Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages - Predigt über Römer 13, 11-14

1. Advent - 29.11.2009, Christuskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

Nachher singen wir das schöne Adventslied "Die Nacht ist vorgedrungen", das diesen Paulustext buchstabiert. Es ist ein Hoffnungslied - geschrieben von einem, dem in der Zeit, als er es dichtete, immer hoffnungsloser zumute war. 1942 wurde Jochen Klepper mit seiner jüdischen Frau und Tochter von den Nazimachthabern in den gemeinsamen Selbstmord getrieben. Seine Tagebuchaufzeichnungen "Unter dem Schatten deiner Flügel" gehören zu den Büchern, die ich immer wieder in der Adventszeit zur Hand nehme. Zum 1. Advent des Jahres 1941 notiert Klepper: "Der Gedanke ist einem nun schon vertraut, daß diese Adventszeit der letzte Abschnitt unseres Lebens sein könnte. Der furchtbare Bruch liegt darin, daß wir durch einen schuldbeladenen Tod zu Gott wollen, wo der Herr doch verheißen hat, zu uns zu kommen. Das Unfaßlichste ist, daß unser Herz so erfüllt ist vom nahenden Advent. Größeres als der Glaube ist uns nicht begegnet."

Für sein Lied hat Jochen Klepper die Worte des Apostels Paulus in unserem Text umkreist. Viermal hält er inne bei dem Wort "Nacht": Sie ist "vorgedrungen", sie ist "schon im Schwinden" - und dennoch: "Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld". Das können wir wohl am ehesten mitsingen. Wir spüren ja, wenn wir ehrlich sind, wie sehr noch Nacht ist in dieser Welt. "Auch wer zur Nacht geweinet...": Es wird noch geweint - vor Hunger, aus Angst, aus Friedlosigkeit, aus Depression, oder weil man einfach mit dieser vertrackten Welt nicht zu Rande kommt. Die kindliche Gewißheit des Paulus, am Anfang eines Tages zu leben, der keinen Abend mehr kennt, ist uns fremd. "Siehst du denn nicht, lieber Paulus", möchte man ihm ins Wort fallen, "daß immer noch tiefe Nacht ist, daß sie uns lähmt und depressiv macht?"

I.

Da ist heute die erste Kerze angezündet. Aber sie kann unsere Blicke nicht dauerhaft konzentrieren. Sie schweifen immer wieder weg, nach Afrika, wo so viele Lichter ausgehen, nach Nahost, wo in dieser Woche vielleicht ein kleines Hoffnungslicht angegangen ist - sie sehen Terror, Repression, Hunger. Oder unsere Blicke gehen nach innen, und treffen lauter ungestillte Lebenssehnsucht und Angst, zu kurz zu kommen. Wer sehen sie einfach nicht - oder nur so selten -, die Zeichen des anbrechenden Tages. Jetzt stehen wieder die Tannenzweige auf den Tischen und Fensterbänken, und die besinnlichen Artikel auf den Feuilleton- und Gemeindebriefseiten. Aber manchmal schauen wir in uns hinein, und schon schreit das Herz in uns mit dem Propheten Jesaja: "Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab!" (Jes 64,1).

Eigentlich ist da gar kein großer Unterschied zwischen uns in diesem ziemlich nächtlich begonnenen 21. Jahrhundert und den wenigen Christen damals in Rom. Kleine Leute in der Metropole eines großen Weltreiches. Die hatten nicht viel zu lachen in einer Umwelt, in der ein menschlicher Potentat, der Kaiser, begann, sich als Gottheit verehren zu lassen. Das waren Nachtzeiten für die, die da nicht mitgemacht haben. Paulus will ihnen mit seinem Brief Mut machen. Und wenn die Mutlosen depressiv zu werden drohen, kann es manchmal sinnvoll sein, ein bißchen rabiat zu werden: "Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. Laßt uns also ablegen die Werke der Finsternis". Wenn ich diesen Vers höre, kommt mir das Bild einer Mutter vor Augen, die morgens, wenn die Kinder nicht aus dem Bett kommen, ihnen energisch die Bettdecke wegzieht. Zeit aufzustehen - jetzt! Ende der Träume, es ist hell draußen! So auch Paulus: "Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen" - er zieht seinen Leuten in Rom so richtig die Decke weg.

Er ist da durchaus heftig. Das muß wohl so sein, denn in der einen Nacht, da Er verraten ward, da waren ja selbst die Augen der Treuesten der Treuen voll Schlafs. Nacht kann vielfältig sein und an vielen Orten. Nacht kann sein im Krankenzimmer kurz vor der entscheidenden Operation, Nacht kann sein im Inneren eines in der Öffentlichkeit gefeierten, scheinbar erfolgreichen und robusten Sportstars, aber auch unter uns Gesunden hier in der Christuskirche. Für uns alle gilt - und damit sind wir nah beim Evangelium des letzten Sonntags von den auf den Bräutigam wartenden Jungfrauen -: Wir sollen uns den Schlaf aus den Augen reiben, weil Großes bevorsteht!

Wenn wir aufmerksam die Bibel lesen, dann merken wir, daß dieser Tag des Herrn kein Spektakel ist, wie es uns die religiösen Weltverächter und Untergangspropheten gern ausmalen. Wenn der Jüngste Tag, der Tag also, auf den keine Nacht mehr folgen wird, wenn der vor allem der Tag des Weltuntergangs wäre, dann müßte man ihn ja eher "Ältester Tag" nennen. Aber es geht ja darum, daß der, der da kommen wird, diese Welt zwar zum Vergehen bringen wird - aber nicht, um sie zu kaputt zu machen wie einen Gegenstand, der einem verhaßt geworden ist, sondern um alle Dinge von Grund auf neu zu schaffen, um sie gleichsam vom Kopf auf die Füße zu stellen. Und deshalb ist für Paulus das Kommen dieses letzten Richters kein Katastrophenszenario, sondern ein Grund zur Freude. Weil Er "Heil und Segen mit sich bringt", und weil das Reich, das dann kommen wird, eines ist, in dem - im Unterschied zu den Reichen dieser Welt - "Fried und Freude lacht", wie wir's eben mit P. Gerhardt gesungen haben. Es geht nicht ums Spekulieren - wann wird es soweit sein? -, sondern ums Aufwachen. Die Zeit zu wissen geht uns nichts an. Wer ganz gespannt ist vor freudiger Erwartung, hat eh keine Zeit für Rechenspiele.

II.

Liebe Gemeinde, eine Kirche, für die sich die Erwartung des kommenden Herrn auf den "ersten" Advent beschränkt, also die Vorfreude auf das kerzenschimmerumleuchtete Christkind, und die die Perspektive dieses großen zweiten Advents, der endgültigen Wiederkunft Christi, ausgeblendet oder gar für erledigt erklärt hat, um eine solche Kirche wäre es kläglich bestellt. Die wäre dann nämlich tatsächlich das, als was sie viele heute ansehen: ein mittelmäßig wirksamer Verein unter anderen Vereinen, viel zu sehr mit sich und seiner Selbsterhaltung beschäftigt, und verdientermaßen daran sterbend, daß sein Programm einfach zu langweilig ist - weil es sich von anderen Programmen nicht mehr erkennbar unterscheidet. Schauen Sie sich mal die Christentumsgeschichte an, und Sie werden feststellen, daß überall da profilierte und lebendige Gemeinde Jesu war, mit großer Ausstrahlung auf Skeptiker und Distanzierte, wo leidenschaftlich gewartet wurde - nicht auf dieses oder jenes, sondern auf Jesus Christus. Eine Kirche, die diesen Jüngsten Tag gar nicht mehr zu kennen scheint, wird unattraktiv und verwandelt keinen. Um sie herum bleibt die Nacht, in der alle Katzen grau sind.

