"Aber" - und alles wird anders - Predigt über Lukas 2, 1-20

Christvesper - 24.12.2009, Christuskirche Freiburg

Liebe Schwestern und Brüder!

Was immer in dieser Welt passiert - seit jener Nacht, die wir die Heilige nennen, hören wir eine leise, aber eindringliche Begleitmusik dazu: "Es begab sich aber"… - Aber: unauffällig und bescheiden mischt sich die Weihnachtsgeschichte mit einem einfachen Wörtchen aus vier Buchstaben in den Lauf der Dinge ein. Sie behauptet, es gebe da noch etwas ganz anderes, quer zum Üblichen, zum gewohnt-Gewöhnlichen. Leicht zu übersehen, leicht zu überhören, aber nicht mehr wegzukriegen. Nur eine Geschichte. "Es begab sich aber"…

Der Kaiser, der sich mit dem Titel "Friedenskaiser" schmückt und seine Provinzen mit eiserner Faust zusammenhält, beschönigend pax romana genannt, erfaßt seine Untertanen zu Steuerzwecken mit modernen demographischen Methoden. Seine Satrapen in den geknechteten Provinzen heißen "Landpfleger". Ja, so ist es, sagt die heilige Geschichte. Aber - während all dem passiert noch etwas ganz anderes…

Flüchtlinge, die bei uns Schutz suchen, finden keinen Stall, sondern eher eine Abschiebezelle auf dem Frankfurter Flughafen. Aber, sagt die heilige Geschichte, in Bethlehem…

Junge Frauen haben Angst, zu gebären, und viele Männer liefen einfach weg, wenn es dazu käme. Aber, sagt die heilige Geschichte, Maria gebar, obgleich sie unter sehr dubiosen Umständen in andere gekommen und mit ihrem Partner noch nicht mal ordentlich verheiratet war.

Herden brauchen bei uns keine Hirten - ein Elektrozaun sichert das Vieh. Aber, sagt die heilige Geschichte, "da waren Hirten auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde". Das gibt es also in dieser unbehausten Welt: daß Leben in die Hut, in Obhut genommen wird.

Und die Engel? Sie sind populärer heute als Vater, Sohn und Heiliger Geist zusammen. Gott ist zwar tot, die Kirche ist out - aber jedem sein Schutzengel, der bitte dafür sorgen soll, daß es mir gut geht und meine Sehnsüchte erfüllt werden. Aber, sagt die heilige Geschichte, "des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie."

Mit ihrem einfachen "aber" läßt die weihnachtliche Geschichte eine Welt entstehen, die quer zu der unseren liegt. Uralt und doch alle Jahre wieder taufrisch, fängt sie an, in uns zu spielen und sich auszubreiten. Sie schafft mit ihren elementaren Bildern, ihrem unverwechselbaren Klang eine neue Wirklichkeit in uns. Und wir abgebrühten Naturen können uns dem alle Jahre wieder nicht entziehen. Wie gut, daß das so ist! Wenn das Wort nicht so mißverständlich wäre, dann würde ich sagen: allein das ist schon ein kleiner Gottesbeweis.

"Es begab sich aber": Maria, und seither die Christenheit, "behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen". Die christliche Kirche hat diese Geschichte und die folgenden in den Evangelien in ihre Obhut genommen. Sie hat Räume gebaut, weite und hohe, aber auch kleine und enge, damit diese Geschichte klingen, sich ausbreiten kann. Sie hat versucht, ihr Zeit zu verschaffen, damit sie nachhallen kann. Heute Abend hält sogar die ganze Welt inne. Glanz leuchtet auf, und es ist, als geschehe es jetzt: "Euch ist heute der Heiland geboren". Wer das hört, ahnt den Engel, der das verkündet. Nur ein echter Engel kann eine so unglaubliche Mitteilung unters Volk bringen. "Euch ist heute der Heiland geboren": von heute an kann die Welt nicht mehr heillos sein. Und so feiern wir diese Geschichte und geben ihr Gegenwart, und sie gibt uns einen Vorgeschmack von etwas Neuem, das wir immer suchten und das noch nie da war: Heimat.

I.

Liebe Kinder, was ist wohl, das Wichtigste an Weihnachten? Ach, Ihr seid ja nicht blöd: die Geschenke natürlich! Und da habt Ihr auch ganz Recht mit! Weihnachten ohne Geschenke, das wäre wie Freiburg ohne Münster. Also kein Weihnachten. - Und was ist das Wichtigste an einem Weihnachtsgeschenk? Ich weiß nicht, ob Ihr auch so denkt: also ich finde, das Wichtigste daran ist, daß es richtig schön eingepackt wird. Beim Einpacken denkt der Schenkende an mich, und weil er mir mit dem Geschenk Freude, mich glücklich machen will, packt er sozusagen seine Liebe mit ein. Oft hat er mit Bedacht ein besonders schönes Papier ausgesucht, das zu mir paßt. Mit einer extra schönen Schleife hat er es verschnürt. Und nun halte ich das Geschenk in Händen. Taste es ab, befühle es und rate: was könnte das wohl sein? Der Schenkende steht daneben und freut sich, und ich freue mich, daß er sich freut. Erst löse ich die Schleife. Nein, nicht mit der Schere, nicht mit Gewalt; ein Koten ist zum Aufknoten da. Dann wickle ich das Papier ab, erst einmal herum, dann taste ich wieder und rate noch einmal. Was das wohl sein wird? Und selbst wenn ich's längst erraten habe, tue ich so, als ob ich im Leben nie draufkäme, wegen der Überraschung, und weil ich dem Schenkenden die Freude an meiner Freude nicht nehmen will. Während ich also auspacke und das Geschenk noch nicht kenne: da ist so richtig Weihnachten!

