Nur ein Wort - aber wir werden heil - Predigt über Matthäus 8, 5-13

3. Sonntag n. Epiphanias - 25.01.2009, Christus- u. Petruskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

Die Grundbewegung des Christentums geht gewissermaßen von innen nach außen, von Jerusalem bis an die Enden der Welt. So hat es der Auferstandene als sein irdisches Vermächtnis seinen Jüngern aufgetragen: "…und machet zu Jüngern alle Völker". Der Glaube an ihn sollte nicht in der palästinischen Regionalliga bleiben, sondern die Christen sollten sich von Anfang an als Global player verstehen, deren Botschaft vor keinen Völker-, Rassen- und Klassenschranken haltmacht.

Eine ganz ähnliche Erwartung gab es schon im alten Bund Israels. Deren Bewegung freilich verläuft gerade umgekehrt, nämlich von weit außen nach ganz innen. Die Propheten haben dem Gottesvolk verheißen: Es wird einmal eine Zeit kommen, in der die Menschen aus allen Himmelsrichtungen und Nationen aufbrechen werden zu einer großen Wallfahrt nach Jerusalem, zum Zion, mit dem sich für Israel alle Sehnsüchte verknüpfen. Seither ist es eine der großen Hoffnungen aller Menschen, die bewußt mit der Bibel leben, daß es irgendwann einmal, wenn es Gott gefällt, zu einer Sammelbewegung in der zerrissenen Menschheit kommen wird, bei der wir von Ost und West, von Nord und Süd zusammenströmen werden, um mit Abraham, Isaak und ihren Nachkommen an einem Tisch zu sitzen und das Glück des Schalom, des ganzheitlich gelingenden Lebens zu kosten. So wie wir's eben gesungen haben: "Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all".

Man muß diese alte Hoffnung Israels im Hinterkopf haben, wenn man diese Geschichte von Jesus und dem römischen Hauptmann verstehen will. Denn ausgerechnet die römische Besatzungsmacht in Palästina ist von den frühen Christen als ein erstes Zeichen für das Eintreffen dieser uralten prophetischen Hoffnung verstanden worden.

I.

Das ist schon faszinierend. Denn natürlich haben auch die Galiläer und Judäer damals gelitten - wie eben zu allen Zeiten ein Volk unter einer fremden Besatzungsmacht leidet. Sie repräsentiert sich vor allem durch ihre Soldaten, die überall auf den Straßen patrouillieren und Rechte haben, von denen die Einheimischen nur träumen können. Das sind keine wohlgelittenen Leute. Verständlich, daß in der jüdischen Bevölkerung der Grundsatz galt, keinerlei Gemeinschaft mit dieser verhaßten römischen Soldateska zu pflegen. Kein Einheimischer, der auf die Idee gekommen wäre, in ein Quartier der fremden Soldaten zu gehen oder gar einen Römer zu sich nach Hause einzuladen, wie das früher in der Weihnachtszeit manche deutschen Familien mit den amerikanischen GI's gemacht haben. Für einen frommen Juden war das undenkbar. Nicht nur wegen dem Haß auf die Besatzer, sondern erst recht wegen ihres Glaubens, daß man keine Gemeinschaft mit Heiden, mit "Unreinen" haben soll. Eine "fraternisation", eine verbindende Bewegung von den einen zu den anderen hin wurde strikt vermieden. Man mußte die fremde Macht einfach ertragen, mit der geballten Faust in der Tasche. Es ist tragisch, daß sich ausgerechnet da, wo das damals so war, bis heute kaum etwas geändert hat - unter gerade spiegelverkehrten Vorzeichen. Wer einmal in der West Bank, dem Jahrzehnte durch die Israelis besetzten und heute regelrecht eingemauerten Gebiet der Palästinenser gewesen ist und das mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich unschwer ausmalen, wie das damals zur Zeit Jesu war.

Liebe Gemeinde, wir müssen diese Situation vor Augen haben, um zu verstehen, was in dieser Geschichte eigentlich passiert. Denn jener Hauptmann, den Matthäus hier so vorbildlich fromm und gottesfürchtig zeichnet, er ist in Wahrheit alles andere als ein Sympathieträger. Jedenfalls aus Sicht derer, zu denen ja auch Jesus gehörte, der Juden. In Kapernaum, dem wichtigen Oberzentrum am Nordende des See Genezaret, befehligte er als Centurio eine Hundertschaft von Soldaten, er war dort eine Art Stadtkommandant. Er bestimmte, wo's lang geht in der Stadt und hielt sicherlich mit eiserner Faust die öffentliche Ordnung aufrecht. Wenn er auftauchte auf den Straßen, haben die Einheimischen sicherheitshalber einen weiten Bogen um ihn herum gemacht.

