Predigt zu Lk 6,36-42

Liebe Gemeinde, wir hören einen Auszug aus der sog. Feldrede Jesu, der die gleichen Jesusworte zugrunde liegen wie der bekannteren Bergpredigt. Nach Lk 6,36-42 spricht Jesus:

Seid barmherzig, wie auch euer Gott barmherzig ist.

Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.

Vergebt, so wird euch vergeben.

Gebt, so wird euch gegeben.

Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben;

denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt,

wird man euch wieder messen.

Jesus sagte ihnen aber auch ein Gleichnis:

Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

Der Schüler oder die Schülerin stehen nicht über dem Lehrer; wenn sie vollkommen sind, so sind sie wie ihr Lehrer.

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders oder deiner Schwester Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?

Wie kannst du sagen zu deinen Geschwistern: Halt still, Bruder, Schwester, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du machst dir etwas vor. Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deiner Geschwister Auge ziehst!

Liebe Gemeinde,

die Evangelische Erwachsenenbildung will an einem Freitag Nachmittag im September zusammen mit anderen öffentlich-rechtlichen, nicht beruflichen Bildungseinrichtungen an einem Stand in der Stadt die Öffentlichkeit auf ihre Arbeit aufmerksam machen. Für diese Aktion hab ich neulich einen Umfragebogen vorbereitet. Unter der Überschrift "Bildung heißt" kann man da eine oder mehrere mögliche Definitionen ankreuzen. Also: Bildung heißt zum Beispiel "sich entwickeln - viel wissen - sich selbst bilden - lebenslang lernen - immer mehr zum Ebenbild Gottes werden..." Der Kollegin einer nicht kirchlichen Bildungseinrichtung gab ich diesen Entwurf zum Gegenlesen. Darauf die Reaktion: Die Idee sei gut. Doch die Formulierung "immer mehr zum Ebenbild Gottes werden" sei ihr eindeutig zu kirchlich. Sie schlage stattdessen vor: "ein besserer Mensch werden".

Ich gab zur Antwort: Die Rede vom Ebenbild Gottes ist theologisch, nicht kirchlich. Daneben könne auch stehen: immer mehr die eigene Buddhanatur entfalten. Oder freilich auch: ein besserer Mensch werden. Doch das ist nicht einfach dasselbe, mailte ich. Man könne doch verschiedene mögliche Definitionen anbieten. Die Leute können ja ankreuzen, was sie wollen. Ich selbst finde die Definition umso passender, als unser deutsches Wort Bildung, das es in anderen Sprachen so gar nicht gibt, geschichtlich eng mit der Vorstellung der Gottebenbildlichkeit zusammen hängt.

Unser Verständigungsprozess ist noch nicht zu Ende. Die Kollegin hat mir inzwischen zugestimmt. Doch wir warten beide gespannt die Reaktionen der anderen Bildungseinrichtungen ab.

Warum erzähle ich Ihnen das, liebe Schwestern und Brüder? Weil es in unserem Predigttext um Bildung, um Herzensbildung geht und weil der Text zu Beginn an die Vorstellung der Gottebenbildlichkeit anknüpft: "Seid barmherzig, wie auch euer Gott barmherzig ist." Das ist gleichsam die Überschrift für alles Folgende. Nehmt an Gott selbst Maß. Ahmt Gott nach. Verwirklicht Eure Gottebenbildlichkeit.

Barmherzigkeit: das Wort ist aus der Mode gekommen. Ich vermute, für viele Ohren klingt es wie ein Fremdwort. Ein Blick auf die lateinische Sprache kann uns verstehen helfen, was gemeint ist: misercordia ist zusammengesetzt aus miser, arm und cor, Herz und bedeutet demnach: ein Herz für Arme. Wenn wir also sagen: Gott ist barmherzig, meinen wir: Gott hat ein Herz für Arme. Und wir sollen auch ein Herz für Arme haben.

