Frommer Unglaube - Predigt über Johannes 20, 19-29

Quasimodogeniti - 19.04.2009, Christus- u. Petruskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

In der Urchristenheit nannte man den Sonntag "Herrentag". Für uns klingt das altmodisch und fremd. Aber die ersten Christen wollten damit einfach ausdrücken, daß der Sonntag, und zwar jeder Sonntag, ein echter Feier-Tag ist: eben der Tag, an dem das Geheimnis aller Geheimnisse gefeiert wird, die Auferstehung des Herrn! Nach allem, was wir davon wissen, lag etwas Mitreißendes, Weiträumiges über dem Sonntag der ersten Christen. Sie wußten sich hineingenommen in die große, sieghafte Bewegung Gottes gegen den Tod in seinen vielen Gestalten.

Ach, wenn doch unsere Sonntage mehr von dieser ansteckenden, weiträumigen Osterfreude spüren ließen! Wenn sie doch nicht so abgeschlafft blieben, langweilig, ermüdet von der vergangenen Woche und unsicher im Blick auf die neue. Für viele ist der Sonntag und sein 'Gelingen' von dem angestrengten Vierklang bestimmt: Ausschlafen - Sonntagsbraten - "Ausflug" (mit nörgelnden Kindern) - und am Abend dann der "Tatort". Wie kommen wir in die österliche Bewegung und Begeisterung hinein, die die frühen Christen immerhin in ihr berühmtes Osterlachen hat ausbrechen lassen? Wo ist für uns ein Zugang zum Auferstandenen und der Kraft, die von seinem Evangelium ausgehen kann - jenseits der sinnlosen Kontroversen etwa um die Frage, ob Jesu Grab wirklich leer oder vielleicht doch voll gewesen ist? Diese Frage, die immer mal wieder in Theologie und Kirche hochkocht, droht die frohe Botschaft von der Auferstehung in Zank und Nörgelei zu ersticken. Anstatt sich des lebendigen Herrn einfach zu freuen, möchten manche Christenmenschen nur zu gern einen wissenschaftlichen Tatsachenbeweis liefern, daß Jesu Leib am Ostermorgen nicht im Grab lag. So aber werden die schönen Ostergeschichten unversehens zu trostlosen Grabesgeschichten. Denn ein Grab tröstet nicht, egal ob voll oder leer.

I.

Liebe Freunde, damit sind wir mitten in unserer Erzählung von Thomas und den anderen Jüngern. Sie fesselt uns in ihrer Anschaulichkeit. Aber irgendwie hat man zunächst das Gefühl, man bleibt draußen. Es kommt mir vor wie bei einer großen Kathedrale: Wir stehen beeindruckt vor der prachtvollen Fassade, aber das Hauptportal ist verschlossen. Wir bleiben außen vor - es sei denn, ein Ortskundiger führt uns durch einen übersehenen Nebeneingang ins Innere der Kathedrale. Es gibt eine solche, leicht zu übersehende Nebentür ins Innere unserer Geschichte.

Johannes ist ein Schriftsteller, der es liebt, in scheinbar nebensächliche Bemerkungen entscheidende Hinweise zu verstecken. Zwei beiläufige Notizen sind für mich so ein Zugang zu unserem Text. "Am Abend des ersten Wochentages", so fängt er an. Und später heißt es: "Acht Tage später, als die Jünger wieder beisammen waren...". Diese beiden Zeitangaben sind eine deutliche Anspielung auf den Sonntag, auf das Zusammensein im Gottesdienst. Lassen Sie uns dem einmal folgen und darüber nachdenken, was der Gottesdienst für uns bedeuten kann, wie er zur Chance werden kann, daß wir in die österliche Freude und Bewegtheit hineinkommen.

"Als die Jünger am Abend des ersten Wochentages beisammen waren": Zum Gottesdienst gehört also die miteinander feiernde Gemeinde. Eine Binsenweisheit, so scheint es. Scheint es - denn so selbstverständlich ist das keineswegs. Das wird klar, wenn wir sofort das zweite beachten: Menschen, die im Namen Jesu zusammenkommen, sind kein Gesinnungstrupp. Kirche Jesu Christi darf kein Vereinslokal von lauter gleich denkenden Leuten sein. Das können wir aus unserer Geschichte lernen. In ihr spielt Thomas eine Hauptrolle, diese schillernde, interessante Jüngergestalt. Man stilisiert ihn gern zum quasi-modernen Skeptiker hoch, zum typischen Vertreter unseres wissenschaftlichen Denkens, geprägt von der Aufklärung und sensibel für die Spannung zwischen Glaube und Vernunft. Sozusagen ein früher Repräsentant der Moderne, der sich mitten in die von Geister- und Wunderglauben beherrschte Welt des Neuen Testaments verirrt hat. Ein taffer Typ, der nach dem Motto lebt: Ich glaube nur, was ich sehe!

