Kapernaum ist überall - Predigt über Markus 2, 1-12

19. Sonntag n.Tr. - 18.10.2009, Christus- u. Petruskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

Zwischen Lähmung und neuem Aufbruch spielt sich ab, was diese im wahrsten Sinn des Wortes bewegende Geschichte erzählt. Etwa so, zwischen Lähmung und Aufbruch zu neuer Bewegung, kommt mir auch unsere liebe Evangelische Kirche vor, acht Jahre vor dem 500jährigen Reformationsjubiläum, und 75 Jahre nach der Barmer Bekenntnissynode. Gelähmt einerseits von Kleinglaube und wenig Zukunftshoffnung, gelähmt von dem nostalgischen Zurückschauen in die Zeiten, in denen die Kirchen voller, die Leute gläubiger und überhaupt vermeintlich alles besser war. Auf der anderen Seite gibt es an diversen Stellen so viele Aufbrüche zu verzeichnen, die zugleich Ausbrüche aus dem allzu Gewohnten sind, den Mut, manche liebgewordenen Traditionen abzubrechen, weil sie bei genauerem Hinsehen nur noch äußerliche Traditionen sind, museal, aber nicht mehr wirklich lebendig. Um nur ein Beispiel zu nennen, das in doppelter Hinsicht nahe liegt: vor zwei Wochen habe ich drüben in der Pauluskirche den fünfjährigen Geburtstag unseres jüngsten Freiburger Kirchenkindes, unserer Profilgemeinde dreisam3 mitgefeiert. Was dort unter dem Motto "Neues Leben in der alten Kirche" in diesen fünf Jahren - in kirchlichen Zeitrhythmus sind das ja nur Sekunden - entstanden ist, das ist einfach begeisternd. Da kann man nicht anders als dankbar feststellen: auf diesem Mut, innovative, zukunftsgerichtete Gemeinde zu sein, da liegt Gottes Segen drauf.

Wie auch immer: ich denke, es tut uns gut, auf diese Geschichte zwischen Lähmung und Aufbruch zu hören, damit wir selber etwas von der Bewegung spüren, die da an einer Straßenecke anfing. In Kapernaum, dem Dorf am See Genezaret, das zu deutsch "Dorf des Trostes" heißt.

I.

Die Bewegung, die unser Text nachzeichnet, fängt nicht bei dem Gelähmten an. Der ist so unbeweglich, wie eine 492 Jahre alte Kirche nur unbeweglich sein kann. Nein, die Bewegung fängt erst an, als sich ein Gerücht ausbreitet. "Schon gehört? Jesus ist wieder da! In dem Haus am Ende des Dorfes soll er sein. Kommst du auch mit? Ich mach schon mal los, damit ich auf jeden Fall in den ersten Reihen dabei bin!" Da gibt es ein Laufen und Rennen, da kommt eine richtige Jesusbewegung in Gang. Der Gelähmte merkt, daß was in der Luft liegt, ein richtiger Event ansteht. Zu diesem Jesus, da würde er auch gern hin. Aber eben, er ist halt unbeweglich. Bei dieser flotten Jesusbewegung hat er von vornherein keine Chance. So bleibt ihm nichts, als traurig auf der Bahre liegenzubleiben, auf die sein Schicksal ihn in jeder Hinsicht festgelegt hat.

Aber dann kommen plötzlich noch vier angelaufen. Die wissen scheints noch gar nicht, was los ist. Der Gelähmte sagt es ihnen. "Was, Jesus ist da? Da müssen wir auch hin. Willst du nicht mit?" - "Ach, nur zu gern - aber ihr seht ja, wie ich hier festliege." Und nun handeln diese Vier anders als all die anderen. Sie lassen nicht alles stehen und liegen, um nur ja in der ersten Reihe zu sitzen, sondern sie überlegen, was da zu machen ist. Sie schauen sich die Bahre an, probieren erst einmal, sie anzuheben, und tatsächlich, bei geschicktem Anfassen läßt sie sich ganz gut hochheben. Und so packen sie zu und ziehen mit dem Kranken los.

Liebe Gemeinde, wir versuchen uns jetzt einfach mal in diesen merkwürdigen Zug mit einzureihen. Alle unsere Fragen und Probleme mit der gelähmten Kirche legen wir gleichsam mit auf die Bahre drauf. Denn die sind sicherlich nicht so erdrückend, als daß die Vier sie nicht auch noch mit zu Jesus schleppen könnten. Die haben ja jede Menge Power. Vor allem aber haben sie offensichtlich ein weites Herz und, wie wir noch sehen werden, ganz schön Phantasie.

