Solus Christus - Predigt über Johannes 14, 6

Pfingstsonntag - 31.05.2009, Christuskirche Freiburg

- Gedenken an 75 Jahre Barmer Theologische Erklärung -

Liebe Gemeinde!

"Jesus Christus spricht: 'Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.' Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben." - Diese Doppelaussage, Kombination aus einem Bibelwort und einen Bekenntnissatz, hat nicht weniger als Geschichte, jedenfalls Kirchengeschichte gemacht. Und zwar auf den Tag genau heute vor 75 Jahren. Sie bildet die berühmte erste These der Barmer Theologischen Erklärung vom 31. Mai 1934, die den Anfang einer Umkehr markiert - nicht des ganzen Protestantismus, aber immerhin eines Teils von ihm. Darüber soll heute die Predigt gehen.

I.

Es war die Umkehr von einem verhängnisvollen Irrweg, der nicht erst 1933 begonnen hatte, sondern viel früher. Schon seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts identifizierten gerade die Protestanten die Sache der deutschen Nation immer stärker mit der Sache Gottes. Nach gewonnenen Schlachten - 1866, 1871 - wurde landauf, landab der Ausruf Friedrichs des Großen nach dem siegreichen Siebenjährigen Krieg zitiert: "Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!" Und als im August 1914 die jungen Soldaten in den Weltkrieg geschickt wurden, stand auf ihren Koppelschlössern "Gott mit uns!" Das hatte der fromme Wilhelm veranlaßt, von Gottes Gnaden Kaiser der Deutschen, denn als Landesherr war er, wie seit der Reformation üblich, zugleich auch summus episcopus, oberster "Geistlicher" der preußischen Kirche. Aber er traf auch auf den Resonanzboden dafür. Viele Deutsche sahen im Aufstieg des Kaiserreiches zur Weltmacht, im Streben nach einem "Platz an der Sonne" Gottes heiligen Willen. Gott offenbarte sich für sie im nationalen Schicksal. Protestantismus war Nationalprotestantismus geworden. Für diese Haltung war es unfaßbar, daß die Deutschen den Weltkrieg verlieren konnten. Da mußten böse, widergöttliche Mächte im Spiel gewesen sein. Der Sündenbock war schnell ausgemacht: die gott- und vaterlandslosen Gesellen auf der Linken, Sozialdemokraten und Kommunisten. Die waren - so hieß es damals - von der Heimat aus den tapfer an der Front kämpfenden Soldaten in den Rücken gefallen. Die "Dolchstoßlegende" war geboren. Und die meisten deutschen Protestanten glaubten nur zu gern daran.

Kein Wunder, daß dann ein Großteil von ihnen die Zeit der Weimarer Republik mit ihrer für die parlamentarische Demokratie charakteristischen nüchternen Glanzlosigkeit als Schmach und Demütigung erlebte. Man stand abseits, in innerer Verachtung gegenüber dieser Staatsform. Das alte Wort Wilhelms II. vom Parlament als "Affenbude" wurde von den meisten Evangelischen geteilt. Sie sehnten sich nach einer autoritären Regierung, die aufräumen sollte mit Parteiengezänk und Wirtschaftskrisen. Das war der Humus, auf dem gedeihen konnte, was für uns heute so unfaßbar erscheint: etwa 80 Prozent der evangelischen Christen begrüßten damals die Machtergreifung der Nazis! Der bedeutende lutherische Theologe Paul Althaus sagte 1933: "Wenn in Zeiten der Krise und Not durch einen Führer die Bestimmung unseres Volkes zum wahrhaftigen und würdigen Leben verwirklicht wird, dann haben wir in Wahrheit mehr als eines Menschen Stimme gehört". Hier war ausgesprochen, was man nicht nur in vielen Pfarrhäusern dachte. 'Der Führer' war zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben geworden. Durch ihn sprach eine höhere Macht. Deshalb grüßte man sich mit einem zutiefst religiösen Ausdruck: "Heil Hitler!"

