Predigt: Lk 15,1-10 am 28.6.09, 3. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde,

der Predigttext soll Ihnen heute nicht am Stück zu Gehör gebracht werden, sondern ich will ihn in drei Abschnitten gemeinsam mit Ihnen betrachten. Wir hören zunächst die Verse 1 und 2 aus dem 15. Kapitel des Lukasevangeliums.

Es nahten sich Jesus aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

Zöllner und Sünder - Pharisäer und Schriftgelehrte: zwei Gruppen stehen sich hier schroff gegenüber. Und Jesus befindet sich sozusagen mittendrin. Die einen: Das sind die Anstoß Erregenden. Keine schönen Menschen. Typen am Rand. Kollaborateure. Feiglinge. Habsüchtige. Und Prostituierte. Menschen, die nicht dazu gehören. Die anderen: Das sind die Gerechten. Die Gebildeten. Die Gepflegten. Die Verantwortungsträger. Die was zu sagen haben. Diese machen Jesus sein Verhalten zum Vorwurf. Sie murren. Sie sprechen Jesus nicht direkt an. Eher ist das so ein Grummeln, hinter seinem Rücken. 'Mit einem solchen Gesindel gibt der sich ab. Diese zwielichtigen Leute kommen zu ihm, um ihn zu hören. Und er nimmt sich dieser Leute nicht nur an. Sondern, schlimmer noch: Er isst auch noch mit diesen - Zeichen der Freundschaft. Der kann kein Prophet Gottes sein, so wie der sich verhält.' Jesus nimmt das Murren der Pharisäer wahr. Er stellt sich diesem dumpfen Unmut. Und erzählt ein Gleichnis:

Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Jesus redet die Murrenden direkt an. Die Bilderwelt dieses Gleichnisses ist denen, die zuhören, wohl vertraut. Die Schafe sind das Volk Gottes. Gott selbst ist der Hirte dieses Volkes. Das verlorene Schaf steht für die Teile innerhalb des Judentums, die von der Thora, der Weisung Gottes, abgefallen sind. In diesem Gleichnis ist wesentlich: Der Hirte sucht das Verlorene, das Abgefallene. Er unternimmt jede Anstrengung, das Verlorene wiederzufinden. Er schultert das Schaf, weil es schwach und ermüdet ist. Anrührend ist, wie sehr er sich dabei freut.

Der Hirte lädt die Freunde und Nachbarn ein: Alle sollen teilhaben an dieser neuen Gemeinschaft, an dieser festlichen, überschwänglichen Freude. Freude geht durch den Leib. Sie bleibt nicht einsam, sondern schafft Gemeinschaft. Im Himmel gibt es ein einziges großes Fest. Alle sitzen an einem Tisch: Diesen Himmel nimmt Jesus vorweg, indem er mit Zöllnern und Sündern zusammen Mahl feiert. Wer sein Tun kritisiert, verweigert die Mitfreude. Dazu will Jesus verlocken, zur Freude, zur Mitfreude. Freude, chara, hat mit Gnade, charis, zu tun. Freude kann man nicht herstellen, nicht machen. Freude ist göttlich, ein schöner Götterfunken. Plausibel und vernünftig ist das Handeln des Hirten nicht. 99 Schafe auf unwegsamem Gelände unbewacht zurückzulassen, um das eine verloren gegangene zu suchen und zu finden - das ist nicht unbedingt rational. So ist Gott. Unberechenbar. Lässt seine Sonne aufgehen über Gerechten und Ungerechten. Jesus argumentiert nicht. Das Gleichnis will hineinnehmen in die Freude. Jesus hofft einfach, dass der Funke, der Götterfunken der Freude überspringt. Ein kleines verlorenes Schaf wiederzufinden. Das Bild soll anrühren. In seiner Einfachheit und Schlichtheit. Das Bild soll Liebe wecken für das Kleine und Unscheinbare.