Leidenschaftliches Warten, das können wir an unseren Kindern beobachten, wenn sie auf ihren Geburtstag, oder aufs Weihnachtsfest oder den Besuch der Lieblingstante hinfiebern, bringt einen in Schwung und macht hellwach. Das Warten auf den kommenden Herrn, der einmal all unserem Tun und Schaffen ein Ende machen wird, macht also nicht gottergeben passiv, sondern im Gegenteil, es macht die Christen munter und vital, und verändert so sie selbst und damit auch die Welt. Hände falten und um das Kommen Gottes beten, das ist das Gegenteil von die Hände in den Schoß legen! Martin Luther wußte, warum er so gern vom "lieben Jüngsten Tag" sprach.

III.

Und dann gibt es unter den Christen ja auch welche, die meinen: Das Gute, das Engagement für eine menschlichere Welt kommt erst dann richtig in Schwung, wenn die Erwartung eines kommenden Herrn als billige Vertröstung durchschaut ist. Nach der Melodie: Wer oft und angestrengt nach oben schaut, sieht nicht mehr, was neben ihm los ist. Was für eine oberflächliche Alternative! Da können wir nur mit Paulus sagen: Das Tun des Guten ist nichts anderes als die sichtbare Gestalt der Erwartung eines Jüngsten Tages. Wer leidenschaftlich auf den hofft, der kommen wird, die Welt zu richten - und das heißt ja: zurechtzubringen -, der wird schon jetzt genauso ernsthaft sich bemühen, diese Welt wenigstens ein bißchen mehr zum Gleichnis des Kommenden zu machen. Wenn uns ein sehnsüchtig erwarteter Gastes ins Haus steht, der uns schon ewig nicht mehr besucht hat, dann bringen wir unsere Wohnung ja auch auf Vordermann.

Was ein ehrwürdiges Dogma der Alten Kirche für das Verhältnis der beiden Naturen Jesu Christi, der menschlichen und der göttlichen, festgestellt hat - daß sie sich nämlich "ungetrennt und unvermischt" zueinander verhalten: das gilt auch für das Verhältnis von Erde und Himmelreich. Sie dürfen nicht miteinander vermengt - aber auch nie voneinander getrennt und gegeneinander ausgespielt werden. Der große schwäbische Pietist Christoph Blumhardt hat es treffend ausgedrückt: "Wer mit einem Bein im Himmel verankert ist, wird mit dem anderen um so fester auf der Erde stehen". Anders gesagt: Wenn wir das Heil weltlos sein lassen, wird uns die Welt darüber heillos.

Vor drei Wochen haben wir den 9. November begangen, den oft so genannten "deutschen Schicksalstag". Landauf, landab hat man sich dankbar der friedlichen Wende vor 20 Jahren erinnert, die an jenem Tag ihren emotionalen Höhepunkt hatte. Zu Recht! Aber es hat mich doch bedrückt, wie sehr über all diesen Feiern die dunkle Seite des 9. November ins Hintertreffen geriet. Das, was nicht vor 10, sondern 71 Jahren in Deutschland geschah. Die Synagogen brannten, und die Christen schauten weg. Und bei nicht wenigen war inwendig in ihnen - klammheimliche Zustimmung. Das, liebe Gemeinde, hat viel mit dieser leider sehr protestantischen unseligen Trennung von Himmel und Erde zu tun. Sie hat den deutschen Protestantismus in eine falsche Richtung geführt. Man mißverstand den christlichen Glauben als Religion der Innerlichkeit. Es zählte allein: "Das Reich muß uns doch bleiben", oder wie es in dem eigentlich wunderschönen Choral "Jesu, meine Freude" leider eben auch, gar nicht so schön, heißt. "Tobe, Welt, und springe, / ich steh hier und singe / in gar sichrer Ruh". Mag also die Welt draußen ausschauen, wie sie will - mögen sie aufrüsten wie die Verrückten, um damit angeblich den Frieden zu sichern, mögen sie mit einer zum Götzen gewordenen neoliberalen Wachstumsideologie die Schere zwischen erster und dritter Welt immer mehr ausweiten und das weltweite Klima darüber zum Teufel gehen - entscheidend ist das innere Klima, der Friede im Herzen. Daß meine Verbindung mit Gott intakt, mein geistliches Leben reich und gesund ist. Wem aber so denkt, der macht das, was Atheisten und Kritiker des Christentum eh behaupten: er läßt den Glauben Privatsache sein. Wir glauben und hoffen aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, nicht nur auf die Erneuerung unserer inwendigen Seele.