Ich habe den Thomas früher auch so gesehen. Inzwischen kommt mir diese Deutung klischeehaft vor, sie leuchtet mir nicht mehr ein. Denn wenn man genau hinsieht, ist Thomas ja gar keiner von jenen Zweiflern, den "kritisch Distanzierten", wie der einschlägige Kirchenjargon heute lautet. Man hat sie heute als Zielgruppe ins Visier genommen etwa bei den sog. "Thomasmessen", die in manchen Gemeinden gefeiert werden. Ich finde diese Bezeichnung fragwürdig. Denn in Wahrheit ist Thomas ja gar keiner, der von außen her zu Jesus kommt. Sein Unglaube, den Jesus ihm vorhält, ist kein aufgeklärter, rationalistischer Unglaube, kein heimlicher Atheismus. Nein, er droht im gerade von seinem Glauben her! Zwei Mal wird Thomas vor unserer Erzählung im Johannesevangelium erwähnt. Er ist es zum Beispiel, der nach der Auferweckung des Lazarus die Initiative ergreift und die Mitjünger auffordert: "Auf, laßt uns mit Jesus gehen und mit ihm sterben!" (Joh 11,16). Solches ist sonst nur dem Erzjünger Petrus über die Lippen gekommen! Thomas hat sich also von Jesu Sache packen lassen und ist bereit, aufs Ganze zu gehen. Und ausgerechnet dieser fromme, entschiedene Mann gerät an den Rand des Unglaubens! Das gibt es also: nicht nur den "modernen" Unglauben der Atheisten, sondern auch einen ganz frommen Unglauben, der von innen, nicht von außen kommt. Aber worin besteht er?

Zu Beginn unserer Geschichte, am Abend des Ostersonntags, als Jesus den Jüngern das erste Mal erscheint, ist Thomas nicht dabei. Das ist wichtig. Ich versuche mich in ihn hineinzuversetzen und merke, wie ich selbst ins Spiel komme. Thomas, dieser Vollblutjünger, ist vom Ende Jesu so enttäuscht, daß er mit sich und seiner Traurigkeit allein bleiben will. Ganz wie die beiden Emmausjünger. Die anderen gehen ihm auf die Nerven. Das ist sehr menschlich. Es ginge ihm dann so wie wohl vielen von uns in einer tiefen Lebenskrise: Wir ziehen uns zurück, mauern uns ein und wollen am liebsten nichts mehr wissen von der Welt um uns herum. Nach der Melodie: Da kann mir doch keiner helfen, da kann ich nur allein mit fertig werden!

Aber irgendwie scheint Thomas zu spüren, daß er sich in seinem frommen Eifer, der auch jetzt noch irgendwie aufs Ganze geht, übernommen hat. "Thomas, sei nicht ungläubig, sondern gläubig", ruft Jesus ihm am Ende zu. Für mich heißt das: Alleinbleibenwollen um jeden Preis, das kann Unglaube sein, vor dem uns Jesus bewahren will. Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch "Gemeinsames Leben" notiert: "Die Sünde will mit dem Menschen allein sein. Sie entzieht ihn der Gemeinschaft. Je einsamer der Mensch wird, desto zerstörerischer wird die Macht der Sünde über ihn." Und dann schreibt er lakonisch: "Allein kann man nicht Christ sein".

Thomas befindet sich also auf diesem gefährlichen Weg in die Vereinzelung. Und doch treibt's ihn seltsamerweise zurück zu den anderen. Vermutlich mehr intuitiv, ohne daß er sich viel davon verspricht. So wie auch wir manchmal - rätselhaft genug, aber Gott sei Dank! - uns aufraffen und zum Gottesdienst gehen, ohne daß wir sagen können, warum eigentlich.