Parallel erzählt Jesus noch ein zweites Gleichnis:

Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

Nicht der Hirte, sondern eine arme Hausfrau steht hier im Vordergrund. Ledige und Ehefrauen hatten gar keinen Besitz. Vermutlich ist diese Frau also eine arme Witwe. Die zehn Silbergroschen sind vermutlich ihr ganzer Besitz. Davon hat sie ein Zehntel verloren - viel Geld für ihre Verhältnisse. Der Wert des einen Silbergroschen ist in der Relation also höher. Eins von zehn, nicht eins von hundert. Auch hier kommt alles auf das Suchen der Frau an. Das Handeln der Frau können wir eher als vernünftig nachvollziehen. Gott ist nicht an sich unvernünftig. Die Frau ist in ihrer Armut darauf angewiesen, das verlorene Geldstück zu finden. Dabei ist sie noch aktiver als es der Hirte war. Alles kommt auf ihr Tun an: dass sie sich auf die Suche begibt, dass sie ihr kleines, dunkles, fensterloses Haus durchfegt. Auf dem felsigen Boden hört sie die Münze klingen, wenn der Besen sie berührt hat. Die Frau muss nicht das weite Bergland nach ihrem Verlorenen durchstreifen und viele Wege gehen. Nein, sie zündet ein Licht an und dringt damit in die Dunkelheit, sie kehrt sich nach innen und sie kehrt im Innern.

Wie groß ist die Freude darüber, dass das Verlorene wiedergefunden ist! Kein Wort darüber, dass der Fund verdient ist, Ergebnis des langen, mühsamen und aufwändigen Suchens. Bei der Freude der Frau schwingt eher Staunen mit. Und diese Freude ist wiederum mitteilsam: Wie der Hirte seine Nachbarn und Freunde, so ruft die Frau ihre Nachbarinnen und Freundinnen zusammen. Wie schön, dass dieser Groschen wiedergefunden ist! Er wird in seinem Wert betrachtet. Während es oben hieß: "So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen." - geht es hier gar nicht mehr um die neun anderen Silbergroschen. Allein, dass der eine verlorene wiedergefunden und damit das Maß wieder voll ist, ist Anlass genug zur Freude. Für die Engel, die himmlischen Begleiterscheinungen Gottes, öffnet sich in diesem Gleichnis der Blick. Diese Engel freuen sich wie Gott selbst.

Liebe Gemeinde, wer sind wir in diesem Predigttext? Mir fällt es nicht schwer, mich in die Rolle der Pharisäer und Schriftgelehrten hineinzuversetzen. Nur zu oft rümpfe ich über andere Menschen die Nase. Empöre mich. Frage im Blick auf das Verhalten in meinem Umfeld manchmal: Was, die lädst Du ein?! Mit denen gibst Du Dich ab?! Oft genug schließe ich Menschen aus. Spalte sie ab. Will mit ihnen nichts zu tun haben.

In meine eigene Lieblosigkeit hinein, in meine Unfähigkeit, andere Menschen bedingungslos anzunehmen, sprechen diese Gleichnisse. Jesus will meinen Blick weiten. Als ob er mir sagen wollte: Die, mit denen ich Gemeinschaft halte, haben einen liebenswerten Kern. Sie sind wie ein Schaf. Oder wie ein Silbergroschen. Tatsächlich, von außen betrachtet, nicht viel wert. Und irgendwie doch anrührend. Die Zöllner und Sünder, sie sind nicht schön, ich rede sie auch nicht schön, doch mein Blick, meine Gemeinschaft, meine Freude über ihr Dasein machen sie schön.

Wer sind wir in diesen Gleichnissen? Gerade durch meine pharisäerhaften Züge werde ich schnell selbst zum verlorenen Schaf oder zum verlorenen Silbergroschen. Fühle ich mich verloren. In meiner Schuld, meinen Verurteilungen, meiner Abneigung komme ich mir verloren vor, wie abgetrennt von Beziehungen, isoliert. Zumal ich merke, wie wenig ich ändern kann.

Oder ich kann den Eindruck gewinnen, auf verlorenem Posten zu sein: Wenn niemand meine Ansichten teilt, wenn ich das Gefühl habe: alles ist vergeblich und sinnlos.

