Sonntag Okuli, 15.3.09, Christuskirche

Predigt: Lk 9,57-62

Liebe Gemeinde,

sehr radikale, kaum nachvollziehbare Worte Jesu bekommen wir heute zu hören. Sie entstammen der sog. Logienquelle, einer Sammlung von Jesus-Worten, die neben dem Mk-Ev für Mt und Lk als Quelle dienten. Unser Predigttext steht in Lk, Kap. 9. Jesus ist mit den Seinen unterwegs nach Jerusalem. Bereits zum zweiten Mal hatte er von seiner Passion gesprochen, die ihn dort erwartet. Eben waren sie durch Samarien gekommen. Dort wurden sie nicht aufgenommen. Von dort wandern sie weiter Richtung Süden.

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst.

Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach!

Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.

Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.

Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Liebe Gemeinde,

ich habe heute drei Gäste eingeladen. Sie werden erzählen, was sie erlebt haben mit diesem Jesus und seinen Leuten. Immer wenn ein Gast seine Erzählung beendet hat, stimmen wir ein in den Liedvers, der unserem heutigen Sonntag den Namen gegeben hat: Oculi nostri ad dominum Deum. Nr. 789.5.

Einen schönen guten Tag Ihnen allen. Meine Güte, was war ich fasziniert von diesem Wanderprediger, der mit Frauen und Männern durch unser Land zog. Sein Ruf eilte ihm voraus. Dieser Jesus war etwas ganz Besonderes. Fast alle, die ihm begegneten, spürten das. Der zeigt uns, wie Gott selber ist. Der spricht mit Vollmacht. Was er sagt, zeigt Wirkung. Dieser Rabbi hatte eine einmalige Art, uns die Schriften auszulegen. Was er zu sagen hatte, war ungemein attraktiv. Wir bekamen ein ganz neues Verständnis für Gott und seinen Willen. Ein tiefes Gefühl, angenommen zu sein, verhalf dazu, andere anzunehmen. Es entstanden damals Gemeinschaften, die ganz von diesem Geist Jesu beseelt waren, in denen es offen und ehrlich zuging, in denen etwas von dem liebevollen Blick dieses Jesus wider strahlte.

Neben den Gemeinschaften an einem festen Ort gab es auch diejenigen Gruppierungen, die durch das Land zogen. Bei uns gab es damals viele solcher charismatischer Gruppen. Sie lebten extrem radikal, ganz neu verwirklichten sie revolutionäre Werte, die die Gesellschaft gerechter machen sollten.

Was war ich fasziniert! Da wollte ich dazu gehören. Diesem charismatischen, geistbegabten Jesus und den Seinen wollte ich mich anschließen. Also bat ich Jesus: Ich will Deine Wege mitgehen. Das war unüblich. Denn anders als die anderen Rabbis berief Jesus seine Leute von sich aus. Nun denn: Ich habs probiert.

Über die Reaktion bin ich erschrocken: "Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege." Ein Leben ohne Höhle, in die ich mich zurückziehen kann. Verzicht auf jede Form von Sicherheit. Ein Leben ohne Dach über dem Kopf. Kein wärmendes Nest mehr, das mir Geborgenheit schenkt. Warum diese Radikalität? Warum sollte ich ein so ungemütliches Leben wählen? Sie können mir glauben: Mir schossen viele Fragen durch den Kopf. Ich war irritiert. Ich musste mir nochmals ganz neu Klarheit darüber verschaffen: Will ich diesem Menschen wirklich nachfolgen? Ist das, was er zu bieten hat, so attraktiv, dass es Sicherheit und Nestwärme aufwiegt? Wie viel sind mir Freiheit und die Weite des Himmels wert? Ich hab nochmals ganz neu meinen Blick auf ihn gerichtet, ihn angeschaut, um herauszufinden, wer er ist und ob es sich lohnt, dass ich mich an ihn halte. Auch Sie lade ich dazu ein: Immer neu den Blick auf ihn zu richten. Mit der Zeit werden Sie immer vertrauter werden mit dem Geheimnis des Lebens und dem Geheimnis der Liebe, das dieser Jesus erschlossen hat. Lassen Sie sich darauf ein. Nehmen Sie selbst wahr, was passiert, wenn Sie ihn regelmäßig anschauen.

Kehrvers: oculi nostri (789.5)

Schalom! Friede sei mit Euch! Mehr aus der Ferne habe ich diesen Wanderprediger und seine Leute beobachtet. Seine Botschaft vom Reich Gottes: Sie brachte viel zum Klingen in mir. Als jüdischer Mensch hoffte ich intensiv auf dieses Reich. Einmalig, wie dieser Jesus davon erzählte. Und wie seinen Worten Taten folgten. Uns wurde klar: Das Reich Gottes, auf das wir so sehnsüchtig warteten, das bedeutet umfassende Befreiung. Es heilt die Wunden, die das Leben geschlagen hat. Menschen werden innerlich und äußerlich aufgerichtet. Sie werden frei von den Zwängen, in denen sie gefangen sind.

Wie gesagt: Fasziniert war ich durchaus. Doch zugleich hielt ich Distanz. Da war auch Skepsis im Spiel. Ob das wirklich der von uns erwartete Messias ist? Es gab ja so viele, die mit einem ähnlichen Anspruch auftraten.

