(Sei) Der Nächste bitte! - Predigt über Lukas 10, 25-37

13. Sonntag n.Tr. - 6.09.2009, Petrus- u. Christuskirche Freiburg

Liebe Gemeinde!

Seit 30 Jahren kann ich nicht anders als dieses populärste aller Gleichnisse Jesu ziemlich persönlich zu hören. Nicht daß ich schon einmal unter die Räuber gefallen wäre, das ist mir Gottseidank bisher erspart geblieben. Aber damals, an einem Augusttag im Jahr 1979 habe ich den Weg von Jerusalem hinunter nach Jericho, an den tiefsten Punkt der Erde, selber unter die Füße genommen. Er führt durch den Wadi Kilt in der Wüste Juda, eine tiefe Felsenschlucht von bizarrer Schönheit. Irgendwann, wenn man dort entlang wandert, kann man gar nicht anders als sich in das Szenario unserer Geschichte hineinfallen zu lassen. Der Weg, obwohl es beständig bergab geht, insgesamt über 1000 Höhenmeter, ist in der sengend heißen Sommerhitze wirklich extrem mühsam. Da hat sich bis heute nichts geändert. Damals freilich konnte man leicht überfallen werden, denn die Ordnungsmacht verfügte nicht über ein so dichtes Kontrollnetz, das die Straße hätte sicher halten können. Heute fällt vermutlich niemand mehr auf dem Weg nach Jericho unter die Räuber: Beschwerlich aber ist er geblieben. Die Sicherheitslage ist unübersichtlich, weil es konkurrierende Mächte gibt: militärisch hochgerüstet auf der einen Seite, Zäune und Mauern errichtend, die wenig Sicherheit bringen, aber das Land zerschneiden. Unberechenbar in Gewaltausbrüchen auf der anderen Seite, die Unschuldigen Tod und Trauer bereiten.

I.

Das Problem mit dieser allerweltsbekannten Geschichte ist: Man hat sie schon so oft gehört, daß man meint, nichts Neues mehr darin entdecken zu können. 'Es gibt nichts Gutes, außer man tut es': das erscheint glasklar als ihre Botschaft. Das Samariter-Gleichnis ist in der Christentumsgeschichte unauslöschlich zum Urbild von Diakonie und Nächstenliebe geworden. Es hat unseren Sprachgebrauch geprägt. Das Wort Barmherzigkeit ist, seit diese Geschichte erzählt wird, mit der Gestalt des Helfenden verbunden, von dem wir keinen Namen kennen, nur seine Volkszugehörigkeit. Ein Verletzter wird behutsam geborgen, umsichtig erstversorgt, und dann in professionelle Hände weitergegeben. Das sind die viel zitierten "Samariterdienste".

Dagegen verbindet der Schriftgelehrte, dem das Gleichnis erzählt wurde, mit dem Wort "Samariter" alles andere als Positives. Für ihn ist der 'Samariter' ein Fremder, ja in vieler Hinsicht befremdlicher Vertreter einer anderen Glaubensweise, die nicht akzeptabel war. Ausgerechnet dieser Samariter wird dem Priester und dem Leviten, dem Tempeldiener, entgegengehalten. Diese Repräsentanten der gültigen, für einzig wahr gehaltenen Religion haben dem Elenden die Hilfe verweigert. Vielleicht war es ganz einfach Angst - wer ist schon ein Held in dunklen Hohlwegen, wo die Räuber lauern? Oder - wie viele Ausleger verständnisvoll erklären - waren es die Reinheitsvorschriften? Wer am Tempelkult mitwirken wollte, durfte nicht mit verunreinigendem Blut in Berührung kommen.

Das Gleichnis steht innerhalb einer Rahmengeschichte, die einen merkwürdigen Dialog zwischen Jesus und einem Schriftgelehrten überliefert. Dieser hat bei Jesus nachgefragt: Wer ist denn mein Nächster, den ich lieben soll, nicht weniger als ich Gott liebe: von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allen Kräften und mit ganzem Gemüt? Das Wort "Nächster" ist ein Superlativ, den es interessanterweise nur bei uns im Deutschen gibt. Weder im griechischen Urtext noch im Hebräischen, und auch nicht im Englischen, wo es einfach "neighbour", Nachbar heißt. Daß es in unserer Sprache ein Superlativ ist, scheint mir wie ein Hinweis, daß das, was dieses Wort meint, eine ganz besondere Dringlichkeit hat. Etwas, das keinen Aufschub duldet.