Aber nun gibt es da plötzlich Leute, die verhalten sich gegenüber diesem Repräsentanten des übermächtigen römischen Weltreichs ganz anders. Ohne Angst vor der Besatzungsmacht versuchen sie mit der Lage, ein besetztes Volk zu sein, dadurch fertig zu werden, daß sie alle inneren Vorbehalte und Widerstände einmal beiseite lassen. Anstatt voller Angst und Haß in der Anti-Haltung zu verharren, erklären sie ausgerechnet die römische Macht zu den ersten Repräsentanten für die Wahrheit der alten prophetischen Verheißung: Von Ost und West, von Nord und Süd werden die Heiden zu uns kommen, und wenn das geschehen wird, werden endlich glückliche, friedliche Zeiten kommen. Die Fülle der Zeiten, der ewige Friede bricht an. Die Soldaten der fremden Macht sind die Vorboten dieses Friedens - jedenfalls dann, wenn wir sie nicht mit den Augen unseres nationalen Widerstands, unserer Erbitterung ansehen, sondern wenn wir lernen, mit diesen geschichtlichen Mächten und Gewalten anders fertigzuwerden. Und zwar dadurch, daß wir versuchen, sie mit einem Blick zu sehen, der unsere traurige Realität weit übersteigt: mit den Augen der Verheißung, mit den Augen Gottes, für den auch das, was in dieser Welt übermächtig ist, jederzeit plötzlich ein Werkzeug für seine Macht werden kann.

Damit das nicht nur eine fromme Illusion, Opium fürs unterdrückte Volk bleibt, deshalb geschieht es, daß einer dieser vom Westen gekommenen Soldaten eine Erfahrung macht, die über alles Denken hinaus zu einem Signal für den Anbruch des Friedens mitten in dunklen Zeiten wird: eben dieser Centurio, der Stadtkommandant von Kapernaum.

Er wird, wie die ihm unterstellten Soldaten, erfahren haben, wie wenig willkommen er dort ist. Wahrscheinlich sehnt er sich, wie sie alle, oft genug nach der Heimat. Vielleicht ist er dazu auch noch ein besonders sensibler Typ. Die Aversionen, die ihm aus der Bevölkerung entgegenschlagen, haben ihm vielleicht Unwertgefühle eingejagt. Deshalb hat er sicher innere Widerstände überwinden müssen, als er sich wegen seines schwerkranken Hausburschen als letztes Mittel an jenen Rabbi aus Nazareth wendet, von dem er über die Kanäle seiner Truppen schon einiges gehört haben mag. "Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet schwer".

Wohlgemerkt: Das ist keine Bitte. Das traut er sich gar nicht. Es ist nichts als ein Hinweis auf seine Lage. Und nun macht er die ihn wohl im Tiefsten überraschende Erfahrung, daß da einer von den Einheimischen das Verbot, zu fraternisieren, Beziehungen aufzunehmen, einfach übertritt. Er erlebt, daß da ein Jude ihm, dem Römer, seine Aufmerksamkeit schenkt: ohne daß er ihn schon um etwas gebeten hätte. "Ich will kommen und ihn gesund machen"! Diese Erfahrung "Ich will kommen" ist für einen Römer sicher eine ganz unbekannte Erfahrung in Kapernaum gewesen Das bringt ihm erst recht sein Minderwertigkeitsgefühl ins Bewußtsein und verstärkt es noch: "Herr, ich bin ja - als Römer - gar nicht wert, daß du unter mein Dach kommst"!

II.

