Der Teufel steckt in uns selbst - Predigt über Matthäus 4, 1-11

Invokavit - 1.03.2009, Christuskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

Irgendwie schade, daß diese Geschichte in der Wüste, die wir eben gehört haben, so unvermittelt endet. Ist zwar ganz schön, daß der unheimliche Unbekannte sich am Ende trollen muß und Jesus, so scheint es, als strahlender Sieger aus diesem merkwürdigen verbalen Schlagabtausch hervorgeht. Aber man wüßte doch gerne, was sich danach noch hinter den Kulissen abgespielt hat. Vielleicht könnte es so gelaufen sein:

I.

Als der Verführer aus der Wüste zurückgekehrt war, sein Gewand abgelegt und seinen Schal vom Gesicht gewickelt hatte, umringten ihn seine Freunde, neugierig, was er ihnen von der Begegnung mit dem seltsamen Mann in der Wüste berichten würde. Doch als sie sein mißmutiges Gesicht sahen, da ahnten sie schon, daß sein Unternehmen daneben gegangen war.

Einer sagte: "Du hast doch nicht im Ernst geglaubt, daß du einen, der so entschlossen die Einsamkeit der Wüste sucht, mit ein paar Fragen aus den Angeln heben kannst?"

Der Versucher hatte sich hingesetzt, den Sand aus den Sandalen geschüttelt, und antwortete: "So war das nicht. Das waren ja nicht nur meine Fragen. Das waren auch seine. Und es hat ihn ganz schön mitgenommen. Gerade das mit dem Brot. Er hatte ja Hunger von dem langen Fasten. Und wenn Brot da ist, und alles, wofür das Brot steht, also was es so braucht zum Leben: Essen und Trinken, Kleider und Schuhe, Haus und Hof, Geld und Gut - na, dann ist die Welt doch fast immer in Ordnung. Aber hier war nur öde Wüste."

"Und", fragten die anderen, "was hat er angenommen?"

"Nichts", sagte der Verführer, "er hat einfach nur geantwortet. Nicht ungeschickt, das muß ich zugeben. Nicht nur vom Brot lebe der Mensch, sondern in erster Linie vom Vertrauen auf Gott. Nun ja, da hab ich ihn beim Wort genommen. 'Gut', habe ich gesagt, 'wenn du so sehr auf deinen Gott vertraust, sogar in den materiellen Grundlagen, dann muß er ja auch zu beweisen sein, für alle, die nicht einfach so an ihn glauben.' Bin mit ihm also auf die Zinne des Tempels gestiegen und habe zu ihm gesagt: 'Also gut, wirf dich runter! Wenn es deinen Gott gibt und er hier wirklich wohnt, dann wird er schon seine Engel schicken und die werden dich tragen!'"

"Und", riefen die anderen voll Spannung, "wie hat er reagiert?"

"Er hat lange überlegt da oben. Schließlich habe ich ja nichts Gottloses gesagt. Im Gegenteil, ich habe sogar aus der Bibel zitiert, einen Psalmvers! Ich kann euch sagen, er saß ganz schön in der Klemme. Hat sich gar nicht wohl gefühlt. Aber dann hat er sich doch nicht drauf eingelassen. Irgendwas von wegen 'Du sollst Gott nicht testen', hat er behauptet.

Aber die Fragen - die bleiben ja. Irgendwann kommt der Tag, da werde ich ihn daran erinnern. Wenn sie ihn aufhängen werden - und ich sage euch, sie werden ihn aufhängen! -, dann werde ich ihm diese Frage noch einmal stellen. Unter seinem Galgen werde ich stehen, und ihm zurufen: 'Wenn du wirklich bist, der du vorgibst zu sein, Gottes Sohn, dann steig doch runter vom Galgen und demonstriere uns, daß dein toller Gott dich nicht so elend hängen läßt!' Und ich wette, er wird sich erinnern. Darauf freue ich mich jetzt schon. Die Frage, ob wirklich Verlaß ist auf seinen Gott - die Frage wird ihn verfolgen, bis es ihn nicht mehr gibt.

"Und weiter", fragten die anderen, "du wolltest ihn doch noch mehr fragen?"