"Der Nächste bitte!" Wenn wir diese Aufforderung hören, sind wir in der Regel in irgendeiner Situation als Bittsteller: beim Arzt, auf dem Einwohnermelde- oder Sozialamt. Unsere Nächstenliebe ist gut organisiert. Was auch gut so ist. Viele andere Länder jedenfalls beneiden uns dafür. Aber dann kann es plötzlich Situationen geben, in denen wir "den Nächsten" nackt daliegen sehen, niedergeschlagen, verwahrlost, vielleicht schon halbtot. Was dann? Kann ich wirklich meine Hand ins Feuer legen, daß ich dann nicht auch lieber nach dem Motto "Augen zu und durch" mit dieser Konfrontation umgehe? Was ist, wenn mir der Anblick eines unter die Räder gekommenen "Nächsten" so nahe geht, daß ich zu Tode erschrecke, oder mich innerlich verhärte und "des kalten Herzens Stahl" (wie es in der Bachkantate zu unserer Geschichte so anschaulich heißt) mich lähmt, handlungsunfähig macht? Dann beschleicht mich Angst, ich denke mir, das hätte mir auch zustoßen können, und ich gehe wortlos vorbei, als ob ich nichts gesehen hätte. Wie das vor 70 Jahren viele Deutsche getan haben: als solche, die oft zu den Nächsten gehört hatten, die jüdische Verkäuferin um die Ecke, der jüdische Hausarzt, unter die Räuber gefallen und von einem auf den anderen Tag verschwunden waren, auf Nimmerwiedersehen.

II.

Es ist also, bei aller beeindruckenden Organisation der Nächstenliebe in unserem Sozialstaat, schon so eine Sache mit der Frage nach dem Nächsten. Offenkundig hat das der Schriftgelehrte schon damals empfunden, mit der Unsicherheit, die in seiner Frage nach dem Nächsten mitschwingt. Der Mann geht ja aufs Ganze. Er ist nicht an einem Fachgespräch über die beste sozialstaatliche Organisation eines Gemeinwesens interessiert, sondern er will von Jesus wissen, wie er das ewige Leben ererben kann. Mit Martin Luther könnte man auch formulieren: er ist umgetrieben von der Frage nach dem gnädigen Gott, der ihn nicht verwirft und ihm dauernd sein Ungenügen vorhält, sondern ihn liebend annimmt, mit all seinen Schwächen und Unvollkommenheiten. Das macht von vornherein klar, daß dieses Gespräch mit Jesus keine akademische Disputation ist, sondern eine Frage auf Leben und Tod.

Jesus spürt das genau, und so fragt er seinerseits den Schriftgelehrten zunächst zurück: "Wie liest du?" Nicht etwa: Was liest du? Oder: merkst du dir auch das, was du so liest? Liest du auch das Richtige? Der Schriftgelehrte erweist sich ja als einer, er zitiert sofort aus den Heiligen Schriften das, was als Kern und Stern der Tora gelten kann, das sog. Doppelgebot der Liebe. Auswendig lernen heißt im Englischen ja: learning by heart. Und Jesus prüft das Herz des die Schrift Zitierenden: Du kennst selber die Antwort auf deine Frage - tust du denn auch, was du in ihr liest? Alles hängt also von der Art ab, in der man liest… Oder anders, im jüdischen Horizont des Fragestellers gesagt: Das Tun ist das wahre Lesen und Verstehen des Gesetzes.

So weit, so einleuchtend. Aber sofort kommt beim Schriftgelehrten, und nicht weniger bei uns, die naheliegende Frage auf: was sollen wir denn tun? Und wo mit dem Tun anfangen? Allein das Fernsehen führt uns ja, ob wir es wollen oder nicht, tagtäglich massenhaftes menschliches Leid vor. Fernsehen heißt so gesehen oft: Dinge nah sehen, die uns lieber verborgen geblieben wären. Wie schon gesagt, zum Glück gibt es reichlich Organisationen, Institutionen, die vieles auffangen. Sie sind gleichsam wie die Wirtsleute aus unserem Gleichnis, die das gute Werk des Samariters dann weiterführen. Wir können sie mindestens mit unserem Geldbeutel unterstützen. Das Gleichnis beschreibt ja klar, welche Instruktionen der Wirt vom Samariter erhält, welche weiteren Taten seinem eigenen unmittelbaren Impuls folgen müssen, damit aus der ersten nun eine nachhaltige Hilfe wird. Das heißt nicht, daß der Samariter damit die Verantwortung, die er sich auf dem Weg hinunter nach Jericho aufgebürdet hat, nun einfach abwälzt. Er zahlt ja nicht nur gut für die professionelle Weiterhilfe, sondern stellt auch noch vorsorglich einen Kredit für evt. Mehrkosten aus. Aber, und das ist wichtig, er scheint auch sehr gut zu wissen, daß übernommene Verantwortung einen nicht so erdrücken darf, daß man darüber handlungsunfähig wird. Der Samariter agiert nach dem guten, klugen Grundsatz: Tu das unmittelbar Naheliegende, handle, wenn die Zeit dafür da ist. Und geh auch wieder, wenn es an der Zeit ist, gib die Verantwortung an andere weiter, die es auch, vielleicht sogar noch besser können.

