Sonntag Trinitatis, 7. Juni 09, Christuskirche Freiburg

Predigt: Joh 3,1-8

Liebe Gemeinde,

Jesus hat bei der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt. Und er hat die Kaufleute aus dem Jerusalemer Tempel vertrieben und so daran erinnert, dass der Tempel Gottes Haus ist. Auf Grund dieser Vorkommnisse "glaubten viele an Jesu Namen, da sie die Zeichen sahen, die er tat" (Joh 2,23). So heißt es bereits am Ende des 2. Kap. im JohEv.

Zu denen, die auf Grund dieser Zeichen an Jesus glaubten, gehört Nikodemus. Er zählt zur jüdischen Oberschicht, und trägt zugleich einen griechischen Namen. So verkörpert er gleichsam die zwei Welten, das fromme lebendige Judentum und das philosophisch fragende Griechentum, die im JohEv zusammengeführt werden. Wir hören aus dem 3. Kap. den Beginn eines Gespräches, das dieser Nikodemus mit Jesus führt:

Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm:

Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.

Jesus antwortete und sprach zu ihm:

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von oben geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Nikodemus spricht zu ihm:

Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?

Jesus antwortete:

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.

Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von oben geboren werden.

Der Geist weht, wo er will, und du hörst seine Stimme wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Liebe Gemeinde,

"Ich bin, ich weiß nicht wer, / ich komme, ich weiß nicht woher, / ich gehe, ich weiß nicht wohin, / mich wundert's, dass ich fröhlich bin."

Dieser vermutlich aus dem MA stammende Vierzeiler, der in unterschiedlichen Varianten immer weiter überliefert wurde, kommentiert, worum es in unserem Bibelabschnitt geht.

Doch der Reihe nach:

Nikodemus kommt nachts zu Jesus. Das ist symbolisch zu verstehen. Die Nacht als die Zeit des Geheimnisses. Eine Zeit, in der nicht alles klar und offen zu Tage liegt. Eine Zeit auch der Todesnähe, wenn wir uns sterben und schlafen als Geschwister vorstellen. Die Nacht: eine Zeit, in der wir mit dem bloßen Auge nichts oder wenig erkennen. Eine Zeit, in der wir auf Intuition angewiesen sind. Intuition, das innere Schauen, eine Gabe, die dem Unbewussten und dem Gefühl Bedeutung schenkt.

In der Nacht also, in einer Stunde der Intuition und des Geheimnisses, kommt Nikodemus zu Jesus. Und er beginnt das geheimnisvolle Gespräch mit einem Christusbekenntnis: Mit anderen zusammen habe auch ich erkannt: Du kommst von Gott. Gott ist mit Dir. Anders sind die Zeichen, die Du tust, nicht zu erklären. Damit bestätigt Nikodemus, was das JohEv von Anfang an betont: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (1,1) Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns" (1,14). Jesus, das Wort Gottes, war bei Gott, kommt von Gott und wird Mensch. Auf merkwürdige Weise reagiert Jesus: "Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von oben geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen." Auf den ersten Blick ist nicht verständlich, wie diese Antwort Jesu mit der Aussage des Nikodemus zusammenpasst. Bei genauerem Hinsehen können wir erkennen: Jesus verstärkt, was Nikodemus von ihm behauptet. Jesus sagt: Du hast recht. Ich komme von Gott. Ich bin von oben geboren. Ich bin Gottes Kind. Wer nicht von oben geboren ist, kann das Reich Gottes nicht sehen. So schließt Jesu Antwort an das Bekenntnis des Nikodemus bestätigend an. Daraufhin hat Nikodemus die Möglichkeit nachzufragen: "Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?" Diese Frage ist geradezu komisch, so herrlich konkret ist sie. Wenn ich nun schon erwachsen und alt bin, wie kann ich dann das Reich Gottes sehen. Ich kann doch nicht zurück in den Leib meiner Mutter. Mit anderen Worten: Von welcher Geburt sprichst Du denn, Jesus? Und auch wenn die darauf folgende Antwort Jesu uns wieder eher irritieren mag - sie ist in ihrer Zweideutigkeit eindeutig. Schauen wir uns zunächst den ersten Teil der Antwort an: "Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von oben geboren werden."

Jesus spricht hier "vom doppelten Ursprung des Menschen" (Karlfried Graf Dürckheim). Der geistliche Mensch, das Kind Gottes, kennt zweierlei Geburt. Eine leibliche Geburt wie alle Menschen: aus dem Wasser, dem mütterlichen Fruchtwasser; aus dem Fleisch. Wir können mit anderen Stellen aus dem JohEv ergänzen: aus dem Blut; aus dem Willen des Mannes (1,13). Der Mensch als Produkt der Gene, gezeugt und empfangen von Vater und Mutter, geboren von der Mutter. Daneben sind wir als Geistliche von oben geboren: aus dem Geist. Das ist die geheimnisvolle andere Geburt. Dabei meint "von oben" keinen Raum, so wie Himmel, religiös verstanden, keinen abgrenzbaren Raum meint. Geburt von oben bedeutet: Wir kommen von Gott her. Wir sind Gottes Kinder. Nur als geistliche Menschen finden wir Zugang zum Reich Gottes, das Jesus verkündigt und das er selbst ist. Und dieser Geist, dieser bunte Vogel, von dem sagt Jesus abschließend: "Er weht, wo er will, und du hörst seine Stimme wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt." Dieser Geist ist nicht zu fassen. Er weht, wo er will. Seine Herkunft und sein Ziel: beides bleibt Geheimnis. Zugleich ist dieser Geist erfahrbar. Er lässt sich hören. Er verschafft sich Gehör.