Sie können mir glauben: Es war ein regelrechter Schock, als dieser Jesus mich dann plötzlich aufforderte: "Folge mir nach!" Mein Vater war gerade gestorben. Ich hatte ihn noch nicht bestattet, wie das heilige Pflicht bei uns Juden ist. Und innerlich hatte ich diesen Verlust auch noch nicht verarbeitet. Das sagte ich Jesus auch: "Erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe." Ich wollte mir ein wenig Luft verschaffen. Meiner Skepsis Raum geben. Bedenkzeit brauchte ich.

Was dann kam, hat mich zutiefst erschreckt: "Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!" Dieser Jesus spürte mein Zögern. Meine Skepsis. Im Nachhinein gebe ich zu: Ich fühlte mich ertappt. Ich hatte gesagt, dass ich zuvor noch etwas zu erledigen hätte. Ich glaube, dieses "zuvor" hat ihn zu dieser schroffen Rede veranlasst. "Jetzt sofort, augenblicklich", schien die Devise dieses Jesus zu sein. Das Reich Gottes duldet keinen Aufschub. Es hat Vorrang vor allem anderen. Da gilt kein: Zuvor muss ich noch dies und das erledigen. Selbst der Abschied von den Eltern muss längst vollzogen sein. Eine radikale Freiheit für den Augenblick - darum ging es Jesus. Der Augenblick: die verdichtete Zeit, diese andere Qualität von Zeit; der Augenblick, der sich nicht festhalten lässt. Diese Episode hat mich in meinem späteren Leben veranlasst, möglichst immer im Augenblick zu leben, und nicht in der Vergangenheit oder Zukunft. Präsenz wurde mir zunehmend wichtig. Meine Augen haben immer wieder auf diesen Jesus geblickt und ich habe mich auch dafür geöffnet, dass er mich anblickt. Mit seinen Augen der Liebe. Zu solchen Augen-Blicken will ich Ihnen gerne Mut machen.

Kehrvers: oculi nostri (789.5)

Seien Sie gegrüßt! Ich bin auch einer von denen, die sich von Jesus und den Seinen begeistern ließen. Seine Botschaft vom Reich Gottes, von diesem Raum, in dem Gott selbst präsent ist, diesem Raum, in dem Gottes Liebe die Wände sind, die einen umgeben - diese Botschaft begeisterte mich. So bat ich darum, nachfolgen zu dürfen. Ich wollte mitgehen. Doch auch bei mir gab es ein "zuvor". Bibelfest wie ich war, erinnerte ich daran, wie Elisa von Elija, dem Propheten, berufen wurde. Elisa war gerade mit dem Pflügen beschäftigt, als Elia kam und ihm seinen Mantel überwarf. Elisa nahm die Aufforderung an und folgte Elia nach. Doch zuvor nahm er noch von seiner Familie Abschied. Das wollte ich auch gerne tun, Abschied nehmen, bevor ich mich dieser charismatischen Wanderbewegung anschloss. Dieser Jesus war auch bibelfest. Er wusste, dass Elisa bei seiner Berufung durch Elia gerade beim Pflügen war. Deshalb griff er dieses Bild auf. Seine deutliche Antwort hat mich irritiert: "Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes." In gewisser Weise muss ich diesem Jesus recht geben. Man kann nicht gut pflügen, wenn man dabei zurückschaut. Beim Pflügen muss auf den Weg schauen. Sonst übersieht man leicht große Steine, die den Pflug zerstören. Oder man kommt vom Weg ab. Und ich hatte ja bereits die Hand am Pflug. Ich hatte bereits erklärt, dass ich neu anfangen will. Dieser Jesus wollte deutlich machen: Das Reich Gottes liegt nicht in der Vergangenheit. Deshalb: Dreh dich nicht um, blick nicht zurück. Das Reich Gottes kommt uns aus der Zukunft entgegen. Es kommt auf uns zu. Wir sollen vergessen, was hinter uns liegt, uns nach dem ausstrecken, was vorne ist. Das Reich Gottes als zukünftige, auf uns zukommende Größe - dafür wollte Jesus sensibilisieren. Ich fand das damals sehr hart. Erst danach habe ich gemerkt, wie oft ich zurückblicke. Wie oft ich in der Vergangenheit verweile. Wie schwer es mir fällt, loszulassen: schöne Erlebnisse, andere Menschen, erlittene Kränkungen. Dieser Jesus hat mich gelehrt, den Blick nach vorne zu richten, ihn und sein Reich in den Blick zu nehmen. Dass Gott uns entgegen kommt - das hab ich erst durch diese neue Sichtweise mehr und mehr begriffen. Dazu will ich auch Sie anstiften: zu dem achtsamen Blick auf das Kommende, auf Gott selbst, der im Kommen ist.

Kehrvers: oculi nostri (789.5)

Liebe Gemeinde,

mit drei Erfahrungen wurden wir konfrontiert. Wir sind hier in diesem Gottesdienst versammelt, weil wir in irgendeiner Form gerufen wurden. Wir sind hier versammelt, weil wir zu Jesus Christus gehören und ihm nachfolgen wollen. Die Herausforderung bleibt. Wir können diese Worte nur hören und annehmen, wenn wir uns bewusst machen: Sie sind gesprochen von einem, der vom Reich Gottes her sieht und der uns durch und durch kennt. Schenken wir uns eine Zeit der Stille. Ein paar Atemzüge des Nachdenkens, eine Zeit der Kontemplation, der Beschauung, in der wir auf Jesus Christus schauen und uns von ihm anschauen lassen.

[Stille]