8.Sonntag n. Tri., 2.8.09, Christuskirche

Predigt: Mt 5,13-16

Liebe Gemeinde,

wir hören einen Auszug aus der Bergpredigt Jesu, wie sie das MtEv überliefert:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.

Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.

So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Liebe Gemeinde,

wir leben in einer Casting-Gesellschaft, habe ich neulich gelesen. Casting meint ein Auswahlverfahren, um Rollen zu besetzen für Filme und Schauspiele, um Tänzerinnen, Sänger, Fotomodelle zu finden. Casting-Gesellschaft bedeutet, dass wir alle einem unablässigen Auswahlverfahren ausgesetzt sind oder uns selbst diesem aussetzen. Dabei wird offen oder insgeheim geprüft, ob wir eine gute Figur machen, ob wir die Rolle, die uns zugeschrieben ist, richtig ausfüllen, ob wir ins Spiel bzw. ins System passen.

Schein und Sein, Image und Ich sind kaum mehr zu unterscheiden. Ich bin, was ich scheine, was ich äußerlich hermache, was Andere an mir wahrnehmen. Fernsehen und Internet fördern und prägen eine Kultur permanenter Selbstinszenierung. Alle wollen, alle sollen Stars sein. Am besten Superstars.

"So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten" - diese Worte aus der Bergpredigt, die wir eben gehört haben, klingen wie eine Einladung Jesu, bei diesem Spiel der Casting-Gesellschaft mitzuspielen. Aufmerksamkeit, Beachtung um jeden Preis.

Und danach sehnen wir uns ja. Auch als Kirche. In Papieren zur Standortbestimmung ist da derzeit nicht selten von Leuchttürmen und Leuchtfeuern die Rede. Wir sollen mehr Ausstrahlung haben. Und wir möchten das auch. Mittendrin sein. Wahrgenommen werden. Vorbild sein.

Noch zu einem anderen Zeichen der Zeit scheint unser Text zu passen. "Du musst dein Leben ändern" - so der Titel eines soeben erschienenen Buches von Peter Sloterdijk. Sloterdijk macht sich stark für sogenannte Anthropotechniken, für eine Kultur des Übens und der Anstrengung. Es geht darum, sich nicht bequem mit einem Aufenthalt im Basislager am Fuß des Berges zufrieden zu geben, sondern die Aufgabe von uns Menschen ist es, die Gipfel zu stürmen. Immer von neuem. Es gibt für ihn keine Religion. Wir haben das Leben und die Welt selbst in der Hand. Gerade die Menschheitseliten - so Sloterdijk - haben die Pflicht, zu immer neuen Expeditionen aufzubrechen. Um die globale Katastrophe abzuwenden.

Auch hier: Sagt Jesus nicht etwas Ähnliches? "Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein." Also: raus aus dem Basislager, hinauf auf den Berg! Gehen wir mit Jesus mit! Er war doch so etwas wie ein Gipfelstürmer. Nicht zufällig diese Inszenierung: Auf dem Berg hält er seine berühmteste Rede, die Bergpredigt.

Liebe Gemeinde, ich gehöre noch zu der Generation, in deren Poesiealbum gemahnt wurde: "Blüh wie das Veilchen im Moose, sei sittsam, bescheiden und rein. Und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein." Diese Zeiten, in denen solch eine Zurückhaltung gefordert wurde, scheinen ein für alle Mal vorbei. Das war ja auch niemals im Sinne Jesu. Denn er will doch - und das ist sprichwörtlich geworden -, dass man sein Licht nicht unter den Scheffel stellt.

"Ihr seid das Licht der Welt - So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten". Gibt es da noch was zu deuteln? Heißt das nicht mitzubauen an und mitzuspielen in dieser Kultur der anstrengenden Selbstinszenierung?

Liebe Schwestern und Brüder, ich merke immer wieder, wie sehr ich solche Vorstellungen verinnerlicht habe. Auf Schritt und Tritt wird es uns eingetrichtert, in der Werbung, durch tausend Bilder und Plakatwände, in unzähligen Zeitschriften, dass wir selbst für unsere Ausstrahlung verantwortlich sind. Erfolg und Anerkennung, die ich so dringend brauche, hängen daran, dass mein Erscheinungsbild stimmt, dass mein Lifestylekonzept überzeugt, dass die Selbstinszenierung gelingt. Es ist alles eine Frage des Willens und der Anstrengung. Und wir tun auch als Kirche so, als ob Erfolg und Anerkennung daran oder an Ähnlichem hingen.

Fast schon wie selbstverständlich hören wir aus den Sätzen Jesu heraus: Ihr sollt das Licht der Welt sein! Denn im säkularen Bereich wird uns das andauernd eingeredet.

Doch Jesus formuliert gar keinen Anspruch: Ihr sollt das Licht der Welt sein. Sondern er formuliert einen Zuspruch: Ihr seid das Licht der Welt.

Ungeheuerlich ist das. Kaum zu glauben. Und offenbar noch schwieriger zu leben.

Diesem Zuspruch geht ein anderer voraus. "Ihr seid das Salz der Erde". Das heißt: Ihr bringt die Würze in das Leben der Menschen. Manche Speisen sind unerträglich fad, wenn sie nicht gesalzen sind. Ihr sorgt dafür, dass das Leben schmeckt. Und noch etwas: Ohne Salz verderben die Speisen. Zur Zeit Jesu gab es weder Kühlschränke noch Tiefkühltruhen. Salz war das Mittel zur Haltbarkeit. Unendlich wertvoll. Ihr seid das Salz der Erde heißt auch: Die Erde wird bewahrt, solange Ihr noch da seid. Solange es noch ein paar Gerechte gibt. Eine typisch jüdische Vorstellung, die Jesus hier wiedergibt. Auch hier: ein Zuspruch, eine Zusage, die uns fast schwindelig macht. Evangelium pur.

Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. Die Sätze Jesu richten sich an die, die sich da um ihn auf dem Berg versammelt haben. Das sind die Seinen. Jesus spricht zu denen, die seine Gegenwart suchen. Und die vermutlich bereits etwas erfahren haben von seiner besonderen Nähe zu Gott, von der Vollmacht, mit der er spricht, von der Heilkraft, die von ihm ausgeht. Diese Menschen sind fasziniert und entsetzt (Mt 7,28).

Unserem Text aus der Bergpredigt gehen die Seligpreisungen voraus. Den acht Preisungen wird eine neunte angehängt. Hier werden die ZuhörerInnen, die zu Jesus Gehörenden direkt angesprochen: "Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen […] ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind."

Daran schließt unser Text nahtlos an. "Ihr seid das Salz der Erde. - Ihr seid das Licht der Welt" bedeutet also: Ihr steht in der Tradition der Prophetinnen und Propheten. Ihr steht für Gottes Sache ein. Ihr steht für meine Sache ein auf dieser Erde, in dieser Welt. Wenn Ihr deswegen verfolgt werdet: Selig seid Ihr.

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus fordert seine Kirche, seine Gemeinde, die einzelnen Menschen nicht dazu auf, sich selbst zu inszenieren. Er sagt auch nicht: strengt euch an, wendet Anthropotechniken an, um auf den Gipfel zu gelangen. Genauso wenig wie er sagt: Macht euch klein!

Der Zuspruch, den wir heute zu hören bekommen, ist zu verstehen auf der Folie einer innigen Gottesbeziehung, Christusbeziehung.

Das tiefste Verständnis der Seligpreisungen erhalten wir, wenn wir spüren, dass Jesus hier von sich selbst spricht. Jesus war geistlich arm, hat Leid getragen, war sanftmütig und ihn hungerte und dürstete nach Gerechtigkeit. Neben diesen Haltungen hat Jesus gehandelt. Er war barmherzig, reinen Herzens, friedfertig und wurde um der Gerechtigkeit willen verfolgt.

Kein Mensch außer ihm hat je in dieser Radikalität eingelöst, wovon in den Seligpreisungen die Rede ist. Und daran knüpft dann an: "Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen." Salz der Erde und Licht der Welt sind wir, indem wir mit Jesus Christus verbunden sind, indem wir seine Sache zu unserer Sache machen.

Wenn wir wollen, dass Jesu Sache heutige Menschen bewegt, müssen wir eine Sprache finden und auch ein Image pflegen, das die Menschen nicht von vornherein befremdet oder abschreckt. Insofern ist es vermutlich klug, manche Spiele der Inszenierung mitzuspielen. Und auch Sloterdijk hat ja nicht Unrecht. "Ich muss mein Leben ändern" - das denke ich sehr oft. Ich darf nicht so perfektionistisch sein, ich sollte weniger arbeiten, weniger Alkohol trinken, nicht in jeden Schuh einsteigen, der mir vor die Füße gestellt wird. - Ich muss mein Leben ändern. Und merke: Ich schaffe es nicht.

Liebe Gemeinde, unsere Ausstrahlung hängt an der Intensität und Qualität unserer Christusbeziehung. Diese Ausstrahlung hat nichts zu tun mit dem oft glatten Glanz, der uns in oberflächlicher Weise zu faszinieren vermag. Eine solche Ausstrahlung haben oft Menschen, die äußerlich gar nicht viel hermachen, die nicht zu unseren gesellschaftlichen Eliten gehören, die eher ein verborgenes Leben leben.

Demut, Gehorsam, Bescheidenheit - ich liebe diese unzeitgemäßen Tugenden bzw. Haltungen. Sie sind eine Herausforderung - und eine Lebenshilfe. Nur sie können mir und uns helfen, dass wir uns ändern. Weil sie uns von uns selbst wegführen. Gerade auch die feministische Theologie hat ihren Finger in die Wunden gelegt, die ein zutiefst perverses, autoritäres, hochmütiges Verständnis dieser Tugenden Menschen geschlagen hat, Frauen wie Männern. Durch diese Kritik hindurchgegangen ist es mir wichtig, diese Tugenden in Erinnerung zu rufen: Demut: ich weiß mich abhängig, angewiesen, ich bin Geschöpf und nicht Gott; ich muss mich nicht selber schaffen; Gehorsam: ich bin ganz Ohr, höre auf Gott; bin aufmerksam für Gottes Wort; versuche, durch die oft vielen und überflüssigen Wörter hindurch seine Stimme zu vernehmen; Bescheidenheit: ich bescheide mich, kenne meine Grenzen und lasse so mir selbst und anderen Raum. Mit anderen Worten: Ich bin nicht so klein, dass ich mich groß machen muss. Und ich bin nicht so groß, dass ich mich klein machen muss. Das ist Bescheidenheit.

Liebe Gemeinde, Christus ist das Licht der Welt! Ihr seid das Licht der Welt heißt demnach nicht: Alles läuft auf Euch zu. Ihr seid das Licht der Welt heißt vielmehr: Das Licht Christi scheint durch euch. Ihr seid eine Lichtquelle, die anderes beleuchtet und sichtbar macht. Christus selbst. Im demütigen Sein vor ihm, im Hören auf ihn, in aller Bescheidenheit im Blick auf Euch selbst. Amen.