Singend selbstvergessen werden - Predigt über Kolosser 3, 16+17

Kantate - 10.05.2009, Christuskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

"Der Gast, und sei er noch so schlecht, wird geehrt, denn das ist recht!" So klingt es mir heute noch in den Ohren, wenn ich an ferne Kindheitstage zurückdenke. Dann nämlich, wenn bei uns Zuhause das Kommen irgendeines mehr oder minder willkommenen Gastes bevorstand. Kinder sind ja anspruchsvoll und wählerisch - so sahen wir so manchem Gast alles andere als mit Begeisterung entgegen. "Onkel und Tante, ja das sind Verwandte, die sieht man nur von hinten gern": dieser etwas boshafte Vers hat uns damals, wie wohl vielen Kindern, durchaus eingeleuchtet. Leidige Debatten mit den genervten und um das Gelingen ihrer erzieherischen Bemühungen besorgten Eltern waren die Folge, auf jede Ermahnung zu gutem Benimm folgte umso trotzigerer Widerspruch. Bis irgendwann unser Vater den Diskussionen mit dem unvermeidlichen Verslein ein Ende setzte: "Der Gast, und sei er noch so schlecht, / wird geehrt, denn das ist recht!" - Papa locuta, causa finita!

Man kann über diese Art der Pädagogik geteilter Meinung sein. Aber vergessen habe ich den Spruch immerhin nicht. Und es ist wohl kein Zufall, daß er mir bei Nachdenken über diese beiden Verse aus dem Kolosserbrief in den Sinn kam.

I.

"Laßt das Wort Christi reichlich unter euch wohnen" - an dem Wort "wohnen" bin ich hängen geblieben. Wie ein Gast, und zwar wie ein gern gesehener Gast will Gott mit seinem Wort bei uns wohnen. Und einen gern gesehenen Gast zu ehren, das ist nun wirklich "recht", und fällt auch nicht schwer. Man gibt ihm gern Raum im eigenen Leben. Wo wir auch wohnen, ist er uns willkommen. "Fühl dich ganz wie Zuhause", sagen wir dann. Und wirklich, der gern gesehene Gast soll bei uns wie Zuhause sein. Deshalb haben wir auch Zeit für ihn. Und wer keine hat, nimmt sie sich eben. Denn nichts würde einen Gast tiefer kränken, als wenn die, die er besucht, keine Zeit für ihn hätten. Keine Zeit: das habe ich für den, der mir mehr oder weniger egal ist.

Lebenszeit ist aber vor allem anderen geteilte Zeit. Meine Zeit mit jemandem, den ich gern habe, teilen, das heißt: das eigene Leben schöner, lebendiger machen. Wenn ich mit einem gern gesehenen Gast meine Zeit teile, dann wird sie gewissermaßen auf wunderbare Weise vermehrt. Ich erlebe sie intensiver als meine sonstige Lebenszeit, von der ich viel zu viel in zwar notwendigen, aber nicht gerade lustvollen Sitzungen zubringe. Vor allem aber: solche intensive, gesteigerte Zeit wirkt lange nach.

Die Zeit, die wir uns für das Wort Christi nehmen, die wirkt nicht nur lange, die wirkt bis in die Ewigkeit nach. Denn in diesem Wort kommt ja Gott selbst zu uns, um seine Zeit, und das heißt ja: seine Ewigkeit mit uns zu teilen. Und dieses Wort Christi sagt uns immer wieder, daß wir ihm, dem ewigen Gott, alles andere als gleichgültig sind. Nichts würde uns Menschen mehr erniedrigen als wenn wir Gott gleichgültig wären. Aber Gott sei Dank sind wir es ihm nicht. Im Gegenteil: Gott ist leidenschaftlich interessiert an uns. "Interesse" heißt in wörtlicher Übersetzung aus dem Lateinischen: dazwischen sein, dabei sein. Gott selbst ist also dabei, ist mitten drin bei uns, wenn wir das Wort Christi wie einen gern gesehenen Gast bei uns wohnen lassen.

Gern gesehene Gäste heißen wir zunächst mal herzlich willkommen. Bei Freunden in der Regel mit einer Umarmung. Bei sog. 'hohen Gästen' wird es feierlich. Die werden nicht nur mit wohlgesetzten Worten, sondern oft auch mit Musik begrüßt. Bei Staatsgästen erklingt dann die Nationalhymne. Selbst einem Erich Honecker hat man 1987 in Bonn diese Ehre nicht verweigert. Wie immer man zu solchen Ritualen steht - sie machen deutlich, daß der Besuch eines Gastes keine Alltäglichkeit, sondern etwas Besonderes ist. "Der Gast, und sei er noch so schlecht"…

