9. Sonntag nach Trinitatis - 9.8. 2009

Predigt

Gnade sei mit euch, und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
I
Der Evangelist Matthäus, liebe Gemeinde, macht es uns nicht immer leicht, sein Evangelium als frohe Botschaft zu hören. Ganz im Gegenteil , nicht selten konfrontiert er uns mit Härten, auf die wir im Neuen Testament kaum gefasst sind. Sicher, wir kennen diese Geschichten und Worte, aber sie fügen sich nicht recht in die Auslegungstraditionen unserer Zeit mit ihrem Bedürfnis nach Gnade, Rechtfertigung und Barmherzigkeit. Dabei spart Matthäus nicht mit froher Botschaft, es gibt für ihn keinen Zweifel daran, dass in Jesus Christus Gott uns frei macht, aber er sieht sehr scharf, dass das nicht einfach oder billig ist. ,,Billige Gnade'', ein Schlagwort aus der Theologie des 20. Jahrhunderts, gibt es im Matthäus-Evangelium nicht. Und damit ist es letztlich nah am Leben, auch unserem Leben, denn die billige Gnade existiert doch eigentlich nur in den Sehnsüchten, die auf dem harten Boden eines Lebens wachsen, das an sich nicht billig ist, sondern ständige Auseinandersetzung mit dem, was dem Leben widerspricht. Wenn nicht materiell, dann menschlich, seelisch, oder sozial. Der Jesus des Matthäusevangelium sieht das sehr nüchtern und konfrontiert uns, die wir seine Worte hören, sehr klar damit. So ist das Gleichnis, das wir als Predigttext heute hören werden, nicht als Drohung erzählt, nicht als Androhung der Verwerfung, nicht zur Verstärkung unserer Angst, sondern zu ihrer Lösung, als Beschreibung eines Lebens im Spannungsfeld zweier Möglichkeiten: Dem Eingang zur Freude oder aber auch dem Verworfen werden dorthin, wo Heulen und Zähneklappern sind. Und Angst spielt eine zentrale Rolle in diesem Spannungsfeld, Angst macht schwer, was wir uns einfach wünschen: Den Weg zum erfüllten Leben. Aber hören Sie selbst. Ich lese aus dem Evangelium nach Matthäus im 25. Kapitel, die Verse 14-30.

