GD - Einführung Hae-Kyung Jung, Sexagesimae, Christuskirche, 15.2.09

Predigt: Ps 139

Liebe Gemeinde,

1731 dankte Leipzig für die Wahl der neuen Ratsherren, die mit der Kantate, die wir gehört haben, in ihr Amt eingeführt wurden. 2009 dankt Freiburg für eine neue Kantorin, die mit derselben Kantate in ihr neues Amt eingeführt wird.

Vielleicht ist die ratsherrliche Assoziation der Tatsache zu verdanken, dass heute zugleich mit der Einführung von Frau Jung das neue Stadtkantorat "eingeführt" wird. Wie auch immer. Wir haben jedenfalls allen Grund zum Danken und Loben. Auch in den Liedern, die wir gemeinsam singen, kommt dieses Danken und Loben zum Ausdruck.

Auf meine Frage nach einem biblischen Lieblingstext antworteten Sie, liebe Frau Jung, unverzüglich: Psalm 139. Das passt. Psalmen sind Lieder, Musik, früher immer gesungen und mit Instrumenten begleitet. Kein Zufall, dass für den Text der heutigen Kantate der Psalter die wichtigste biblische Quelle ist. Psalmen spielten in Ihrem Leben eine große Bedeutung. Die Klagepsalmen, mit den Worten von Nelly Sachs eine "Landschaft aus Schreien". Sie haben während der Zeit Ihrer schweren Erkrankung diese Psalmen gebraucht, diese Sprachhilfen für das eigene Schreien und Klagen. Nelly Sachs bezeichnet Psalmen auch als "Nachtherbergen für die Wegwunden". Andere Psalmen haben Sie, Frau Jung, gebraucht neben den reinen Klagepsalmen, Gebete, die in der Nacht "Herberge" bieten, in denen Sie sich bergen konnten, Räume des Vertrauens. In dieser Funktion einer "Nachtherberge für die Wegwunden" ist Psalm 139 zu ihrem Lieblingspsalm geworden.

Liebe Gemeinde, die vier Strophen von Psalm 139 möchte ich mit Ihnen gemeinsam beten und betrachten. Beten Sie mit:

1 EWIGER, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;

du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich

und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,

das du, EWIGER, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich

und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,

ich kann sie nicht begreifen.

Eine sehr innige Beziehung zwischen Gott und dem betenden Menschen wird hier formuliert. Gott kennt uns durch und durch. Nicht nur die Großen und Mächtigen dieser Welt. Sondern Dich und Dich und Dich und mich. Der ganze Lebensweg mit seinem Sitzen, Stehen, Gehen und Liegen ist von Gott erkannt. Und kennen / erkennen in der hebräischen Bibel bedeutet lieben. "Von allen Seiten umgibst Du mich" - ein umfassendes Behütetsein kommt zum Ausdruck. Deine Hand, ewiger Gott, ist über mir. Ich bin gesegnet. Der Psalm will Vertrauen und Hoffnung stärken.

Wir beten weiter:

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,

und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da;

bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte

und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen

und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken

und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,

und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

In die innige Beziehung zwischen Betendem und Gott wird der ganze Kosmos hineingenommen. Wohin soll ich gehen? Wohin soll ich fliehen? Wohin? Wohin? Nach oben, in den Himmel, nach unten, in das Reich der Toten, in den Osten Richtung Morgenrot, in den Westen an den Rand des Meeres - Gottes Gegenwart und Nähe kennt keine Grenzen, seine Hand leitet mich, wie weit ich mich auch weg bewege, Gottes Licht leuchtet, wie finster es auch immer um mich herum und in mir selbst aussieht.

Manchen Menschen wird es bei diesem Psalm zu eng. Sie finden das bedrückend oder beängstigend, wie Gott einen auf Schritt und Tritt zu verfolgen oder zu kontrollieren scheint. Dazu fällt mir ein Zitat von Helmut Gollwitzer ein (Krummes Holz, aufrechter Gang): "Die Philosophen sprechen von der Suche nach Gott; aber das ist, wie wenn man von einer Suche der Maus nach der Katze spräche. Wir sind auf der Flucht - und es wird uns auf Dauer nicht gelingen. Es wird uns zu unserem Glück nicht gelingen." Unser vermeintliches Gottsuchen ist ein Gottfliehen. Zu unserem Glück gelingt es uns nicht. Wir sind längst gefunden, geborgen auch in der tiefsten Nacht.

