Predigt zu Joh 15, 1-8 zur Konfirmation 2009, Christuskirche Freiburg

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Eltern,
wie erging es ihnen heute früh als sie ihre nun fast erwachsene Tochter vor sich sahen. Wie hat es sich angefühlt ihrem Sohn im Anzug oder zumindest nicht in der üblichen Alltagkleidung zu begegnen. Nicht umsonst ist gerade dieses Alter für die Konfirmation gewählt. Seine Taufe selbst bestätigen zu können heißt ja: nicht nur in dieser Frage selbst entscheiden zu können.
Aus Kindern werden Erwachsene haben sie vielleicht gedacht, beim Anblick ihrer Kinder, heute früh.
Liebe Konfis,
es wird nicht lange dauern, dann werdet ihr noch mehr euer eigenes Leben führen, als ihr dies heute schon könnt. Es wird niemand mehr auf euch aufpassen. Zunehmend entscheidet ihr selbst.
In einigen Augen sehen ich es da jetzt schon funkeln. Sehe ich da ein:
na endlich - oder sehe ich da eher ein: na, mal langsam?
Dann steht ihr in der Tür, voll Unternehmungslust und Plänen für euer eigenes Leben. Dann werdet ihr alleine zurecht kommen müssen. Dann dürft ihr selbst entscheiden. Ihr müsst selbst entscheiden ob ihr warm genug angezogen seid oder wann ihr arbeitet. Ihr dürft selbst entscheiden, wann ihr ausgeht und wie lange und mit wem. Und ihr werdet selbst entscheiden, nach welchen Maßstäben, Regeln und Normen ihr leben werdet, wem ihr euch anvertrauen und wem ihr gehören wollt.
Noch sind die, die dann zurückbleiben werden, ganz in eurer Nähe, eure Mutter, euer Vater, eure Eltern.

Liebe Gemeinde,
diese Zeit kennen alle Eltern. Sie ist nicht leicht zu bestehen. Vater und Mutter müssen sich im Loslassen üben. Im Freigeben. Sie müssen üben sich nicht einzumischen ins Leben des erwachsenen Kindes. Sie müssen an sich halten, dass sie nicht jeden Tag anrufen - ein bisschen zur Kontrolle und ein bisschen aus Langeweile: "Na, was machst du gerade? Lernst du auch schön? Was, du warst gestern abend schon wieder weg!? Schatz, das solltest du nicht tun."
All dieses nicht zu sagen, ist eine schwere Übung für liebende Eltern.
Eltern müssen lernen, darauf zu vertrauen, dass sie vor dem Abschied ihrem Kind alles mitgegeben haben, was es zu einem erfüllten und fröhlichen Leben braucht: Die Fähigkeit zu lieben. Sich selbst und andere. Treu zu sein. Sich selbst und anderen. Mut und Leidenschaft. Sinn für Gerechtigkeit. Und einen Geist, der auch die Trauer, die Verzweiflung und das Scheitern zu ertragen bereit ist. Denn das bleibt keinem Menschen erspart.

Vielleicht haben sie den endgültigen Abschied des Todes schon erleben müssen. Wenn ein geliebter Mensch im Sterben liegt, da verblassen die Worte. Was soll man schon sagen. Vergesst mich nicht? Das ist überflüssig. Wo Menschen sich lieben vergessen sie sich nicht, auch über den Tod hinaus. Der Tod ist kein Abschied für immer für Menschen, die sich lieben. Da gibt es keinen Tag, wo der geliebte Mensch nicht durch die Gedanken huscht, keine Entscheidung, keine Krise, wo man nicht denkt: was hätte er, was hätte sie getan, in meiner Situation.

So wie im Leben eines jeden Menschen das Drama des endgültigen Abschieds gleichzeitig der Beginn eines neuen Anfangs ist, mit allem, was dazu gehört: Mit Trauer und Schmerz, mit Bilanz und Öffnung. So sind auch in allen Hochreligionen die Abschiedsreden und die letzten Worte der großen Religionsgründer und Lebenslehrer überliefert. Die Abschiedsreden des Jesus von Nazareth stehen im Johannesevangelium. Jesus war kein großer Theoretiker: Er hat ewig gültige Geschichten erzählt. Und er hat seinen Jüngern und uns Bilder des Lebens hinterlassen: unvergessliche, festliche, fröhliche. Ein solches ist der Predigttext für den heutigen Sonntag Jubilate. Er steht im Johannesevangelium, im 15. Kapitel, in den Abschiedsreden Jesu:

"Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.
Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.
Ihr seid schon rein um des Worts willen, das ich zu euch geredet habe.
Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie ein Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.
Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger."

Vielleicht fahren sie in diesen Tagen einmal durchs Rheinland oder die Pfalz. Dann können sie das Bild, welches Jesus verwendet in Wirklichkeit erleben. Da legt sich in dieser Jahreszeit, wenn die Sonne allmählich warm wird, ein zarter grüner Hauch über die Weinberge. Die Blätter strecken sich der Sonne entgegen und entfalten sich langsam. Es sprießt und treibt aus. Und unter den Strahlen der Sonne wachsen die Trauben. Erst klein, hart und grün und dann im Herbst, golden schimmernd, schwer herb und süß.

