Jubelkonfirmation, 6. Sonntag nach Trinitatis, 19.7.09, Christuskirche Freiburg

Predigt: Jes 43,1

Liebe Gemeinde, fürchte dich nicht, so haben wir gesungen, so haben wir es uns gleich mehrmals zusagen lassen. "Fürchte dich nicht", so beginnt auch ein Vers aus dem Jesajabuch.

"Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (Jes 43,1)

Das wird dem Volk Israel zugesagt, das in höchsten Nöten ist. Die Babylonier haben Israel erobert, den Tempel in Jerusalem zerstört, und die wohlhabende Oberschicht der Bevölkerung musste ins Exil. In alle Himmelsrichtungen ist das Volk zerstreut. Die Situation in der 2. Hälfte des 6. Jh. v. Chr. ist aussichtslos, trostlos, zermürbend. Und in diese Situation hinein lässt das prophetische Buch Gott sprechen: "Fürchte dich nicht". Wie ermutigend! Diese Ermutigung wird begründet: "denn ich habe dich erlöst". Damit ist gemeint, das machen spätere Verse deutlich: Ich habe andere Völker, Ägypten, Kusch und Seba, als Lösegeld für dich, mein Volk Israel, hingegeben. Babel ist geschlagen. Die Perser sind an der Macht. Sie haben Ägypten erobert. Und sie erlauben dir, dass du aus dem babylonischen Exil und der Diaspora heimkehren kannst. "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen". Das bedeutet zweierlei: Ich habe Macht über dich. Und: Ich bin für dich verantwortlich. Ich bin dein Gott. Du gehörst zu mir. Du gehörst mir. Von Anbeginn der Schöpfung an. Ich bleibe Dir treu. Und ich schenke dir einen Neuanfang. Du kannst wieder zurück in deine Heimat. Die Wende zum Heil hat begonnen.

Liebe Gemeinde,

ein berühmter Text. Eine Verheißung an das Volk Israel in einer bestimmten geschichtlichen Situation. Eine Verheißung, der eine wunderbare Ouvertüre vorausgeht in der göttlichen Stimme, die sagt: "Tröstet, tröstet mein Volk" (Jes 40,1). Die prophetischen Worte: Ein Resonanzboden für unsere heutigen Sehnsüchte in einer Zeit, die vielleicht ähnlich krisenhaft erlebt wird wie diejenige Israels in der babylonischen Gefangenschaft. Wir sind Miterbinnen und Miterben des jüdischen Volkes. Diese alten Worte dürfen wir auch als an uns gerichtet verstehen. Der Gott des Ersten Testaments ist auch unser Gott. Diese Worte mögen also auch heute in uns etwas zum Klingen bringen. Und sie mögen uns helfen, das, was in der Taufe an uns geschehen ist, zu erkennen und zu beherzigen.

Da wird uns also zunächst zugesagt: "Fürchte dich nicht". Ich glaube, diese Zusage haben wir bitter nötig. Wir haben allen Grund zur Angst. Viele unserer Befürchtungen sind berechtigt. Wenn hier positiv gesagt würde: Hab Vertrauen. Vertraue nur. Glaube. Dann wäre damit die Gefahr gegeben, die eigene Furcht gar nicht erst wahrzunehmen oder sie zu überspielen. Für mich beinhaltet also die Ermutigung "fürchte dich nicht" zunächst einmal: Stell dich deiner Furcht. Nimm sie wahr. Hab keine Angst vor deiner Angst. Liebe Schwestern und Brüder, liebe Jubilarinnen und Jubilare, wovor haben Sie Angst? Was befürchten Sie? Mir fallen so viele mögliche Antworten ein: Dass unsere Gesellschaft sich immer weiter entsolidarisiert. Dass die Schere zwischen arm und reich weltweit immer weiter auseinandergeht. Dass deshalb der Terror wächst und die Gewaltspirale sich immer weiter dreht. Dass unsere Kinder und Kindeskinder mit der Staatsverschuldung, den Umweltschäden, der Orientierungslosigkeit, die wir ihnen hinterlassen, heillos überfordert sein werden. Dass Krankheit und unerträgliche Schmerzen mich heimsuchen. Dass ich einsam und schwer sterben muss. - Es gibt viele gute Gründe, Angst zu haben. "Fürchte dich nicht". Das heißt für mich: Geh durch deine Angst, mit der du lebst - so haben wir gesungen, geh durch deine Angst hindurch! Mit Martin Buber verstehe ich diese Ermutigung positiv so: Hab "Mut zur Wirklichkeit". Hab Mut zum Leben, durch die Angst und den Zweifel hindurch. An Gott glauben, auf Gott vertrauen- das verstehe ich als Protest dagegen, anzunehmen, dass die Welt einfach absurd ist und unser Leben auch. Als Glaubende protestieren wir dagegen.