Das ist gewissermaßen die äußere Geschichte zwischen dem Juden Jesus und dem römischen Stadtkommandanten. Aber da hinein ist nun noch eine innere Geschichte verwoben zwischen diesen beiden ungleichen Gestalten. Denn es zeigt sich, daß unser Hauptmann bei diesem Angehörigen des fremden jüdischen Volkes auf jemand gestoßen ist, von dem er mehr und über alles Erwarten hinaus bekommt. Daß da ohne Umschweife, ohne jede Nachfrage ein Fremder bereit ist, sich eines Fremden anzunehmen, ein Gesunder willens ist, sich eines Kranken zu erbarmen, daß da der Jude Jesus bereit ist, sich eines namenlosen Knechtes eines feindlichen Soldaten anzunehmen, in dieses fremde Leben einzugreifen: das ist das Umwerfende, was man nicht verstehen kann, weil es sich nicht in unsere Alltagserfahrungen einpassen läßt. Das muß in unserem Hauptmann wohl dieses ihn überfordernde Gefühl erweckt haben: Ich bin es doch gar nicht wert, daß diese normale Ordnung unseres Alltags so blitzartig durchbrochen und aufgelöst wird - daß aus einer schwierigen Lage eine hoffnungsvolle wird, aus einer Krankheit Heilung, Gesundung wird. All diese Empfindungen stecken drin in diesem Ausruf: "Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach kommst".

Aber dann kommt ihm ja noch etwas über die Lippen - jene Bitte, die auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zu der Feststellung der eigenen Unwürdigkeit anmutet: ",...aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund". Nur ein Wort - und sonst nichts? Das mutet uns ziemlich dürftig an - auch wenn wir alle unseren Konfirmandenunterricht gehabt und dort gehört haben, daß die Gründer unserer Kirche nicht weniger als alles auf das Wort gesetzt haben.

Aber statt mit Luther - solo verbo, allein durch das Wort werden wir gerecht gesprochen - halten es heute auch viele protestantische Christen- und Theologenmenschen eher mit Goethe, der seinen griesgrämig über der Bibel brütenden Faust lamentieren läßt: "Ich kann das Wort an sich so hoch unmöglich schätzen / ich muß es anders übersetzen" - und dann streicht der große Sinnsucher den Beginn des Johannesevangeliums "Im Anfang war das Wort" kurzerhand aus und schreibt darüber: "Im Anfang war die Tat". Das ist eher nach unserem Gusto. "Das sind nur schöne Worte" - wenn wir das von jemand sagen oder denken, dann meinen wir damit: da steckt keine Glaubwürdigkeit dahinter, kein Wille, das, was er sagt, auch zu tun. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es: Das ist unser moralisches Grundgesetz, und darum hat dieses felsenfeste Zutrauen des Hauptmanns: "Sprich nur ein Wort" für uns irgendwie einen faden Beigeschmack. Für ihn sind Wort und Tat offenbar eins, gar nicht voneinander zu trennen - jedenfalls in dem, was er von Jesus erwartet. Und Jesus antwortet so, wie es der Hauptmann von Kapernaum versteht: Er geht nicht in dessen Haus, spricht nicht mit dem kranken Knecht, rührt ihn nicht an, segnet ihn nicht - nein, er spricht eben gerade "nur ein Wort". Und der Knecht wird gesund.

III.

Was ist das für ein Wort, das Kranke gesund machen kann? Die Gottes Wort als das entscheidende Heilmittel für uns in der Tiefe kranke, weil von Gott und uns selbst entfremdete Leute (wieder)entdeckt haben, die Reformatoren, die kannten da kein Pardon. Sie sagten: Dieses Wort, das im Anfang bereits war und von weit her in diese Welt gekommen ist, dieses Wort ist ein Wort, das man, selbst wenn man ihm vehement widerspricht, nie "unschädlich" machen kann. Es ist ein Wort, das man letztlich nicht problematisieren, aber auch nicht rationalisieren und dem gesunden Menschenverstand plausibel machen kann, indem man es in das Schema dieser Welt und all der Menschenworte einordnet, die in ihr gesprochen werden. Es ist ein Wort, zu dem man sich nur so stellen kann, wie es Albrecht Goes ausgedrückt hat: "Wir können das Wort des Herrn nicht fassen / wir können es uns nur wahr sein lassen". Dieses Wort kann so lauten: "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen". Oder so: "Steh auf, nimm dein Bett und wandle". Oder so: "Fürchte dich nicht, glaube nur".

Unsere Worte kommen immer aus dem Zusammenhang unserer irdischen Welt. Sie erwachsen aus der Naturbeobachtung, aus der Wahrnehmung von Menschen, aus dem tieferen Einblick in der Gesetzmäßigkeiten des Lebens. Jesu Worte dagegen, so sagt er, kommen aus einer Sphäre, die die Grenzen von Himmel und Erde, vom Raum und Zeit weit hinter sich läßt. Worin besteht ihre Kraft?

