Die Treue, nicht die Gabe zählt - Predigt über 1. Korinther 4, 1-5

2. Advent - 6.12.2009, Christuskirche Freiburg (Wahl auf die Pfarrstelle VI)

Liebe Gemeinde!

Als ich vor 12 Jahren in Konstanz meine erste Pfarrstelle antrat, bekam ich aus der Gemeinde häufig zu hören: "Gott sei Dank, daß Sie endlich da sind, jetzt haben wir wieder jemand, der uns sagt, wo's lang geht!" Ein besonders engagierter Mitarbeiter formulierte es so: "Wir haben zwar Ideen, aber die können wir nur umsetzen, wenn wir einen Gemeindeleiter haben, zu dem wir aufblicken können, der uns immer wieder die Richtung vorgibt". Ich weiß noch, wie mich solche Aussagen damals irritiert haben. Der Pfarrer als Hirte einer Herde, die ihm in mehr oder weniger blindem Vertrauen folgt? So etwa ist in der römischen Kirche das Bild des Priesters. Aber evangelisch ist ein solches Pfarrerbild doch wohl nicht!

Ich beginne meine Predigt mit dieser Erinnerung, weil uns unser heutiger Predigttext zum Nachdenken darüber auffordert, wie eigentlich das Verhältnis der Gemeinde zu denen ist, die in ihr zum Dienst der Verkündigung berufen sind. Solches Nachdenken steht uns heute gut an, wo wir einen neuen Pfarrer oder eine neue Pfarrerin zu wählen haben. Theoretisch und theologisch mag das eine einigermaßen klare Sache sein. Aber in der Praxis, im Alltag einer Gemeinde kann es da ganz schön knifflige Probleme geben. Jeder weiß das. Mit Advent hat das übrigens einiges zu tun. Advent heißt ja: wir gehen dem entgegen, der - wie Paulus hier klar sagt - das letzte Wort über unser Leben spricht. Das gibt der Frage nach unserem Verhältnis und unserem Umgang miteinander in der Gemeinde eine ganz besondere Dringlichkeit. - Drei Dinge sehe ich, die uns unser Text unter diesem Aspekt für unser Gemeindesein zu entdecken gibt.

I.

Gott selber nimmt uns in Dienst. Darum kann es bei uns keinen Starkult geben. - Es tröstet mich durchaus, daß das offenbar schon in den ersten Christengemeinden so gewesen ist, daß man die Leute im Verkündigungsdienst besonders herausgestellt und immer auch ein bißchen gegeneinander ausgespielt hat. Was haben sie zu bieten? Was fordern sie? Wie gut sind sie in der Selbstdarstellung? Der religiöse Vergleich tritt ins christliche Leben. Und damit fängt der Ärger an. Bei Licht besehen gilt das übrigens für viele Probleme, die uns in der Kirche Kopfzerbrechen machen: Wenn Sie aufmerksam im NT lesen, dann werden Sie merken, daß vieles, von dem wir denken, wir hätten noch nie dagewesene Probleme, irgendwie schon damals da gewesen ist.

Also, wie war das damals in der jungen Christengemeinde der pulsierenden Hafenstadt Korinth? Es waren dort drei richtig bedeutende Prediger am Werk, teilweise gleichzeitig, teilweise nacheinander. - Zunächst Paulus, der Gemeindegründer. Nach allem, was wir wissen, kein sehr ansehnlicher, immer etwas kränklicher Mann, der nichts Charismatisches, Mitreißendes an sich gehabt hat. Würde er auf der Schlußversammlung eines Kirchentags sprechen, oder auf einer Pro-Christ-Evangelisation, die Zuhörer würden wahrscheinlich bald enttäuscht abziehen: Zu intellektuell, zu verkopft - würden sie finden -, der spricht nicht unsere Sprache, holt uns nicht da ab, wo wir stehen. Aber es gab in der Gemeinde auch Leute, die sich zu Paulus hielten. Ein tiefgründiger Theologe, sagten sie. Einer, der sich nicht mit plakativen, medienförmigen "Einsdreißig-Formeln" zufrieden gibt, sondern der den Dingen wirklich auf den Grund geht und auch die Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen nicht scheut, mit der großartigen Philosophie der Griechen zum Beispiel. Zwar kein umwerfender Rhetoriker, aber ein tiefer Denker. Die beiden anderen können ihm da nicht das Wasser reichen!

Dann war da ein Prediger namens Apollos. Ein geistvoller Mann mit Gespür für Stimmungen und Zeitströmungen, und von mitreißender Redebegabung. Der konnte dem Volk aufs Maul schauen und die Zuhörer in seinen Bann ziehen. Witzig und schlagfertig, es sprühte nur so, wenn er auftrat. Ein antiker Joschka Fischer sozusagen. Das ist einer, den man vorzeigen kann, sagten die Leute, die sich zu ihm hielten. Keiner von vorgestern, sondern ein wacher Zeitgenosse, der die Probleme des Menschen von heute versteht und darauf eingeht. Wohl so einer wie in der jüngeren Vergangenheit der berühmte Hamburger Theologieprofessor Helmut Thielicke, ein begnadeter Redner und Prediger vor dem Herrn. In den 50ger, 60ger Jahren predigte er regelmäßig in der großen barocken Hauptkirche St. Michaelis am Hafen - übrigens selten unter einer Stunde. Der Michel war dann schon lange vor Gottesdienstbeginn rappelvoll, und unter seinen Hörern kam zusammen, was sonst durch Welten geschieden war: feine hanseatische Kaufleute ebenso wie Dirnen und Zuhälter aus dem nahen St. Pauli.

Und schließlich war da vorübergehend auch noch Petrus in der Gemeinde gewesen. Auch auf den hatten sich welche eingeschworen. Ziemlich autoritär zwar, aber ein verläßlicher, bibeltreuer Mann. Da weiß man noch, was man zu glauben hat. Der hat eine klare Kante, gründet sich allein aufs schlichte Bibelwort. Bei den beiden anderen sind einfach zu viel menschliche Gedanken mit im Spiel.

Gegen diesen religiösen Starkult, der sich mehr an bestimmten Menschen als am Evangelium festmacht, wendet sich Paulus in unserem Abschnitt. Er tut das zugleich im Namen seiner beiden Kollegen sowie aller ernsthaften Prediger des Evangeliums: "Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse". Liebe Freunde, da ist sehr elementar eine Art Grundgesetz der Gemeinde Jesu formuliert, das für uns genauso gilt: Wir alle miteinander sind Menschen, die von Gott durch unsere Taufe in Dienst genommen sind. Und es gibt ja nicht nur den Dienst der Verkündigung, sondern noch tausend ebenso notwendige Dienste. Deshalb sollte es heute Morgen hier in der Christuskirche wirklich keinen geben, der sagt: Mich braucht Gott nicht, für mich hat er nichts zu tun. Was Paulus hier schreibt, das müßten wir alle miteinander sagen können, egal ob Pfarrer oder "Laien", und daraufhin sind wir doch Kirche: Wir sind Diener und Dienerinnen Christi. Also nicht unsere eigenen Herren, sondern von ihm anerkannt und eingestellt. Mehr brauchen wir nicht.

Freilich gibt Paulus dann auch einen Hinweis, worin sich der Dienst der Verkündigung von anderen Diensten in der Gemeinde unterscheidet. Die diesen Dienst tun, sind "Haushalter über Gottes Geheimnisse". Das klingt mysteriös, ein bißchen katholisch. Aber so ist es nicht gemeint. "Haushalter über Gottes Geheimnisse" sind nicht Urheber religiöser Tiefsinnigkeiten, nicht die Lordsiegelbewahrer irgendwelcher höherer Erkenntnisse, die dem christlichen Fußvolk nicht zugänglich wären. Denn Gottes Geheimnisse haben eine bestimmte Geschichte und einen unverwechselbaren Namen. Als Prediger sind wir gleichsam Treuhänder dessen, was Gott uns in der Geschichte Jesu zu erkennen gegeben hat als das Geheimnis seines Herzens, das zugleich das tiefste Geheimnis unserer Welt ist: Gott hat die Welt lieb. Jeder, der in ihr lebt, ist von ihm geliebt. Deshalb wird er selber einer von uns. Er hat mit jedem von uns durch die Taufe eine Lebensgeschichte begonnen, die nicht mehr aufhört. Und am Ende kommt sein Reich, "da Fried und Freude lacht", und er die Tränen abwischen wird von allen Augen.

