Dialogpredigt über Lukas 24, 50-53: Christi Himmelfahrt, 21.05.2009, Günterstal, Markus Engelhardt und Irene Leicht

Liebe Gemeinde!

IL: "Schaut nicht beim Loben stets nur nach oben. Schaut auf die Seite, dann seht ihr die Pleite". Das ist ein Motto aus den 1968er Jahren. In dieser Zeit wird es auch in den Kirchen zunehmend wichtig, die gesellschaftlichen Verhältnisse realistisch und kritisch in den Blick zu nehmen. Es ist auch die Zeit, in der in den sog. 3. Welt-Ländern die Befreiungstheologie entsteht. Die politische Sprengkraft des Evangeliums wird neu entdeckt. Glauben in der jüdisch-christlichen Tradition ist am Diesseits orientiert. Glauben zieht ein Leben nach sich, das nicht schwärmerisch und lobpreisend nach oben, in den Himmel starrt, sondern nach rechts und links schaut, Not sieht und wahr nimmt und zu deren Beseitigung sich aufgefordert weiß.

"Was steht ihr da und seht zum Himmel?" So heißt es in der Apostelgeschichte. "Schaut nicht beim Loben stets nur nach oben." So der zitierte Slogan. Oben, im Himmel, da thront Christus als König. Er triumphiert. Er hat das elende, fleischliche, blutige Erdendasein hinter sich gelassen. Christus herrscht.

Das sind Bilder, das ist ein Sprechen von Gott, das mir fremd ist. Jesus wurde in den Himmel entrückt. Er wird zur himmlischen Gestalt. Was wir da an Christi Himmelfahrt feiern, birgt in meinen Augen die Gefahr, dass der Mensch aus dem Blick gerät. Der Freund Jesus, der Bruder, der mir nah ist in meinem Leben. Das wunderliche Buch des eigenen Lebens enthält doch, mit Goethe gesprochen, "wenig Blätter Freuden / ganze Hefte Leiden". Was hilft mir da ein in den Himmel entrückter Gott? Da ist mir doch auch für mich selbst, nicht nur im Einsatz für die Mitmenschen, der Fleisch gewordene Gott hilfreicher, näher. Einer, der mitgeht. Der zu mir spricht. Der mich berührt.

ME: Wenn es stimmt, daß Jesus vom fleischgewordenen Menschenbruder zum "in den Himmel entrückten Gott" geworden ist, dann kann ich Irene Leicht nur beipflichten. Jemand, der "entrückt", abgehoben wirkt, ist uns zu Recht unsympathisch, er kann uns gestohlen bleiben. Aber: stimmt das denn wirklich? Unser Text, der Abschluß des Lukasevangeliums, scheint das doch anders zu sehen. Aber das ist weiß Gott nicht leicht nachzuvollziehen.

Denn zunächst einmal erscheint die Situation grotesk. Jedenfalls alles andere als daß man da irgendwo einen Grund zur Freude entdecken könnte. Jesus ist nicht mehr da, quasi von einem Moment auf den anderen. Er entzieht sich den Sinnen seiner Leute, und zwar ganz. "Er schied von ihnen und fuhr auf gen Himmel", notiert der Evangelist lakonisch. Jesus ist einfach verschwunden, auf Nimmerwiedersehen. Lukas ist hier von einer erfrischenden Nüchternheit und Endgültigkeit. Wo die anderen Evangelien mit feierlichen letzten Worten des Auferstandenen an seine Jünger enden, nimmt Lukas Jesus endgültig und unmißverständlich aus dem Geschehen. Er ist von nun an ganz woanders, im Himmel nämlich. Und weil man bekanntlich äußerst selten den Himmel auf Erden erlebt, gibt es fortan keine unmittelbare Berührung mehr. Nichts anderes, da hat meine Mitpredigerin ganz Recht, ist zunächst einmal von uns aus gesehen "Christi Himmelfahrt".

Schon seltsam, daß da jetzt nicht die totale Verzweiflung bei Jesu Leuten ausbricht. Sie hatten ihn tot geglaubt, er ist wie durch ein Wunder wieder lebendig geworden und zu ihnen zurückgekehrt - und nun, kaum daß sie das halbwegs verarbeitet haben, wird er ihnen ein zweites und dieses Mal endgültig entrissen. Jesus ist tot - nein, er ist es doch nicht. Jesus ist nicht tot - aber doch unwiederbringlich fort. Das verstehe, wer will! Ist das nicht mehr, als man fassen und verarbeiten kann?

