Bist Du noch ganz normal?? - Taufpredigt

5. Sonntag n.Tr. - 12.7.2009, Christuskirche Freiburg

- Taufen von Sarah Sophia Hötzel, Filippa Laule und Eunjin Yoon -

Liebe Gemeinde, und in ihrer Mitte: Liebe Frau Yoon, liebe Familien Hötzel und Laule!

Vor einigen Monaten war in der BZ zu lesen, daß ein Jugendlicher aus unserer Stadt auf die Frage, wie er sich von seiner Lebenseinstellung her bezeichnen würde: als Christ, als religiöser oder als nichtreligiöser Mensch, mit dem kernigen Satz antwortete: "Das weiß ich nicht. Ich bin einfach normal." Eine Antwort, die es in sich hat! Man kann lange darüber nachdenken. Zum Beispiel mit der Frage: Heißt das, daß Sie, liebe Familien Hötzel und Laule, und Sie, liebe Frau Yoon, die Sie sich nachher taufen lassen - heißt das, daß Sie irgendwie "unnormal" sind? Daneben und nicht im Trend, weil christlich eingestellt?

I.

Würden wir diesen Gottesdienst jetzt in östlicheren Gefilden, also in der früheren DDR feiern, dann träfe das ganz klar zu. Denn die Statistiken weisen aus, daß dort weniger als 20 Prozent der neugeborenen Kinder getauft werden, hingegen drei Viertel aller 14-Jährigen zur Jugendweihe gehen, eine Art atheistischer Ersatzkonfirmation. Christen gelten dort, das ist unter Jugendlichen eine stehende Redewendung, als "Heilige Heinis"...

Wenn man wieder nur auf die nackte Statistik schaut, sieht es hier bei uns schon noch sehr anders aus. Die ganz große Mehrzahl ist getauft. Sogar in unserer Stadt, bekanntlich ein Schmelztiegel aller möglichen Weltanschauungen. Aber Statistiken können ja auch viel verschleiern. Wenn man die puren Zahlen nämlich mal beiseite läßt, sieht es bei uns im angeblich goldenen Westen so anders eben doch nicht mehr aus. Die Zeiten, wo es zum guten Ton gehörte, in der Kirche zu sein und wo man nur hinter vorgehaltener Hand jemand zuflüsterte, man sei aus der Kirche ausgetreten, die Zeiten sind längst vorbei. Das ist auch gut so. Weniger gut finde ich, daß man in sich heute manchen Milieus fast schon dafür rechtfertigen muß, daß man noch immer nicht aus der Kirche raus ist, daß man diesem veralteten, weltfremden Verein immer noch angehört. Um es salopp-jugendlich zu sagen: Glaube, Kirche, Christsein - das gilt heute als uncool. Nicht nur im Osten. Ein paar hundert Meter weiter südwestlich von hier ist das ganz ähnlich.

So zeigt sich bei näherem Hinsehen, daß die Frage so abwegig nicht ist: Sind Sie, die Sie sich bewußt entschieden haben, sich bzw. Ihre Kinder taufen zu lassen, sind Sie damit unnormal? - Meine Antwort mag Sie überraschen: Ja, das ist wirklich so! Und zwar deshalb, weil die Taufe etwas Besonderes, etwas absolut nicht Alltägliches - und auch Einmaliges ist. Einmal getauft heißt nämlich auch: ein für alle Mal getauft! Da kann auch ein Kirchenaustritt später nichts dran rütteln. Da, wo Menschen und Gott sich berühren, da wird alle Normalität durchbrochen.

Denken wir nur mal an die Erzählung aus der Apostelgeschichte von der Taufe des Finanzministers aus Afrika, die wir vorhin als Schriftlesung gehört haben. Auch da geht es weiß Gott nicht normal zu! Der Mann wird gewissermaßen im Hauruck-Verfahren getauft, ohne langen Taufunterricht davor. Mitten auf der Reise. Ohne eine Kirche aufzusuchen. Es waren nur drei Dinge, die es zu seiner Taufe brauchte:

1. Zum einen das Verstehen der Botschaft der Bibel. Dem Mann ging es kein Deut anders so vielen, die irgendwann anfangen, sich für den christlichen Glauben zu interessieren: Er verstand die Bibel nicht. Das ist ja auch schwer, teilweise jedenfalls. Auch ich als Theologe kann da ein Lied von singen. Die Bibel ist eben kein normales Buch, das ich mir atemlos in einem weg reinziehen kann wie einen Roman von Dan Brown oder John Grisham. Da braucht es langen Atem, Entdeckerfreude, Bereitschaft vor allem, mich auf Fremdes einzulassen - und nicht zuletzt das Gespräch mit anderen, die schon etwas mehr von der Bibel verstehen. So ist die Frage des Ministers oft auch unsere Frage: "Wie kann ich die Bibel verstehen, wenn mir niemand hilft?"