Thomas also ist doch wieder gekommen. Aber als ihm die anderen von der Begegnung mit dem Auferstandenen berichten, da traut er dem Gehörten nicht. "Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube": dieses faustische Wort könnte bereits Thomas ausgerufen haben! Eine neue Dimension von frommem Unglauben tut sich auf: "Wenn ich nicht die Nägelmale sehen und meine Hand in die Wunde legen kann..." Thomas erweist sich hier, salopp gesagt, nicht gerade als guter Protestant, sondern als früher Vertreter des Katholischen. Er gehört zu denen, für die das verkündigte Wort allein - solo verbo - zu wenig ist. Sie wollen mehr erleben, persönliche, ja sinnliche Erfahrungen mit Jesus machen. Sie wollen mehr als bloß das Zeugnis der anderen. Oder um es im Blick auf den Streit um Ostern zu sagen: Thomas gehört zu denen, für die der Nachweis des "leeren Grabes" wichtiger ist als die Botschaft vom Auferstandenen.

II.

Und jetzt passiert das eigentlich Bewegende in unserer Geschichte. Jesus, nachdem er am nächsten Sonntag den Jüngern wieder erscheint, faltet Thomas nicht zusammen, sondern er läßt sich auf dessen frommen Unglauben ein. "Reiche deinen Finger, und leg deine Hand in meine Seite". Erst danach, nachdem er ihm die herbeigesehnte persönliche Erfahrung ermöglicht hat, mahnt er ihn. Das heißt: Kein Unglaube kann Jesus abhalten, zu uns zu kommen - und seien wir noch so skeptisch, ungeduldig, eigenbrötlerisch. Jesus nimmt Thomas ernst. Es wird ihm nicht zu viel, noch einmal zu erscheinen, nur um seines schwierigen, eingekapselten Jüngers willen.

Liebe Schwestern und Brüder, daran können wir lernen: Gemeinde Jesu Christi, das sind Menschen, die zum Gottesdienst zusammenkommen, weil sie sich dessen freuen, daß Jesus sie ernst nimmt. Das ist unsere "Qualität" - eine andere besitzen wir nicht, um seine Gemeinde zu sein. Kein noch so ernsthafter Glaube, keine noch so engagierte Nachfolge machen uns zu Christen, sondern allein das leidenschaftliche Interesse Gottes an uns. Das bedeutet Ostern also auch, das gehört zum Geheimnis des Auferstehung dazu: Jesus findet den Weg auch zu solchen, die - warum auch immer - abseits bleiben wollen. "Werde nicht ungläubig, sondern gläubig" - so wirbt Jesus um jeden von uns. Jeder Gottesdienst ist so ein eindringliches Werben Jesu um uns, damit wir umkehren, und das heißt: an unserem Unglauben zu zweifeln beginnen.

Zum Gottesdienst gehört also die Gemeinde. In ihrer bunten, manchmal verwirrenden Vielfalt aus Sicheren, Zuversichtlichen, Zweiflern, Ängstlichen. Und das heißt auch: Gemeinde ist kein passives Zuhörpublikum. Unsere so selbstverständliche Rede von den "Gottesdienstbesuchern" ist verräterisch und ärgert mich oft. Denn Besucher wohnen einem Geschehen bei, das ihnen präsentiert wird. Die gottesdienstliche Gemeinde aber tut ja etwas: sie feiert die Liturgie. Für uns Protestanten ist sie über Jahrzehnte etwas Unwichtiges gewesen, schmückendes Beiwerk für das Eigentliche, die Predigt. Das ist schlimm, und eine große Schwäche des Protestantischen, die uns auch ökumenisch viel Kredit gekostet hat. Gottseidank hat sich das inzwischen sehr geändert. Auch wir Protestanten haben endlich begriffen: Liturgie ist viel mehr! Ich will von unserem Text her nur eines herausgreifen. Liturgie bedeutet: Gott grüßt seine Gemeinde! Grüßen ist einer der elementarsten Vorgänge des Menschlichen. Stellen Sie sich mal einen Tag vor, an dem Sie keiner grüßt - ein trostloser Gedanke! Indem wir einander grüßen, signalisieren wir uns: Du bist mir nicht gleichgültig, ich freue mich, daß es dich gibt! Wir wünschen uns gegenseitig gelingendes Leben.