Was ist da passiert bei den Jüngern, daß sie so anders reagieren, als es alle menschliche Erfahrung nahelegt? Von dankbarer Anbetung ist die Rede und von großer Freude, und daß die Jünger nichts anderes zu tun haben als prestissimo an den Schreckensort Jerusalem zurückzukehren. Irgendwie scheinen sie zu spüren, daß Jesus trotz seines Weggehens auf eine merkwürdig andere Weise da bleibt.

IL: Dass man bekanntlich äußerst selten den Himmel auf Erden erlebt, hat Markus Engelhardt gesagt. Da muss ich ihm freilich recht geben. Und dennoch. Es gibt einen Buchtitel von Dorothee Sölle und Luise Schottroff, der heißt: "Den Himmel erden". Dieser Titel gefällt mir. Er macht deutlich, worum es mir heute geht. Um die Erde. Um die Liebe zur Erde. Und darum, den Himmel zu erden.

Wenn es stimmt, dass Jesus auf merkwürdig andere Weise da bleibt, dann ist das gut. Doch zu oft habe ich den Eindruck: Er ist endgültig in den Himmel verlagert. Thront dort. Sitzt zur Rechten des Vaters und ist damit weit weg.

Ich möchte an eine Episode erinnern, die im JohEv überliefert ist. Sie spielt kurz vor Christi Himmelfahrt. In einem an Komik grenzenden Verwechslungsspiel sucht die untröstliche Maria aus Magdala im Garten den verschwundenen Leichnam. Der vermeintliche Gärtner spricht sie persönlich an: Maria! Daraufhin erkennt sie Jesus, ihren Meister. Dieser sagt: "Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren". Dieses "rühre mich nicht an" wurde oft als schroffe Abweisung verstanden. Als ob Jesus sich hier herrisch versagen würde. Einer Frau gegenüber, die, wie es für Frauen als typisch gilt, festhalten möchte, die klammert, die mit Haut und Haaren auf Beziehung fixiert ist. Doch hinter Jesu Verneinung steckt was Anderes. Die Begegnung ereignet sich nach der Auferstehung und vor der Himmelfahrt. In einem unbegreiflichen Zwischenraum sozusagen. Wer eine Person berührt, bekommt Anteil an der berührten Person. Das ist mit Jesus nun nicht mehr möglich. Denn er gehört bereits einer anderen Sphäre an. Die lebende Maria kann an ihrem Meister nicht mehr leibhaft Anteil haben.

Das finde ich traurig. Hier entsteht ein Abstand, der fatale Auswirkungen haben kann. Ich sage bewusst: haben kann! Denn Jesus droht nun belanglos zu werden. Für unser Leben hier auf Erden: Die JüngerInnen reagieren bei Lk auf Jesu Himmelfahrt, indem sie den Entrückten anbeten. Das ist ein bisschen wenig. Das tun viele Menschen in den Kirchen. Ohne sich dafür einzusetzen, den Himmel zu erden. Doch das ist unsere Aufgabe! Das will ich stark machen heute! "Schaut beim Loben nicht stets nur nach oben!"

ME: Bis vorhin habe ich meiner lieben Ko-Predigern gerne und gut folgen können. Aber jetzt bin ich doch versucht, ihr ein "Einspruch, euer Ehren!" zuzurufen. Zunächst: daß sich Jesus der ihn umarmen wollenden Maria Magdalena entzieht - nein, das finde ich weder "traurig" noch "belanglos". Im Gegenteil: ich fände es eher traurig, wenn der Auferstandene sich darauf eingelassen hätte! Denn dann hätte er die Maria ja nur in dem bestätigt, was sie gesichert wissen wollte: daß sein Tod am Kreuz nur eine Art 'Betriebsunfall' war, und daß seine Auferstehung heißt, daß es jetzt gerade wieder so weitergehen kann, wie es vor Karfreitag gewesen ist. Das Wunder der Auferstehung aber entzieht sich allen räumlichen, zeitlichen Dimensionen. Und damit auch aller sinnlichen Erfahrung und 'Sicherung'. Wir können die Auferstehung nicht beweisen. Wir können sie nur glauben, in einem anderen als sinnlichen Sinn für uns wahr sein lassen. Deshalb konnte der Auferstandene nicht wieder derselbe sein wie der 'irdische Jesus' vor Karfreitag.