"Ja, richtig. Ich habe noch einen letzten Versuch gemacht. Auf den höchsten Berg der Wüste habe ich ihn geschleppt. Das Wetter war gut, ein grandioser Ausblick in die Weite, die Dörfer, die Felder, die Schiffe auf dem Meer. Als ob man die ganze Welt sähe. Und da habe ich alles auf eine Karte gesetzt. Wollte ihn überreden, auf das einzige zu setzen, worauf wirklich Verlaß ist. Auf sorgfältig kalkulierte Macht. Ohne Macht, ohne Einfluß kann man ja nichts gestalten, nichts zum Besseren verändern. Mit genug Macht, sagte ich ihm, könnte er alles strategisch planen, selber in die Hand nehmen. Sich mit den Unterdrückten in Israel verbinden und den Aufstand gegen die fremden Besatzer vorbereiten. Ist doch sowieso die einzige Hoffnung, die noch bleibt. Von allein, oder vom Beten kommt das Reich Gottes doch nie! Wir müssen es selber schaffen, und zwar jetzt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich habe ihm unseren Aufstand ausgemalt, wie das ganze Volk danach in Frieden und Gerechtigkeit leben würde - mit ihm als gefeiertem Revolutionsführer. Ein Leben lang würden sie ihn lieben und bejubeln.

Ihr könnt mir glauben: Das hat ihm mächtig zugesetzt. Er kennt sich ja aus. Hat ja auch ein weites Herz für die, denen es elend geht. Und ich glaube, eigentlich weiß er auch, daß dies die einzig sichere Methode ist, etwas zu erreichen: taktisch geschickt vorgehen, strategisch denken, Mehrheiten organisieren, die Religion auf seine Seite ziehen und die Machtmittel gezielt einsetzen. Zum Besten der Menschen natürlich."

"Aber das muß ihn doch endlich überzeugt haben", meinten die Freunde des Versuchers.

"Nein, auch hier hat er abgelehnt", erwiderte er kopfschüttelnd. "Warum nur", fragte die anderen ratlos, "so weltfremd kann er doch gar nicht sein. Das ist doch gut, und nichts Gottloses, gegen die fremden Unterdrücker zu kämpfen, für Freiheit und Selbstbestimmung!"

"Ja, das weiß er wohl auch. Aber er behauptete, es käme darauf an, wem man damit dient. Mein Angebot komme ihm vor, als solle er vor mir in die Knie gehen. Aber anbeten könne man nur Gott und sonst keinen. Sein Weg sei ein anderer. Selbst wenn er dabei keinen sichtbaren Erfolg in der Welt habe. -

Schade eigentlich, wir hätten ihn gut gebrauchen können. Aber eins garantiere ich euch: meine Fragen werden ihn nicht mehr loslassen. Ihn nicht, und seine Leute erst recht nicht. Es werden die Fragen ihres Lebens sein."

Sprach's, zog sich Mantel und Schal um, und verschwand wieder im dichten, trüben Straubnebel der Wüste, aus dem er gekommen war. -

II.

Tja, liebe Gemeinde - so könnten sie doch geredet haben am Rande der Wüste, diese geheimnisumwitterte Gestalt, die unser Text den "Versucher" nennt, und seine Kumpane. Und jetzt halten wir einmal einen Moment inne und versuchen, das Dunkel, das ihn umgibt und das er liebt, etwas aufzuhellen. Indem wir uns ausmalen, wie das wäre, wenn er uns heute ansprechen würde. Vielleicht würde er es so versuchen:

"Na, ihr späten Jünger des Herrn, was hat er nur gegen das Brot gehabt, euer Meister? War das nicht eine Riesentorheit? Aus Steinen Brot machen - wer könnte dagegen etwas einwenden? Ihr versucht doch Jahr für Jahr, versteinerten Herzen Bot für die Welt zu entlocken! 'Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott' - sagt man bei euch doch gern. Und so ist es doch nun mal im Leben, daß erst das Fressen kommt, und dann die Moral. Zynisch findet ihr das?! Dann sperrt doch mal die Auge auf, geht mal in den Sudan oder die Favelas von Sao Paulo! Dann werdet ihr sehen, daß in Wahrheit ihr die Zyniker seid, wenn ihr meint, das Bekenntnis zu eurem Gott im Himmel, sei das erste und der Einsatz für eine gerechtere Welt erst das zweite."

Wahrscheinlich würden wir erst einmal betreten schweigen. Bis nach einer Weile sich jemand ein Herz fassen und vielleicht so dagegen halten würde:

"Natürlich müssen wir Brot für die Hungernden besorgen, keine Frage! Das hat Jesus auch gewußt. Aber die Frage ist doch, worauf man sich im letzten verläßt. Worauf ist wirklich Verlaß, nicht nur im Leben, sondern auch dann, wenn einem auch das Brot nicht mehr hilft: im Sterben? 'Worauf du dich eigentlich verläßt, das ist dein Gott', hat Martin Luther gesagt.

