Gott zeigt sein wahres Gesicht - Predigt über Titus 3, 3-7

1. Christtag - 25.12.2009, Christuskirche Freiburg

Liebe Schwestern und Brüder!

Wahrscheinlich standen viele von uns in den zurückliegenden Wochen dann und wann abgehetzt im Gedränge des Kaufhauses an der Kasse - und dann haben wir uns vielleicht geärgert, wenn über den Lautsprecher ein Kinderchor säuselte: "Welt ging verloren, Christ ist geboren". Wenn wir dies in solcher Umgebung unpassend fanden, dann freilich müssen wir auch jetzt über unseren Predigttext den Kopf schütteln. Er ist ein Hymnus, in hohem Ton gehalten, in der erhabenen Sprache, wie sie damals zur höheren Ehre des römischen Kaisers feierlich am Hof gesprochen wurde. Das erinnert mich an die tiefsinnigen Weihnachtsartikel, wie sie am 24. Dezember in manchen Zeitungen aus der Feder eines wichtigen Kirchenmannes erscheinen. Die bilden dann einen seltsamen Kontrast zu dem, was so nebendran in der Zeitung steht. So auch hier. Die Verse vor unserem Textabschnitt lassen nämlich rein gar nichts von erhabener Stimmung spüren. Wir werden daran erinnert, wie es in dieser Welt so zugeht: "Wir waren verhaßt und haßten uns untereinander". Von Begehrlichkeiten, Bosheit, Neid ist die Rede. Das gibt die Realität auch unserer Tage treffend wieder, mit der Gier des Nicht-genug-kriegen-Könnens, wie sie sich in dem längst wieder fröhliche Urständ feiernden Unwesen der Boni im Bankermilieu zeigt, oder auch an dem deprimierenden Fiasko, mit dem gerade die Kopenhagener Klimakonferenz geendet ist.

I.

In solche Lebensrealität hinein, bar jeder Feierlichkeit, wird unerwartet dieses hohe Lied gesungen. Es ist kein entlarvender Bert-Brecht-Song nach der Melodie "Erst kommt das Fressen, dann die Moral", sondern es ist ein Hymnus mit großen, unvordenklichen Inhalten. Besungen wird die Menschenfreundlichkeit Gottes und Jesus als Retter der Welt und eine daraus entspringende grundlegende Erneuerung im Heiligen Geist. - Liebe Freunde, eben so ist Weihnachten! Mitten in Kaufhaus und Kaufrausch holen uns Melodien und gesungene Botschaften ein, die in diesem Ambiente denkbar "unpassend" erscheinen. Aber eben: unpassend sind sie nicht nur drüben bei Galeria Kaufhof. Auch hier im Christfestgottesdienst tun wir uns schwer mit den Liedern angesichts der Oberflächlichkeit unseres Lebens und der Versäumnisse, an die uns das zur Neige gehende Jahr erinnert, und auch angesichts dessen, wie karg und zerbrechlich uns manchmal unser eigener Glaube erscheint. Unsere Weihnachtschoräle sind wunderschön, und wir würden protestieren, könnten wir sie in diesen Tagen nicht singen. Aber sind sie nicht zu schön, zu vollmundig für uns? Zu unpassend, zum Kopfschütteln wie unser hymnischer Predigttext? "Das ewig Licht geht da herein, / gibt der Welt ein neuen Schein. / Es leucht' wohl mitten in der Nacht / und uns des Lichtes Kinder macht", dichtet Martin Luther in seinem grandiosen Weihnachtschoral. Nur - ist dieses Licht mitten in der Nacht nicht zu einem Zwielicht für uns geworden? Können wir uns noch "des Lichtes Kinder" nennen, wenn wir zu Weihnachten die unausgesprochene, aber übermächtige Forderung in uns spüren: Nun freu dich endlich einmal! Dies ist die Stunde der Liebe - wehe dem, der jetzt keine Freude und Liebe aufbringt! Es kann sehr schnell so etwas wie Weihnachtstrauer in uns aufsteigen, wenn wir uns selber am hellen Schein Gottes irgendwie "entzünden" wollen und dabei erst recht spüren, wie ausgebrannt wir selber sind.

Warum aber raffen wir uns doch alle Jahre wieder auf und schreiben an viele Freunde und Bekannte, an die wir das Jahr über viel zu selten denken, unsere Weihnachtskarten - und freuen uns, wenn wir von ihnen auch welche kriegen? Liebe Gemeinde, dahinter steckt mehr als nur ein Gefühl des Aufgehobenseins in der Vielfalt von Beziehungen. Nein, da drückt sich ein Ahnen aus von dem nicht zu fassenden Wunder der Menschwerdung Gottes, dem wir in seiner Tiefe nicht gewachsen sind. Deshalb auch der hymnische Ton unseres Predigttextes, den wir irgendwie als Stilbruch empfinden. Dieser Bruch kann gar nichts anders sein, weil hier nicht weniger als der grundstürzende Einbruch von Gottes neuer Welt in unsere alte Welt beschrieben wird. Wo von dem abgrundtiefen Geheimnis die Rede sein soll, daß der große unendliche Gott ein kleiner endlicher Mensch wurde, da reicht die alltägliche Bericht- und Zeitungssprache nicht mehr aus.

