7. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 2009, Petrussaal

Einstimmung vor der Predigt

Die Apg, aus der wir eben einen Text gehört haben, beschreibt "Die Heiligen", die Gemeinschaft der Heiligen, die einmütig beieinander sind im Brotbrechen und im Gebet. Durch das Singen des Credo haben wir uns in diese Gemeinschaft eingereiht. Als Evangelische kennen wir keine besondere Heiligenverehrung. Wir gehen vielmehr davon aus, dass wir alle zu dieser Gemeinschaft dazugehören.

In der rk Kirche sind "die Heiligen" gleichsam eine eigne Gruppe. Manche Menschen wurden zur Ehre der Altäre erhoben. Diese besonderen Heiligen hat Hilde Domin in einem Gedicht "Die Heiligen" im Blick. Mit Hilde Domin, deren 100. Geburtstag wir morgen feiern dürfen, will ich auf unseren Predigttext einstimmen. Domins Gedicht zufolge sind "Die Heiligen" diejenigen,

die geschmückt auf Podesten stehen müssen,

die mit Bitten bestürmt werden,

die Vikare des Unmöglichen auf Erden sein sollen.

Von diesen Heiligen heißt es:

"Sie sind müde, aber sie bleiben, / der Kinder wegen. / Sie behalten den goldenen Reif auf dem Kopf, / den goldenen Reif, / der wichtiger ist als die Milch. / Denn wir essen Brot, / aber wir leben vom Glanz. […] Und darum gehen sie nicht: / Damit es eine Tür gibt, / eine schwere Tür / für Kinderhände, / hinter der das Wunder / angefasst werden kann." (Hilde Domin, Die Heiligen)

Die Heiligen sind müde, aber sie bleiben - der Kinder wegen. Sie beherzigen, wozu Domin in einem anderen Gedicht einlädt:

Nicht müde werden

sondern dem Wunder

leise

wie einem Vogel

die Hand hinhalten.

Die Heiligen halten etwas wach, was sonst verloren zu gehen droht; eine Dimension, die sonst außer Acht bleibt. "Wir essen Brot, aber wir leben vom Glanz"; um diesen Glanz geht es in unseren heutigen Texten; um den Glanz der verborgenen Gegenwart Gottes, um das Wunder, das oft wie hinter schweren Türen, verschlossen scheint, nur Kinderhänden zugänglich.

Dass wir nicht müde werden, offen bleiben für das Wunder, das gebe uns Gott; und so singen wir Ihm zur Ehre

Wochenlied: Sei Lob und Ehr (EG 326,1.5-6)

Predigt: Joh 6,1-15

Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt.

Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.

Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit den Seinen.

Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden.

Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?

Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte.

Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme.

Spricht zu ihm einer der Seinen, Andreas, der Bruder des Simon Petrus:

Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?

Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Leute.

Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten.

Als sie aber satt waren, sprach er zu den Seinen: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt.

Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrigblieben, die gespeist worden waren.

Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.

Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir brauchen Zeichen. Wir sind auf Zeichen angewiesen. Zeichen, die die Gegenwart Gottes anzeigen. Zeichen, in denen Gott sich zeigt. Welche Zeichen fallen Ihnen ein? Wo hat es in Ihrem Leben solche Zeichen gegeben? -- Jesus hat Zeichen gesetzt. Er hat Wasser in Wein verwandelt. Er hat Kranke geheilt. Er ist übers Wasser gegangen. Er hat den toten Lazarus auferweckt. Insgesamt sieben solcher Zeichen überliefert das JohEv. Diese Zeichen haben eine bestimmte Aufgabe: Sie sollen zeigen, dass in Jesus, in seinen Worten und Taten, Gott selbst am Werk ist. Die Herrlichkeit Jesu, die Herrlichkeit Gottes soll offenbar werden. Herrlichkeit: In der hebräischen Sprache ist damit etwas gemeint, was wir nur schwer ausdrücken können. Der Lichtglanz des Gottseins Gottes soll in diesem Wort aufscheinen. Das Göttliche taucht die Welt und unser Leben in ein anderes Licht. Alles wird von einem geheimnisvollen Glanz überzogen. Dieser Lichtglanz, den Jesu Zeichen offenbaren, ist die göttliche Liebe. Uns fehlen die Worte, um diese Liebe fassen zu können. Sie ist unfassbar. Doch sie scheint auf. Auch in unserer Zeichen-Erzählung von der Speisung der 5000. Schauen wir uns diese Geschichte genauer an. Welchen Glanz offenbart sie?

Vor allem den Glanz Jesu offenbart sie. Er ist befremdlich souverän, so wie er uns hier entgegentritt. Er stellt Scheinfragen. Der arme Philippus wird geprüft. Er weiß immerhin, dass man mit 200 Silbergroschen nicht weit kommt. Andreas macht sich beinahe lächerlich mit dem Hinweis auf die fünf Brote und zwei Fische eines Kindes. Dass davon 5000 Leute nicht satt werden können, das weiß jedes Kind. Die beiden werden gleichsam vorgeführt: sie wissen keinen Rat. Jesus erscheint in umso hellerem Licht. Er heißt die Leute einfach im Gras Platz nehmen. Und er nahm das Brot, dankte, brach's und gab es ihnen. Die Nähe zu den Einsetzungsworten beim Abendmahl ist unüberhörbar. Ebenso macht er es mit den Fischen. Und was passiert? Alle werden satt von diesen fünf Broten und zwei Fischen, und es bleibt noch jede Menge übrig, 12 Körbe voll.