Was muß ich tun, um ewig, also sinnvoll zu leben, so, daß mein Leben vor Gott Bestand hat? So hatte der Schriftgelehrte gefragt, genau gleich wie der berühmte 'Reiche Jüngling' aus dem Markusevangelium. Jesus antwortet ihm letztlich nichts anderes als jenem - er sagt es nur sehr anders. Indem er ihm eben diese Geschichte erzählt von einem, der einen anderen sieht, wahrnimmt. Gesehen freilich, wahrgenommen haben zwei andere zuvor ja auch schon - und sind doch weitergegangen. Es ist hier genauso wie mit dem Lesen: "Sehen allein tut's freilich nicht", könnten wir mit Luther sagen; es braucht den weitertreibenden Impuls, der aus dem Sehen kommt. Ohne den bleibt es tot. Auch ich bleibe tot, wenn ich nicht handle. Was muß ich tun, um zu leben? - Helfe anderen, dann wirst du leben.

III.

So weit, so klar. Aber nun ist das Spannende, daß Jesus die Frage des Schriftgelehrten nach dem anderen: "Wer ist denn mein Nächster?" auf eine überraschende Weise beantwortet: Er kehrt die Frage nämlich um! Nun lautet sie: "Wer ist dem, der unter die Räuber gefallen ist, zum Nächsten geworden?" Eine verblüffende Umkehrung der Blickrichtung! Wer ist mein Nächster? Überraschende Antwort: ich bin es selbst! Die Frage des Schriftgelehrten war auf Abgrenzung, auf Limitierung aus gewesen: Es gibt so viele, die meine Nächsten sein könnten - sag mir doch bitte, wer es unter den vielen ist, damit ich dann auch weiß, wem ich weniger oder vielleicht gar keine Solidarität schuldig bin. Ich kann ja nicht einfach der Gutmensch schlechthin sein, der an allen und jeden Nächstenliebe übt! Der Theologe wollte von Jesus wissen, wer ihm Nächster ist und wer nicht, oder anders gesagt: er wollte aus dem Unmittelbaren des Superlativs das Relative des Komparativs machen: wer ist mir näher als ein anderer? Wer hat ein Recht auf meiner Liebe und wer weniger oder gar nicht? Wem bin ich mehr schuldig? Da sind saubere Grenzen gefragt. Und im Fall des Samariters wäre klar: der steht 'draußen', er gehört zu jener Sorte Mensch, wo Abstand halten angesagt ist. - Genau diese durchaus verständliche Blickrichtung hebelt Jesus mit seiner unerwarteten Wendung souverän aus, und eben so wird es im menschlichen Miteinander fortan zugehen müssen. Du mußt und sollst dir gar nicht den Kopf zerbrechen, wem du helfen musst und wem weniger, sondern du läßt dich durch jemanden in Not, auf den du stößt, zum Handeln bringen - und wirst so der Nächste. Das geht dann gewissermaßen wie von selbst. Ohne theoretische Überlegungen. Es geht also nicht um irgendeine Regel, irgendein Schema, das man sich in der Theorie erarbeiten und dann in der Praxis sauber anwenden könnte. Sondern es geht je und je um das "Gebot der Stunde", im Sinn des ganz konkreten, einmaligen Ereignisses. Was, bzw. wen hat mir Gott jetzt gerade vor die Füße gelegt? Jesus denkt weder hier noch sonst allgemein-menschlich, sondern immer ganz konkret.

Wer also mein Nächster ist, liebe Gemeinde, ergibt sich nicht aus traditionellen Beziehungen. Weder aus Verwandtschaft noch Nachbarschaft, weder aus Volkszugehörigkeit noch Freundschaft. Es ist allein die Hilfsbedürftigkeit des leidenden, in Not geratenen Menschen. Sie macht zum Nächsten - und zwar jeden, der die Not sieht und zur Hilfe in der Lage ist.

IV.