Kaum sind sie ans Ortsende gekommen, da sehen sie auch schon die Bescherung. Das Haus ist hoffnungslos überfüllt - wie wenn heute Anselm Grün in die Christuskirche käme. Selbst draußen stehen sie Schlange. Keine Chance mehr, an Jesus noch ranzukommen. Alle versuchen, wenigstens einen kurzen Blick ins Haus zu erhaschen. Dort hat Jesus das Wort. Der Gelähmte kann ihn kaum hören, bei dem aufgeregten Gewusel draußen. Es ist wie so oft: er ist zu spät dran.

Und damit könnten theoretisch auch wir jetzt wieder abziehen, mit unseren Fragen, unseren Zweifeln und Leiden an der gelähmten Kirche. Wenn - ja wenn es eben nicht diese Vier gäbe, deren Phantasie und Ausdauer größer sind als unsere Kurzatmigkeit und Resigniertheit. Not macht erfinderisch: Sie überschreiten kurzerhand alle Konventionen, hieven sie den Gelähmten auf das Dach des Hauses hoch und fangen an, das Dach abzudecken. Man kann sich das ganz plastisch ausmalen, wie sie da über Jesus gekratzt, gebohrt und geschuftet haben, bis das Loch so groß ist, um den Gelähmten hinunterlassen und Jesus direkt vor die Füße zu legen.

II.

Passen wir jetzt auf, was Jesus mit dem Gelähmten tut. Wenn es gut geht, könnte es nämlich, sein, daß dabei auch wir mit unseren Fragen nach der gelähmten Kirche in Bewegung kommen. "Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben." Das sind erstaunliche Worte. In zweifacher Hinsicht.

1. Da heißt es: "Als Jesus ihren Glauben sah..."Es heißt nicht: "Als Jesus den Glauben des Gelähmten sah", und schon gar nicht heißt es: "Als sich der Gelähmte zu Jesus bekehrte" Nein, von irgendeiner Aktivität des Gelähmten, mit der er einen ersten Schritt hin zu Jesus getan hätte, kein Wort. Woher auch sollte er die Kraft dazu nehmen, wo er doch so festliegt?! Es heißt einfach: "Als Jesus ihren Glauben sah..." Also den Glauben der vier Leute, die nicht zuerst gefragt haben: Was bringt Jesus uns? - sondern die fragten: Wen können wir zu Jesus bringen?

Was wäre der Gelähmte ohne diese Vier gewesen? Er wäre wohl noch ewig an seiner Straßenecke geblieben und hätte die große Wende seines Lebens vielleicht nie erfahren. Er wäre so ein Sinnbild für alle geblieben, die von einer bitteren Lebensgeschichte, einer unseligen Kirchengeschichte oder auch einer verklärten Gemeindegeschichte gelähmt sind und keine Vorstellung mehr für die Zukunft entwickeln können. Daß es vier Menschen gibt, die für den Gelähmten eintreten, die für ihn Phantasie und Ausdauer, und das heißt: Glauben aufbringen - das erinnert uns daran, was die Kirche, was eine Gemeinde in Wahrheit lebendig macht. Nicht ihre Gebäude, nicht ihre Vergangenheit, auch nicht ein besonders toller Pfarrer oder so, sondern zwei oder drei oder vier Menschen, die sich in Jesu Namen versammeln und stellvertretend für die trägen oder erschöpften anderen sich nicht davon abbringen lassen zu fragen: Wie können wir einen Weg zu Jesus finden - nicht nur für uns selbst, sondern für solche, deren Geschichte ihnen den Zugang zu ihm viel schwieriger macht als uns? Die durch Enttäuschungen oder Schläge in ihrem Glauben vielleicht regelrecht erstarrt sind? Es gibt nicht nur die Fürbitte, es gibt auch Für-Glaube für die, die selber gar nicht mehr glauben können. Ein solcher Fürglaube ist der Dienst, der uns durch unsere Taufe aufgetragen ist. Er sagt dem anderen: Auch wenn du nicht glauben kannst, Gott glaubt an dich. Das ist unser gemeinsames Ding, das Dach zu öffnen und durch das Loch Verbindung zu Jesus herzustellen.

