Weihnachten 2009: 23h Christmette in der Christuskirche

Ansprache zu Röm 1,1-7

Liebe Schwestern und Brüder,

Maria und Josef waren erschöpft. Zunächst die überraschende Schwangerschaft mit den vielen Rätseln, die sie aufgegeben hatte. Dann der mühsame Weg von Nazareth nach Bethlehem, der Davidsstadt. Und die ungemütliche Geburt in einem Stall. Und schließlich der viele Besuch. Die Hirten, die vom Felde kamen, um das Neugeborene zu sehen. Und andere Neugierige, die von der wundersamen Geburt und den damit verbundenen Hoffnungen gehört hatten. Und schließlich die drei Weisen aus dem Morgenland. Volles Programm also. Maria und Josef waren erschöpft. Und hofften nun endlich auf eine Atempause. Der Besuch war gegangen. Die Herberge war leer. Jetzt nur noch Ruhe. Schnell noch die schönen Geschenke, die zur Geburt gebracht wurden, aufräumen. Und dann Feierabend.

Doch sie täuschten sich. In die Erschöpfung und endlich eingekehrte Stille hinein hörten sie, dass jemand zaghaft an der Tür klopfte. Sie schauten sich an. Verwundert. Wer würde denn nun noch vorbei kommen? War es nicht genug? Kurz überlegten sie, ob sie überhaupt noch Einlass gewähren sollten. Doch sie hatten ja die Freude der Menschen gesehen, die einen Blick auf ihr Kind hatten erhaschen können. Sie fühlten sich nicht berechtigt, diesen Blick, diesen Anblick, diesen Augenblick jemandem vorzuenthalten. Also ging Maria zur Tür und öffnete. Und erschrak. Ein gebeugtes, verkrüppeltes, in sich verkrümmtes Menschlein stand da vor ihr. Das Gesicht voller Falten. Tief eingehüllt in graue schäbige Tücher. Nicht zu erkennen, ob Mann oder Frau. Die Augen trostlos und leer. Eine erbarmungswürdige Erscheinung. Wer war das? Was wollte die Person? Sie schlängelte, oder besser: sie drückte sich an Maria vorbei und machte sich auf den Weg zur Krippe. Ihre rechte Hand ballte sie zur Faust. Es war unschwer zu erkennen, dass sie darin etwas verschlossen hielt.

Maria und Josef schauten diesem Auftritt verwundert zu. Die verhutzelte Person gelangte zur Krippe und streckte die Faust dem Jesuskind entgegen Sie legte den fest umschlossenen Gegenstand in dessen Hände. Das Kind lächelte ihr entgegen. Da richtete die Person sich auf. Die Wirbelsäule löste sich aus ihrer Verkrümmung. Die Haltung wurde frei. Die Falten im Gesicht verschwanden. Die Haut glättete sich. Die Züge entspannten sich. Und in die zuvor leeren Augen trat ein geheimnisvoller freudiger Glanz.

Maria und Josef wurden neugierig. Was war hier geschehen? Welchen seltsamen Gegenstand hatte die Person dem Jesuskind gegeben? Sie gingen zur Krippe um nachzusehen. Einen uralten, verrunzelten, vertrockneten Apfel hielt Jesus in seinen Händen.

Liebe Schwestern und Brüder,

in der Mitte des Paradiesgartens stand ein Baum. Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Von den Früchten dieses Baumes zu essen verbot Gott den Menschen.

Doch Eva ließ sich von der Schlange dazu überreden. Denn die Schlange versprach, dass sie dann seien wie Gott (Gen 3,5). Und Eva - wörtlich - "gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß" (3,6). Dass aus dieser lapidaren Handlung in der Auslegungsgeschichte eine Verführungsszene wurde, ist tendenziös. Adam hat einfach mitgemacht. Dazu bedurfte es keiner Verführung von Seiten der Eva. Deshalb ist das menschliche Wesen unserer Geschichte auch nicht als Mann oder Frau identifizierbar.

Der Baum der Erkenntnis als der Baum in der Mitte war etwas Heiliges, Unverfügbares. Diese Dimension des Unverfügbaren gilt es zu wahren. Sich daran zu vergreifen, hat den Verlust der Mitte zur Folge. Nach dem Essen der Frucht schämten Adam und Eva sich in ihrer Nacktheit voreinander. Was bislang stimmig war, stimmt nun nicht mehr. Dass sie das erkennen, ist zugleich etwas Positives. Durch die Erkenntnis können sie zu größerer Reife finden. Denn die Erkenntnis von "gut" und "böse" zielt auf Weisheit. In der Genesis ist hier weder von Sünde noch von Fall die Rede. Gleichwohl ist der Mythos der Versuch, unsere Existenz zu erhellen. Der von Gott geschaffene Mensch ist ein von Verfehlung, Sünde, Mühe, Leid und Tod begrenztes Wesen. Er ist der Mitte verlustig gegangen und seither ist auch das Zusammenleben der Menschen gestört.

In unserer Erzählung gibt ein verkrümmtes menschliches Wesen dem Jesuskind einen verschrumpelten Apfel, lateinisch malum. Zugleich heißt malum das Böse. In ihrem Sinn für Entsprechungen waren die Menschen früherer Zeiten deshalb davon überzeugt, dass die Frucht des verbotenen Baumes im Paradiesgarten nur ein Apfel gewesen sein kann.

Wir hängen heute noch Äpfel an unsere Weihnachtsbäume, bzw. Kugeln, die im Lauf der Zeit die Äpfel ersetzt haben.

Jesus nimmt den Apfel zurück - und der Mensch wird frei und kann sich aus seiner Verkrümmung aufrichten. Der Apfel in der Hand des Jesuskindes wird zum Symbol für die Überwindung des Bösen, des Leides, der Schuld und des Todes. Diese Überwindung feiern wir, wenn wir Weihachten feiern. Allem Bösen, das wir auch heute, in unseren Herzen und in den Kriegen auf unserer Erde, in der Habgier wie in der Zerstörung unseres Klimas erleben, allem Bösen sind wir nicht ohnmächtig ausgeliefert. Indem wir das Böse erkennen und vor Gott bringen, indem wir uns neu der Mitte anzunähern suchen, über die wir nicht verfügen können, bekommen wir Kraft zum Aufstehen, zum Aufstand gegen das Böse, aus der Hoffnung heraus, dass das Böse bereits entmachtet ist und dereinst für immer entmachtet sein wird. Von der Möglichkeit zum Aufstand abgesehen gibt es freilich auch positive Erfahrungen von Auferstehung, an die wir uns erinnern: Versöhnung, erfahrene Gemeinschaft und Solidarität, Liebe unter uns, Trost und vieles mehr, oft für selbstverständlich genommen, obwohl es das nicht ist. Es ist Teilhabe am Leben des Auferstandenen.

Für diese Feier heute Nacht liegt uns ein sperriger Predigttext zu Grunde. Es ist der Beginn des Briefes, den Paulus an die Gemeinde in Rom schreibt. Paulus stellt sich der Gemeinde vor und erzählt im Rahmen dieser Selbstvorstellung eine der kürzesten und ältesten Weihnachtsgeschichten, die wir kennen:

Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert, zu predigen das Evangelium Gottes, das Gott zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der heiligen Schrift, von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn,

der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten. Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, in seinem Namen den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden, zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus. An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Die Auferstehung Jesu, die Überwindung des Bösen und des Todes, wird hier zum entscheidenden Datum. Ein Mensch, geboren nach dem Fleisch, wird zum Sohn Gottes nach dem Geist. Die viel jüngeren Kindheitsgeschichten aus dem Mt- und LkEv unterstreichen, dass dieser Mensch Jesus aus Nazareth von Geburt an bzw. von Ewigkeit her Gottes Sohn war. Wenn wir nur Paulusbriefe hätten, würden wir Weihnachten evtl. gar nicht feiern, Ostern aber umso mehr. Das heißt, wir feiern mit Paulus Weihnachten von Ostern her. Ohne seine Auferstehung hätte dieses Kind keine besondere Bedeutung. Es gäbe keinen Grund, noch nach 2000 Jahren seinen Geburtstag zu feiern. Doch das tun wir heute, indem wir uns, den von Gott Geliebten, den berufenen Heiligen, zusingen lassen: "Herbei o ihr Gläubigen" und dann einstimmen in das Geburtstagslied zur Ehre Jesu Christi. Amen.

Lied: Herbei, o ihr Gläub'gen (EG 45,1-4; 1. Strophe nur Chor)

Anbetung: O lasset uns anbeten! Krippe und Osterkerze, die Weihnacht und die Osternacht, schaffen zusammen einen Raum der Gnade und des Friedens, in dem wir da sein können, im Schweigen und Hören, indem wir unsere eigenen verrunzelten Äpfel darbringen und unseren Dank für die geschenkte Erlösung sowie alle Erfahrungen erfüllten Lebens, indem wir Gott unsere Sorgen um unsere Erde anvertrauen und unsere Bitten für andere Menschen und für unsere Welt. Erleben wir für einige Augenblicke eine stille Nacht. Seien wir anbetend gegenwärtig in der Stille.