Beten wir weiter:

13 Denn du hast meine Nieren bereitet

und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür,

dass ich wunderbar gemacht bin;

wunderbar sind deine Werke;

das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, /

als ich im Verborgenen gemacht wurde,

als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich,

als ich noch nicht bereitet war,

und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,

die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Wie im ersten Teil geht es hier wieder um die innige Beziehung zwischen Gott und betendem Menschen. Diese Intimität liegt begründet in den Ursprüngen. Von Mutterleibe an bin ich von Gott geliebt - und in seinem Buch des Lebens verzeichnet. Diese Vergewisserung, geliebtes Geschöpf zu sein, ist im wörtlichen Sinn lebens-not-wendig. Von dieser Lebensnot des Menschen spricht nun ausdrücklich der vierte und letzte Teil:

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!

Wie ist ihre Summe so groß!

18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:

Am Ende bin ich noch immer bei dir.

19 Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten!

Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!

20 Denn sie reden von dir lästerlich,

und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut.

21 Sollte ich nicht hassen, EWIGER, die dich hassen,

und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?

22 Ich hasse sie mit ganzem Ernst;

sie sind mir zu Feinden geworden.

In die Beziehung zwischen Betendem und Gott werden nun die Bösen hineingenommen. Die Blutgierigen. Die Gottlosen. Die Feinde.

Wir erschrecken über die harten Worte. In unserem Gesangbuch wurden die anstößigen Verse einfach weggelassen. Doch sie gehören zum Psalm dazu.

Es gibt sie, die Menschen, die Erfolg haben mit ihrer Gewalttätigkeit. Sie stellen Gottes Wahrheit in Frage. Soll ich mich auf ihre Seite schlagen? Damit ich auch auf der sicheren Seite bin? Der Betende sagt: Nein, ich bleibe Gott treu. Und hasse die Gottlosen. So steht das da. Das Hassen meint keine Menschenverachtung. Es ist eher im Sinne von Empörung gemeint. Es geht dabei um ein Tun, das sich der destruktiven Gewalt entgegenstemmt.

Der Mensch, der diesen Psalm betet, droht an der Ohnmacht Gottes zu verzweifeln. Er macht sich Gottes Sache zu eigen. Und bekommt zu spüren, wie viel Widerstand und Gewalt, Projektion und Hass dieser Sache Gottes entgegenstehen.

Am liebsten würde der Mensch fliehen. Er ist nicht fanatisch, sucht nicht von vorneherein den Kampf gegen die Gottlosen. Durch die Verzweiflung hindurch ringt er darum, Gott treu zu bleiben. Der ganze Psalm zeugt von diesem Ringen und der Vergewisserung, dass es besser ist, Gott zu vertrauen.

Ein letzter Blick auf den Rahmen des Psalms: Heißt es im Eingangsvers: "1 EWIGER, du erforschest mich und kennest mich." So wird diese Gewissheit am Ende zu einer Bitte: "23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine. 24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege."

Mit dieser Bitte ist jeder Form von Fanatismus der Riegel vorgeschoben: Gott, liebe mich und prüfe mich und leite mich auf ewigem Wege.

Liebe Gemeinde, wir alle werden wund auf unserem Lebensweg. Wie gut, dass es die Psalmen gibt, diese "Nachtherbergen für die Wegwunden".

Einen sehr schönen und realistischen biblischen Lieblingstext haben Sie, liebe Frau Jung. Einen Text, der die Liebe Gottes besingt ohne zu schweigen von den Kräften, die diese Liebe immer neu mit Füßen treten. Diese Kräfte sind in uns selbst und sie bedrohen uns von außen. Auch in Form von Krankheit und Tod.

Dass wir durch alles Bedrohliche hindurch bei Gott geborgen sind, das ist unser Trost. Und das ist Grund zum Loben und Danken. Nicht nur anlässlich der Einführung der neuen Kantorin. Sondern täglich neu lebenslang. Amen.