2. Das zweite, was ich an der Geschichte des Gelähmten erstaunlich finde, ist, daß Jesus zu ihm sagt: "Kind, deine Sünden sind dir vergeben..." Ich stelle mir diesen armen Menschen gar nicht wie ein Kind vor. Aber diese Anrede aus Jesu Mund macht deutlich, daß in ihr bereits die Vergebung anfängt. Vergebung der Sünden, das heißt ja: Dein alter Adam, der alte, unbewegliche Greis in dir, der Menschen und Dinge unabänderlich festgelegt hat und immer wieder nur um die Bestätigung der eigenen Vorurteile kreist, der kann noch einmal jung und beweglich werden. Vergebung der Sünden heißt: Du kannst mit dir selbst und deinem Nächsten, ja sogar mit deiner Kirche noch einmal neu anfangen! Du vergibst dir nichts, wenn du dir vergeben läßt! Deshalb hat Sündenvergebung etwas mit der Anrede "Kind" zu tun - denn Kindsein heißt ja, jeden Tag etwas Neues anzufangen. Kinder, deshalb rühren sie uns so an, sind anfängliche Wesen.

III.

Klar, daß die Schriftgelehrten dagegen Einspruch erheben. Das tun Schriftgelehrten immer gern, wenn Sünden im Namen Jesu so kinder-leicht genommen werden. Sünden vergeben - das darf doch nur Gott allein, und nicht ein Mensch, der ja selber Sünder ist! Sünde heißt doch Trennung von Gott, unüberwindliche Gottesferne. Und die kann logischerweise auch nur von Gott selbst überwunden werden.

Wer wollte bestreiten, daß diese Argumentation theologisch korrekt ist? So haben wir es in unseren Dogmatik-Lehrbüchern gelernt. Echte Schriftgelehrte lassen keine Lücken. Es gibt aber eine Lücke in unserer Geschichte, und die kann auch durch alle Schriftgelehrsamkeit nicht abgedichtet werden. Ich meine die Lücke im Dach des Zöllnerhauses. Daß diese nach erfolgreicher Operation von den Vieren auch wieder ordnungsgemäß geschlossen worden wäre, darüber wird nichts berichtet. Das heißt also, daß der Gelähmte von seiner Bahre unten zu Jesus hoch - und gleichzeitig über ihm den offenen Himmel sieht. Er sieht also, was die auf Jesus herabblickenden Schriftgelehrten nicht sehen: wie in der Person Jesu Himmel und Erde zueinander finden. Das sieht der Gelähmte aus einer Perspektive, die außer Kranken nur kleine Kinder und Sterbende haben. "Kind, deine Sünden sind dir vergeben..." - das hört unser Gelähmter sehr anders als die gelehrten Theologen. Er hört diese Worte, als würden sie ihm direkt vom Himmel gesagt, der ihn wieder Kind sein und somit ganz neu anfangen läßt. Anders gesagt: Er sieht, daß in Jesus eben nicht nur ein Mensch, sondern wirklich - Gott selbst ihm die Schuld vergibt.

Die Schriftgelehrten hören Jesu Wort nicht so. Sie hören einen Begriff, den sie aus der Schrift kennen und den sie in ihrem dogmatischen System für Gott reserviert haben: Sündenvergebung - der Inbegriff von Gottes Heiligkeit und Allmacht. So einfach im Haus eines Zöllners am Montag oder Dienstag in einer überfüllten Stube sagen: "Kind, deine Sünden sind dir vergeben..." - das geht dann doch zu weit! Das ist zu einfach, das ist ja "billige Gnade"!

Liebe Gemeinde, wie viele Worte und Taten Jesu mag es wohl geben, die wir auf den Spuren der Schriftgelehrten in eine falsche Heiligkeit eingezwängt und fest in den Griff unserer Kirchensprache genommen haben?! Gnade - Rechtfertigung - Heiligung - Seligkeit - Sünde etc.: Wer ahnt noch die Kraft, das Befreiende, das in diesen großen alten Worten steckt? Da tragen die modernen Schriftgelehrten, also wir ausgebildeten Theologen viel Schuld dran, weil wir uns in unseren Predigten zu wenig Mühe machen, die Aktualität, die diesen Worten innewohnt, durch eine Sprache zum Leuchten zu bringen, die die Menschen heute erreicht. (Auch das ist übrigens etwas, was in der eingangs erwähnten dreisam3-Gemeinde eindrucksvoll gelingt!) Mir ist unvergeßlich, wie in den 80ger Jahren, als ich in Tübingen studierte, einer unserer Professoren, ein frommer Mann, in einer Seminarsitzung scharf dazwischenfuhr, als ein Kommilitone mit getragenem Ton von "unserem sündigen Fleisch" plauderte. Der Professor forderte den Kollegen höflich, aber bestimmt auf, die Sitzung doch bitte zu verlassen und sich auf einem Spaziergang am Neckar ein paar selbstkritische Gedanken darüber zu machen, wie man vom Glauben redet.