Und was für unser Miteinander schon selbstverständlich ist, gilt für Gottes Kontakt mit uns erst recht. Dreimal grüßt in unserer Geschichte der Auferstandene seine Jünger: "Friede sei mit euch!" Auch in unseren Gottesdiensten werden wir dreimal mit diesem Friedenswunsch gegrüßt: beim liturgischen Gruß zu Beginn "Der Friede des Herrn sei mit euch". Beim Friedensgruß nach dem Fürbittengebet "Der Friede Gottes bewahre eure Herzen und Sinne". Und dann zum Abschluß als letztes Wort des Gottesdienstes beim Segen "Der Herr gebe euch Frieden". Liebe Gemeinde, auch das sind Hinweise darauf, daß jeder Gottesdienst ein österliches Ereignis ist. Denn Auferstehung Jesu heißt ja: Gott hat den Tod, dieses Ereignis totaler Stummheit und Beziehungslosigkeit, besiegt - und das zeigt er, indem er uns grüßt, weil wir ihm alles andere als gleichgültig sind. Er wünscht und gibt uns gelingendes Leben im Zeichen des Friedens.

III.

Ach ja, die Botschaft hör' ich wohl - mögen wir jetzt wohl auch denken. Denn die zweifelnde Frage, die ist ja nicht so einfach wegzukriegen: Wie bleibt dieser Friedensgruß nicht bloß ein frommer Wunsch, sondern wirkt sich tatsächlich auf mein Leben aus?

Da wird mir ein letztes Element wichtig, das den Gottesdienst mit unserer Auferstehungsgeschichte verbindet. Am Ende jedes Gottesdienstes wird der Segen gesprochen. Das ist nicht einfach ein erbauliches Schlußritual, sondern Erinnerung und Erneuerung unserer Sendung nach draußen, in die Welt. Erinnerung daran, daß der Gottesdienst, wie Paulus im Römerbrief schreibt, nicht nur Sonntags in der Kirche seinen Ort hat. "Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch", sagt der Auferstandene bei der ersten Begegnung seinen Jüngern. Ostern bedeutet auch: Gott nimmt uns in seinen Dienst und traut uns etwas zu, so wie wir sind. Das wird in unserer Geschichte anschaulich: Eben noch waren die Jünger ein gelähmter Haufe, der sich aus Angst vor der feindlichen Umwelt hinter verschlossenen Türen eingemauert hatte. Alles andere als sendungsbewußte, von ihrer Sache überzeugte Leute! Kaum aber ist Jesus bei ihnen, vertraut er ihnen seine Sache an. Ohne lange Befindlichkeitsrunden nach dem Motto: Wie geht's euch damit, was macht das jetzt mit euch? Ohne nach Eignungsnachweisen zu fragen.

Wie finden wir einen Zugang zum Auferstandenen? So hatten wir gefragt. Liebe Freunde, das wäre ein solcher Zugang, daß wir uns von diesem unglaublichen Zutrauen, das Jesus in uns setzt, packen und uns senden ließen: so unterschiedlich wir sind, so integriert in die Gemeinde oder so abseits wir uns fühlen. Es gibt ja die Sünde nicht nur, wie Bonhoeffer sagte, als das Sich-Verschließen des einzelnen Menschen, sondern auch als das introvertierte Für-sich-bleiben-Wollen der ganzen Gemeinde, die nur noch mit sich selbst beschäftigt ist und die gottferne Welt draußen läßt. Da ist der Segen, der uns vom Gottesdienst in die Welt sendet, ein prima Gegengift. Weil er uns beauftragt, Gottes Friedensgruß in die Welt hineinzuleben, damit er auch andere erreicht, nachdenklich macht und so auf Jesus Christus hin in Bewegung bringt.

Das ist - wieder mit unserem Text gesprochen - Vergebung der Sünden: daß wir losgerissen werden von unserer Selbstbeschäftigung. Vergebung der Sünden stellt auf die Füße: Auferstehung! Da öffnen sich verschlossene Türen, nicht nur damals, sondern auch heute. Wir brauchen also nicht ängstlicher zu sein als die Jünger damals, und nicht mißtrauischer als Thomas. Gott gebe uns seinen Geist, und die Entschiedenheit, wie Thomas zu bekennen: "Mein Herr und mein Gott!"

Amen.

Lieder: 447,1-3+6 / 107,1-3 / 113,1+2+5 / 383,1-3 / 103,1+4+6