Liebe Gemeinde, ich möchte heute die Weihnachtsgeschichte einmal mit einem solchen Einwickelpapier vergleichen. Mit einem schönen, alten, kostbaren, das von Hand mit Bildern und Mustern bemalt ist. In dunklen Farben, wegen der Nacht; aber auch mit warmem Gold drauf, wegen des Engels. Jedes Jahr am Heiligen Abend begucken wir das Papier wieder neu und fühlen, was da wohl eingepackt ist. Ein bißchen wickeln wir auch aus, und dabei sehen wir jedes Mal neue Bilder auf dem Papier. Jedes Weihnachten wird wieder ein wenig weiter ausgepackt, der Inhalt fühlt sich jedes Jahr wieder anders an. Ein ganzes Leben reicht nicht aus, um mit dem Auspacken ans Ende zu kommen. "Gott wird Mensch, dir, Mensch, zugute": was das heißt, das ist im wahrsten Sinn des Wortes nicht zu fassen. Darüber kann man nur immer wieder staunen.

"Euch ist heute der Heiland geboren", teilt, der Engel den Hirten mit. Da staunt der Laie, der Fachmann wundert, und die Hirten - fürchten sich! Das ist ja auch zum Erschrecken: da tut sich der nächtliche Himmel auf, und von der Herrlichkeit des unsichtbaren, uns himmelhoch überlegenen Gottes ist ein Widerschein zu sehen. Die Hirten hören's und gehen hin - nein, sie laufen, rennen, als ginge es um ihr Leben. "Lasset uns nun gehen nach Bethlehem": wenn man im Ohr hat, wie Bach das im Weihnachtsoratorium vertont hat, kann man sich das Gerenne richtig anschaulich vorstellen. Und wir? Ach, ein bisschen laufen wir mit, in der Phantasie, im Spiel, in der Musik. Aber andere Anteile unserer Seele bleiben einfach sitzen: es wird ja doch nichts sein mit dem Heiland! Einfach zu idyllisch, um wahr zu sein, diese Story von Engel, Krippe, Ochs und Esel. Enttäuschungen, Verletzungen, unbeantwortete Fragen machen müde und leer.

Die Hirten indes rasen voller Erwartung zum Stall. Wirklich? Mir ist dieses Mal beim Auspacken der Geschichte etwas aufgefallen, was ich noch nie wahrgenommen habe. Ein richtiger Engel vom Himmel hält eine Rede, um ihn herum die Menge der himmlischen Heerscharen mit ihren Gesängen: das glänzt und gleißt und klingt. Da gibt es doch - sollte man meinen - für die Hirten gar nichts anders als auf und los?! Stattdessen heißt es: als die Engel wieder gen Himmel gefahren waren, fingen die Hirten erst einmal an, miteinander zu reden. Ergo: sie zögern. Anscheinend halten sie es wie die Freiburger Universitätsleute: sie treten in einen Diskurs ein. Auch wenn Engel reden, wollen Hirten erstmal prüfen, was sie sagten. - Was die Hirten wohl miteinander diskutiert haben? Die Weihnachtsgeschichte berichtet nur das Ergebnis: "Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist!"

II.

Liebe Freunde, mein Ort in der heiligen Geschichte ist heute Abend dieses Symposium der Hirten. Ich möchte lauschen, was sie miteinander beraten. Danach will ich mich dann auch aufmachen und nach Bethlehem gehen. Langsamer als die Hirten, so schnell kann ich nicht. Und wenn ich erst ganz hinten, als letzter ankomme, macht das gar nichts. Ich habe ja ein Leben lang Zeit, dort anzukommen.

"Sollte da wirklich ein Engel gesprochen haben?", fragt einer der Hirten, obwohl er noch ganz betäubt ist von dem gleißenden Licht und am ganzen Körper zittert. "Das kann doch nur Einbildung, eine Projektion sein. Engel gibt's doch gar nicht!"

"Und dann das Zeichen", sagt ein Hirtenmädchen. "Wenn dort in diesem ärmlichen Viehstall ein Kind zur Welt kam, wohin soll die Mutter es denn sonst betten, wenn nicht in eine Krippe? Was soll daran ein großartiges Zeichen sein?"

"Ich brauche keinen Heiland. Uns hilft kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser und Tribun. Wenn wir es selbst nicht schaffen, ein menschenwürdigeres Leben für uns zu erreichen, dann schafft es keiner", läßt sich eine dritte Hirtenstimme vernehmen.

"Selbst wenn der Heiland heute erst geboren wurde", sagt eine weitere Frau, "bringt mir das gar nichts mehr. Auch ein Heiland muß erst erwachsen werden, bis er das Heil zustande bringt. Ein brüllender Säugling als Retter der Welt - so ein Unsinn! Und in 30 Jahren leb ich eh nicht mehr.

Und der fünfte und sechste und siebte der Hirten: alle haben ihre gewichtige Bedenken. Hirten und Hirtinnen sind heutzutage kritische Leute.

Der letzte unter ihnen sieht aus wie ein protestantischer Theologe - er glaubt dem Engel so wenig wie die anderen. Er sagt: "Ihr vergesst die Furcht, die uns vorhin befallen hat. Das habt ihr wohl schon verdrängt: diese Klarheit um uns herum?! Ich hab fast gespürt, wie es eigentlich um mich steht. Was ich so denke und fühle und mit meinem Leben will, das ist vor dieser Klarheit alles so eng und klein. Dieses Herumwursteln bei mir, bei euch, in unserer Hirtengesellschaft. Vor dieser Klarheit müsste ich Angst haben, müsste mich fürchten, weil ich da nicht bestehen kann. Ich weiß, so kann's nicht weitergehen mit uns; und doch mach ich so weiter."

Soweit die Hirten. Ich weiß nicht, warum sie schließlich doch nach Bethlehem gegangen, ja gerannt sind, zu ihrem Heiligen Abend. Das kann man letztlich gar nicht begründen, auch nicht theologisch. Das gehört einfach zum Wunder der Weihnacht. "Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen." Sie sehen den Neugeborenen. Der eine Hirte streicht ihm mit der Kuppe des Daumens ganz sacht übers Gesichtchen. "Es ist das schönste Kind auf der Welt", sagte wie jede frischgebackene Mutter auch diese. Aber weit und breit ist es auch das ärmste, das in dieser Nacht geboren wird. Der verdreckte Futtertrog ist sein Zeichen. So hatte es der Engel gesagt.

Irgend etwas muß den Skeptikern vom Hirtenfeld aufgegangen sein. Unterwegs nach Bethlehem? Oder erst im Stall? Ich kann es schwer in Worte fassen. Aber das ist gut so. Es liegt etwa in der Richtung, wie es Paulus einmal formuliert hat - nicht so anschaulich wie Lukas hier, aber sehr treffend: "Gott ist offenbar geworden im Fleisch". In der Schwachheit, da, wo Menschen und Kreaturen ganz unten sind, in Armut, im Leid und Schmerz, da - du ahnst es nicht - ist dieser Gott, der einen Engel schickte, mittendrin statt nur dabei und nimmt uns in Obhut. Er richtet auf, von unten nach oben. Wer sich down under, ganz weit unten fühlt unter uns, soll das wissen. Und alle anderen auch. Deshalb, aus keinem anderen Grund feiern wir alle Jahre wieder dieses seltsame, unglaubliche Fest. Seit jener Nacht haben wir einen stillen aufmerksamen Begleiter, der uns stützt und aufrichtet, der zwischen Krippe und Kreuz die finsteren Täler mit durch geht und sich auf allen lichten Höhen mit uns freut. Das ist das Evangelium für Weihnachten.

III.

"Und die Hirten kehrten wieder um": zum Schluß der großen, spektakulären Geschichte ist sehr unspektakulär, alltäglich. Die Hirten gehen in ihre alte Welt zurück, aus der sie gekommen waren. Aber: es ist doch nicht mehr einfach so, wie es war. Jetzt brauchen sie ihren kritischen Verstand für etwas anderes. "Das ewig Licht geht da herein, / gibt der Welt ein neuen Schein": das Gewohnte steht nun in einem neuen, kritischen Licht. In diesem Licht der Weihnacht, das unserer Welt einen neuen Schein gegeben hat, da werden, denke ich mir, alle Tränen, die - gerade auch in dieser Nacht! - auf Erden geweint werden, glänzen und leuchten, als wären sie Gottes Perlen und Edelsteine. Das sind freilich seltsame Schätze, die wir uns sicher nicht unter den Christbaum legen. Was wiegt für uns schon eine Träne? Bei Gott wiegt sie. Bei ihm fällt jede Träne schwer ins Gewicht, weil er jeden von uns, ganz besonders aber die traurigen Figuren unter uns hoch achtet.

Liebe Schwestern und Brüder, die Geschichte von der Nacht in Bethlehem wird also unser Leben nicht einfach vergolden. Sie ist ja kein Märchen, und Gott ist nicht der Juwelier dieser Welt. Die Häßlichkeiten dieser Welt werden nicht vergoldet oder versilbert. Aber aufhellen, heller machen, so daß wir Wege finden, auf denen es vorwärts geht: das werde wir nicht nur den Kerzen am Baum überlassen. Ein Wort kann viel mehr erhellen als der strahlendste Christbaum. Und Gott hat an Weihnachten sein Wort gesagt: Aber es begab sich…

Amen.