16.8.09, Israelsonntag; Christuskirche Freiburg

Gott und sein Volk

Predigt: Lk 19,41-48

Als Jesus nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen, und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.

Und er lehrte täglich im Tempel.

Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn umbrächten, und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.

Liebe Gemeinde,

der für den Israelsonntag ausgewählte und eben gehörte Predigttext lädt zunächst dazu ein, die Geschichte der christlichen Judenfeindschaft, die Geschichte der vielen Ressentiments und Vorurteile und der brutalen Gewalt zu erinnern.

Jerusalem ist durch die römischen Legionen des Titus nach einem vier Jahre währenden jüdischen Aufruhr belagert und erobert worden. Die Stadt ist geplündert und größtenteils völlig zerstört. Die wenigen Überlebenden werden entweder in die Sklaverei verkauft oder nach Rom verschleppt, um dort im Triumphzug des Titus zusammen mit anderen Beutestücken, darunter dem siebenarmigen Leuchter und dem Tisch mit den Schaubroten, vorgeführt zu werden. Das Schlimmste von allem, die größte Katastrophe ist, dass der Tempel selbst, das Zentrum der Gottesanbetung, zerstört wurde. Daraus sind die genannten Beutestücke.

Seither, seit dieser Katastrophe, sind Jüdinnen und Juden über die ganze Welt zerstreut, leben in der Diaspora, im Exil. Seither gilt der traditionelle Gruß "Nächstes Jahr in Jerusalem" als Ausdruck der Hoffnung, einst wieder in der Gottesstadt auf dem Zion versammelt zu werden. Seit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 zieht sich eine Blutspur durch die jüdische Geschichte. Auch der christliche Antijudaismus und freilich der nationalsozialistische Antisemitismus haben ihren Teil dazu beigetragen.

Die Hoffnung: "Nächstes Jahr in Jerusalem" ging in Erfüllung, als die israelischen Soldaten während des Sechstagekrieges 1967 Ostjerusalem eroberten. Doch den Tempel gibt es nicht mehr. Einzig die Klagemauer, Teil des alten Tempels, erinnert an ihn.

Unser Text selbst liefert einen Baustein für das Gebäude christlicher Judenfeindschaft. Denn der Evangelist Lukas erlebt das Jahr 70, fragt sich: 'Warum? Wie konnte das geschehen, dass das Volk so hart bestraft wird?' und findet die Antwort in den Worten: "weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist". Damit meint er: Weil Du nicht verstanden hast, dass Gott selbst Dich besucht hat im Messias Jesus. So einfach ist das. Strafe muss sein. Hättest Du doch der göttlichen Offenbarung in Jesus Christus Glauben geschenkt. Dann wäre das nicht passiert...

Dann hätte es auch keine Schoa gegeben. Das ist die logische Weiterführung eines solch fatalen Denk- und Erklärungsansatzes.

Noch einen zweiten Baustein für christliche Judenfeindschaft liefert unser Text: Jesus treibt die Händler aus dem Tempel. Diese Aktion richtet sich nicht gegen den Tempel. Jesus ist zornig über die reichen Familien, die den Sinn von Opfern und Feiern zu ihren Gunsten verdreht haben. Am Ort, der für die Anbetung Gottes gedacht war, ist ein Markt entstanden. Das Treiben in den Vorhöfen des Tempels hat einen Stellenwert bekommen, der ihm nicht zusteht. In der Geschichte des Christentums wurde die Empörung Jesu judenfeindlich ausgelegt: Die Händler und Geldwechsler stehen pauschal für "die Juden". Diese waren schon immer geschäftstüchtig und für ihre Wucherei bekannt. Dabei wurde vergessen, dass Juden im Mittelalter gar nicht viele andere berufliche Möglichkeiten hatten, weil die Handwerkszünfte ihnen verschlossen blieben.

Liebe Gemeinde, unser Text am heutigen Israelsonntag soll uns erinnern an die die Geschichte der christlichen Judenfeindschaft. Er soll uns auch daran erinnern, wie sehr Texte des NT selbst und ihre einseitige Auslegung zu dieser Feindschaft beigetragen haben. Vor dem Hintergrund unserer Schuldgeschichte soll diese gefährliche Erinnerung uns wach machen und die Augen dafür öffnen, zu welchem Hass und zu welcher menschenverachtenden Ungerechtigkeit wir fähig waren und wohl auch noch sind.