"Denn ich habe dich erlöst" - so lautet der zweite Teil unserer Verheißung. Als Christinnen und Christen denken wir dabei an Jesus Christus. In der Taufe sind wir mit ihm in den Tod eingetaucht, sind wir unter Wasser geraten und die Luft ist uns weggeblieben. Und wir sind Gott sei Dank wieder aufgetaucht. Wir haben neu Luft holen können, das Leben wurde uns neu geschenkt, mit Christus sind wir auferstanden. Was da ein einziges Mal symbolisch an uns vollzogen wurde in der Taufe, letztlich freilich formal extrem reduziert durch das dreimalige Übergießen mit Wasser, was wir da als Tod und Auferstehung erfahren haben - wir brauchen freilich ein Leben lang, um das einzuholen. Für christliche Ohren bedeutet "ich habe dich erlöst": ich habe dich frei gemacht, neu geschaffen, die Schuld von dir abgewaschen, du brauchst keine Angst mehr zu haben vor dem Tod. Denn wie Jesus Christus nicht im Tod geblieben ist, so wird auch dein Weg durch den Tod hindurch zum ewigen Leben führen. Unsere Taufe trägt unseren Glauben. Sie kann und soll uns ein Trost sein in aller Trauer und allem Verdruss. Die Taufe soll uns in allen Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, daran erinnern: am Ende siegt das Leben. Aus dieser Hoffnung gegen alle Hoffnung können wir leben, befreit aus fremder Gewalt, befreitvon der Angst vor dem Tod, befreit zur Liebe, Maß nehmend an Jesus Christus, der uns gezeigt hat, wie Gott selbst ist.

"Ich habe dich bei deinem Namen gerufen" - so lautet der dritte Satzteil. Im Namen werde ich auf mich angesprochen, unverwechselbar und höchstpersönlich. Wer bin ich? Diese Frage werde ich wohl nie beantworten können. Der Name ist uneinholbarer Ausdruck meiner Identität. Diese habe ich nicht. Ich bin mir immer auch entfremdet. Ich bin mir fremd. Ich bin nicht eins mit mir. Empfinde mich als gebrochen. Gott sagt nicht zu mir: Ich habe dich auf deine Begabungen hin angesprochen. Oder: Du bist eine Marke; mit deinem Outfit, deinem Lebensstil, deiner Ästhetik. "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen" meint einen mir nicht verfügbaren Personkern. Ich mache die Erfahrung: Ich bin mir entzogen. Meine Identität kann ich nicht herstellen, nicht machen. Menschliche Reife besteht darin, die Vorstellungen und Ideale, dich ich von mir selbst und im Blick auf mein Leben habe, Schicht um Schicht abtragen zu lassen. Ein Anderer ruft mich, weiß, wer ich bin. Die Offenheit für diese Dimension soll mehr und mehr mein Leben prägen.

Dieser oder dieses Andere sagt zuletzt: "du bist mein". Damit ist auf den Punkt gebracht, was wir in der Taufe feiern und was Sie, liebe Jubilarinnen und Jubilare, in Ihrer Konfirmation vor 50 bzw. 60 Jahren sich haben bestätigen lassen: Ich gehöre Gott. Ich bin sein Eigen. Praktisch beinhaltet das gelinde gesagt eine Revolution. Ich gehöre nicht meinen Eltern. Ich lasse mich nicht beherrschen von den lauten oder leisen, den fordernden oder abwertenden Stimmen von innen und außen, die meine Würde und meinen Wert an Voraussetzungen oder Bedingungen knüpfen. Kein Mensch, selbst der liebste nicht, und auch nicht der Mammon sollen mich im Griff haben. Diese Freiheit wird mir zugemutet. Ich gehöre Gott. Da steckt wortwörtlich drin: Ich höre auf Gott. Seine Stimme will sich Gehör verschaffen in meinem Leben. Für seine lebendige Gegenwart soll ich ganz Ohr sein. Hören lernen ist eine lebenslange Aufgabe. Es ist nicht leicht, durch die vielen Stimmen und den Lärm hindurch die Stimme zu hören, die mich tröstet und trägt, die zu mir sagt: Du bist mein, ich liebe dich.

Unser biblischer Text kennzeichnet eine Wende. Gott spricht: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein." Gott sagt damit auch: Du kannst neu anfangen. Täglich neu. Kehr zurück zu mir.

Liebe Jubilarinnen und Jubilare, liebe Gottesdienstgemeinde, Gott ist treu. Gott bleibt uns treu. Gott hat uns bis hierher gebracht und wird uns weiterhin geleiten, bis wir einst für immer und ewig bei ihr, der Liebe selbst, wohnen werden. So sei es. Amen.