Gottesdienst mit dem Auferstandenen - Predigt über Lukas 24, 13-35

Ostermontag - 13.04.2009, Christuskirche Freiburg

Liebe Schwestern und Brüder!

Was die Christenheit seit allem Anfang an bis heute am "Herrentag", wie sie den Sonntag, den ersten Tag der Woche, früher nannte, tut - das geschieht hier, in dieser in jedem Sinn des Wortes bewegenden österlichen Geschichte von der Wanderung der zwei Jünger nach Emmaus, das allererste Mal. Wenn wir Gottesdienst feiern, dann feiern wir nämlich nicht nur die Auferstehung unseres Herrn - nein, wir feiern auch mit dem Auferstandenen. Und eben davon, vom ersten Gottesdienst mit dem Auferstandenen, handelt das Evangelium dieses zweiten Ostertags. Am Ende sitzen die beiden Wanderer mit Jesus um einen Tisch - und mit einem Mal ist Gottesdienst.

Am Ende freilich ist es eines langen Tages Abend. Begonnen aber hat es am frühen Morgen - und zwar ganz anders. Auf jeden Fall so, daß unsere beiden Wanderer sich um nichts in der Welt hätten träumen lassen, daß sie am Abend an einem Tisch mit dem auferstandenen Jesus sitzen würden. Der Weg zum Gottesdienst kann mühsam und weit sein - nicht nur in den neuen Bundesländern. Dagegen sind wir in Freiburg in einer beneidenswerten Lage, weshalb ich immer zwiespältige Gefühle habe, wenn wir so schnell sagen, daß der Weg nach Petrus oder zur Friedenskirche doch "viel zu weit" ist…

Besonders fromm ist den beiden Männern nicht zu Mute, als sie sich auf den Weg von Jerusalem nach Emmaus machen. Wo dieses Emmaus eigentlich liegt, läßt sich nicht mehr feststellen. Aber gerade dieses Rätsel gibt uns einen ersten ganz wichtigen Hinweis: Emmaus liegt überall. Man kann auch sagen: 'Emmaus' ist in einem viel tieferen als geographischen Sinn eine Ortsangabe. Zwölf Kilometer soll der Weg lang sein, den die beiden unter die Füße nehmen. Keine überragende Tagesleistung. Wer körperlich halbwegs beieinander ist, schafft das mit links. Dafür aber tragen die beiden Wanderer schweres Gepäck mit sich: die traumatischen Erlebnisse der vergangenen Tage. Nur von einem der beiden erfahren wir den Namen: Kleopas heißt er. Ein Jesusjünger, der sonst nie auftaucht. Unter die Zwölf wird er nicht gezählt. Kein besonderes Kirchenlicht; sich in ihm wieder zu finden, fällt nicht schwer. Oder wir halten uns an den anderen - er bleibt anonym, wie wir das auch gerne tun.

I.

Unsere Geschichte ist nicht nur in wörtlicher, sondern in vielerlei Hinsicht eine Weg-Geschichte. Zwei sind miteinander auf dem Weg. Nicht nur auf dem von Jerusalem nach Emmaus, sondern sozusagen auch auf dem Lebens-Weg. Sie bewegen sich nicht beziehungslos nebeneinander her, sondern es bewegt sie etwas. Und sie brauchen einander, um damit fertig zu werden. Ohne den Weggefährten, den Gesprächspartner wäre alles noch schrecklicher, trostloser.

Was ist in Jerusalem geschehen? Der, an den sie ihre ganze Hoffnung gehängt hatten, der war aufgehängt worden. Als sie ihn ans Kreuz schlugen, zerschlugen sich all ihre Hoffnungen. Jetzt würde doch alles beim Alten bleiben. Und eine neueste Nachricht schafft noch mehr Verwirrung. Einige Frauen waren am Morgen zum Grab gegangen, um dem Verstorbenen einen letzten Liebesdienst zu erweisen. Aber der Leichnam war verschwunden. Und da sei ein Engel erschienen und habe behauptet, Jesus sei nicht mehr tot, er lebe. Was aber mit einer so bizarren Nachricht anfangen? Viel zu märchenhaft um wahr zu sein! So gehen sie, tief traurig, wieder zurück. Dorthin, wo sich früher ihr Leben abgespielt hatte und wo es jetzt irgendwie weitergehen muß.