2. Also - und das ist das zweite, was es zur Taufe braucht - war ein Mensch nötig, der die Bibel erklärt. Beim Minister aus Afrika war das jemand namens Philippus, einer von den Jesusjüngern. Bei Ihnen, liebe Frau Yoon, ist es Ihre Landsmännin gewesen, die schon lange Christin ist und Sie in ihren Hauskreis gebracht hat. Dort haben Sie miteinander die Bibel gelesen, sich persönlich ausgetauscht - und dann auch hierher in die Christuskirche zu unseren Gottesdienste gefunden. Bei den beiden kleinen Täuflingen werden es hoffentlich die Paten sein, die Eltern natürlich auch, dann vielleicht bald die Leute von der kleinen Kirche, später die Religionslehrer. - Philippus jedenfalls nahm dann bei dem Minister die Taufe vor - so wie ich das nachher bei Ihnen tue, weil nichts dagegen spricht, daß Sie heute getauft werden.

3. Und dafür ist auch keine Kirche, sondern nur - Wasser nötig. Philippus und sein Täufling haben es, als sie zufällig an einem kleinen See vorbeikommen. Wasser, ein tiefes Symbol, das uns in vielfacher Weise zeigt, was uns der christliche Glaube verspricht: lebendiges, wachsendes Leben, das immer blühender sich entfalten soll - Kraft, Energie, Reinigung.

II.

Also: die Bibel verstehen; einen Menschen haben, der dabei hilft und bereit ist, zu taufen; und die Wasserstelle für die Taufe - daß diese drei Dinge zusammentreffen, ist heute so wenig selbstverständlich und normal wie damals beim Finanzminister und Philippus. Was immer man an Gründen anführen kann, weshalb einer Christ wird: Letztlich ist und bleibt es eben doch ein unbegreifliches Geheimnis, wenn es dazu kommt, daß wir uns nach ihm, dem für uns Gestorbenen und Auferstandenen nennen und also - Christen heißen dürfen. Deshalb können wir nur dankbar sein, daß es bei Ihnen und Ihren Kindern dazu gekommen ist!

Unnormal ist aber auch, was der Glaube aus Menschen machen kann. Wer sich mit der Christentumsgeschichte beschäftigt, der trifft eben nicht nur auf die vielzitierten "Skandale", von denen diese Geschichte weiß Gott leider auch voll ist, sondern er entdeckt auch Menschen, bei denen ihr Glaube an Jesus bewirkt hat, daß sie Besonderes bewirken konnten. Die sich nicht einfach haben treiben lassen mit der breiten Masse, die nicht mit den Wölfen heulten nach dem Motto "Halt dich da bloß raus!", "Da kann man doch nichts machen!", "Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner!", sondern die durch Jesus zu einem leidenschaftlichen Einsatz für das Recht aller Menschen, ungeschmälert Mensch sein zu dürfen, gekommen sind: Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Mutter Teresa und viele andere, namenlose. Die haben kein "normales" Leben gelebt, sondern sich von Gott rufen lassen, um für die einzutreten, die unter dem Strich existieren.

Aber so unnormal, wie es jetzt scheinen mag, ist das Leben eines Christenmenschen nun auch wieder nicht. Denn äußerlich wird man unsere drei Täuflinge auch nach ihrer Taufe nicht unterscheiden können von allen anderen. Auch nicht von dem, der von sich sagte, er sei kein Christ, sondern einfach nur normal. Sophia und Filippa werden in einigen Jahren vielleicht ähnliche Musik hören, an ähnlichen Sportarten Spaß haben, ähnliche Klamotten tragen, die selben Probleme und Freuden in der Schule haben, und ebenso von Liebe und einem selbstbestimmten Leben in einer friedlicheren Welt träumen.

Und doch, eines wird anders durch ihre Taufe, etwas ganz Grundlegendes - und dafür steht als tiefes Symbol das Wasser. Die Taufe ist in vielfacher, hintergründiger Weise ein Zeichen für etwas, das wir nicht einfach sehen und beweisen, sondern worauf wir einfach nur vertrauen können. Die Taufe: ein Zeichen mit Wasser. Und so möchte ich zum Schluß mit Ihnen noch ein wenig darüber nachdenken, was es mit diesem Wasserzeichen namens Taufe auf sich hat.

III.

Wir wissen alle, was ein Wasserzeichen ist: ein Zeichen in einem Blatt Papier von besonders guter Qualität. Auf so ein Blatt Papier kann man viel schreiben: Gescheites und Dummes, Liebevolles und Verletzendes. Auf einem Blatt Papier kann radiert, durchgestrichen, verbessert, Neues geschrieben werden. Ein Blatt Papier - wir sehen es an unseren Kindern - kann zum Schluß sehr schön aussehen oder auch ziemlich chaotisch. Wie auch immer: Was auf einem Blatt Papier geschrieben steht - ein Zeugnis zum Beispiel, ein Gutachten in einem Prozeß oder eine politische Vereinbarung -, kann Lebenswege bestimmen und verändern.