Matthäus 25, 14-30

14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;
15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.
16 Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.
17 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu.
18 Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.
20 Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.
21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
22 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen.
23 Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast;
25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.
26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?
27 Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
28 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.
29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
30 Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
II
2000 Jahre Auslegungsgeschichte haben auf so mancherlei Weise versucht, sich dem Gleichnis von den anvertrauten Pfunden anzunähern. Auf das Leben der Einzelnen hin legten es die Einen aus, auf das Bestehen und das Wesen der Kirche nach der Zeit Jesus hin die anderen. Einig waren sich fast alle darin, den Ausdruck Talente rasch zu übersetzen und nicht wörtlich zu nehmen. Von Gaben und Begabungen ist die Rede, von sogenannten Charismen, Gnadengaben, im Blick auf den Einzelnen, von Glaube, Hoffnung und Liebe im Blick auf die Kirche. Recht schnell wird dabei auch übersehen, dass die im Gleichnis erwähnten Talente, Talanta eine Währung sind, Münzen mit einem bestimmten hohen Wert. Die Zentner Silber, von denen die Lutherübersetzung spricht, sind ein Versuch bildhaft deutlich zu machen, worum es bei den anvertrauten Talenten geht. Ein talanton sind 60 Minen, eine Mine sind 100 Dinare. Zahlenspielereien, die an sich noch nicht viel sagen. Deutlicher wird der Wert eines Talentes durch die Information, dass ein Dinar zur Zeit Jesu der Tageslohn eines Arbeiters ist, die Summe, die mit der Arbeitskraft eines Mannes an einem Tag verdienst werden kann, die Summe, die eine Familie einen Tag lang ernährt. Ein Talent sind somit 6000 Tageslöhne, zur Zeit Jesu, als die Woche sechs Arbeitstage hatte, der Lohn von 1000 Wochen Arbeit, etwa 20 Jahre, wenn man Feste und Feiertage mit bedenkt. Angesichts dessen, ist es fast ein bischen leichtfertig, wenn die ,,Talente'' dieses Gleichnisses schnell in Gaben und Begabungen übersetzt werden. Immerhin erhält der erste Knecht 5 talanta, das ist der Ertrag von 100 Jahren Arbeit, der zweite erhält 2 talanta, den Ertrag von 40 Jahren Arbeit, der dritte noch ein talanton, 20 Jahre Arbeitsleistung. Gaben, Begabungen, Talente in unserem Sprachgebrauch erscheinen dagegen schwach, was sind schon Charismen im Vergleich zu dem, was Menschen in Jahrzehnten für sich und andere Erarbeiten.
III
Frühere Zeiten konnten mit solchen Gleichnissen leichter umgehen. Frühere Zeiten hatten kein Problem mit der Unterscheidung derer, die zum Freudenfest des Herrn hineingehen dürfen und denen, die hinausgestoßen werden dorthin, wo Heulen und Zähneklappern sind. Daraus ließ sich allerhand ableiten, Moral, Macht, Diskriminierung. Evangelium? Vielleicht für die Angepassten, die, welche in den Augen ihrer Zeit und Meinungsmacher die treuen und tugendhaften Knechte waren. Aber eben um jenen Preis: Das Angepasst sein; um den Preis der Verwirklichung fremder Werte und Vorstellungen vom Leben.
IV
Wie leicht scheint es den ersten beiden Knechten gefallen zu sein, das Anvertraute zu verdoppeln. Aus fünf Talanta werden beim ersten Knecht zehn, aus 100 Jahren Arbeitsleistung 200. Auch der zweite Knecht wirtschaftet effektiv, er erreicht dieselbe Quote, kann die anvertraute Summe verdoppeln. Nur der dritte Knecht bleibt zurück. Dabei ist er keineswegs gedankenlos mit dem anvertrauten Vermögen umgegangen. In der Erzählung ist er derjenige, der am ausführlichsten seine Entscheidung begründet und erklärt, wie er seine Entscheidung getroffen hat. Er mag seine Kollegen mit einem gewissen Argwohn betrachtet haben und die Reaktion seines Herrn wird für ihn ein Schock gewesen sein: Er tat schließlich nichts unrechtes oder ungewöhnliches. Ganz im Gegenteil, ein Vermögen zu vergraben war zur Zeit Jesu ein legitimer und gebräuchlicher Weg, sein Eigentum zu bewahren. Und der andere Weg, zu wirtschaften und Kapital zu vermehren war ein verpöntes und anrüchiges Verhalten. Und gerade deshalb stellt sich die Frage: Wie kann der vermögende Herr dieser Knechte so hart reagieren?
V
Frühere Zeiten taten sich nicht schwer mit der Härte, die dieses Gleichnis von den anvertrauten Pfunden offenbart. Frühere Zeiten fanden selbst zur Härte und stützten sich dabei auf die Härte Gottes, die sie in solchen Geschichten zu finden meinten. Die Scheidung der Rechtgläubigen von den Ketzern, sollte sie nicht der Kirche obliegen, nachdem Jesus sie in solchen Gleichnissen selbst begründet und gefordert hat? Wie gut lässt sich Politik machen mit solchen Unterscheidungen, wie gut lässt sich über Menschen herrschen. Angst ist ein lohnendes Geschäft für die, die mit ihr zu spielen vermögen.
VI