"Wir aber hofften...", sagen die beiden. Ach ja, wie oft wir das auch schon gesagt haben! Wir hofften, daß unseren Kindern einmal der Glaube wichtig sein würde, so wie er uns wichtig wurde. Wir hofften, durch den Glauben würde unsere Partnerschaft vor Leere und Routine bewahrt bleiben. Wir hofften, die Mächtigen der Welt hätten aus dem unfaßbaren Blutzoll des zurückliegenden Jahrhunderts gelernt und würden ihre Konflikte anders lösen als durch Terror und Bomben. Wir hofften, unsere Kirche würde sich wandeln, offener, missionarischer werden, und nicht nur ängstlich auf die Wahrung des Gewohnten fixiert sein. Am Anfang so viel Hoffnungen - und früher oder später so viel Vergeblichkeit, so viel müde Routine.

Wie oft wir wohl schon diesen Weg der beiden Jünger gegangen sind? Weg von den anderen, maßlos enttäuscht - den Weg nach Emmaus, zurück in die Vergangenheit, in den schützenden Kokon der frühen Jahre. Das ist immer eine Versuchung in der Depression.

Aber noch sind die beiden ja nicht da. Noch sind sie auf dem Weg dorthin. Und nun sagt uns diese hintergründige Geschichte: ihr Weg endet auch nicht in Emmaus. Nein, er endet gerade dort, wohin sie damals aufgebrochen, wo sie Jesus begegnet und von ihm gepackt worden waren: in Jerusalem! Dort endet ihr Weg: in der Gemeinschaft der anderen Jünger also, die sie zunächst verlassen hatten, weil sie keinen Sinn mehr im Miteinander sahen.

II.

Andres gesagt: der Weg nach Emmaus war ein Umweg. Liebe Freunde, damit gibt uns diese Geschichte etwas zweites Wichtiges zu lernen: es gibt gute, wichtige Umwege! Wege mit Kurven und Stolpersteinen, die wir gehen müssen, um neue, not-wendige Erfahrungen zu machen. Umwege, um zum Ziel zu kommen. Paulus brauchte den Umweg nach Damaskus, der Minister aus Äthiopien den Umweg nach Jerusalem, um Jesus Christus zu entdecken. Wege, die irgendwann ganz anders laufen als geplant, sind eben nicht immer Irrwege, die im Nirwana enden. Und das läßt uns hoffen für die, die irgendwann einmal vom Glauben berührt worden waren und jetzt einen Weg gehen, der nach unseren Maßstäben immer weiter von ihm weg zu führen scheint.

Liebe Gemeinde, die Geschichte dieser beiden Jünger möchte uns sagen: Wenn Menschen, die gemeinsam auf dem Weg des Lebens sind, anfangen, miteinander zu sprechen, wenn sie sich eingestehen, wie schwer sie sich mit dem Glauben tun, was ihnen dabei fraglich geworden oder zerbrochen ist: dann ist das sicher kein einfaches, aber ein ganz wichtiges, heilsames Wegstück. Schon deshalb, weil ich nicht mehr allein versuchen muß, mit allem fertig zu werden, sondern jemand habe, mit dem ich das alles bereden kann. Einer, der neben mir geht, und v.a.: an meiner Seite bleibt, anstatt immer schon ein paar Schritte voraus zu sein und auf alles eine glatte Antwort parat zu haben, nach der Melodie: 'Die Kirche lehrt!'

Vor allem aber sollen wir aus dieser Umweg-Geschichte erfahren: Wo Menschen einander so ehrlich und ungeschminkt Anteil geben an ihrer Müdigkeit im Glauben, da ist Jesus in Wahrheit schon mit ihnen unterwegs und hört zu - längst bevor sie erkennen, daß er es ist! Und das ist etwas zutiefst Tröstliches. Denn es heißt ja, daß wir nicht nur voreinander, sondern auch vor ihm unsere resignierten, zweifelnden Gedanken nicht zu verbergen brauchen. Unsere beiden Wanderer auf dem Weg nach Emmaus müssen nicht so tun, als ob die Nachricht vom leeren Grab ihnen schon die Zweifel genommen hätten. Sie können ehrlich sagen, und tun es ja auch, daß sie damit noch gar nichts anfangen können - außer daß sie Verwirrung und Unverständnis empfinden.