Was aber nie verändert oder zerstört werden kann, ist das Wasserzeichen in dem Papier. Normalerweise sieht man es gar nicht. Doch wenn wir das Wasserzeichen gegen das Licht halten, gegen die Sonne: dann erkennen wir es. Das Wasserzeichen, das sagt, wer das Papier gemacht hat. Und ein Wasserzeichen kann niemand ändern oder wegradieren.

Liebe Gemeinde, jeder einzelne von uns gleicht einem solchen Stück Papier. Die Bibel spricht ja nicht zufällig vom "Buch des Lebens". Am Anfang ist unser Lebensblatt noch weitgehend weiß und unbeschrieben. Aber je älter wir werden, desto mehr steht auf unserem Blatt. So daß von Ihnen, liebe Frau Yoon, und von Sophia und Filippa hoffentlich keiner sagen wird: Du bist für mich ein unbeschriebenes Blatt! Viele schreiben auf mein Lebensblatt: Die Eltern zuerst und besonders dick, dann die Freunde, die Lehrer, und irgendwann auch ein Mensch, der mit dem Auge der Liebe auf mich blickt. Manches von dem, womit wir so beschrieben sind, müssen wir auch wieder ausradieren, denn aber einer bestimmten Zeit sollen wir unser Lebensblatt selber kräftig beschriften.

Aber beschriebene Blätter sind wir alle miteinander! Wir sind beschrieben mit Wichtigem und Banalem, mit Schönem und Traurigem. Es ist nun mal so, wie Erich Kästner sagte: "Leben ist immer lebensgefährlich". Entscheidend aber ist, und das feiern wir in diesem Gottesdienst: das Blatt Papier, das wir sind, ist seit dem Tag unserer Taufe unauslöschlich beschrieben mit einem Zeichen aus Wasser. Von heute an werden unsere drei Täuflinge das Wasserzeichen Taufe tragen. Dieses Zeichen, das sagt: Du gehörst zu Gott, du bist sein Kinder, komme was da wolle. Das geht von ihm her nie mehr weg. Das drückt sich sehr schön aus in den beiden wunderbaren Vertrauensworten, die Sie, liebe Eltern Hötzel und Laule, für Ihre beiden Mädchen als Taufspruch ausgesucht haben. Bei Sophia ist es das Wort aus Josua 1: "Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und unverzagt seist. Laß dich nicht grauen und entsetze dich nicht, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst" (Jos 1,9). Und bei Filippa ist es das ebenso schöne Wort des Propheten Jesaja: "Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer" (Jes 54,10). In beiden Worten drückt sich sozusagen die Vertikale des Getauftseins aus. Die Horizontale, also was das in uns bewirken kann, steckt wiederum in dem Jesuswort aus dem Matthäusevangelium drin, das Sie, liebe Frau Yoon, sich als Taufspruch ausgewählt haben: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen" (Mt 6,33).

Martin Luther hat die Taufe anschaulich "das unauslöschliche Siegel" genannt. Mit diesem Siegel, diesem Wasserzeichen ganz eigener Art bleiben wir gezeichnet - was auch alles im Lauf unseres Lebens auf unser Blatt geschrieben wird. Und auch mit diesem besonderen Wasserzeichen ist es wie mit den normalen Wasserzeichen: Man kann es nur entdecken, wenn man das Papier gegen helles Licht hält. Normalerweise sieht man es nicht. Normalerweise ist auch das Wasserzeichen Taufe für unsere Augen verborgen. Aber genau darum gibt es die Taufkerze. Sie ist auch ein Symbol. Nämlich dafür, daß, wenn Gottes Licht Ihnen leuchtet, wenn andere Sie im Licht Gottes sehen, daß dann dieses Wasserzeichen Taufe sichtbar wird.

IV.

Liebe Gemeinde, das sind alles geheimnisvolle Geschehnisse, die sich dem äußeren Blick entziehen und unseren beschränkten Verstand übersteigen. Aber mit dem Herzen kann man sich an sie herantasten. Und dann entdecken wir, daß es auch ein "normales" Leben nicht ohne das Unnormale gibt: das, was uns von anderen unterscheidet, aber auch das Unnormale im anderen Menschen. Wenn wir unser Getauftsein auf den Namen Jesu in diesem Sinn nicht als etwas Selbstverständliches ansehen, sondern uns immer wieder daran erinnern, daß es eigentlich ganz und gar nicht "normal" ist: dann wird auch für andere spürbar und anziehend, was die Kirche Jesu Christi, bei all ihren Fehlern, bei allem Kläglichen, sein soll und Gottseidank doch auch ist: Ein Raum "institutionalisierter Barmherzigkeit", wie es Richard von Weizsäcker einmal sehr treffend genannt hat. Ein Ort, an dem die in unserer Spaßgesellschaft so verachteten Wörter Heimatrecht und Farbe erhalten: Gerechtigkeit, Mitleid, Trost, Schutz des Lebens, Aufrichtigkeit. Weil die Kirche der Raum ist, in dem der Mensch aufhört, sich selber Gott sein zu wollen, sondern dem lebendigen Gott begegnet, der ihn heilsam begrenzt. Wohin sonst sollten wir gehen, wenn wir die Kirche verlassen?

Amen.