Das sind die fruchtbringenden Reben, mit denen Jesus die Menschen vergleicht, die zu ihm gehören und an ihm hängen.
War der Wein früher eine wildwuchernde Pflanze, so stehen die Reben heute in Reih und Glied, kurzgeschnitten und sehr fruchtbar auf den Weinbergen, wie Gemeindemitglieder in der Kirchenbank. Wobei man diesem kunstvollen Rankenwerk des wachsenden Weins gar nicht ansieht, wie viel unendliche Mühe in ihm steckt, wie viel Zittern um Sonne und Regen, welch ein Kampf gegen Schädlinge, welch ein Augenmaß beim Rebschnitt.
Es gibt wohl keinen Tag und keine Stunde im Jahr, wo den Weinbauern nicht die Sorge quält: Haben sie genug Wärme, die Reben, nehmen sie sich denn gegenseitig das Licht weg, ist der Boden auch nahrhaft?
Liebe Gemeinde,
wir Menschen können von Gott ja nur in Bildern reden.
Und wir wissen, dass jedes Bild zu klein ist für Gott, trotzdem suchen wir nach Worten, die beschreiben, wie er für uns sorgt und wie er mit uns umgeht.
Jesus hat das auch getan, wohl wissend, dass jedes Bild seine Grenze hat. In seiner Abschiedsrede vergleicht er Gott mit einem Winzer. Gott so sagt er, denkt , empfindet und handelt wie ein Weinbauer, ein liebevoller und sorgsamer Gärtner an den Menschen. Ja, und sich selbst vergleicht Jesus mit einem Teil einer Pflanze. Er vergleicht sich mit dem Wurzelstock des Weins, der tief in der Erde steckt, kaum sichtbar, und doch ist er der lebendige Ursprung des Wachstums aller Reben.

In der Bildergeschichte vom Weinstock, die Jesus am Endeseines Lebens erzählt, geht es um zwei Fragen.
Einerseits um die schmerzliche und ängstliche Frage der Jünger, als Jesus seinen Tod ankündigt: "Was machen wir, wenn du nicht mehr da bist? Wenn wir dich nicht mehr spüren, deine Stimme nicht mehr hören, dich nicht mehr um Rat fragen können?"
Jesus antwortet auf diese Frage schlicht und gerade: "So wie jeder Mensch, der geliebt wird, nicht vergessen wird, so werde ich auch bei euch sein." Aber Jesus hat darüber hinaus noch mehr zu geben. Er sagt: "Auch wenn ich für euch nicht mehr sichtbar bin. Wenn ich begraben bin und unter der Erde wie der Wurzelstock der Weinrebe, so könnt ihr Jünger, ihr Menschen, doch von dem leben, was ich euch gesagt und gelehrt habe, was ich für euch getan habe und was jeden Tag von mir zu euch fließt, wie der Saft einer Pflanze.
Im Gleichnis vom Weinstock und den Reben geht es zum zweiten, und das ist das Entscheidende, um die Frage des inneren Wachstums eines Menschen. Jesus nimmt bei seinem Abschied für sich in Anspruch, dass seine Worte, sein Leben und die Beziehung, die er den Jüngern und damit auch uns anbietet, zum inneren Wachstum eines jeden Menschen helfen und einen reifen Menschen aus uns machen kann.
Jesus weiß, dass das innere Wachstum jedes Menschen mit der Liebe und der Zuwendung beginnt. So wie eine junge Pflanze ausreichend Sonne und Wasser braucht, damit sie sich entfaltet und wächst, den Kopf hebt und schön gerade wird, genauso braucht ein junger Mensch einen Strom von bedingungsloser Liebe. Deshalb, so meint Jesus, sollen wir unseren Kindern von Gott erzählen. Von dem Gott, der die Liebe ist.
Der kleine Mensch, der die Welt als eine von Gott geliebte Welt kennenlernt, der wird vertrauen fassen ins Leben, der wird diese Wärme in sich aufnehmen, blühen und stark werden und wachsen. Wie offene Pflanzen, die dem Licht entgegen blühen, so wachsen Kinder, die mit Liebe erzogen werden.
Und solche Menschen werden, so kann man hoffen, auch innerlich überleben, wenn es dann einmal kalt und frostig um sie wird und wenn das Dunkel nicht enden will.
Das innere Wachstum eines Menschen beginnt mit der Liebe und es mündet immer wieder in die Übung der inneren Disziplin.
Die Bildgeschichte Jesu erzählt von Gott als dem Weingärtner, der die wuchernden Triebe beschneidet. Für uns heute übersetzt, heißt das: Auch wenn mich das Leben in Frage stellt: Es gibt immer Phasen, wo ich mich konzentrieren muss. In denen ich lernen muss, dass nicht alle Keime sprossen, nicht alle Möglichkeiten, die in mir ruhen, können entwickelt, entfaltet und gelebt werden.
Da kommt die erste schmerzhafte Phase des Erwachsenenwerdens, die sich später immer wieder wiederholt. Ich muss lernen Abschied zu nehmen von Träumen. Von jugendlichen Allmachtsphantasien, in denen man meint, die Welt wartet nur auf mich. Ich muss innenhalten, abwägen und muss mich vor den Menschen, vor meiner Zukunft und vielleicht vor meinem Schöpfer verantworten. Wohin will ich wachsen? Ja und welchen Trieb, welche Begabung ordne ich unter, welchen Wunsch lasse ich verkümmern, welchen Traum muss ich ein für alle mal abschneiden?
Alle Religionen kennen das: Das Wissen vom inneren Wachstum eines Menschen bedeutet für jede Lebensphase auch das Wissen um Disziplin und Abschied, Beschränkung und Verzicht.
Heute von Disziplin und Selbstbeschränkung zu reden ist ja nicht so populär. Einerseits wissen wir, dass es kein grenzenloses Wachstum und kein grenzenloses Vermögen gibt. Und doch spiegeln wir uns und unseren Kindern das immer wieder vor, dass jeder Tag die gleiche Chance hat, wo man versäumtes ohne Verlust nachholen kann. Wir spielen uns und unseren Kindern vor, man könnte alles wiedergutmachen, irgendwann. Das ist schlicht eine Lüge. Und der innere Preis für diesen Irrtum ist hoch. Wenn ein Mensch nicht gelernt hat, die Einmaligkeit eines jeden Augenblicks zu würdigen und sich selbst zu beschränken, dann erlebt er die Einschränkungen und Schnitte, die das Leben einem Menschen unweigerlich zufügt, um so wehrloser und schmerzhafter.
Aus der bewussten Konzentration und Selbstbeschränkung kann dagegen beim erwachsenen Menschen langsam so etwas wie Dankbarkeit wachsen. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn des Wortes "er-wachsen."

