Konfirmation am 26.4.2009 in der Christuskirche Freiburg

Predigt zu Joh 10,11-16

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

manche von euch erinnern sich vielleicht an diese Geschichte aus dem Konfirmandenunterricht:

In der Stadt hinter den Bergen waren die Menschen blind. Sie hatten sich daran gewöhnt. Da sie alle blind waren - und das schon seit Menschengedenken -, litt keiner darunter.

Eines Tages kam ein fremder König mit seinen Soldaten in die Gegend. Sie schlugen ihr Lager vor den Toren der Stadt auf. In dem Tross, den der König mitführte, war auch ein Elefant. [...]

Als die Leute in der Stadt von dem Elefanten hörten, wollten sie wissen, wie er aussieht. Vier von ihnen wurden vor die Tore der Stadt geschickt, um seine Gestalt und Form festzustellen. Da sie blind waren, betasteten sie den Elefanten mit den Händen. Jeder berührte ihn an einer anderen Stelle.

Als die vier zurückkamen, fragten die übrigen Bewohner der Stadt: "Wie sieht der Elefant denn aus? Sagt es uns!" Und sie erzählten, was sie wussten. Der eine, der den Rüssel des Elefanten ertastet hatte, meint: "Das Tier gleicht einer großen Wasserpfeife, aber warm und weich." Der andere, der das Ohr betastete, sagte: "Das Tier ist wie ein riesiger Fächer oder ein Teppich." Der dritte hatte ein Bein angefasst: "Ich habe es gespürt, es war eine Gestalt, wie eine feste Säule." Und der vierte, der die Hand auf den Rücken des Elefanten gelegt hatte, war überzeugt: "Er ist wie ein Thron, hoch erhaben über dem Boden."

Jeder der vier war sich sicher, dass er Recht hatte. Jeder erzählte, was er erkannt hatte. Nur die Bürger der Stadt kamen ziemlich durcheinander. Sie konnten sich kein rechtes Bild machen. Keiner wusste, wie der Elefant wirklich aussah. Niemand kannte das Ganze.

Persische Gelehrte haben an dieser Stelle der Geschichte gesagt: Genauso ist es mit Gott. Immer erkennen wir nur einen Teil von ihm, niemals ihn selbst in seiner ganzen Größe.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

von Gott erkennen wir immer nur einen Teil. Wir werden ihn nie in seiner ganzen Größe begreifen, in Begriffe fassen können. Ein einflussreicher theologischer Lehrer, Augustinus, hat einmal gesagt: "Wenn du meinst, du hättest verstanden, kannst du sicher sein, dass du es nicht mit Gott zu tun hast".

Ihr sprecht heute das Glaubensbekenntnis, das mit den Worten beginnt: "Ich glaube an Gott". Mit diesem Bekenntnis sagt Ihr Ja zu Eurer Taufe, sagt Ihr Ja dazu, dass Ihr durch Jesus Christus im Heiligen Geist zu Gott gehört.

Ein Bekenntnis ist eine Art Liebeserklärung: Ich stehe zu Dir. Du bist mein ein und alles. Ich sage Ja zu dir.

Nun möchte ich Euch am liebsten direkt fragen: Zu welchem Gott sagt ihr heute Ja? Wie geht das überhaupt, wenn wir doch gar nicht wirklich wissen, wer Gott ist?

Auch wenn wir, wie die Blinden den Elefanten, Gott nicht erfassen können, sprechen wir von Gott. Das hat seinen Grund allein darin, dass Gott sich selbst zu erkennen gegeben hat und sich auch heute noch zu erkennen gibt.

Die Bibel ist voll von solchen Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Gott hat sich Menschen zu erkennen gegeben. Diese Menschen haben davon erzählt und es aufgeschrieben.

Dazu haben sie Bilder benutzt. Bilder als Wege, um sich dem Wesen Gottes anzunähern. "Du sollst dir kein Gottesbild machen!" Dieses Gebot habt Ihr gelernt. Zugleich aber sind wir Menschen darauf angewiesen, von Gott in Bildern zu reden. Die biblischen Bilder können uns den Weg weisen, uns hinführen zu dem Gott, von dem wir glauben, dass er als Liebe Ursprung und Ziel unseres Lebens ist.

Eines der vielen biblischen Bilder für Gott ist das Bild des Hirten. Wir haben eben Psalm 23 gebetet: Der Herr ist mein Hirte.

Wie geht es Euch mit diesem Bild? Wie geht es Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, mit diesem Bild? Gott ist wie ein Hirte. So sagt es die Bibel. In Israel war das ein selbstverständliches Bild, das viel mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun hatte. Könige wurden mit Hirten verglichen. Orientalische Gott-Könige nennen sich Hirten ihrer Völker und scheren und schlachten ihre Untertanen. Im Unterschied zu den Führern des Landes, die versagt und ihre Untergebenen ausgebeutet haben, ist im Ersten Testament nur Gott allein ein guter Hirte. Wenn wir bedenken, wie unzulänglich die Hirten-Könige waren, schockiert uns das Gottesbild. Es versetzt uns in Unruhe, lässt uns über Gott nachdenken, vor allem über die Spannung zwischen dem Selbstverständlichen des Bildes und Gott selbst, der im Widerspruch zu dem selbstverständlichen Gebrauch des Bildes steht. Genauso sollen uns die anderen Gottesbilder schockieren: Gott als Vater, als Mutter, als König, als Herrscher - häufige und irgendwie selbstverständliche Bilder für Gott, in denen wir doch auch den Unterschied zu den real existierenden Vätern, Müttern, Königen, Herrschern sehen sollen.