III.

Der Herr, der unerkannt mit ihnen unterwegs ist, schlägt ihre resignierten Einwände nicht kalt und besserwisserisch nieder. Nein, er bringt die Schrift, die Bibel ins Gespräch! Darin liegt etwas drittes Wichtiges für uns alle: Die Schrift, deren Ausleger und Auslegung er ist, Jesus Christus, die wird für alle, die sich auf den Weg des Lebens und Glaubens gemacht haben, zum spannenden, unverzichtbaren Gesprächspartner. Im immer neuen Hin und Her zwischen unseren Erfahrungen und dem Wort der Bibel kommt es dann zu Einsichten, Durchblicken, die uns aufhorchen lassen, die uns einfach gut tun und neue Kraft geben. Unsere Wanderer sprechen es aus, ganz am Ende, als sie erkannt haben, wer da ihr Wegbegleiter war: "Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete auf dem Weg und uns die Schrift öffnete?"

Freilich, das sagen sie erst am Abend jenes langen Tages. Während ihres Bibelgesprächs, da bleibt ihnen unverändert rätselhaft, was sie gerade erleben. Aber irgendetwas muß von Jesus ausgegangen sein während der Stunden des gemeinsamen Wanderns. Etwas, das ihnen gut getan hat. In Emmaus angekommen, bitten sie ihn jedenfalls, sie nicht zu verlassen: "Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt." Diese Bitte "Bleibe bei uns!": das ist die große Lebens-Bitte auf unserem Weg des Glaubens. Weil sie die Bitte der Emmaus-Wanderer, und das heißt: die Bitte der Fragenden und Unsicheren ist. Das Gebet ist nicht das Vorrecht der Frommen und Sicheren. - Und nun sitzen sie um den Tisch. Jesus bricht das Brot mit den noch ahnungslosen Jüngern. Und dazu spricht er vielleicht das Psalmwort, das wir vorhin gebetet haben: "Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich." Nicht er ist bei ihnen zu Gast - er lädt sie an seinen Tisch. Wie vor wenigen Tagen ist das, als Jesus sich mit den Seinen noch einmal versammelt hatte, am Abend vor seiner Hinrichtung. Wie er für sie das Brot bricht, erinnern sie sich plötzlich daran: "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." Und ihr Herz fängt an zu brennen, es fällt ihnen wie Schuppen von den Augen. Und sie feiern in Emmaus den ersten Gottesdienst mit dem Auferstandenen.

Doch kaum hat sie diese Gewissheit überwältigt, ist der Auferstandene verschwunden, entzieht er sich ihnen. Liebe Gemeinde, darin liegt ein viertes ganz Wichtiges für uns: man kann die Auferstehung nicht anfassen oder gar beweisen; man kann sie nur glauben. Wer meint, die Wahrheit von Ostern hinge an einem historisch aufweisbaren 'leeren Grab', sonst wäre unser christlicher Glaube Schall und Rauch - der hat von diesem Glauben nichts verstanden. Der macht aus einer strahlenden Lebens-Geschichte eine trostlose Grabesgeschichte.

Unsere Emmausjünger jedenfalls haben alles erlebt, was dazugehört, wenn es gilt, Gottesdienst mit dem Auferstandenen zu feiern. Um seine Gegenwart haben sie gebeten: "Herr, bleibe bei uns!" Ihre Resignation, ihren Kleinglauben haben sie offen ausgesprochen: "Wir aber hofften…" Für Gottes gute Gaben haben sie gedankt: "Danket dem Herrn, denn er ist freundlich!" Auf die Bibel haben sie gehört, der Auferstandene selbst hat sie ihnen ausgelegt - wie wir Prediger darum bitten, daß durch unseren Mund Gott selber spricht. Und dann hat er das Brot für sie gebrochen, in dem er sich ihnen schenkt. -

IV.