Hitler wollte die Kirchen gleichschalten, zum Instrument seiner kriminellen Pläne machen. Anders als bei den Katholiken, deren Kirchenvolk - das muß klar gesagt werden - viel resistenter gegen den braunen Ungeist war und wo Hitler mit willfährigen Bischöfen kungelte, fuhr er bei den Protestanten die Strategie, eine Art Revolution von unten zu machen, indem er die Basis gegen die Kirchenleitungen mobilisierte. Am Vorabend der Kirchenwahlen hielt er eine Rundfunkansprache und forderte alle Protestanten auf, sich zu beteiligen und seine Anhänger, die sog. "Deutschen Christen" in die Kirchenvorstände und Synoden zu wählen. So kam es, daß Leute, die bisher gar nichts mit der Kirche am Hut hatten, plötzlich für neue Mehrheiten sorgten. In den meisten Landeskirchen wurden die alten Kirchenleitungen abgesetzt und durch linientreue neue ersetzt. Und hart am Wind des Zeitgeistes konnte man gar nicht hurtig genug das "Führerprinzip" auch in der Kirche einführen. In vielen Landeskirchen, auch hier in Baden, wurde blitzschnell das der evangelischen Kirche eigentlich wesensfremde Bischofsamt eingeführt.

Was wollten die "Deutschen Christen"? Ein Hauptziel war - neben der Abschaffung des Alten Testaments als "jüdisches Dokument" - die Entlassung aller Pastoren jüdischer Abstammung und das kategorische Nein zur Taufe von Juden. Dagegen formierte sich zum Glück Widerstand: Von den damals ca. 18.000 Pastoren in Deutschland widersetzten sich 4.000 diesen Forderungen. Kein Ruhmesblatt, dieser Anteil, aber immerhin. Das war die Geburtsstunde der sog. Bekennenden Kirche - einer illegalen Gegenkirche gegen die von den Nazis beherrschten offiziellen Landeskirchen. Einer ihrer Schwerpunkte ist hier die Christusgemeinde hier gewesen. Um ihren damaligen Pfarrer Hermann Weber sammelte sich der sog. "Freiburger Kreis", eine Gruppe, die vor allem aus evangelischen Universitätsleuten bestand. Die wichtigsten Köpfe darin waren der Historiker Gerhard Ritter und der Ökonom Walter Eucken. Beide gehörten dem Ältestenkreis der Christuskirche an. Die freie Synode der BK war die berühmte Synode in Barmen-Gemarke, einem Stadtteil von Wuppertal. Daß ihre Erklärung am Ende einstimmig beschlossen wurde, haben viele als ein Wunder des Hl. Geistes erlebt. Sie besteht aus sechs Thesen, die alle die gleiche, dreigliedrige äußere Form haben: Schriftwort, Bekenntnis und Verwerfung falscher Lehre.

II.

Die erste These packt das Grundübel an der Wurzel. Gegen die Überzeugung, daß Hitler der Weg zur Wahrheit und zum Leben sei, setzte sie zwei Jesusworte aus dem Johannesevangelium: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich". Und dann fügte man noch hinzu: "Wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Räuber. Ich bin die Tür, so jemand durch mich eingeht, der wird selig werden" (Joh 10,7f.). Man muß sich das klarmachen: Hier wurde durch eine Kombination zweier Bibelzitate unmißverständlich gesagt: Wenn Hitler beansprucht, das Heil zu bringen, dann ist er ein Dieb und ein Räuber. Das war 1934, als der größte Teil der Deutschen sich an den "Erfolgen" Hitlers berauschte, schon mutig.

Warum aber hatte Hitler für so viele Protestanten zur Stimme Gottes, zu ihrem Heil werden können? Weil damals für viele die Nation das höchste Gut war. Weil viele die erste Strophe unserer Hymne ganz wörtlich nahmen: "Deutschland, Deutschland über alles"! Wer diese Nation so erkennbar über andere Nationen erhöhte, der mußte ein von Gott Gesandter sein. Dagegen bezieht die Barmer Erklärung klar Stellung. Sie sagt in der 1. These: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere Ereignisse, Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen". Denn, so heißt es davor: "Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben." Er - und sonst keiner. Solus Christus. So ist damals Pfingsten geschehen: als Scheidung der Geister, als Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Lehre. Da war Geistesgegenwart. Und man muß ehrlich sagen: allzu viele waren es nicht, die sie aufbrachten.