"Brav zitiert", könnte der Versucher uns entgegnen. "Immer gut, wenn man den Katechismus parat hat. Aber noch lange nicht überzeugend. Die Wichtigkeit der materiellen Basis könnt ihr doch gar nicht wegreden. Bis heute ist meine Empfehlung die einzig vernünftige: verlasst euch aufs Brot! Seht zu, daß ihr genügend Energiereserven habt, Öl und Gas. Paßt auf, daß euer Bruttosozialprodukt nicht absinkt. Ihr redet doch immer davon, daß ihr euren Wohlstandhalten wollt. Der Mensch muß satt werden, muß Geld haben für ein anständiges Leben. Ihr sagt doch immer, daß einem nichts geschenkt wird im Leben. Also bei Licht besehen ist euer Jesus doch ein weltfremder Phantast! Du sollst Gott allein dienen und sonst keiner anderen Macht?! Wie naiv!"

Soweit die imaginierten Worte des "Versuchers" zu uns Heutigen. Und nicht wahr, eigentlich wirken seine Argumente gar nicht teuflisch. Sondern eher allzu menschlich. Gesunder Menschenverstand. Ich denke jedenfalls, wir hätten ihnen ehrlicherweise nicht allzu viel entgegenzusetzen. Denn unser in die Ungerechtigkeiten dieser Welt kräftig mit hinein verstricktes Leben zeigt nur zu sehr, daß er mit seinen Argumenten so falsch nicht liegt.

III.

Liebe Gemeinde, sicher kennen manche von Ihnen die großartige Erzählung von Dostojewski vom Großinquisitor. Die ist nichts anderes als ein Kommentar zu unserer Versuchungsgeschichte, voller Tiefsinn und Ironie. Sie erzählt, Jesus sei nach 1500 Jahren noch einmal auf die Erde gekommen. Nach Spanien, zur Zeit der Inquisition. Die Menschen erkennen Jesus und umjubeln ihn. Aber der Kardinal, der Großinquisitor, der über die Reinheit der kirchlichen Lehre wacht, läßt Jesus festnehmen. Im Dunkel der Nacht sucht er ihn heimlich im Kerker auf und führt ein langes Gespräch mit ihm.

Und sagt dabei: "Das war schon großartig, Jesus, wie du damals in der Wüste dem Satan Paroli geboten hast. Großartig für dich und die paar hundert Heiligen, die charakterstark genug waren, auch so zu leben. Aber an die Millionen anderer, die doch auch wichtig sind, hast du nicht gedacht! Denn der Mensch ist von Natur aus schwach. Das lehrt und doch die Geschichte der allerersten Menschen, mit ihren bitteren Konsequenzen. Der Mensch braucht das Brot. Er braucht Wunder, die sich von Zeit zu Zeit erfüllen. Er braucht Macht, Autorität. Starke, überzeugende Führer, an denen er sich orientieren kann, die ihm zeigen, wo es lang geht. Ohne reale Macht, die sich auch durchsetzen kann, kommst du nicht aus, Jesus." Und dann sagt der Großinquisitor: "Jesus, nur damit du es weißt: Wir haben uns längst auf die Seite des Versuchers gestellt. Weil der die Menschen besser, realistischer eingeschätzt hat. Deshalb haben wir bei uns einen Papst, haben wir Kardinäle, Bischöfe, Oberkirchenräte und Dekane." -

Soweit also Dostojewski. Sicher sehr zugespitzt, wie er diese Geschichte deutet. Aber fromme Empörung darüber ist absolut unangebracht. Denn nicht nur die Versuchungsgeschichte hält uns einen lehrreichen Spiegel vor. Die Bibel selber tut es auch. Denken Sie nur an den Predigttext vom letzten Sonntag. Jesus vertraut seinen Jüngern plötzlich das Geheimnis an, er werde keinen weltlichen Erfolg haben, sondern den Weg des Leidens gehen und sterben müssen. Woraufhin, wie so oft, der Großsprecher Petrus das Wort nimmt, seinen Herrn geradezu bedroht und schreit: "Leiden? Du?? Niemals, das kann mir dir nicht sein!" Jesus reagiert, indem er seinen leidenschaftlichen Gefolgsmann anschreit mit den Worten: "Weg mit dir, Satan!" (Mk 8,33).