Jesus hat im Jahre 70 längst nicht mehr gelebt. Es ist hilfreich, dass wir historisch einordnen und damit in ein anderes Licht rücken können, was Lukas hier komponiert hat. Und Jesus war Jude. Der Tempel war ihm ein Herzensanliegen. Auch das komponiert Lukas sehr geschickt. Lässt er doch den 12jährigen Jesus schon viele Kapitel vorher den suchenden Eltern gegenüber erwidern: "Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?" (Lk 2,49)

Der heutige Israelsonntag soll nicht nur an die Geschichte christlicher Judenfeindschaft erinnern. Er soll vor allem auch unsere tiefe Verbundenheit mit dem Judentum ins Gedächtnis rufen.

Nach dem Weinen über Jerusalem und nach der Tempelreinigung heißt es in unserem Text: Und Jesus "lehrte täglich im Tempel." Der Tempel ist der Ort der Anwesenheit, der Einwohnung Gottes. Hebräisch heißt der Ort "Ha-makom". "Ha Makom" verweist auf den Ort Jerusalem bzw. Zion, an den Gott selbst seinen eigenen Namen gebunden hat. Für Juden und Jüdinnen in der Diaspora, im Exil ist in diesem Namen "Ha-Makom" die Erinnerung an jenen Ort lebendig, den Israels Gott erwählt hat, um den eigenen Namen dort wohnen zu lassen (vgl. Dtn 12,5). Seit es keinen Tempel mehr gibt, heißt Gott Ha-Makom. Darin, in dieser Erinnerung bleibt die Hoffnung lebendig, dass Gott gegenwärtig ist, dort und überall, damals und auf Dauer. Gott ist der Ort der Welt. Der Tempel ist viel mehr als das konkrete historische Gebäude aus Stein. Der Tempel ist in der jüdischen Tradition Inbegriff der Gegenwart Gottes. Im Zuge der Entstehung der "Bibel in gerechter Sprache" ist auf diesen Gottesbegriff Ha-Makom aufmerksam gemacht worden. Wir singen es nachher in einem Lied: "Überall ist er und nirgends. Höhen, Tiefen, sie sind sein." Gott ist geheimnisvolle, nicht greifbare Gegenwart. In dieser Tradition steht Jesus. Und in dieser Tradition stehen wir. Das haben wir vom Judentum gelernt und übernommen. Dass Jesus selbst an diese Tradition anknüpft, wird deutlich in seinen Worten aus dem JohEv: "Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten." (Joh 4,24) Also nicht der Tempel als konkretes Gebäude ist Ort der Anbetung. Der Geist ist der Ort. Denn Gott ist Geist. Und Paulus fragt später: "Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt?" (1 Kor 6,19) Wenn es heißt: Jesus "lehrte täglich im Tempel", dann bedeutet das also: Jesus versucht die Hörerinnen und Hörer für die Gegenwart Gottes, für die Einwohnung Gottes in ihren Herzen, aufzuschließen.

Das himmlische Jerusalem, der Tempel des eigenen Herzens, Gott als Ha-Makom - um diese geht es in unserem Text. Jesus weint darüber, dass diese zerstört sind und immer neu zerstört werden. Jesus ist traurig. Ich glaube, bis heute. Darüber, dass manche Menschen von der Gegenwart Gottes nichts wissen wollen; dass sie in ihrem Misstrauen dicht machen; dass sie sich nicht aufschließen lassen für die Einwohnung Gottes; dass sie kein Gespür haben für das, was zum Frieden dient.

Es ist in unserem Text von ein paar Mächtigen, den Hohepriestern und Schriftgelehrten und der Oberschicht die Rede, die sich an Jesu Lehre stören, die ihn eliminieren wollen. Die Gründe sind vielfältig. Da mag Machterhalt die größte Rolle spielen.

Halten wir uns doch an das Volk! Von diesem heißt es: "das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn". Reihen wir uns ein. Lassen wir uns anrühren von der Lehre Jesu. Sie will uns zu Herzen gehen. Sie will uns zum aufrechten Gang und zur Liebe befreien. Der verborgen anwesende Gott, der abgründige Gott ist unser letzter Halt. Genug der Worte. Mehr als Worte sagt ein Lied. Singen wir dieses Lied im Wechsel. Auch das, der Wechselgesang, ein Erbe des Judentums, für das wir dankbar sind. Die Kanzelseite beginnt, die andere Seite antwortet. Kommt herbei, singt! Amen.