Die sich zu solcher Geistesgegenwart bereit fanden, waren vor allem von Sorge um die Kirche umgetrieben. Auch unter ihnen waren nicht wenige, die anfangs versucht hatten, das Ja zu Jesus Christus mit einem Ja zu Hitler zu verbinden. Aber dann zeigte sich immer mehr, daß dies nicht ging. Wer damals dem "Reibi", dem durch die 'Deutschen Christen' installierten Reichsbischof Ludwig Müller eine Absage erteilte, der mußte sich mit dem Führerprinzip insgesamt auseinandersetzen. Wer sich dagegen wandte, daß in der Kirche andere Offenbarungswahrheiten gelten sollten als die Wahrheit in Jesus Christus, der mußte auch einräumen, daß der Anspruch Jesu Christi dem ganzen Leben gilt, nicht nur der Kirche. Wer sich dazu bekannte, daß wir als Christen auf das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit warten, der konnte der Verheißung, daß Hitler ein "Tausendjähriges Reich" herbeiführen werde, nicht länger Glauben schenken.

III.

Der Durchbruch zu diesen Einsichten geschah auf der Synode in Barmen. 83 Pfarrer und 55 Laien, aus allen Landeskirchen, kamen vom 29. bis 31. Mai 1934 dort zusammen. Die schließlich verabschiedete "Theologische Erklärung" ist im Wesentlichen von zwei Menschen formuliert worden: dem großen reformierten Theologen Karl Barth, der damals noch in Bonn lehrte, bevor ihn die Nazis im selben Jahr aus Deutschland auswiesen, und dem lutherischen Pastor Hans Asmussen aus Hamburg. Von zwei Theologen also, die zu jener Zeit, als es auch mit der innerprotestantischen Ökumene noch nicht weit her war, theologisch durch Welten getrennt waren. Aber sie brachten ein Dokument zustande, das zum Zeugnis für das gemeinsame Erbe der Reformation wurde. Gerade darin zeigte sich seine Geistesgegenwart. Und darin war 'Barmen' ein zutiefst pfingstliches Ereignis. Zum ersten Mal seit der Reformation zeigten sich Lutheraner rund Reformierte wieder in ihrer Zusammengehörigkeit.

Wie bewegend, ja euphorisierend das damals für die Beteiligten war, wird deutlich aus einem Bericht des Christus-Gemeindeglieds Gerhard Ritter: "In der Woche nach Pfingsten war ich als badischer Synodaler auf der großen Barmer Bekenntnissynode. (…) Großartig der Geist der Synode: die Wucht des Bekennens, höchst erfreulich insbesondere, daß es gelang, Lutheraner und Reformierte auf einen theologischen Nenner zu bringen. Man sah die besten Gestalten des deutschen Protestantismus beisammen, lauter mutige Männer - es war wirklich herzerquickend. Synodale, Pfarrer und Laien aus ganz Deutschland - das Ganze wird eine unaufhaltsame Bewegung, die die 'Deutschen Christen' zu Paaren treiben wird. Was ich seit langem erhoffte, scheint nun wahr zu werden: die Deutsche Evangelische Kirche in neuer Einheit und innigem Zusammenschluß all derer, die es ernst meinen, ersteht neu aus dem Druck des großen Kampfes." - Das ist in der wuchtigen Sprache der damaligen Zeit gesagt, die uns heute fremd ist. Und auch die euphorischen Hoffnungen Ritters haben sich so nicht erfüllt. Aber es bleibt schon ein großes Ereignis in der Geschichte unserer Kirche, daß es durch die Herausforderung der Götzen damals mit einem Mal gelang, eine Einheit herzustellen, die in theologischen Kommissionen niemals erreicht worden wäre.

Dabei ist klar: Bekenntnistexte dieser Art sind immer an ihre Zeit gebunden. Sie zeigen ihre Bedeutung immer in bestimmten existentiellen Situationen. Sie können uns dabei helfen, einen eigenen Standort zu finden - aber sie nehmen uns das eigene Bekennen nicht ab. Die kräftigen Worte des Christusbekenntnisses von damals fallen besonders auf: Allein Christus "ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben." Ich kann das gut nachvollziehen: In schwieriger, verzweifelter Lage kann die Konzentration auf Jesus Christus ein enormer Halt werden. Persönlich wird der Glaube immer dann, wenn er sich an Jesus als Person hält: an den für mich gestorbenen, auferstandenen Herrn, an den, dessen Nähe mir durch den Pfingstgeist verbürgt wird, durch den Tröster, der bleibt.