Das ist es, was Gott denen "in Verwaltung" gegeben hat, die in der Gemeinde den Dienst der Verkündigung tun. Wohlgemerkt: in Verwaltung, also nicht in Verfügung. Anvertraut, nicht ausgeliefert! Wir haben es als Gottes Geheimnis und nicht als plausible Wahrheit weiterzugeben. Wir PfarrerInnen haben zwar durch unsere Ausbildung mehr Fachwissen, aber keine tiefere geistliche Reife als alle anderen Getauften. Augustinus hat nach seiner Wahl zum Bischof gesagt: "Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ." Genau das ist es.

II.

Gott setzt die Normen. Darum gilt bei uns der Maßstab der Sachtreue. - Paulus fährt fort: "Nun fordert man von der Haushaltern, daß sie sich als treu erweisen". Für mich heißt das: Was immer es gibt an Begabungen in der Gemeinde Jesu, an guten Predigern, versierten Verwaltern in Finanzen und Diakonie, an kreativen Mitarbeitern, die Kinder und Jugendliche begeistern können - entscheidend ist, daß sie "treu" mit dem ihnen Anvertrauten, mit dem Evangelium sind. Wir alle, von Bischöfin Käßmann bis zu unseren Kleine-Kirche-Mitarbeitern vor Ort, sollen gemeinsame "treue Haushalter der bunten Gnade Gottes" sein (1. Petr 4,10). Wenn die Haushalter außerdem noch sympathisch, kontaktstark, kreativ, musikalisch oder sonst was sind, um so schöner - aber es ist nichts weiter als ein Sahnehäubchen. Was zählt, ist allein die Treue, die Verläßlichkeit. Und die besteht darin, daß wir uns nicht von der Frage beeinflussen lassen: Wie komme ich an?, sondern daß die Frage im Zentrum steht: Worauf kommt es jetzt an? Was will Gott jetzt von mir, von uns? Treu sein heißt also: die Bibel anders lesen als die Zeitung, nämlich Zeile für Zeile, und dem Evangelium den Vorrang geben vor allem anderen. Wer das nicht zumindest immer wieder versucht, ist nicht treu, sondern untreu.

Liebe Gemeinde, ob wir so verstanden treu gewesen sind, daran entscheidet sich unser Leben. Nicht daran, ob es in unserer Wohnung immer blitzblank war, ob der Garten einen englischen Rasen hat, ob es unsere Kinder zu einer gut bezahlten Stellung gebracht haben, ob ich hundert Bücher mehr oder weniger gelesen habe. Vor dem Urteil Gottes, dem wir entgegengehen, ist das alles unwichtig.

III.

Gott spricht das letzte Wort. Darum ist uns das voreilige Urteilen übereinander verboten. - Diese Frage nach der Treue werden in besonderem Maß wir Prediger des Evangeliums uns einmal gefallen lassen müssen. Ob ich dann so unbefangen wie Paulus antworten könnte: "Ich bin mir keiner Schuld bewußt", in punkto Treue haben ich mir nichts vorzuwerfen? Sicher nicht. Aber ich kann mich trotzdem an Paulus festhalten, denn er fügt ja sofort hinzu: "...aber darin bin ich nicht gerechtfertigt, sondern der Herr ist's, der mich richtet".

Weil er sich vor dieser letzten Instanz weiß, vor dem, der die Herzen kennt, das letzte Wort sprechen und damit all unserem Urteilen ein definitives Ende machen wird, deshalb gibt es auch eine letzte Freiheit von uns Predigern gegenüber dem Urteil der Gemeinde und auch unseren Selbsturteilen. "Mir macht es nicht das geringste aus, wenn ich von euch gerichtet werde; auch richte ich mich selbst nicht", hält Paulus seinen Gegnern entgegen. Das von großartiger innerer Unabhängigkeit. Wer von uns könnte das so souverän von sich sagen? Dem Stolz, der aus diesen Worten des Paulus spricht, ist die Litanei der Ichschwäche: "Was werden die Leute sagen?" völlig fremd. Es ist nämlich ein Stolz aus Ichstärke. Aber der kommt eben nicht daher, daß ihm keiner über ist, sondern gerade daher, daß ihm einer über ist - einer, bei dem er sich und seine "Ehre" gut aufgehoben weiß. Das gibt innere Freiheit und Unabhängigkeit.

Aber gerade deshalb, weil ich so unabhängig vom Urteil anderer wohl nicht bin, hilft es mir und tut mir schon gut, wenn ich mir hier von Paulus sagen lassen kann: Die in der Gemeinde den Verkündigungsdienst tun, müssen sich auch nicht alles zu Herzen nehmen, was über sie geredet wird. Sie werden sich auf keinen Fall selbstherrlich über Kritik hinwegsetzen. Aber sie werden frei gegenüber unberechtigten Ansprüchen, z.B. daß ein Pfarrer stets die eigene Meinung bestätigen soll. Sie brauchen sich auch nicht jedes Geschwätz zu Herzen zu nehmen, das es in einer Gemeinde ja auch gibt. Und natürlich gilt das auch umgekehrt: Auch die Gemeinde darf sich daran trösten, daß wahrlich nicht jeder Satz, der von einer Kanzel gesagt wird, das reine Wort Gottes ist! In einem alten Pfarrgebet heißt es: "Mach mich frei von den Sorgen um das Urteil der Menschen. Mach mich willig, den Anspruch der Gemeinde nicht zu verachten". Und die Gemeinde müßte beten: "Mach uns frei, daß wir berechtigte Kritik nicht verschweigen. Mach uns willig, böses und leichtfertiges Gerede, vorschnelle Urteile sein zu lassen". Ein haltloses Gerede über die Pfarrer schadet dem Evangelium genauso wie deren mangelnde Treue. Paulus selber gibt uns in unserem Text die Richtung vor: "Darum richtet nicht vor der Zeit, ehe der Herr kommt. Er wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen".

Liebe Schwestern und Brüder: Wir sind alle Menschen, also jenseits von Eden, und als solche können wir gar nicht anders, als ständig zu urteilen. So wie wir das jetzt gleich auch unsere Aufgabe als Ältestenkreis unserer Pfarrgemeinde ist. Wenn wir jetzt unsere Stimme bei der Wahl auf die Pfarrstelle hier an Christus abgeben, dann urteilen wir nicht über die Personen der beiden Bewerber. Die Menschen Ute Jäger-Fleming und Claus Uwe Rieth stehen hier nicht zur Wahl. Sie sind längst von einem anderen gewählt: in ihrer Taufe, ein für alle Mal. Was jetzt zur Entscheidung steht, ist einzig und allein die ganz nüchtern, möglichst emotionslos zu prüfende Frage: Wen von den beiden Bewerberin mit ihren - mir erkennbar gewordenen - Stärken oder Schwächen halte für passend und geeignet für diese Pfarrstelle, in dieser Situation? Um weniger geht es nicht; um mehr aber auch nicht.

Und überhaupt: unsere Urteile übereinander sind ja, so oder so, auf jeden Fall vorläufig. Leider oft auch voreilig. Wir sind im Advent. Das heißt: Wir haben alles erst noch zu erwarten, es ist noch nichts ausgemacht. Das ist die Art Jesu, von der an unserem Leben miteinander wenigstens ein bißchen etwas aufscheinen soll. Und Jesu Art, sein way of life, duldet kein Freund-Feind-Schema, zieht keine Grenze zwischen Gerechten und Ungerechten. Sie kann auch die, die von sich aus gar nicht liebenswert erscheinen, liebenswert machen. Mag ein solches Lieben nach den Maßstäben der Welt naiv, unvernünftig erscheinen - wir bleiben als Christen dazu aufgefordert. Deshalb: Kein vorzeitiges Urteil, sondern Warten und Hoffen! Wir können das, weil wir als Gemeinde Jesu miteinander unterwegs sind.

Und zwar nicht irgendwo hin, sondern ihm entgegen. Da geht es lang! Wenn man es so sieht, dann - aber nur dann - bin ich gern ein Pfarrer, der den Leuten sagt, wo's lang geht.

Amen.

Lieder: 1,1-3 / 14,5 / 4,1-5 / 19,1-3 / 264,1-3 / 8,1-3 / 13,1-3