Bleiben wir beim Bild des Hirten. Was verbinden wir damit? Hirtenidylle auf der fetten Weide, begleitet von Melodien der Panflöte. Die Hirtenmusik aus Bachs Weihnachtsoratorium oder Beethovens Pastorale. Zum Bild des Hirten kann uns einfallen, dass in anderen Gegenden Deutschlands die Pfarrerinnen Pastorinnen genannt werden, also Hirtinnen. In der katholischen Kirche schreiben die Bischöfe immer wieder Hirtenbriefe, die in Gottesdiensten verlesen werden. Mir ist das Bild fremd. Meine Rolle als Pfarrerin verstehe ich nicht als Pastorin, die eine gemeindliche Schafherde führt und leitet.

Bilder bilden die Wirklichkeit nicht ab. Gottesbilder bilden Gott nicht ab. Gottesbilder sind Annäherungen. Bilder wollen Räume eröffnen, Wege weisen zu einem Verstehen Gottes. Doch wir dürfen Gott nicht auf Bilder und Begriffe festlegen wollen.

Jesus hat das alte Bild von Gott als einem guten Hirten auf sich bezogen. Hören wir, wie Jesus sich im Joh bezeichnet:

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -,denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

Liebe Gemeinde,

ein Hirt kennt nicht alle Schafe! Schon daran wird deutlich, dass es sich um ein Bild handelt, das gesprengt wird durch die Wirklichkeit, die es aussagen will. Darum: Versuchen wir uns der Wirklichkeit anzunähern, die Jesus mit dem Bild aussagen will.

Der gute Hirte wird abgrenzt vom Mietling. Das ist einer, der nur seinen Job macht, Dienst nach Vorschrift. Ein bezahlter Knecht, der keine persönliche Beziehung zu den Schafen hat. Und sie im Stich lässt, wenn der Wolf kommt. Jesus als guter Hirt hat Teil an der Fülle Gottes. Er ist ganz eng verbunden mit Gott selbst, der allein im Ersten Testament als guter Hirte erscheint, im Gegensatz zu allen Königen und Führern des Volkes.

In unserem Text sagt Jesus von sich, dass auch Schafe aus einem anderen Stall zu ihm gehören, das heißt alle Menschen, nicht nur diejenigen, die aus dem Judentum kommen.

Was bedeutet das Bild vom Hirten? Wie versteht Jesus sein Hirtesein? Anders als die weltlichen und kirchlichen Hirten ist Jesus durch und durch in Sorge um die Seinen. Er möchte, dass sie das Leben in Fülle haben. Sein eigenes Leben stellt er dafür zurück. Das Johannes-Evangelium ist voller Jesus-Bilder. Ich möchte besonders euch Konfirmandinnen und Konfirmanden eines anbieten, das euch vermutlich näher liegt als das vom Hirten und den Schafen. Dieses Bild versucht sich derselben Wirklichkeit anzunähern. Jesus versteht sich als wahrer Freund. Und er bezeichnet die Seinen als seine Freundinnen und Freunde (Joh 15,15) Jesus als wahrer Freund. Falsche Freunde lassen mich im Stich, wenn es brenzlig wird. Ein wahrer Freund bleibt auch in finsterer Schlucht bei mir. Wenn ich angegriffen oder isoliert werde, machen falsche Freunde sich aus dem Staub. In schwierigen Situationen halten sie nicht zu mir. Ein wahrer Freund gibt mir zu essen und zu trinken und bleibt mir treu im Angesicht meiner Feinde. Jesus bietet sich an als wahrer Freund. Er ist sogar bereit, sein Leben für mich zu lassen. Angenommen, ich wäre am Ertrinken. Jesus würde sein eigenes Leben riskieren, um mich zu retten. Angenommen, ich hätte ein ganz schwere Last zu schultern. Jesus würde tragen helfen. Angenommen, ich wäre in Todesangst. Jesus bleibt bis zum Schluss bei mir; er lässt mich nicht allein.

Gott, Jesus als wahrer Freund: In seiner Gegenwart halte ich mich gerne auf. Ihm kann ich alles sagen. Ihm höre ich gerne zu. Wie zu einem guten Freund suche ich immer wieder den Kontakt zu ihm und bin so oft wie möglich mit ihm zusammen.

Davon erzählen die biblischen Gottes- und Jesusgeschichten: Von Gott und Jesus als dem wahren Freund. Was als göttliche Wirklichkeit im Bild vom Hirten ausgesagt wird, lässt sich auch in anderen Bildern aussagen. In Bildern, die besser in unsere Zeit passen, die uns näher sind, auch wenn sie immer zweideutig bleiben. Wir singen nachher ein Lied, in dem von Gott als mächtigem Herren und König die Rede ist. Auch das ein Bild, das in unsere Lebenswirklichkeit nicht mehr passt. Spannend ist, wie das Bild gefüllt wird. Gott lässt aus dem Himmel mit Strömen der Liebe regnen. Mit einem solchen Herrn und König kann ich leben.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

unsere Aufgabe ist es, zu lernen, Gott zu verstehen. Die biblischen Bilder können Wege dazu sein. Zugleich gilt es, die Bilder, die wir von Gott haben, immer wieder loszulassen im Wissen darum, dass sie vorläufig sind und nicht das Ganze aussagen. Wie die Blinden erkennen wir immer nur Teile von Gott. Viel wichtiger ist es, ein Leben lang achtsam dafür zu sein, wie Gott sich uns von sich aus zu erkennen geben will. Das Leben mit dem Glauben ist spannend. Da sind wir vor Überraschungen nie sicher. Doch ich bin gewiss, am Ende, das ein Anfang ist, werden wir es in seiner ganzen Fülle erleben: Gott wird uns in Liebe begegnen. So sei es. Amen.