Und deshalb kann es aus meiner Sicht auch nicht anders sein, als daß die 'zweite irdische Zeit' Jesu, die als Auferstandener, nur eine sehr begrenzte war. An deren Ende eben diese mysteriöse Fahrt 'nach oben' steht. "Den Himmel geerdet" sehen will Schwester Leicht. Absolut d'accord! Indes: wer behauptet denn, daß uns die Anbetung, das (gelegentliche) Ausgerichtetsein 'nach oben', den Niederungen der Erde, unseres alltäglichen Lebens entrücken, zu abgehobenen Figuren machen würde?! "Wer mit einem Bein fest im Himmel verankert ist, wird mit dem anderen nur umso tiefer und fester auf der Erde stehen" - hat der große schwäbische Pietist und frühe Sozialdemokrat Christoph Blumhardt gesagt.

Der "Himmel", das ist eben viel mehr und etwas ganz anderes als was wir sehen, wenn wir unsere Hälse recken. Die Bibel weiß das im Unterschied zu uns sehr gut. Und die englische Sprache auch! Die kennt nämlich gleich zwei Worte für 'Himmel: sky und heaven. Und nur das zweite Wort, heaven, kann man für das gebrauchen, was der Bibel "Himmel" ist. Der Inbegriff nämlich einer uns Menschen nicht zugänglichen und begreifbaren Wirklichkeit, die sich uns nur als Geheimnis darstellt. Der "Himmel" ist für die Bibel nicht einfach Gott selbst - wohl aber so etwas wie Gottes unmittelbares "Milieu", sein "Thron" sozusagen. Also das, woran etwas von dem aufscheint, was die Menschen zu allen Zeiten Gottes "Herrlichkeit" genannt haben. Der "Himmel" ist Ausdruck dafür, daß Gott auch als der, der sich in dem Menschen Jesus uns in allem gleich gemacht hat, dennoch - Gott bleibt. Der Majestätische, Heilige, ganz und gar Unverfügbare. So ist und bleibt er das große, unergründliche Geheimnis der Welt, das nur umso größer wird, je mehr wir in es eindringen. Dies alles ist in dem Wort "Himmel" mit ausgesagt.

IL: Sollen wir streiten? Ich habe gesagt: Das kann fatale Auswirkungen haben, die Tatsache, dass Jesus nicht mehr berührt werden kann. Und faktisch meine ich, wir erleben die Auswirkungen. Ich will Markus Engelhardt freilich recht geben. Und dennoch manche Bilder stürmen. "Milieu Gottes" als Übersetzung von "heaven" gefällt mir. Mit dem Thron wird es für mich schon wieder schwieriger. Und mit vielen andern Bildern des Triumphalismus und der Herrschaft und des Majestätischen, die mit Himmelfahrt verbunden sind. Ich hab freilich auch nichts gegen das Beten. Und das Zitat von Blumhardt spricht mich an. Doch, mit Bonhoeffer: "Beten und Tun des Gerechten" müssen zusammengehen. Das meint: Den Himmel erden. Wenn nach Karfreitag manches so weitergegangen wäre wie vorher - das hätte ja auch sein Gutes gehabt. Die Heilungen, die Erfahrung: alle werden satt, die Revolution der Liebe. Wir brauchen auf unserer Erde viel mehr davon. Himmel und Erde sollen sich berühren. Der Himmel soll auf die Erde kommen. Indem Not gelindert wird. Indem Liebe erfahrbar wird. Trotz und angesichts der Himmelfahrt: Der Erde soll unsere Aufmerksamkeit gelten.

ME: "Sollen wir streiten?", hat meine Mitpredigerin eben rhetorisch gefragt. Nun, ein (theologischer) Streit mit Irene Leicht ist allemal lehrreich und lohnend. J Aber alles zu seiner Zeit! Heute ist nicht die Zeit dazu, denn ich gehe lieber bei unserem Evangelisten in die Lehre. Der berichtet ja so knapp darüber, daß man das Gefühl hat, jedes Wort über die "Himmelfahrt" ist ihm eines zu viel. Dann sollten wir es auch so halten. Es reicht völlig aus, wenn uns klar wird: Der Mensch Jesus tritt zum Schluß seines irdischen Weges nicht noch eine bizarre Reise in den Äther an, sondern er geht vor den Augen der Jünger in einen unzugänglichen, unbegreiflichen Bereich der Schöpfung über. Er hört also vor ihren Augen auf, vor ihren Augen zu sein. Er hört damit aber nicht auf, da zu sein.

Und genau damit sorgt Jesus für den "Erdgeruch der Himmelfahrt", der Irene Leicht so wichtig ist. Der Himmelsstürmer Jesus - der einzige übrigens, an dem Gott Gefallen hat - bringt den Geruch der Erde nach oben in den Himmel. Wir Menschen können nur deshalb ruhig und getrost hier unten bleiben und seine Zeugen sein, weil er unser Zeuge an ganz anderer Stelle wird. Amen.