Das wäre für mich ein wirkliches Ernstnehmen der Rede von der vorgerückten Nacht, und eine hoffnungsvolle Vision von Kirche heute: wenn die, die treu die "Stunde" ihrer landeskirchlichen Gemeinschaft besuchen, aus dem selben Antrieb auch in der Asylgruppe mitmachen würden; und wenn die, sie sich in der kirchlichen Friedensarbeit, in der Ökologiegruppe engagieren, gerade darum auch zu "Pro Christ" gingen. Wenn also die "Billy-Graham-Christen" und die "Dorothee-Sölle-Christen" zueinander kommen würden, weil sie wissen: Die jeweils anderen stehen auch für etwas, was Kern und Stern unseres Glaubens ist. Dann hätten sie die Absicht des Paulus verstanden, daß der Glaube an den wiederkommenden Herrn nicht aufteilbar ist in Beten und Tun, in Frommsein und Engagement. Beides sind nur zwei Seiten derselben Sache. Deshalb hat es seinen tiefen Grund, daß wir in der Adventszeit, die für die Christen seit jeher eine stille, nach innen gekehrte Zeit ist, "Brot für die Welt" durchführen. Diese Aktion steht ja genau dafür: daß die Hoffnung auf den Kommenden und der Einsatz für das Gegenwärtige untrennbar zusammengehören. Wem Jesus Christus das Brot zum Leben ist, dem kann es nicht gleichgültig sein, wenn dem Bruder, der Schwester das Brot zum Überleben fehlt.

"Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages" - haben die Kirchenväter gelehrt. Die Mitte der Nacht, dafür steht das Datum, das uns alljährlich mit dem Beginn des Kirchenjahrs gegenwärtig wird: der "erste" Advent. Wir feiern ihn, weil Jesus kam, und weil Christus kommen wird: der Mensch auf dem harten Weg von der Krippe zum Kreuz, dessen Zeit begrenzt war, und der Herr der Herrlichkeit, die keine Vergänglichkeit mehr kennt. So weist uns dieser "erste", zeitliche Advent über sich hinaus auf den zweiten am Ende der Zeit, so feiern wir das jährliche Fest als Vorzeichen des ewigen.

IV.

Ich komme zum Ende, indem ich auf den Anfang zurückkomme. Noch einmal die Stelle aus Jochen Kleppers Tagebuch: "Das Unfaßlichste ist, daß unser Herz so erfüllt ist vom nahenden Advent. Größeres als der Glaube ist uns nicht begegnet." Wie gesagt, das wurde in tiefster Nacht geschrieben. Aber der es schrieb, konnte dennoch so überwältigt vom Glauben reden, weil er die Nacht vom Tag, weil er seine dunkle Zeit vom Morgenglanz der Ewigkeit umgriffen wußte. Es ist schon wahr: "Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. / Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld."

Er wandert auch mit uns, liebe Schwestern und Brüder. Insofern ist unser ganzes Leben Adventszeit, Zeit der wachsamen, erwartungsvollen Bereitschaft für Gott. Die Adventskerzen sind mehr als nur Symbole für Wärme und Licht in einer kalten, fahlen Welt. Sie sollen auch Weckzeichen sein, Mahnungen zur Wachsamkeit in einer Zeit, die von Gott nichts mehr erwartet, weil sie ihn selbst nicht mehr erwartet. Aber: Die Adventskerzen, so sehr wir sie lieben und brauchen - uns können sie nicht ersetzen! Die wahren Adventskerzen in dieser Welt - das sind wir. Gott selbst hat uns in unserer Taufe angezündet. Und nun wollen wir unser Licht leuchten lassen.

Amen.

Lieder: 1,1+3+5 / 5,1+4 / 11,1-4 / 16, 1+3+4 / 6,1-3 / 13,1-3