Oft begegnet mir dies bei älteren Menschen. Es gehört wohl eine gehörige Portion Lebenserfahrung dazu, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass die wichtigsten Dinge im Leben weder durch Fleiß, noch durch Anstrengung, noch durch Pflichterfüllung, noch durch Leistung zu erwerben sind. Sondern, dass ich diese Dinge von anderen Menschen und von Gott geschenkt bekomme.

Früher dachte ich, die Welt ist offen und weit. Jetzt erlebe ich: Meine Begrenzungen rücken mir auf den Leib, näher und näher.
Den Tod der Eltern, den Abschied der Kinder erfahre ich als Schmerz. Und so sagt Jesus, sagen im übrigen auch die anderen Religionen, es ist der Schmerz der Beschneidung, der die Reben reif und voll werden lässt. Es ist der erlebte Wachstumsschmerz, der Umgang mit Leid und Versagen und Schuld, der einen Menschen frei und dankbar werden lässt.
Oft erst ganz am Ende, wenn wir uns fragen: Woher kam die Kraft zum Leben? Woher der Mut zur Liebe? Woher die Phantasie zur Zukunft? Erst dann beginnen wir Gottes Spuren auf unserem inneren Weg zu erkennen.
Vielleicht liegt es an der Lebenserfahrung, dass wir am Ende Liebe, Gnade und Vergebung für unser Leben brauchen, dass sich alte Menschen oft leichter tun mit Gott als junge. Alte Menschen können oft eindrucksvoll und schlicht sagen: All das hat mir Gott geschenkt: die Kraft zum Leben, den Mut zur Liebe, die Phantasie zur Zukunft.
Und Jesus, der hat mich die Fülle dieses Lebens gelehrt.

Das Bild vom Weinstock und den Reben mündet unweigerlich in ein Fest. Es mündet in die verlockende Vorstellung, dass es dann am Ende der Geschichte eine Ernte gibt und eine Kelter, und dass sich die Sonne und der Frost und der Regen und der Schnitt in eine wunderbaren reifen Wein verwandeln, von dem die Menschen kosten und sagen: Der hat Süße, der hat Tiefe, der ist rein und klar.

Und es entspricht der geistlichen Logik der biblischen Bilder, dass Jesus, als er seinen Jüngern sein Testament übergibt, den Kelch hochhebt, der mit Wein gefüllt ist, und sagt: Das ist mein Lebenssaft, und er geht auf euch über, und er gibt euch Kraft und Fülle und Gemeinschaft und Freude.

Wenn wir gleich gemeinsam Abendmahl feiern, dann setzen wir unseren heutigen Predigttext ins Bild.
Jesus sagt: Ich bin der Weinstock: Ihr wachst durch mich. Und ihr werdet durch mich zu Menschen werden, die die Reife und die Fülle des Lebens erleben, weil sie die Selbstbeschränkung kennen und die Dankbarkeit und den Schmerz und die Vergebung.

Amen