Die sog. Finanzkrise hat uns alle fest in ihrem Bann. Rücksichtslose und gierige Spekulation, die wenige extrem reich gemacht, auf Kosten einer vermeintlichen Mehrheit. Die Weltwirtschaft fällt zurück auf den Stand von 2006, die weltweite Wirtschaftsleistung von 2 Jahren wird zunichte gemacht. An vielen geht das spurlos vorüber, das fatale ist, dass einige wenige die Last zu tragen haben. Fielen wir alle zurück auf unseren Lebensstandard von 2006, es wäre kein Problem. 5% weniger Einkommen, hier etwas gespart, dort etwas günstiger eingekauft, nein, das wäre nicht wirklich schlimm. Stattdessen tragen wenige die Last, einzelne verlieren die Arbeit, nur manche sind überschuldet und können ihre Lasten nicht mehr tragen, wenige stehen am Ende mit nichts da. Gerettet sind die Banken, selbst schuld die, die sich von grenzenlosen Renditeversprechen haben locken lassen. Dabei ist die Logik des Kapitals so simpel einfach, dass sie niemand gerne hört und alle darüber schweigen, besonders die Profiteure: Was die Einen verdoppeln, müssen andere bezahlen. Wo einer profitiert, wird ein anderer ruiniert. Die Arbeitsleistung von Jahrzehnten lässt sich nicht verdienen, ohne dass andere verlieren, Wohlstand wird nicht vermehrt, er wird nur umverteilt. Ob Jesus dieses Gleichnis auch im Jahr 2009 so unbefangen hätte erzählen können?
VII
Mindestens ein Knecht fehlt in dieser Geschichte. Der vierte Knecht, dem ebenfalls ein Talanton anvertraut wird, der hinausgeht es zu vermehren - und am Ende seinem Herrn mit leeren Händen gegenübersteht. Sein Bekenntnis könnte fast gleichlautend sein mit dem des dritten Knechts: ,,Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und so ging ich hin und wollte teilhaben an Deiner Härte und verdoppeln, was Du mir anvertraut hast. Und siehe, es lag kein Segen auf meinem Unterfangen und nun stehe ich vor Dir mit leeren Händen. Das Deine kann ich Dir nicht wiedergeben'' Was wird er ihm wohl sagen, der harte Herr, dem Knecht, der alles verloren hat? Wird er ihn mit ebensolcher Härte hinausstoßen, dorthin, wo Heulen und Zähneklappern ist, wie den vierten Knecht? Oder wird er ihn doch hineinbitten zum Freudenfest, wie die ersten beiden, erfolgreichen Knechte? Nicht aus der Hoffnung auf billige Gnade, nicht aus Sympathie für die Verlierer, sondern aus der Logik dieser Geschichte heraus glaube ich genau dies. Er wird ihn hineinbitten zum Freudenfest, den der vermeintlich alles verloren hat, den, der am Ende alles gewinnt. Denn irrelevant ist beim Fest, wieviel einer hat, unermesslich viel größer als aller irdische Reichtum ist das Reich Gottes.
VIII
Und jener dritte? Versteht die Welt nun erst recht nicht mehr. Zerschellt an dieser Härte, die nun noch unverständlicher erscheint, noch willkürlicher und ungerechter. Dabei dienst sie, diese Härte, wie bereits ganz zu Anfang gesagt, nicht sich selbst, nicht der Verdammnis, nicht der Unterscheidung von erlösten und verdammten. Sondern der Vermeidung dessen, was das Härteste und Verlustreichste im menschlichen Leben ist: Die gestellte Aufgabe nicht anzunehmen und am Leben selbst zu scheitern. Dieser dritte Knecht hat so große Angst, dass er sich der Aufgabe, das Anvertraute zu verwalten, gar nicht erst stellt. Er vergräbt es und mit den anvertrauten Talenten vergräbt er jede Chance und jedes Risiko. Wie fatal, dass dieser Knecht, der sich vor der Härte seines Herrn fürchtet am Ende nur noch diese Härte zu spüren bekommt.
IX
Frühere Zeiten mögen übersehen haben, dass im Evangelium alles, auch die Härte, im Dienst des Evangeliums steht. Sie ist im Evangelium nicht um ihrer selbst willen, sie ist nicht Drohung oder Urteil, sie will nicht Verwerfung. Sie steht im Dienst der Erlösung. Sie dienst dem Aufbrechen dessen, was verhärtet ist, damit es nicht zum Härtesten kommt für die, die es sich zu einfach oder zu schwer machen.Jesus erzählt dieses Gleichnis denen, die ihre Lebenschancen vergraben, statt sie zu realisieren, denen die lahm vor Angst nicht erst versuchen zu vermehren, was ihnen gegeben ist, viel oder wenig, groß oder klein, spektakulär oder unscheinbar.
X
Wenn es eine billige Gnade nicht gibt, dann muss es eine teure sein. Eine Gnade, die jenseits aller Lebenschancen und Lebensrisiken auf uns wartet. Eine Gnade, die den ergreift, der sich vor der Möglichkeit des Scheiterns nicht scheut. An dieser Stelle wird es Zeit, das Gleichnis mit seinen Einzelheiten hinter uns zu lassen, anzuerkennen, dass alles einem Ziel untergeordnet ist. Die Geldbeträge werden unwichtig, die Möglichkeit, dass das Gleichnis einen ungebremsten Kapitalismus rechtfertigt, absurd. Was bleibt ist die Frage nach den uns gegebenen Lebenschancen und nach dem, was wir aus ihnen machen. Talente im Sinne dieses Gleichnisses, das sind, ganz im Blick auf mich selbst, tatsächlich Gaben und Begabungen, dazu der Lebenslohn von momentan 37 Jahren. Und die Frage muss ich mir gefallen lassen: Was ist in diesen 37 Jahren aus den Talenten geworden, wieviel kam dabei heraus? Und wieviel liegt vergraben hinter dieser absurden Angst vor einer Härte, die dem, der Scheitert nicht begegnet, sondern nur dem, der sich ihr nicht stellt. Das ist die wichtigere Frage: Es geht nicht um die Größe der Summe, der eine wird mehr, der andere weniger, ein dritter gar nichts bringen. Alle feiern dasselbe Fest. Es geht um die Frage nach dem, was vergraben und verborgen liegt, nach dem, was nicht gelebt wurde. Hinter der Angst wohnt die Härte, hinter Mut und Zuversicht der Eingang zum Leben in der Gegenwart Gottes.
Amen



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