Was ist das Überwältigende an dem Geschehen in der Nacht zu Bethlehem? Wir erfassen es nie und nimmer, wenn wir die Weihnachtsbotschaft auf Appelle zur Mitmenschlichkeit verkleinern. Wir müssen versuchen, uns in diesen uns fremd erscheinenden Hymnus hineinzuhören. Er hebt an mit einer hohen Aussage, fast wie eine Fanfare: "Als aber erschien die Güte und Menschenliebe Gottes". Schlüsselwort ist das Verbum 'erscheinen'. Im Griechischen hat es seinen Sitz im Leben im politischen Bereich. Das Wort wird benutzt, um den großen Augenblick zu beschreiben, wenn der Kaiser sich nicht mehr im fernen Palast unsichtbar verehren läßt, sondern sich auf Staatsvisite begibt und bei seinen Untertanen sich blicken läßt. Oder wenn er plötzlich im Rebellengebiet auftaucht, um die aufgewühlte Region zu befrieden. Er erscheint, sieht nach dem Rechten, zeigt sein wahres Gesicht und steht auch den kleinen Leuten Rede und Antwort. Dieses spektakuläre Ereignis aus dem politischen Leben nimmt der Verfasser unseres Liedes zum Bild für die Geburt Jesu Christi. Bis in die feierliche Sprache hinein - unser gesamter Text besteht im Griechischen aus nur einem Satz! - wird er mitgerissen von diesem Moment im Stall zu Bethlehem, da Gott sich höchst persönlich blicken läßt und sein wahres Gesicht zeigt. Was für ein Erscheinen Gottes unter den Menschen, die sich abquälen mit seiner Verborgenheit in der Welt und in ihrem Leben, die gebeutelt von Schicksalsschlägen nach Sinn fragen und seufzen: "Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?" Wo bist du, Gott, angesichts einer gescheiterten Ehe? Angesichts einer unheilbaren Krankheit oder der tiefen Traurigkeit in meiner Seele, die einfach nicht mehr weichen will? Wo bist du, Gott, angesichts der zerstörerischen Kräfte in der Welt und des unheimlichen Sogs, daß jeder sich selbst der Nächste ist? Wo finde ich dein wahres Gesicht?

II.

Eben noch hat der Verfasser unseres Liedes diese dunkle Seite des Lebens beschworen - und jetzt steht ihm die Geburt Jesu Christi vor Augen. Er kommt nicht davon los, daß Gott selbst erschienen ist, daß er in dem Kind in der Krippe, in dem Mann am Kreuz sein wahres Gesicht gezeigt hat. Wenn wir von jemand anderem sagen: "Jetzt hat er sein wahres Gesicht gezeigt!", dann meinen wir das bitter und desillusioniert. Was wir vorher von ihm wahrgenommen hatten, hat sich als schöner Schein entpuppt. Wie anders ist das mit dem wahren Gesicht, das Gott an Weihnachten der Welt gezeigt hat! Wie ein König, gegen den sich die Rebellen zusammengerottet haben, erscheint er unerwartet in ihrem Lager - aber nicht um über sie Gericht zu sitzen oder um sie mit unerfüllbaren Bedingungen erst recht zu demütigen, sondern um sie gleichsam durch umwerfende Freundlichkeit und Großzügigkeit zu entwaffnen.

Wie aber sieht es aus, dieses wahre Gesicht Gottes? "Als aber erschien die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes". Im griechischen Urtext steht für 'Menschenfreundlichkeit' ein im Neuen Testament ganz selten vorkommendes Wort: philanthropia. Die lateinische Übersetzung ist uns vertrauter: humanitas. Beide Begriffe haben Geschichte gemacht. "Philanthropen" wurden im Zeitalter der Aufklärung diejenigen genannt, die im Geist der damaligen Zeit ein optimistisches, begeistertes Menschenbild hatten. Sie trauten dem Menschen zu, sich seiner überragenden Verstandesgaben zu bedienen, wie Kant das nannte, und mit vernünftigem Denken und Handeln einen Zustand des Glücks, der Wohlfahrt für alle schaffen zu können. Diese Leidenschaft für die praktische Vernunft beflügelte ihren pädagogischen Eifer und führte zur Gründung philanthropischer Schulen. Auf diese Weise, so glaubten die Philanthropen, werde humanitas, Humanität, ein durch und durch menschliches, gerechtes Miteinander aufblühen.