Aber nun gilt es, wenn das Wort Christi bei uns wohnen will, nicht nur einen hohen, sondern den höchsten Gast zu begrüßen, den man sich denken kann. Denn in diesem Wort sucht uns ja niemand geringerer als Gott selbst auf, um seine Zeit mit uns zu teilen. Nur: wie soll das gehen, den heiligen Gott willkommen zu heißen? Unter uns ganz normalen Durchschnittschristen hier in der Christuskirche? Den Heiligen Gott begrüßen, ihn, den alle Himmel nicht fassen: da kann mir, wenn ich ehrlich bin, schon bewußt werden, wie verbraucht und banal meine Worte sind. Ja, wieviel Mißbrauch ich manchmal mit dem heiligsten Namen treibe. Einfach aus Gedankenlosigkeit. Wir TheologInnen sind gewieft darin, unsere Sprachlosigkeit, wenn es um Gott geht, durch viel plausible Geschwätzigkeit zu übertünchen. Taugt unser Reden von Gott überhaupt? Oder reden wir Gott nicht eher tot?

II.

Also wenn die "Qualität" unseres Redens von Gott von uns, unserer Religion, unserem Frommsein abhinge - dann müßten wir irgendwann wirklich verstummen. Dann müßten wir früher oder später Gott schweigend die Ehre, und das hieße dann: die letzte Ehre geben. Hinge es von uns Menschen ab, Gott wäre längst totgeredet, dann totgeschwiegen und vergessen. Aber nun sagt uns die Bibel, daß es Gott sei Dank nicht von uns anhängt. Sondern allein von Gott selbst, daß und wie er zu Wort kommt und bei uns Gehör findet. Und Gott weiß sich zu helfen, wenn er zu uns in unsere geschwätzige Sprachlosigkeit kommt.

Ein Gast, wenn er eine gute Kinderstube hatte, bringt ja etwas mit: irgendeine Aufmerksamkeit, mit der er den Gastgeber erfreuen und auch überraschen will. Also versuche ich am besten, ihm etwas mitzubringen, was er noch nicht hat. Und genau das, liebe Freunde, tut der im Wort Christi uns besuchende Gott auch. Und weil er eben ein überaus aufmerksamer, einfühlsamer Gast ist, bringt er uns genau das mit, was uns fehlt, um ihn angemessen begrüßen zu können: seinen Geist. Und der kann auch die abgedroschensten Worte, die langweiligsten Sätze wieder neu zum Klingen bringen. Er belebt unsere alte, verbrauchte Sprache so, daß wir es wagen können, ihn, wie es hier heißt, "mit Psalmen, Hymnen und Liedern" zu begrüßen.

Ich denke, Paulus hat ganz Recht: vom Heiligen Geist überrascht, kann eine Gemeinde gar nichts Besseres tun, als ihrer Überraschung und Freude erst einmal singend Luft zu machen. Und indem sie das tut, fängt sie vielleicht schon an, ihre eigene Untauglichkeit zu vergessen. Das wäre schon sehr viel. Ja, indem wir Gott loben mit Psalmen, Hymnen und Liedern, fällt unsere ganze Unheiligkeit wie ein böser Spuk von uns ab. Und auch wir fangen an zu werden, was wir in den Augen des höchsten aller Gäste schon sind: geheiligte, königliche Menschen!

Lieber Gemeinde, man gar nicht einmal ein begeisterter Sänger sein, um zu spüren, daß wir, wenn wir singen, irgendwie merkwürdig verwandelt werden. Wenn man heute, in unserem visuellen Zeitalter, gerne sagt, daß ein Bild mehr sagt als tausend Worte, so gilt das ähnlich für viele Lieder. "Mehr als Worte sagt ein Lied", heißt es treffend in einem neuen Gesangbuchlied. Warum? Nun, Lieder berühren uns eben nicht nur durch ihre Melodien, sondern auch, weil in ihnen menschliche Grunderfahrungen gebündelt sind, schöne wie schmerzliche. Das gilt für die alten Volkslieder ebenso wie für viele Choräle des Gesangbuchs. Und indem wir vieles, was uns in der Tiefe bewegt, im Lied gleichsam versammeln, sammelt das Lied auch uns und läßt uns uns selber dabei ein Stück weit vergessen. Selbstvergessenheit, Außer-mir-Sein: einer der schönsten, intensivsten Aggregatzustände des Lebens!

Und besonders schön ist es, daß das ganz unmerklich geschieht. Dadurch, daß wir ganz bei der Sache sind, die wir im Lied besingen, vergessen wir uns selbst ein Stück weit. So sind wir im Singen immer beides: selbstvergessen und doch ganz konzentriert, gesammelte Existenz. Das ist das Geheimnis des Singens. Da kann ich mich selbst, meine Sehnsüchte und Ängste, am ehesten loslassen - und bin eben dadurch bei mir selber, bin wirklich 'ich', in einer Intensität, die sonst kaum da ist. Das ist ja auch die Grunderfahrung, die wir in der Liebe machen. Lieben und Singen, das ist ein Zwillingspaar. Es ist ja auch kein Zufall, daß das Schönste und Tiefste über die Liebe immer wieder in Liedern gesagt worden ist.