Man muß es wohl ganz einfach ausdrücken. Jesu Worte sind nicht einfach nur Mitteilungen, Auskünfte, Behauptungen, Appelle - wie unsere Worte zumeist -, sondern sie sind unüberbietbar direkte, konkrete Anrede. Sie reden nicht über etwas, sondern sie reden zu jemanden - zu dir und mir. Jesu Worte ergreifen. Mit der Kraft dieser Worte werden Menschen in tiefen Lebenskrisen getröstet. Oft spüren sie es in der Trauer selbst gar nicht, sie merken zunächst nur, daß irgendwo ein letzter elementarer Antrieb in ihnen ist, weiterzumachen, ihr Leben nicht hinzuwerfen. Aber später, wenn wieder so etwas wie Lebensfreude zurückgekehrt ist, können sie es rückblickend dankbar sagen: das muß Gott selbst gewesen sein, der mich da gehalten und weitergetragen hat! Und dann wissen sie oft ein Bibelwort, das ihnen jemand anderer genannt, hat, oder ihren Konfirmationsspruch, und sie stellen erstaunt fest, wie sehr sie dieses Bibelwort dann angesprochen und getröstet hat.

So ist es. Manchmal reicht nur ein Wort aus Jesu Mund, das uns plötzlich trifft, oder das uns in der Tiefe, vielleicht über lange Strecken gar nicht bewußt bemerkt, begleitet - und unsere Seele bleibt oder wird gesund. Es kommt immer wieder vor, wenn ich in ein Trauerhaus komme und wir überlegen, welches Wort der Bibel für die Trauerfeier geeignet sein könnte, daß sich dann zeigt, welche Bedeutung in diesem Sinn der Konfirmationsspruch für den verstorbenen Menschen gehabt hat. Und wie hilfreich es dann für die Hinterbliebenen ist, das Leben des betrauerten Menschen im Licht dieses Wortes noch einmal anders anzusehen.

IV.

Und so stimmt es eben doch nicht, daß Worte - um noch einmal den wortskeptischen Faust zu zitieren, bloß "Schall und Rauch" sind. Nein, es gibt sogar Menschenworte, die können mindetens im übertragenen Sinn eine erlösende Wirkung haben. Wer vergangenen Dienstag die Vereidigung von Barack Obama verfolgt hat, wer die Gesichter der Hunderttausende gesehen hat, die regelrecht an seinen Lippen klebten, der hat sehr wohl gespürt, was auch Menschenworte, wenn sie überlegt und zur rechten Zeit gesprochen werden, auslösen können. Ja, auch unsere Worte können manchmal, in glücklichen Momenten, ein Stück Erlösung sein. Und damit zumindest ein Abglanz, ein Gleichnis für jene Worte, die anders als Himmel und Erde nicht vergehen werden. Z.B. ein Wort wie: "Ich habe dich lieb". Oder: "Gewebeprobe ohne Befund!" Oder: "Insolvenz abgewendet, die Arbeitsplätze bleiben erhalten". Das, in Zeiten wie diesen gerade das letztgenannte, sind erlösende Botschaften. Wem sie gelten, dem verwandeln sie geradezu die Welt.

Und doch machen wir, auch das gehört zur Realität unseres Lebens, oft genug mit anderen, aber ehrlicherweise auch mit uns selbst die Erfahrung, die Hamlet in die bitteren Ausruf gefaßt hat: "Worte, Worte, nichts als Worte". - Bei einem freilich erhält diese bittere Feststellung mit einem Mal einen hocherfreulichen Sinn. Eben bei dem, der die Ausnahme von der Regel ist, daß, je lauter und dröhnender die Worte gesprochen werden, desto weniger dahinter ist. Nein, bei ihm, Jesus Christus, ist das Wort schon die Tat - weil bei ihm nicht weniger als alles dahinter ist: der Vater im Himmel nämlich, der diese Welt still, leise, aber unermüdlich in seiner Hand behält und vor dem das, was in ihr Macht hat und uns ängstigt, auf einmal unendlich klein und unwichtig wird. Der römische Machthaber von Kapernaum, ein Heide von weit außen, hat's erkannt - so wie ganz am Ende auch sein namenloser heidnischer Landsmann unter dem Kreuz.

Herr Jesus, gib auch uns diese offenen Augen. Wir glauben, Herr, hilf du unserem Unglauben!

Amen.

Lieder: 69,1-4 / 70,5 / 293,1+2 / 586,1-7 / 74,1-4