Barmherzigkeit ist etwas Anderes als Mitleid (vgl. die BigS). Barmherzigkeit wird aktiv. Ein Herz für Arme haben meint zugleich: beherzt handeln. Ein Text von Johannes Calvin, an dessen 500. Geburtstag wir am Freitag dieser Woche erinnern, bringt das auf den Punkt: "Wir müssen auch die Armut unserer Nächsten in uns hineinnehmen und uns gleichsam mit ihrer Person bekleiden, damit wir zutiefst berührt werden beim Anblick ihres Leides und damit wir in einem Zartgefühl mit ihnen seufzen und mit den Weinenden weinen. Wenn wir die einen krank, die anderen arm und aller Güter bar, wieder andere verdrießlich und in Not sehen, so sollen wir denken: Ach, er gehört zu unserem Leib, und dann sollen wir mit der Tat zeigen, dass wir barmherzig sind. Wir können tausendmal verkünden, die Leidenden täten uns leid, wenn wir ihnen nicht helfen, so gilt all dies Gerede rein nichts." (Kommentar zu Mt 5,5-7).

Liebe Gemeinde, dieses Calvin-Zitat liefert gleichsam eine Steilvorlage, um auf die heutige Kollekte hinzuweisen. Aus verschiedenen Gründen können wir erst heute die Opferwoche Diakonie 2009 zum Thema machen und im GD um Ihre Spende bitten. In diesem Jahr werden durch die Spendenaktion der Diakonie Projekte gefördert, die älteren Menschen das Leben erleichtern, Wege aus der Isolation eröffnen und die Begegnung mit Jüngeren ermöglichen. Unter dem Motto "Ich freu mich auf dich" sehen wir auf den Plakaten und Infobroschüren eine ältere Frau, die ein wenig traurig und ungewiss in die Ferne schaut. Sie scheint einsam. Sie ist auf Begegnung angewiesen. "Ich freu mich auf dich" wird ihr gleichsam in den Mund gelegt. Es werden durch die Aktion besonders Projekte gefördert, die Begegnung ermöglichen.

Weil wir die jährliche Opferwoche besonders unterstützen wollen, sammeln wir heute nicht für die eigene Gemeinde, sondern nur am Ausgang für die Diakonie. "Seid barmherzig, wie auch euer Gott barmherzig ist." Habt ein Herz für Arme. Mit Calvin gesprochen gehören sie zu unserem Leib.

Sie können heute dieser biblischen Forderung sozusagen sofort nachkommen, indem Sie eine großzügige Spende einlegen, damit älteren Menschen vielfältig geholfen werden kann.

Liebe Gemeinde,

wie verhalten sich Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zueinander? Wie kann Gott zugleich barmherzig und gerecht sein? Diese Frage hat die Theologie durch die Jahrhunderte hindurch beschäftigt. Lässt Gott wegen seiner Barmherzigkeit fünf gerade sein? Wenn Gott gerecht ist - und das heißt es ja immer wieder in der Bibel -, dann kann er doch nicht alles durchgehen lassen, dann muss es doch auch so etwas wie Strafe geben?

Unser Predigttext scheint um diese Spannung zu wissen. Denn gleich nach der Eröffnung "Seid barmherzig, wie auch euer Gott barmherzig ist." heißt es: "Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet." Als wolle Jesus sagen: Meint nicht, dass Ihr Euch als Richter und Richterinnen aufspielen und vermeintliche Gerechtigkeit herstellen könntet. Jesus wird dann noch deutlicher: Verdammt nicht. Und dann folgen zwei positive Konkretisierungen dessen, was barmherzig sein heißt: vergebt. Und schließlich: gebt. Alle vier immer mehr ins Positive gehenden Formulierungen leben vom Wechselspiel: "Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben." In diesen Forderungen wird die zuvor formulierte berühmte goldene Regel konkret und anschaulich: "Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch." (Lk 6,31) Ich will nicht gerichtet und verdammt werden. Ich wünsche mir von Herzen, dass mir vergeben wird. Und ich will, dass mir gegeben wird: z.B. im Sinne der Diakonie-Opferwoche Hilfe und Zuwendung, wenn ich alt, einsam und pflegebedürftig bin.

Die goldene Regel und ihre Entfaltungen sind eigentlich etwas Selbstverständliches. Ihre Beherzigung würde zu einer solidarischen Kirche und Gesellschaft im Weltmaßstab führen. Doch davon sind wir weit entfernt. Warum eigentlich? Wenn diese Regel doch so einleuchtend ist?