Und ich kann mich auch verlieren: in unzähligen Nebensächlichkeiten und Nebenbeschäftigungen, denen ich nachgehe, ohne achtsam zu sein für das, was eigentlich wichtig ist. Ich kann mich verlieren in anderen Menschen, die mich so aufregen oder in Beschlag nehmen, dass ich gar nicht mehr bei mir sein kann. Ich kann mich verlieren, indem ich mich ständig vergleiche und das sein, das können und das haben will, was andere sind, können und haben.

Die frohe Botschaft Jesu lautet: "Ich suche das Verlorene". Ihm dürfen wir sagen: "Hilfe, ich bin verloren! Bitte, sieh mich in meiner Verlorenheit an. Suche mich doch! Ich will mich von Dir finden lassen!" Wir feiern heute Abendmahl miteinander: So feiern wir, was uns in unserem heutigen Predigttext erzählt wird. Jesus lädt uns, die Verlorenen, die Zöllner und Sünder von heute, zu sich ein. Er isst zusammen mit uns, die wir uns hier versammelt haben, um ihn zu hören. Das ist ein wunderbares Geschenk. Dass wir, die Verlorenen, auf diese Weise gefunden und genährt werden. Gott freut sich über uns. Wir dürfen so verloren sein, wie wir sind. Als solche sind wir angenommen. Wie fremd ist uns doch dieser Gedanke: Gott freut sich über uns! Möge doch dieser Götterfunken Freude auf uns überspringen! Dann können wir auch immer mehr akzeptieren, dass diese Freude Gottes nicht nur mir, sondern auch denen, mit denen ich mich schwer tue, gilt.

Zum Schluss eine Geschichte aus dem Umkreis jüdischer Frömmigkeit:

Rabbi Schalom Bär pries einmal die armen und gewöhnlichen Leute. Munia, ein frommer Jude, der neben ihm saß, fragte: "Was findest Du denn an diesen Leuten so besonders. Sie sind doch so arm und gewöhnlich." "Sie haben viele Vorzüge", erwiderte der Rabbi. "So? Nun, ich kann nichts Besonderes an ihnen finden", sagte Munia. Da schwieg der Rabbi. -

Einige Augenblicke später wandte er sich an den Frommen und meinte: "Du bist Diamantenhändler, nicht wahr? Darf ich einmal ein paar deiner Steine sehen?" Sofort zog Munia ein Beutelchen aus seiner Tasche und schüttete den Inhalt vor Rabbi Schalom Bär aus. Dieser betrachtete ihn mit mäßigem Interesse. "Das hier ist ein ganz wunderbarer Stein", sagte Munia und zeigte auf einen der Diamanten, "ein Juwel von seltener Schönheit!" Der Rabbi blieb unbeeindruckt und sagte, er könne nichts Besonderes an diesem Stein finden. "Oh", sagte Munia, "man muss Fachmann sein, um die Schönheit eines Steines wirklich schätzen zu können."

Der Rabbi lächelte. "Munia, Munia!" sagte er. "Auch um die Schönheit der Seele eines einfachen Menschen schätzen zu können, muss man Fachmann sein!"

Gott ist ein solcher Fachmann, eine solche Fachfrau! Gott weiß um den unendlichen Wert des Einfachen, des einen kleinen Schafes, eines von 100, des einen Silbergroschen! Jesus ist wie dieser Rabbi: Er hat einen Blick für die armen, kleinen und gewöhnlichen Leute, die Zöllner und Sünder. Wir sind keine Helden und Heldinnen. Selbstlose Liebe ist uns in der Regel nicht in die Wiege gelegt. Eros ist uns näher als Agape. Wir lieben eher das Schöne. Jesus nimmt das ernst. Er will uns dafür sensibilisieren. Für das Schöne im Unscheinbaren, im Schaf, in der Münze. Wir können zu Fachleuten werden, diese Hoffnung habe ich. Wir können einen Blick bekommen für die verborgene Schönheit auch der Menschen, die uns zunächst eher abstoßen. Und wir können uns selbst anschauen lassen: In Gottes Augen sind wir, obwohl wir uns so klein vorkommen, so unbedeutend und gewöhnlich - in Gottes Augen sind wir liebenswert und schön. Amen!