III.

Und nun gilt das alles in einer unüberbietbaren Weise für die Lieder, in denen wir den Gott begrüßen, der im Wort Christi zu uns kommen, bei uns wohnen will. Es ist unser Glück - nein, ich muß es so sagen: es ist Gottes Aufmerksamkeit, daß wir, von seinem Geist überrascht, singen und uns dabei selbst vergessen können. Uns zur Freude und Gott zur Ehre.

Liebe Gemeinde, wenn wir uns das klar machen, dann tun wir nicht nur uns etwas Gutes, sondern dann folgen den innersten Impulsen der Reformation. Reformation heißt nämlich: Gott holt seine Gemeinde aus aller Durchschnittlichkeit und Ängstlichkeit heraus, indem er ihr etwas zutraut. Das war die befreiende Entdeckung von Luther und seinen Gefährten, deshalb hat er die Bibel durch seine Übersetzung der ganzen Gemeinde endlich zugänglich gemacht. Und untrennbar damit verbunden war auch die Entdeckung des Lieds, des Chorals, der auf seine Weise das Evangelium laut werden läßt. "Das Lied ist die Predigt der Gemeinde", hat Martin Luther gern gesagt. Das kann man gar nicht genug unterstreichen. Wenn wir unser Singen im Gottesdienst so ansehen, als Äußerung unseres Glaubens, indem wir ganz bei einem anderen, bei Gott sind, und gerade dadurch auch hochkonzentriert bei uns selbst: dann begrüßen wir Gott angemessen, der ja auch in unserer Christuskirche ein gern gesehener und kein nur ertragener Gast sein will.

Und so wie sich, wenn liebe Gäste ins Haus kommen und eine Weile bei uns wohnen, das Leben im Haus irgendwie verändert, so bewegt, verändert das Wort Christi auch unser Leben. Aber das geschieht ohne viel Aufhebens und Getöse. So wie es Gäste gibt, die einfach schon durch ihr pures Dasein die Atmosphäre eines ganzen Hauses zum Guten beeinflussen, so wirkt das Wort Christi unter uns. Es gibt etwas, bevor es uns fordert. So wie Jesus Christus sich für uns gegeben hat, bevor er uns für seine Sache in Anspruch nimmt. -

Zum Schluß noch einmal zurück in die Kindheit. Damals waren uns die Gäste am liebsten, die - anstatt am Essenstisch langweilige Gespräch mit unseren Eltern über die Kirche etc. zu führen - erzählen konnten. Aus ihrer Heimat, von kuriosen oder auch dramatischen Erlebnissen. Ihnen hörten wir gern zu. Sie machten das Leben im Haus spannend: denn indem man ihnen zuhörte, wurde man, ohne etwas dafür tun zu müssen, in ihre Geschichte mit hineinverwoben.

Liebe Gemeinde, Jesus Christus ist ein solcher Gast. Er erzählt uns immer neu seine Geschichte - in die wir, ob wir's glauben oder nicht, längst alle miteinander verwoben sind. Diese Geschichte ist eine unendliche Geschichte. Sie fängt nämlich immer wieder an: immer da, wo wir sein Wort unter uns wohnen lassen wie einen sehnsüchtig erwarteten Gast, der sich bei uns wie Zuhause fühlen soll. Und Gott will bei uns wie Zuhause sein! Daß er einer ist, der sich nicht irgendwo über den Wolken selber genügt, sondern Heimweh hat nach dieser Welt, das erzählt uns sein Wort von A bis Z. Ihren Höhepunkt aber findet diese unendliche Geschichte da, wo nicht mehr wir ihn begrüßen, sondern wo Er selber zum Gastgeber wird und uns bei sich willkommen heißt: uns als seine ewigen Gäste, die nun allerdings immer gern gesehene Gäste sind.

Bei Gott, liebe Freunde, gibt es keine Wohnungsnot. Bei ihm sollen wir uns nicht nur wie Zuhause fühlen, bei ihm sind wir Zuhause. Denn in aller Ewigkeit Gottes Gäste, mit ihm zusammen sein: das ist die schönste Ehre, die uns zuteil werden kann. Da gilt nun wirklich und ohne jede Einschränkung: "Der Gast, und sei er noch so schlecht, / wird geehrt, denn das ist recht!" Deshalb: Singt unserem Gast ein neues Lied, denn er tut Wunder!

Amen.

Lieder: 514,1+2+5+7 / 380,1-7 / 324,1-3.6+7.12+13 / 287,1-4 / 340 / 321,1-3