Was also tun? Einfache und manchmal doch so schwierige, weil anspruchsvolle Antwort: das, was nahe liegt. Im wörtlichen und übertragenen Sinn. Was das heißt, welche Person, welche Notlage gemeint ist, gehört nicht in eine Predigt, weil es ja um das jeweils Konkrete geht, das jede und jeder von uns nur für sich selber beantworten kann. Eine Veranschaulichung freilich möchte ich nennen, weil sie mir selber hilfreich war bei der Frage, was das auf sich hat mit dem Naheliegenden. Diesen Freitag jährt sich wieder einmal das Schreckensdatum "11. September". In dem erschütternden Dokudrama "United 93" muß man auf alle hollywoodschen Rührmomente verzichten und lernt bis an die Grenze des Erträglichen, daß man ohne weiteres selber an jenem Tag vor acht Jahren in so einem ganz normalen Linienflugzeug hätte sitzen können - und daß einem in so einer Situation keine noch so professionelle Institution mehr helfen kann. Und dann lernt man, wie naheliegend es ist, sich zu überlegen, was zu tun ist - wenn man kapiert hat, die Entführer sind ein Selbstmordkommando, das am Zielort noch möglichst viele Menschen mit in den Tod reißen will. Innerhalb von Sekunden hatten die Passagiere jenes Fluges, der wohl ins Capitol in Washington treffen sollte, die Frage zu entscheiden: wer ist mein Nächster? Die Antwort war eine beispiellose Solidarisierung derer, die wußten, daß sie selber auf jeden Fall Opfer sein würden, mit denen, die nach Absicht der Entführer auch noch Opfer werden sollten. "Let's roll", sollen einige Passagiere beherzt ausgerufen haben und dann ins Cockpit vorgedrungen sein. Mit dem Ergebnis, daß dieser Flug als einziger von den vieren sein avisiertes Ziel nie ereichte. Die mit ihm den Tod fanden, wurden zu Nächsten für die, deren Leben sie durch ihr unmittelbar nahe liegendes Handeln retteten. Das ist Situationsethik à la Jesus. Der berühmte katholische Schriftsteller G.E. Chesterton hat gesagt: "Ich glaube nicht an ein Schicksal, welches die Menschheit unabhängig von ihrem Handeln ereilt. Ich glaube an ein Schicksal, das die Menschen ereilt, wenn sie nicht handeln." - Frage ich Jesus also nach meinem Nächsten, so kriege ich zu hören: Du bist es. 'Wem soll ich helfen?' - falsch gefragt. Richtig gefragt: 'Wer soll helfen?' Und die Antwort: 'Ich!' Gefragt ist immer nach dem, der liebt.

V.

Und damit, liebe Schwestern und Brüder, scheint zum Schluß noch etwas Neues auf, und das ist das eigentlich Entscheidende. Dieses Gleichnis vom Barmherzigen Samariter ist im Tiefsten ein Gleichnis für den, der es erzählt hat. Jesus legt sich darin selbst aus. So haben bereits die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte dieses Gleichnis gelesen, indem sie es gleichsam im weltgeschichtlichen Maßstab sehen: der Mann, der da halbtot am Wegesrand liegt, ist er nicht ein sprechendes Bild für 'Adam', für den Menschen überhaupt, der doch wirklich "unter die Räuber gefallen" ist? Also für dich und mich, für jeden von uns?! Die große Masse der Menschheit, da hatte Karl Marx unbestreitbar Recht, hat ja fast immer in Unterdrückung gelebt, äußerlich oder auch nur innerlich. Wenn also der Überfallene das Bild des Menschen überhaupt ist, dann kann der Samariter, der nicht aus der eigenen Kultur und Religion, sondern fremd von außen Kommende, nur das Bild Christi sein. Gott selbst, der für uns immer wieder der Ferne, Fremde ist, hat sich aufgemacht, um sich seines geschlagenen Geschöpfs liebevoll anzunehmen. Er, der Ferne, hat sich in Jesus Christus zu unserem Nächsten gemacht. Er gießt Öl und Wein in unsere Wunden, worin man ein Bild für die heilsame Gabe der Sakramente sah. Und er führt uns in die Herberge, in der er uns pflegen läßt und auch das Angeld schenkt, das diese Pflege kostet. Ein schönes Bild für die Kirche, und für das, was Jesus vorher am Kreuz für uns investiert hat.

So, wider alles Erwarten, beugt Gott sich zu uns hin (was das Wort aus unserer Liturgie 'eleison' wörtlich heißt). Der, den man verachtet wie einen Samariter, stellt sich auf unsere Menschenseite und hilft. Gott, liebe Gemeinde, ist unser Nächster geworden der innehält bei uns, erste Hilfe leistet und unsere Verwundungen heilt. Er stärkt uns mit seiner Liebe für unsere Wege von Jerusalem nach Jericho. Darum laßt uns nicht zögern, seinem Beispiel zu folgen und selber zu Nächsten zu werden. Und wenn nicht jetzt, dann eben das nächste Mal.

Amen.

Lieder: 319,1-4 / 333,1+3 / 295,1-4 / 658,1-4 / 629,1-3