Aber eben, 'Barmen' ist 75 Jahre her. Hat es nicht doch Patina angesetzt? Paßt diese unbedingte Konzentration auf Christus allein überhaupt noch in unsere Zeit, mit ihrer - zumal in unserer Stadt - religiösen und weltanschaulichen Vielfalt sondergleichen? Viele Christen, auch Theologen sagen heute: Die schroffe Absage gegen jede Offenbarung Gottes außerhalb Jesu war damals notwendig und richtig. Heute ist sie überholt, in der offenen und pluralistischen Gesellschaft muß sich das Christentum anders, toleranter und liberaler darstellen. Darin steckt ein Korn Wahrheit. Karl Barth selber hat im Alter milder, weiter geurteilt. Gott, sagte er später, läßt überall in seiner Schöpfung Lichter aufleuchten. Nicht allein in Christus wird es hell. Aber nur hier, in Jesus Christus, erstrahlt sein Licht in aller Klarheit und Eindeutigkeit. Nur an seinem Licht können wir die vielen anderen Lichter, die auch irgendwie auf Gott verweisen, messen. Für mich heißt das: Ich glaube, daß auch Menschen anderen Glaubens wahrhaftige Erfahrungen mit Gott haben. Aber ich könnte nicht etwas als Gottes Stimme annehmen, das dem Weg, der Wahrheit und dem Leben widerspricht, das Jesus in diese Welt gebracht hat. Deshalb bleibt für die Kirche die Grundlage das Evangelium Jesu. An ihr muß sie Maß nehmen, die Geister prüfen. Das heißt auch: Zum Dialog sind wir überhaupt nur dann fähig, wenn wir wissen, wo wir selbst stehen.

IV.

Ein Letztes: Die Barmer Theologische Erklärung sieht gerade den modernen säkularen Staat, die Trennung von Kirche und Staat im Wort Gottes begründet. Das ist angesichts dessen, daß der Protestantismus bis 1919 in Deutschland faktisch Staatsreligion war, und auch angesichts dessen, wie im katholischen Bereich nicht nur die "Piusbrüder" denken, eine Einsicht, die gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Eine Überhöhung des Staates, die ihn - wie es in der 5. Barmer These heißt - "zur einzigen und totalen Ordnung menschlichen Lebens" machen würde, wird ausdrücklich abgelehnt. Entsprechendes muß dann gelten, wenn etwa so getan wird, als sei die Wirtschaft die "einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens", wenn persönlicher Besitz oder wirtschaftlicher Erfolg wie Götzen überhöht werden. Wo jahrelang das Credo des sog. Neoliberalismus wie ein Mantra deklamiert wurde: 'Der Mensch ist von Natur aus gierig. Deshalb soll er so viel Freiheit wie möglich zum Gierigsein haben. Wenn jeder seine Gier auslebt, wird nämlich am Ende irgendwie für alle etwas Gutes herauskommen.' Wohin diese Haltung geführt hat, erleben wir seit Monaten.

Eine Kirche, die in der Nachfolge der Bekennenden Kirche die Theologische Erklärung von Barmen zu ihren Grundlagen zählt, kann nicht anders als überall da Leben in ihre Obhut zu nehmen, wo es gefährdet und in seiner Würde getreten wird. Ob das die Abschiebung von Asylsuchenden betrifft, die in ihrer Heimat mit Gefängnis und Schlimmeren rechnen müssen, ob das die Tötung ungeborenen oder "sinnlos" erscheinenden Lebens oder die Produktion von Embryonen zu bestimmten Zwecken angeht. Die Richtschnur ist und bleibt das Jesuswort: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich". Keiner kommt zu Gott denn auf dem Weg hin zu den Getretenen, den Jesus aufgezeigt hat. Das gilt für die Kirche, und es gilt für jeden einzelnen von uns. Damals 1934, und hoffentlich auch heute und in Zukunft.

Amen.