorgen unser Leben weitergehen wird mit seinen Halbheiten, seiner routinierten Starre - auch in der Kirche. Wenn Gottes Macht die vertrauten Abläufe durchbricht, wanken die Grundfesten. "Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?" Wenn der Apostel Paulus so fragen muß, gerät die Welt aus den Fugen. Nichts ist mehr so, wie es war. Das provoziert unseren gesunden Menschenverstand, unseren Ordnungssinn. Für den hat ja alles seinen festen Platz. Für unseren Ordnungssinn hat ja nicht der Tod das erste Wort und das Leben das zweite, sondern umgekehrt. Die österliche Botschaft, daß am Ende nicht der Tod steht, sondern das Leben, ist eine erschütternde Überraschung.

Auf den ersten Blick erscheint es ja seltsam: die bittere Passionsgeschichte endet dem sieghaftem Wort des sterbenden Jesus: "Es ist vollbracht". Die sieghafte Ostergeschichte aber schließt mit der bitteren Feststellung: "Sie fürchteten sich". Aber eben, das Unbekannte, all unser Fassungsvermögen Übersteigende an Gott und seiner Geschichte tritt uns nirgendwo stärker entgegen als in diesem Drama, in dieser Erschütterung durch den Triumph der Liebe über den Tod. Da kann es gar nicht anders sein, daß Schrecken die erste Reaktion ist.

Liebe Freunde, aller Glaube, auch und gerade am Ostermorgen, steht zwischen Gewißheit und Angefochtensein. Das kann auch gar nicht anders sein - denn Jesus war dem ja selber ausgesetzt. Das Kreuz, der Schrei der Gottverlassenheit war eben nicht bloß ein Schattenspiel. Der Karfreitag bringt zutage, was an hemmungslosem Gottes- und Selbsthaß sich in unsere verborgenen Abgründe eingenistet hat. Er bringt zutage, warum es das gibt, Auschwitz und Hiroshima, Darfur und Winnenden. Aber Jesus hält das - an unserer Stelle - aus. So wird er, in dieser durchgehaltenen Solidarität zu unserem Unglauben, selber zum Verworfenen. Paulus deutet das hart, aber treffend: "Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes losgekauft, indem er selbst zum Fluch wurde" (Gal 3,13). Die Welt selbst ist in diesen drei Tagen zur Hölle geworden. Manchmal, wenn mir richtig elend ist, versuche ich, den Karsamstag ein wenig zu meditieren. Das muß ein fürchterlicher Tag für Jesu Freundinnen und Freunde gewesen sein. Eine Welt, in der die Stimme dessen, der ihnen Gott, und mit ihm das eigentliche Leben gebracht hatte, verstummt ist. Grabesstille. Eine erstarrte, ausweglose - eben: einbalsamierte Welt. An dieser hoffnungslosen Situation kann das Salböl der Frauen rein gar nichts ändern.

III.

Da braucht es schon etwas anderes. Da braucht es nicht weniger als einen Engel. Der teilt den konsternierten Frauen mit: "Er wird vor euch hergehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen". Warum Galiläa? Das ist viel mehr als eine geographische Angabe. Galiläa steht für die Rückkehr an die Arbeit, in den Alltag des Fischerdaseins. Es steht für die sauren Wochen, die noch auf jedes frohe Fest folgten. Die herrliche Zeit mit Jesus von Nazareth ist vorbei, hat schrecklich geendet. Die Welt ist wieder durchwachsen und temperiert. Aber die helle Nachricht heißt: Er wird vor euch hergehen nach Galiläa, zurück in die Alltagsroutine. Vor allem aber: Galiläa ist, wie schon bei Jesaja steht, das Gebiet, in dem die Heiden Zuhause sind. Also die, denen man lange genug eingeredet hat, an ihnen sei Gott nicht interessiert, mit Leuten wie ihnen könne er nichts anfangen. Eben da will sich der Auferstandene seinen Leuten zeigen, um durch sie aller Welt bekannt zu werden. Also: Wenn ihr all das begreift, dann werdet ihr nie mehr ohne ihn sein. Ihr werdet nie mehr allein sein mit eurer Arbeit, mit euch selbst, mit den ungelösten Problemen eures Lebens und mit dem härtesten aller Probleme, dem Tod. Der Auferstandene wird dabei sein, weil er selber all das durch hat. Das ist die große österliche Nachricht. Der oft so rätselhafte Gott, der euch im guten und bösen Geschick, der euch im Leben und im Tod rätselhaft begegnet, ist nun in Jesus Christus euer Freund und Bruder geworden.

Dazu eine abschließende Erinnerung, die in all ihrem Schrecken sehr österlich ist. In diesen Tagen vor 64 Jahren war Palmsonntag. Wenige Wochen vor der Kapitulation. In Schönberg im Bayerischen Wald ist eine Gruppe von besonderen Häftlingen einquartiert, die im man Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli festgenommen hatte. Einer von ihnen ist Dietrich Bonhoeffer. Auf allgemeinen Wunsch hält er am Morgen den anderen Gefangenen, unter ihnen auch ein russischer Kommunist, eine Andacht. Sie geht über den Lehrtext jenes Sonntages, das Wort aus dem 1. Petrusbrief: "Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch Auferstehung Jesu Christi von den Toten" (1. Petr 1,3).

Kurz nach der Morgenandacht erscheinen zwei Männer in den berüchtigten schwarzen Ledermänteln: "Gefangener Bonhoeffer, mitkommen!" Ein Kommando aus dem nahen KZ Flossenbürg hat ihn hier noch aufgespürt und holt ihn nun ab. Bonhoeffer kann nur noch einem englischen Mitgefangenen Grüße an dem ihm befreundeten anglikanischen Bischof Bell mitgeben und sagt ihm als letztes: "Dies ist das Ende - für mich der Beginn des Lebens". Am selben Abend ist die Scheinverhandlung in Flossenbürg, und am nächsten Morgen wird er, der unter dem Galgen noch im innigen Gebet gesehen wird, ermordet.

"Er wird vor euch hergehen, und ihr werdet ihn sehen". Karl Barth hat dazu geschrieben: "Das ist das unbezweifelbare Dogma des heutigen Menschen, daß alles unsicher ist, der Tod aber gewiß. Dieses Dogma ist seit Ostern aus den Angeln gehoben, es muß nun angezweifelt werden, ein Osterzweifel muß ins Herz kommen, ein fröhlicher und respektloser Osterzweifel gegenüber der Herrschaft des Todes auf Erden."

Ich wünsche uns, liebe Schwestern und Brüder, ein von vielen österlichen Zweifeln begleitetes und eben deshalb: fröhliches Ostern. Denn der Tote lebt, und im Grab liegt nur noch der Tod selbst. Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Amen.