Ich muß oft an diese Szene zurückdenken - weil damit schon ein wunder Punkt bei uns Theologen getroffen ist. Wer kann heute noch das, was unseren Glauben ausmacht, in so elementaren Worten sagen wie Martin Luther: "Allein das Wort! - Allein die Gnade! - Allein die Schrift! - Allein Christus!" Was ist unter uns mit der Vollmacht, die Jesus der Gemeinde als dem Priestertum aller Gläubigen übertragen hat, daß wir einander in seinem Namen die Vergebung der Sünden zusagen dürfen, oder wie Luther es sogar ausdrücken konnte, "daß einer dem anderen zum Christus werde"? "Wem ihr die Sünden behaltet, dem sind sie behalten! Wem ihr die Sünden erlaßt, dem sind sie erlassen!" Wer hat wirklich schon einmal von diesem ungeheuren Zutrauen, das Jesus da in uns hat, Gebrauch gemacht? Ich finde es einen echten Verlust an geistlicher Substanz, und auch ökumenisch eine Belastung, daß bei uns die Beichte fast völlig verloren gegangen ist.

IV.

Nun kann ich mir vorstellen, daß sich mancher jetzt zum Schluß fragt: Wo gehöre ich denn nun eigentlich hin? An die Seite der vier Träger, oder auf die Bahre des Gelähmten, oder zu dem erstaunten Volk, das zuschaut - oder gar zu den schulmeisternden Schriftgelehrten? Das muß jeder von uns für sich selbst herausfinden. Ich weiß nur, daß es in der Gemeinde Jesu immer welche gibt, die die Kraft zum Tragen haben, und andere, die getragen werden müssen - und daß, da alles im Leben seine Zeit hat, jeder von uns mal zu den einen, mal zu den anderen gehört. Martin Luther hat einmal Sätze geschrieben, die für unsere heutige Situation, in der wir als Kirche die Welt verloren haben, fast prophetisch-visionär sind: "Diejenigen, die mit Ernst Christen sein wollen und das Evangelium mit Hand und Mund bekennen, müssten mit Namen sich einzeichnen und etwa in einem Haus allein sich versammeln zum Gebet, zu lesen, zu taufen, das Sakrament zu empfangen und andere christliche Werke zu üben. Hier bedürfte es nicht viel und groß Gesänges. Hier könnte man auch eine kurze feine Weise mit der Taufe und Sakrament halten und alles auf Wort und Gebet und die Liebe richten." - Was für eine Bereitschaft, die ganzen kirchlichen Traditionen auch preiszugeben, wenn es sinnvoll ist! Was für eine Offenheit zur radikalen Reduktion auf "das eine, das not tut". Das also schwebte Luther vor: die kleine Gemeinde, die sich in einer Wohnung versammelt, in der man einander kennt und miteinander unter dem Evangelium zusammen ist, in der nicht einer predigt und die anderen hören zu, sondern in der man miteinander die Bibel liest und einander Anteil gibt an dem, was einem am Evangelium aufgegangen ist, wie man als Christ im weltlichen Alltag seinem Herrn treu sein kann, nicht introvertiert, sondern ganz missionarisch; in der man aneinander Seelsorge übt, miteinander Abendmahl feiert und tauft.

Ich weiß, das ist auch unserer Gegenwart immer noch weit voraus. Aber ich vermute, so oder so ähnlich wird jedenfalls für die, denen es ernst ist mit ihrem Christsein, für die sog. 'Kerngemeinde' also, die Zukunft aussehen. Denn damit unsere Kirche bleibt, kann in ihr vieles nicht mehr bleiben, wie es Jahrzehnte lang war. Und mir ist überhaupt nicht bange davor, im Gegenteil. Denn Kapernaum liegt nicht nur am See Genezaret. Es kann überall sein: Ort des Trostes, der Ermutigung. Überall, wo Jesus hinkommt, können Menschen nicht nur aufatmen, sondern sogar aufstehen, weil ihnen vergeben wird, weil sie nicht auf der Bahre ihrer selbst festgeschnallt bleiben - und weil ein Glaube erwacht, der weniger an das eigene Heil denkt als vielmehr daran, dem einen Platz bei Jesus zu schaffen, der mit seinem Leben schon am Ende schien. So werden wir ecclesia semper reformanda, die sich immer erneuernde Kirche Jesu Christi.

Amen.

Lieder: 410,1-4 / 618,1+2 / 320,1-5 / 609,1+3+4 / 264,1-3