Petrus, uns allen an Glaubensernst und Engagement in der Nachfolge weit voraus, Petrus also auf der Seite des Versuchers. Wird selber Satan genannt. Weil er sich Jesu Absage an die weltlichen Methoden der Macht schlechterdings nicht vorstellen kann. Weil er sich Gottes neue Welt, die sein Meister ankündigt, nicht anders denken kann als daß sie sich triumphal, für alle überwältigend sichtbar durchsetzt gegen die alte, schlechte Welt.

IV.

Und damit, liebe Schwestern und Brüder, sind wir am entscheidenden Punkt. Wenn der Satan - oder wie immer wir dieses Phänomen nennen möchten - schon so nah an Petrus dran ist, wie sehr mag er dann erst uns auf den Leib rücken. Ich denke, wir stehen viel öfter, als wir ahnen, selber auf der Zinne des Tempels und sagen: Los, Jesus, spring, damit wir wenigstens einmal einen hieb- und stichfesten Beleg haben, daß deine Sache tragfähig ist, daß es sich lohnt, an dich zu glauben! Damit wir nicht immer wieder gegen den Augenschein glauben und daran verzweifeln müssen, daß so vieles in der Welt gegen dich spricht. Und liefere uns einen solchen Beweis doch möglichst schnell, so wie wir's brauchen! Eben so, wie es der Versucher damals von Jesus wollte.

Denn in Wahrheit, liebe Gemeinde, ist dieser sogenannte Satan nichts anderes als unser allzumenschlicher Drang, bloß nicht ins Offene, Ungesicherte zu gehen, alles sicherzustellen und die Welt, unsere Mitmenschen und auch uns selbst in Schubladen einzusortieren. Das Unerwartete, das Bruchstückhafte, das unsere Kalkulationen sprengt - das scheut der Teufel wie das Weihwasser. Der Teufel sitzt ja im Detail, wie man so sagt. Im Detail, also da, wo wir es meistens übersehen, verbirgt er sei teuflisches Wesen, um gerade so sein Unwesen zu treiben. Aber eben dieses Detail, in dem er sich eingerichtet hat, das ist nichts anderes als - wir selbst.

Diese Figur, angeblich mit Hörnern, Schwanz und Pferdefuß, das ist nichts anderes als etwas, das in jedem von uns sitzt. Gerade weil wir uns den Teufel, das Böse als den Un-Menschen schlechthin vorstellen müssen, läßt er sich so gerne im Menschen nieder. Ohne den Menschen, ohne uns ist er gar nichts, eine klägliche Null. Wie ein Parasit, um existieren zu können, etwas anderes braucht, eine Niederlassung, wo er sich einnisten kann, so auch der Böse. Er lebt davon, sich in uns breit zu machen, das Unterste nach oben zu kehren, um seine Niederlassung planvoll zu verwüsten und so mit Methode aus Menschen Unmenschen zu machen. Deshalb ist das Unmenschliche teuflisch, ist die Unmenschlichkeit in all ihren Formen die Hölle auf Erden.

"Weg mit dir, Satan!", daß heißt dann auf jeden Fall: den Unmenschen, der in jedem von uns irgendwie auch drin steckt, bekämpfen. Und das tun wir am besten immer noch dadurch, daß wir versuchen, uns auf den Menschen in uns zu verlassen. Ein Kapitel weiter, in der Bergpredigt, lesen wir die merkwürdige Forderung Jesu: "Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Teufel." Das heißt doch wohl: ein Mensch, der Ja sagt, aber Nein meint, ist unzuverlässig. Ein unzuverlässiger Mensch macht aber auch seine Mitwelt chaotisch. Wo das passiert, wo man sich auf nichts und niemanden mehr verlassen kann, das ist wirklich - der Teufel los. Verlassen wir uns dagegen auf Gott, dann verlassen wir uns auf den Menschen in uns, nicht auf den Unmenschen. Das, denke ich mir, hat Jesus gemeint, also er dem Teufen erwiderte, daß wir allein Gott dienen sollen.

Martin Luther hat in seiner sehr derben Sprache empfohlen, daß wir, wenn der Teufel uns anfallen will, am besten einen kräftigen Furz in seine Richtung ablassen sollen. Zwischen uns Menschen ist das eine Unart, das tut man nicht. Aber auf das Verführerische in uns, auf das, was unseren Glauben an sichtbaren Ergebnissen, an Beweisen und Erfolgsmeldungen festmachen will, darauf ist der Gruß aus dem Götz von Berlichingen eine wirklich passende Antwort. Und der Teufel, der mag dahin fahren, von wo er kommt und wo er hingehört!

Amen.

Lieder: