Sterben, um zu leben - Predigt über Johannes 12, 20-26

Lätare - 22.03.2009, Christus- u. Petruskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

"Es waren aber einige Griechen, die baten: Wir wollen Jesus gerne sehen!" - Ich möchte Ihnen Alexander und Herakles vorstellen. Sie kommen aus Philippi in Nordgriechenland. Als wohlhabende Kaufleute sind sie viel herumgekommen und haben eine Menge von der Welt gesehen. Reisen bildet bekanntlich, und so sind sie auch geistig wach und up to date. Sie sind bewandert in ihren großen Philosophen. Aber dabei haben sie auch die Erfahrung gemacht, daß die vielen tiefsinnigen Erklärungen, die sie dort gelesen haben, nur immer wieder neue Fragen hervorgebracht haben. Irgendwann haben sie dann Antworten in den Tempeln ihrer Götter gesucht. Doch das Orakel schwieg, die Götter erschienen tot. Und nun wollen sie erfahren, was eigentlich andere Religionen an Antworten auf die Frage nach dem den Sinn des Lebens anbieten. In Alexandria haben sie einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde kennengelernt. Die raten ihnen, mal nach Jerusalem zu gehen. Dort gebe es einige wichtige theologische Schulen mit klugen Lehrern. So arrangieren die beiden eine Geschäftsreise nach Jerusalem. Dort herrscht gerade helle Aufregung. Ein toter Mann namens Lazarus sei von einem vagabundierenden Rabbiner namens Jesus wieder zum Leben erweckt worden. Die Gerüchteküche brodelt. Natürlich weckt das Neugier bei Alexander und Herakles. Sie möchten diesen Jesus sehen, ihn persönlich kennenlernen.

Dieser von Johannes eher beiläufig notierte Vorgang markiert übrigens eine bedeutende Zäsur. Zum ersten Mal bekommt es Jesus mit heidnischen Griechen zu tun. Das bedeutet nicht weniger als: Das alte Europa klopft an seine Tür! Hier deutet sich zum ersten Mal an, was später mit dem Missionsbefehl des Auferstandenen und dann mit dem Schritt des Völkerapostels Paulus über das ägäische Meer hinüber nach Griechenland zum weltgeschichtlichen Faktum werden wird: Jesus und seine Botschaft bleiben nicht in der Regionalliga, sondern die Christen werden Global player, deren Glaube vor keinen Völker-, Klassen- und Religionsschranken haltmacht. Dazu paßt auch, daß wenige Verse vorher berichtet wird, wie Jesus noch einmal, ein letztes Mal im Tempel war und dann die Tür zu diesem Symbol seines eigenen Volkes hinter sich zumacht.

I.

Aber das deutet sich hier nur ganz schemenhaft an. Denn ob unsere beiden griechischen Kaufleute wirklich eine umwälzende Erfahrung mit Jesus machen konnten, die ihr Suchen nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, in ein neues Licht gestellt hat - darüber schweigt sich der Evangelist seltsamerweise aus. Es scheint ihn gar nicht zu interessieren. Oder es interessiert ihn nur insoweit, als er die armen Griechen gleichsam zu Figuren macht, die eine bestimmte Rolle zu spielen haben in dem Drama, das längst unaufhaltsam um Jesus abläuft. Anders nämlich würde die so eigenartige Antwort keinen Sinn machen, die Jesus auf den Wunsch der Griechen gibt: "Die Stunde ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht werde". Das ist eine in rätselhafte Sprache gekleidete schroffe Zurückweisung. Aber warum nur? Was könnte Jesus gegen den Wunsch der Europäer haben, ihn kennenzulernen? Könnte es nicht sein, daß sich in denen Engel verbergen, die ihm im Auftrag des Vaters sagen sollen: Wende dich jetzt, nachdem Du von deinem eigenen Volk so viel Ablehnung erfahren hast, den Völkern und Nationen zu! Was soll's, wenn die Tür zum Tempel zugegangen ist, die Tür zu den Heiden, das große weite Völkertor steht dir offen! Laß Jerusalem Jerusalem sein, die Welt ist groß und überall warten Menschen auf dich! Wer den Puls der Geschichte fühlen will, muß Geduld haben, dann aber - wie Helmut Kohl vor 19 Jahren - die Chance der Stunde erspüren und zupacken können.

Und Jesus begreift das - aber völlig anders als die anderen. "Die Stunde ist gekommen": in der so naheliegenden Perspektive des großen Durchbruchs erkennt Jesus Sirenenklänge. GÄhnlich denen, die seinerzeit, ganz zu Beginn, jener Dunkelmann in der Wüste angestimmt hat, der Jesus partout von seinem Weg nach unten abbringen wollte. Oder wie Petrus, der partout nicht akzeptieren kann, daß Jesus nicht den Weg des geschichtlichen Triumphes gehen wird und dann von Jesus so richtig zur Schnecke gemacht wird: "Weg mit dir, Satan!" So auch hier. Jesus spürt: das Verführerische an dem Besuch der Griechen liegt darin, daß sie einen verlockenden Ausweg zeigen, einen Weg, der nicht zum Kreuz führen würde, sondern zu Triumphen am Kreuz vorbei. Vielleicht ist ihm in diesem Moment jene alte dunkle Geschichte aus der Bibel seines Volkes durch den Kopf gegangen, wo der, den er als seinen Vater erkennt, dem Abraham im letzten Moment, als der schon das Messer gezogen hatte, um den eigenen Sohn zu opfern, einen schonendes "Halt!" zugerufen und ihm an der Stelle des Sohnes ein Opfertier hingehalten hat. Vielleicht hat ihn die Frage verlockt: könnte es nicht auch mit mir so glücklich ausgehen?

In diesem zugespitzten Moment drängt sich Jesus wie ein Rettungsanker gegen die Verlockung ein Gleichnis aus der Natur auf. Das Weizenkorn, das nicht in die Erde fällt und erstirbt, bringt keine Frucht. Natürlich gibt es auch Weizenkörner, die nicht als Saatgut verwendet werden und in die Erde kommen, sondern direkt zu Brot verarbeitet werden, ohne vorher zu verfaulen. Sie sind nicht unnütz. Aber um im Bild zu bleiben, sie "bleiben allein", sie vermehren sich nicht. Fruchtbarkeit und Vermehrung kommt nur aus dem Weizenkorn, das sich in die Erde, und damit in die Fäulnis und den Tod hineinsenken läßt. Wie anstößig das ist, wird einem klar, wenn man an die Zeiten denkt, die die Alten unter uns nach dem Krieg erlebt haben. Da wurden kostbare Körner, die die ausgehungerten Leute hätten satt machen können, in die Erde geworfen und "erstarben" dort. Hätte man nicht gewußt, daß daraus etwas entsteht, wäre das gemeingefährlich gewesen. Es gab ja auch Leute, die sich seinerzeit am Saatgut vergriffen haben. Die Vernunft aber wurde dann durch die Ernte des nachfolgenden Jahres belehrt. Das Samenkorn muß absterben, wenn es sich vermehren soll.

II.

Merken Sie, liebe Freunde, wie dieses Bild jetzt zu sprechen beginnt im Blick auf Jesus und seine Lage in Jerusalem? Er könnte jetzt schon zu den Griechen gehen und missionarische Triumphe feiern. Aber Gottes Wille weist in eine andere Richtung. Vielleicht auch deshalb, damit Jesu Leute ein für alle Mal lernen, daß das Wort "missionarisch" und das Wort "Triumph" sich nicht vertragen. Das ist wohl gemeint mit diesem so harten Wort, mit dem Jesus das Weizenkorngleichnis deutet: "Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren, und wer sein Leben haßt, der wird's erhalten zum ewigen Leben". Anders gesagt: das Gesetz des Weizenkorns gilt für jeden Christen. Der Weg, den er hinauf nach Jerusalem gegangen ist, der wird bestimmend auch für den Weg der Jünger - und seither für alle, die sich nach ihm nennen. Weil wir hier in Verhältnissen leben, die es uns nicht schwer machen, unseren Glauben zu leben, vergessen wir allzu leicht, daß Christsein eben keine kostenfreie Sache ist, nichts für solche, die nur darauf bedacht sind, möglichst unbeschadet durchs Leben zu kommen. Wir sollen uns weiß Gott nicht als potentielle Märtyrer ansehen. Es ist Gottes Sache, ob und wie sich in unserem Leben das Gesetz des Weizenkorns auswirkt. Aber das Bild, das Jesus hier wählt, soll uns schon darauf einstimmen, daß es nicht einfach ein ungeplanter Defekt, eine vermeidbare Panne in unserem Christenleben ist, wenn wir durchmüssen durchs finstere Tal.

Wenn das Weizenkorngleichnis und der in ihm angedeutete Weg Jesu nach Golgatha uns etwas sagen sollen, dann doch wohl dies: Gott und das Leiden sind kein Gegensatz, sondern gehören zusammen. In der Theorie ist uns das schon irgendwie klar. Aber in der Praxis? Also da, wo es drauf ankommt, daß uns der Glaube eine Hilfe zum Leben und dann auch einmal ein Trost zum Sterben ist? Da sieht es dann doch sehr anders aus. Da sind wir in unseren "Gottesbildern" oft weit von dem Gott weg, wie ihn uns die Bibel nahebringt. Denn wenn eines grundlegend ist für den Gott der Bibel, dann dies: Gott ist immer wieder ganz anders als unsere Bilder von ihm. Gott ist keine Wachspuppe, die man sich nach Bedarf zurechtkneten kann. Gott ist nicht der Zeremonienmeister unserer Familienfeste, auf den man sich am Hochzeitstag, bei der Geburt eines Kindes oder beim Tod eines nahen Menschen mit erbaulichen Empfindungen besinnt, den man ansonsten aber einen guten Mann sein lassen kann. Gott ist auch kein Vertragspartner, bei dem man als Gegenleistung für ein rechtschaffenes Leben seinen Segen einfordern kann.

Viele Menschen meinen ja, Gott müßte so oder so aussehen. Viele haben sehr genaue Vorstellungen davon, wie er zu handeln habe. Und wenn er dann nicht so ist, dann ist man entrüstet, dann ist Gott im Unrecht - und am Ende gibt es ihn wohl gar nicht. Das kann Gott, wenn es ihn denn gibt, doch nicht zulassen - jedenfalls nicht bei mir! Ich habe das doch nicht verdient! Gerade in diesen Tagen, nach dem Schrecken von Winnenden, haben viele gefragt: "Wo war Gott denn? Wenn es ihn wirklich gäbe, dann hätte er das doch nicht zugelassen!" Ich kann das gut verstehen - und finde es doch zu einfach. Es ist nicht Gottes Verantwortung, wenn ein schrankenlos liberalisierter Markt dauernd Computerspiele produziert, in denen brutalste Gewalt regiert, und wenn Eltern es zulassen, daß ihre Kinder immer mehr diese dunklen Welten eintauchen. Nein, nicht Gott ist von uns Menschen weggegangen, sondern wir gehen von Gott weg.

Aber eben, unser selbsterdachter, ein vorgestellter Gott kann natürlich nicht zulassen, was für uns unzumutbar ist. Gerade die, die Jesus die Nächsten waren, die Jünger, haben deshalb bis zum bitteren Ende den Weg Jesu nicht akzeptieren können. Und als ihr Herr hilflos am Kreuz verblutete, da hielten sie es nicht mehr aus und sind in alle Himmelsrichtungen auseinandergerannt, nur darauf bedacht, die eigene Haut zu retten. So werden die Jünger zum Bild für die Gemeinde aller Zeiten, die immer wieder in der Versuchung steht, von Jesus wegzugehen, sich in der Behaglichkeit einer Religion einzurichten, in der Jesus nicht mehr ist als der sanfte Therapeut, der jedem wohl und keinem weh tut, und uns wärmt wie ein Kuscheltier. Nein, wir kommen an der Härte dieses Satzes nicht vorbei: "Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren, und wer sein Leben haßt, der wird's erhalten zum ewigen Leben".

III.

Von außen betrachtet muß eine solche Aussage wohl pervers klingen. Ich will leben, ich will nicht sterben, sagt doch der gesunde Menschenverstand in jedem von uns. Was meint Jesus mit diesem bedrohlichen Wort? Was reitet ihn, die grundlegende Ordnung von Leben und Sterben in Frage zu stellen?

"Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren, und wer sein Leben haßt, der wird's erhalten zum ewigen Leben". Was von außen so radikal aussieht, finde ich in seiner inneren Logik eigentlich sehr einfach. Denn dieses Wort rechnet damit, daß es neben und jenseits der irdischen Kategorien noch eine andere Wirklichkeit gibt, die Welt Gottes eben. Und wenn diese mächtige Kraft, die von außen kommt, in ein Leben eingreift, dann kann es eben geschehen, daß sich die Verhältnisse auf den Kopf stellen: daß einer seine Familie verläßt; daß ein schwer Suchtkranker gesund wird; daß jemand, der immenses Vermögen angescheffelt hat, auf seinen Besitz verzichtet.

Leben, liebe Gemeinde, heißt ja immer auch: in Trennungsprozessen drinstecken. Um der Selbstfindung willen. Um der Gefühle willen. Um der Karriere willen. Und nicht zu vergessen: Um des Todes willen werden wir einmal alles verlassen müssen, was uns lieb ist. Warum soll es da keine Trennungen geben, die um Gottes willen notwendig und sinnvoll sind? "Wer sein Leben lieb hat...": Vielleicht lautet dieser Satz heute in unserem Lebenskonzept etwas anders. "Wer das Geld mehr liebt als mich" - "Wer die Institution Kirche mehr liebt als mich" - "Wer ein gesichertes Leben mehr liebt als mich" - "Wer seine Idealbilder mehr liebt als mich"... Ich denke, irgendwann schlägt für jeden von uns die Stunde, in der uns eine Variante des Rufes Jesu erreicht. Jesus hat ja selber mehr als einmal Trennungen vollzogen - von seiner Familie zunächst, dann von seinem Lehrer Johannes dem Täufer -, und die werden auch ihm schwer gewesen sein. Und am Ende münden sie in die schlimmste Trennung überhaupt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Aber in demselben grausigen Moment hat er auch Trennungen aufgehoben. Zu dem, der als Verbrecher neben ihm hing, ihn aber als Gottessohn erkannte, hat er gesagt: "Wahrlich, noch heute wirst du mit mir im Paradies sein" (Lk 23,43).

Oder dasselbe noch einmal ganz anders gesagt: Jede Geburt ist auch ein Stück Sterben. Das gilt auch im ganz unmittelbaren Sinn: Die Mutter empfindet es so, wenn sie unter wahnsinnigen Schmerzen das Kind aus ihrem Körper hinaus und in diese Welt hinein preßt. Und das Kind fühlt es erst recht, denn es möchte ja in der paradiesischen Wärme und Geborgenheit des Mutterbauches bleiben, wo es ihm an nichts fehlte. Das buchstäbliche Licht der Welt, in das es gegen seinen Willen befördert wird, muß ihm zunächst grell und feindlich erscheinen. Und genau das, dieses Ineinander von Sterben und Geborenwerden ist, so sagt es der Apostel Paulus, auch das Geheimnis der Taufe, die wir heute bei Jakob gefeiert haben. Mit Christus stirbt das Alte, Ewiggestrige, Abgründige in mir, es wird im Wasser der Taufe ertränkt - und als ein ganz neuer, porentief rein gemachter Mensch stehe ich mit Christus aus diesem Wasser wieder auf. "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt..."

Zum Schluß fällt mir Dietrich Bonhoeffer ein - dessen ungewöhnlicher Lebenslauf ein eindrucksvolles Zeugnis dafür ist, daß Leben und Christsein heißt, Trennungen zu vollziehen. Dem Bericht des Lagerarztes im KZ Flossenbürg, der bei seiner Hinrichtung zugegen war, verdanken wir die Kenntnis der letzten Worte, mit denen Bonhoeffer sich von seinen Mitgefangenen verabschiedet hat: "Das ist das Ende - für mich der Beginn des Lebens". Wer so sterben kann, der hat wirklich gelebt. Gebe Gott, daß auch wir unser Leben nicht einfach festhalten, sondern es als Gabe für andere einsetzen. Dann werden Früchte daraus wachsen, die uns und anderen gut tun.

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,

Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt -

Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:

Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Amen.

Lieder: 76,1+2 / 65,1+5+7 / 396,1-3+6 / 98,1-3 / 643,1-3