200 Jahre später wissen wir: dieses großartige Konzept ist nicht aufgegangen. Der Mensch ist nun einmal von Natur aus nicht gut, und, wenn es eng wird, seinesgleichen eben doch eher ein Wolf als ein Bruder. Woher sollen wir dann als gebrannte Kinder die Kraft nehmen, Humanität und Menschenfreundlichkeit zu beschwören, ohne daß dies, wie so oft und alle Jahre wieder zu Weihnachten, einfach ins Leere geht - weil die alte Erfahrung übermächtig erscheint, daß Menschen sich nicht ausstehen können und gerade an Festtagen füreinander unausstehlich werden?

Dagegen noch einmal der Cantus firmus unseres Textes: "Als aber erschien die Güte und Menschenliebe Gottes". Gott selbst hat die Initiative gegen die Gnadenlosigkeit unserer Welt ergriffen. Er zeigt sein wahres Gesicht, und wie! Güte und Menschenliebe gehören von Ewigkeit her zu ihm. Er will nicht nur gelegentlich huldvoll sein, wie der Kaiser, wenn er sich alle Jubeljahre mal auf den beschwerlichen Weg in die ferne Provinz begibt. Da ist ein ununterbrochenes Interesse an uns, ein unstillbares Heimweh, eine leidenschaftliche Sehnsucht nach uns. Nichts anderes als dies bringt ihn auf den beschwerlichen Weg aus seiner göttlichen Höhe in unsere Tiefe, in die ferne Provinz Welt. Das ist sein wahres Gesicht.

III.

Im Zentrum unseres Gedichts steht die lakonische Aussage: "Er hat uns gerettet". Diese vier Worte beherrschen alles. Gerettetwerden ist viel, viel mehr und radikaler als Geholfen zu bekommen, Weitergebracht- und Ermutigtwerden. Angesichts unserer Weltlage ist Ermutigung zu wenig. Woher den Mut nehmen, wenn wir in den Nahen und Mittleren Osten blicken und selbst bei der Supermacht USA letztlich nur Ratlosigkeit feststellbar ist, wie man der explosiven Brandherde dort Herr werden könnte? Woher den Mut nehmen angesichts dessen, daß die allen vor Augen liegenden Szenarien der Klimaforscher, wahrlich ein kreißender Elefant, in Kopenhagen am Ende nichts als eine Maus geboren hat? Woher den Mut nehmen, wenn wir im nächsten Umkreis oder bei uns selbst erleben, daß wir so unendlich viel schuldig bleiben?

Aber hier diese Botschaft: "Er hat uns - die Verlierer - gerettet!" Wie Ertrinkende, die hoffnungslos verloren sind, werden wir aus dem Strudel nach unten, dem Todesverhängnis heil herausgerissen. Daher auch dieses in einem Weihnachtstext zunächst so unerwartete kräftige Bild von der Taufe. Wasser kann ja eine gefährliche, alles ins Verderben fortreißende Urmacht sein. Nicht erst in den Horrorszenarien der Klimaerwärmung ist das so. Daß wir mit Wasser getauft sind, daß über dem über uns fließenden Wasser der Name des rettenden Gottes ausgerufen wurde, das will uns ganz anschaulich nahe bringen: du bist aus dem tödlichen Strudel herausgerissen. Du bist gerettet, hast neuen, festen Boden unter den Füßen. Von uns aus kann es angesichts unserer sisyphushaften, immer wieder stecken bleibenden Mühen nur heißen, wie es die Dichterin Hilde Domin einmal in Worte gefasst hat: "Wir, verurteilt zu wissen und nicht zu handeln." Aber ER, er hat uns gerettet!

Liebe Schwestern und Brüder: lasst uns dem Kind, das unsere Rettung ist, unser zerbrechliches Leben und diese zerrissene Welt darbringen. Berührt von dieser rettenden Menschenfreundlichkeit Gottes, die licht und warm über uns aufgegangen ist wie die Sonne am Morgen, werden wir solche, die einander freund und nicht mehr feind sind. Und wenn die Welt einmal voll sein wird von Menschen, die einander freund sind, dann ist Gottes neue Welt da. Singen wir uns darum jetzt gegen all unsere Ängste weihnachtlich beherzt zu: "Das ewig Licht geht da herein / gibt der Welt ein neuen Schein, / es leucht wohl mitten in der Nacht / und uns des Lichtes Kinder macht".

Amen.

Lieder: 33,1-3 / 35,1+3 / 37,1-3+9 / 23,1-4 / 47,1-5 / 44,1-3