Liebe Gemeinde,

wir sind mehr als das Produkt unserer Eltern und unserer Umwelt. Wir sind Geheimnis. Unser Leben ist Geheimnis. Als Geistliche sollten wir einstimmen können in unseren ma Vierzeiler: "Ich bin, ich weiß nicht wer, / ich komme, ich weiß nicht woher, / ich gehe, ich weiß nicht wohin, / mich wundert's, dass ich fröhlich bin." Bin ich fröhlich? Sind wir fröhlich? Freude ist eine Frucht des Glaubens. Oft strahlen die Menschen Freude aus, die vom Tod gestreift wurden, denen das Leben gleichsam neu geschenkt wurde. Fröhlich sind oft die Armen in den sogenannten Entwicklungsländern. Trotz wirtschaftlicher und sozialer Notlage lieben sie das Leben. Wir müssen nicht meinen, dass unser mittelalterlicher Vierzeiler von einem oberflächlichen Glückspilz stammt. Die beschriebene Erfahrung lässt sich so wenig fassen wie der Geist selbst. Ich weiß nicht um meine Herkunft. Und ich weiß nicht um das, was auf mich wartet. Doch irgendwoher schöpfe ich Vertrauen, dass alles gut wird. Und dass alles gut ist. Nach diesem Vertrauen, dieser Leichtigkeit und Fröhlichkeit und Lebensliebe sehnen wir uns. Eine Achtsamkeit für die oft kleinen und unscheinbaren Schönheiten des Lebens, für das Liebenswerte und Lebendige kann uns helfen zu einer so positiven Lebenseinstellung.

Doch oft sind wir wohl zu weit entfernt davon. Bert Brecht knüpft in seinem Gedicht "Der Radwechsel" an unseren Vierzeiler an. Da klingt manches ähnlich, und manches doch so ganz anders: "Ich sitze am Straßenrand. / Der Fahrer wechselt das Rad. / Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. / Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. / Warum sehe ich den Radwechsel / Mit Ungeduld?" Herkunft und Ziel stehen in einer nachmetaphysischen Zeit außer Frage. Sie sind klar. Und beide, Herkunft und Ziel, sind mit Unbehagen verbunden: "Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. / Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre." Und dennoch will das Ich des Gedichts nicht sitzen bleiben. Dennoch bleibt ein Geheimnis. In unserem gleichsam geräderten unerfreulichen Dasein scheint es einen Funken zu geben - Brecht nennt ihn Ungeduld, der uns antreibt zum Leben, zur Bewegung. Woher dieser Lebenswille kommt, bleibt offen. Doch zumindest eine Spur hin zu mehr Leben legt auch Brecht.

Schließen, liebe Gemeinde, möchte ich mit einem Psalm. Er stammt von Hanns Dieter Hüsch und ist wieder näher an unserem Vierzeiler dran. Hüsch kommt mir vor wie ein Nikodemus unserer Tage. Ein Mensch der Kultur, durch und durch weltlich, und zugleich von tiefer, geheimnisvoller Frömmigkeit. Ein Jünger Jesu, in dieser Welt zugleich nicht von dieser Welt. Hören wir diesen Psalm und beten wir innerlich mit: "Ich bin vergnügt / Erlöst / Befreit / Gott nahm in seine Hände // Meine Zeit / Mein Fühlen, Denken / Hören, Sagen / Mein Triumphieren / Und Verzagen / Das Elend und die Zärtlichkeit // Was macht dass ich so fröhlich bin / In meinem kleinen Reich / Ich sing und tanze her und hin / Vom Kindbett bis zur Leich // Was macht dass ich so furchtlos bin / An vielen dunklen Tagen / Es kommt ein Geist in meinen Sinn / Will mich durchs Leben tragen // Was macht dass ich so unbeschwert / Und mich kein Trübsal hält / Weil mich mein Gott das Lachen lehrt / Wohl über alle Welt." Vom Kindbett bis zur Leich kann ich an vielen dunklen Tagen dennoch fröhlich sein. Das liegt an meiner doppelten Herkunft. Das liegt daran, dass ich von oben, geistlich geboren werde. Mit Hüsch: Es kommt ein Geist in meinen Sinn. Diesen Geist habe ich nicht. Diese Geburt ereignet sich nicht ein für alle Mal. Diese Geburt kann auch Menschen widerfahren, wenn sie erwachsen und alt sind. Diese Geburt ist ein Geheimnis.

Liebe Gemeinde, seien wir Geistliche! Lassen wir dem Geist Gottes in unserem Leben Spiel-Raum. Bitten wir den Geist, dass er in unsere Herzen einziehe, dass er in uns bete und singe, dass sie uns froh mache und tröste. Amen.

Lied nach der Predigt: Zieh ein zu deinen Toren (EG 133,1.4-6)