Die Leute sehen das Zeichen und erkennen: Jesus ist der Prophet. Und sie wollen ihn zum Messias machen. Doch er weicht zurück. Denn er weiß: Er ist nicht der Messias, den die Leute in ihm sehen. Seine Berufung ist eine andere.

Unsere Geschichte offenbart aber nicht nur Jesu Glanz. Sie spiegelt auch, was Gott mit seinem Volk im Sinn hat. Gottes Volk erscheint hier als eine Gemeinschaft, die sich durch das gemeinsame Mahl bildet, im gemeinsamen Mahl anschaulich wird. Dieses gemeinsame Mahl ermöglicht Jesus durch die wundersame Vermehrung der fünf Brote und zwei Fische. Alle, die dabei sind, haben Anteil am Überfluss, am göttlichen Luxus, am Segen, der nicht nur den Hunger stillt, sondern überquillt. Üppig ist, was hier beschrieben wird. Das Wasser läuft einem im Mund zusammen. So wird es irgendwann einmal für alle sein: der Segen des großzügigen, gebefreudigen Gottes wird auf alle überfließen, alle werden satt und mehr als satt. Paradiesische Zustände.

Liebe Gemeinde, wir ahnen den Glanz, den diese Geschichte bereit hält. Dieses Zeichen, dieses Geschenkwunder glänzt noch heller, wenn wir es vor die dunkle Folie unserer Wirklichkeit halten. Ca. 1. Milliarde der Menschen leidet an Hunger, jede 6. Person weltweit. Ca. 24000 Menschen täglich sterben an Hunger. Das sind Zahlen, die uns schockieren. In dieser Situation hat das Zeichen die Aufgabe, uns daran zu erinnern: Gott will, dass alle satt werden! Daran müssen wir festhalten. Und daran müssen wir arbeiten.

Darüber hinaus soll uns die Geschichte etwas anderes vermitteln. Das wird deutlich, wenn wir im JohEv ein bisschen weiter lesen. Da wird Jesus wiederum von der Menge aufgesucht. Und er konfrontiert diese Leute mit den Worten: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid. Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben. Die wird euch der Menschensohn geben; denn auf dem ist das Siegel Gottes". (Joh 6,26f) Jesus sagt mit anderen Worten: Euer Verständnis ist oberflächlich. Ihr seid satt geworden. Deshalb seid ihr hier. Ihr habt das Wunder nur als Wunder gesehen. Das hat euch fasziniert. Doch die Bedeutung, das Zeichen habt ihr nicht erkannt. Ihr müsst tiefer schauen. "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein." (Mt 4,4) "Wir essen Brot, aber wir leben vom Glanz" (Domin). Erkennt doch mich, den von Gott Besiegelten, in diesem Zeichen. Wörtlich sagt Jesus dann: "Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten." (Joh 6,35)

Liebe Schwestern und Brüder, wir essen Brot. Auch beim Abendmahl. Aber wir leben vom Glanz. Von der Liebe, die uns darin begegnet. Von der Liebe, die Gott selbst ist. Von der Liebe, auf die hin alles durchsichtig werden soll: Unser üppiges Feiern und jedes alltägliche Essen und Trinken, Sonntag und Alltag, Arbeit und Muße - nichts soll sich selbst genügen und in sich verschlossen bleiben. Nichts ist Selbstzweck. Alles soll durchlässig werden für diesen Glanz der verborgenen göttlichen Gegenwart.

Wir brauchen Zeichen. Und wir haben sie längst bekommen. In jeder Zuwendung eines Menschen, die unser Leben reicher macht. In jedem Entwicklungshilfeprojekt, das Leben geschenkt hat. Im Fall der Berliner Mauer vor 20 Jahren.

Solche Zeichen mögen uns auf die Spur des Glaubens führen. Doch sie sind immer auch zweideutig. Sie sind eine Gefahr, wenn wir darauf fixiert bleiben, wenn wir daran festhalten, um unsere eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Zeichen sollen transparent werden auf die Person Jesu hin. Ihm zu vertrauen, sich der Begegnung mit ihm auszusetzen, sich auf den gekreuzigten Auferstandenen einzulassen, darum geht es. Die Zeichen führen auf die Spur des Glaubens. Doch wer Zeichen als Beweise fordert zur Beglaubigung, der verweigert sich. Glauben ist grundloses, oft dunkles Vertrauen. Die Zeichen sind keine Beweise. Auch die Auferstehung Jesu nicht. Nicht alle, die gesehen haben, haben geglaubt.

Liebe Gemeinde, die Erzählung von der Speisung der 5000 lädt uns ein, die Zeichen, die uns begegnen, ernst zu nehmen und dankbar anzunehmen. Und sie dann durchsichtig werden zu lassen auf den hin, der die Liebe selbst ist. Von seiner Liebe leben wir. Diese Liebe begegnet uns, schenkt sich uns im Abendmahl. Von seiner Liebe erfüllt können wir in seiner Nachfolge selbst Zeichen setzen. Den Hungrigen das Brot brechen. So sei es. Amen.