Gottesdienst mit dem Auferstandenen: das ist das Versprechen der Emmausgeschichte und seither das Versprechen jedes Sonntages, bis heute. Wo zwei oder drei beieinander sind in seinem Namen, da ist er dabei, ist er unter ihnen. Von einer Trennung nach Konfessionen hat er dabei aber nichts gesagt. Wenigstens da, wo wir ihm und einander am allernächsten kommen, an seinem Tisch, da sollte der Zwist der Konfessionen schweigen. Da ist seine Einladung wichtiger als alle Unterschiede des Amtsverständnisses. Wenn Christus selbst das Brot bricht, zählt nicht Luther oder der Papst. So jedenfalls lese ich die Emmausgeschichte.

Als der frühere Papst Johannes Paul II. ein Jahr vor seinem Tod an Gründonnerstag 2004 seine letzte Enzyklika veröffentlichte, in der er sein persönliches Verhältnis zur Eucharistie eindringlich zur Sprache bringt, da habe ich das nicht ohne Faszination gelesen. Man spürte dem Text ab, wie er gleichsam das Kondensat eines langen Lebens mit dem Hl. Abendmahl war, und das ist schon bewegend. Zugleich aber hat sich diese beeindruckende eucharistische Frömmigkeit mit irritierend schroffen Abgrenzungen verbunden. Kompromißlos verwehrt der Papst in seinem Schreiben katholischen Christen, an den Abendmahlsfeiern anderer Konfessionen teilzunehmen. Auch solchen, die einen konfessionsverschiedenen Partner haben. Sie würden damit, fürchtet er, die Wahrheit der Eucharistie verdunkeln. Dieselben Töne gibt es seither von seinem Nachfolger.

Mir liegt sehr viel daran, die katholische Seite in der Tiefe zu verstehen. Gerade in einer für die Ökumene schwieriger gewordenen Zeit. Zumal hier in Freiburg finde ich das wichtig, weil ich hier einen Katholizismus erlebe, dem menschlich und theologisch wirklich an geistlicher Gemeinschaft mit uns liegt, für den wir Protestanten mehr sind als "keine Kirche im eigentlichen Sinn" (Deklaration 'Dominus Iesus'). Aber wenn es um das absolut Eingemachte geht, um den Tisch des Herrn, dann kann ich nur sagen: als evangelische Kirche können wir uns der katholischen Lehre nicht anschließen. Wo im Namen Jesu Brot und Wein geteilt werden, ist er selbst der Gastgeber. Da braucht er, von dem der Hebräerbrief sagt, daß er unser wahrer Hohepriester ist, keinen menschlich-priesterlichen Stellvertreter, durch dessen 'Weihegewalt' die Eucharistie erst zur Eucharistie wird. Nein, es ist dann genauso wie am Tisch von Emmaus, an dem Jesus für seine Jünger das Brot brach. Die evangelische Kirche jedenfalls kann gar nicht anders, als Christen anderer Konfession, die es wollen, das Abendmahl mitfeiern zu lassen. Sie sagt das ohne Aufdringlichkeit; sie respektiert die, die im Gehorsam gegen ihre eigene Kirche von der eucharistischen Gastfreundschaft, die ihnen gewährt wird, keinen Gebrauch machen möchten. Aber aus evangelischer Sicht müssen wir daran festhalten: Nicht das kirchliche Amt, Christus selbst lädt dazu ein. Deshalb ist jede Abendmahlsfeier in Wahrheit ökumenisch.

V.

Liebe Gemeinde, wer mit dem Auferstandenen Gottesdienst feiert, der lässt die Dinge nicht so, wie sie sind. Auch vom Tisch des Herrn ist die Bewegung die wie von jedem Essenstisch: es geht zurück ins normale Leben. Nachdem unsere beiden Jünger erkannt haben, wer ihnen da das Brot gebrochen hat, hält sie plötzlich nichts mehr in Emmaus. Wem Jesus das Geheimnis seines Lebens und Sterbens erschlossen und wen er in der Stunde der tiefen Traurigkeit an seinem Tisch bewirtet hat, der kommt wieder in Bewegung, der kann wieder nach vorn schauen. Nach Jerusalem zurück geht es dann plötzlich viel schneller. Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über: sie können unmöglich für sich behalten, was sie erlebt hatten. Sie müssen es anderen mitteilen: Der Gekreuzigte lebt! Er bricht für uns das Brot. Kommt, sagt es allen weiter!

Amen.

Lieder: 559,1-3 / 102,1-3 / 116,4+5 / "Christ, der Herr, ist heut erstanden" / 225,1-3 / 117,1-3