Liebe Gemeinde, ich komme nun wieder auf den Anfang der Predigt zurück. Nach dem, was in unserem Predigttext nun folgt, kann ich weitere Definitionen von Bildung anbieten:

Bildung heißt, bei Jesus in die Schule gehen. Er ist der Lehrer, der Rabbi, dessen Vollkommenheit von keinem Schüler, keiner Schülerin übertroffen werden kann. Ein blinder Mensch kann einem anderen Blinden nicht den Weg weisen. Sie fallen unausweichlich beide in die Grube. Bei Jesus in die Schule gehen, heißt: von der Blindheit befreit werden. Heißt positiv übersetzt: sehen lernen. Jesus, das Wirklichkeit gewordene Ebenbild Gottes, lehrt mich sehen.

Und was sehe ich, wenn ich sehen lerne? Unserem Text zufolge: Den Balken im eigenen Auge.

Aus mir selbst oft verborgenen Gründen vergesse ich immer wieder oder es gelingt mir einfach nicht, die goldene Regel zu beherzigen. Weil die Angst zu kurz zu kommen oder die Erfahrung zu kurz gekommen zu sein, sich in mir festgesetzt haben, bin ich selbst nicht so gebefreudig, wie ich es von Anderen erwarte. Oft beanspruche ist für mich die Vergebung Gottes, ohne dass ich Anderen vergeben kann. Zu tief sitzen manche Verletzungen, zu stark ist das Bedürfnis nach Rache.

Den Balken im eigenen Auge sehen lernen, bedeutet: Schluss mit den Projektionen, die unser Zusammenleben so vergiften. Wir geißeln die Gier der Banker. Und stellen uns nicht ehrlich unserer eigenen Habgier. Wir spotten über die oft lächerlichen, Medien untauglichen Politikerinnen und schimpfen über ihre Unfähigkeit. Und sind selbst nicht bereit, uns diesem Stress der Öffentlichkeit und den komplexen politischen Verhältnissen auszusetzen. Wir fordern herrschaftsfreie Kommunikation. Und üben offen oder subtil Gewalt und Herrschaft aus.

Liebe Gemeinde, was uns in unserer Kirche und in unserer Gesellschaft fehlt, ist eine Kultur der Barmherzigkeit.

Ein Herz für Arme kann sich bei mir erst bilden, wenn ich meine eigene Armut wahr- und annehme. Wenn ich sehend werde. Wenn sich dafür mein Blick weitet schärft.

Gott ist barmherzig. Er hat ein Herz für mich, die ich arm bin, blind, in meinem Egoismus und meiner Angst um mich selbst gefangen, oft unfähig, mich zu öffnen und andere zu bejahen. Und diese Barmherzigkeit Gottes ist zugleich Gerechtigkeit. Gott lässt nicht einfach fünfe grade sein. Dass er ein Herz für mich hat - dies zu erfahren, tut mir oft weh. In seiner barmherzigen Gerechtigkeit öffnet Gott mir die Augen. Wer lange blind war und im Dunkeln lebte und sieht plötzlich Licht: der ist geblendet, und das schmerzt.

Auch für uns heißt barmherzig sein nicht: fünfe grade sein lassen. Wir müssen den Bankern und Politikerinnen freilich keinen Freibrief ausstellen. Unserm Predigttext zufolge habe ich, je größer meine Selbsterkenntnis ist, das heißt je mehr ich meinen eigenen Balken erkenne und annehme, auch die Aufgabe und die Befähigung, den Geschwistern beim Herausziehen ihrer Splitter behilflich zu sein. Dieses Handeln, diese Form der Kritik ist dann hilfreich und konstruktiv. Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer das Leben oft ist und wie schwierig es ist, zufrieden zu sein, kann ich barmherzig sein mit denen, die sich auch schwer tun und denen manches misslingt.

Liebe Gemeinde, unser Predigttext ist anspruchsvoll. Wir werden hinter dem, was er fordert, wohl immer zurückbleiben. Um barmherzig zu werden, können wir weniger aktiv etwas tun als vielmehr Gottes Barmherzigkeit an uns geschehen lassen. Die Bildnerin schlechthin ist die Heilige Geistkraft. Bildung heißt - eine weitere mögliche Definition - sich von dieser göttlichen Kraft bilden lassen.

Ich lade Sie ein, liebe Schwestern und Brüder, während der nun folgenden Orgelmeditation das Gebet unter der Nr. 416 zu betrachten. Wir singen dann im Anschluss den Kehrvers, der auch zwischen den sich anschließenden Fürbitten gesungen wird. Lassen wir uns von Gott selbst bilden, indem wir singend bitten: O Gott, mach du mich zu einem Werkzeug Deines Friedens und Deiner Barmherzigkeit. Amen.