Gründonnerstag, 1. April 2010, Petrussaal Freiburg

Predigttext: 1 Kor 11,23-26

Liebe Gemeinde,

Sakramente haben eine übernatürliche, eine göttliche Kraft. Im Blick auf das Sakrament des Abendmahls habe ich das nie so eindrücklich gespürt wie in einem katholischen Kloster. Die letzten 20 Jahre habe ich dieses Kloster, einen Karmel, regelmäßig besucht und die Gottesdienste miterlebt. Fast jeden Tag wird dort Eucharistie gefeiert. Neben den zwei Stunden Schweigemeditation und dem Beten der Psalmen gehört die Feier der Eucharistie selbstverständlich zum Tagesablauf in diesem kontemplativen Orden. Jedes Mal von Neuem war ich beeindruckt, wenn ich insbesondere eine der Nonnen nach dem Empfang der Gaben von Brot und Wein gesehen habe. Ein so unübersehbarer Glanz, eine so strahlende Freude und Dankbarkeit auf ihrem Gesicht nach dem Empfang der Gaben! Ich persönlich lebe inzwischen weitgehend ohne die regelmäßige Feier des Abendmahles. Doch ich habe bisweilen Sehnsucht nach einer regelmäßigeren Praxis. Zumindest bisher verbinde ich mit dem Abendmahl keine besonders eindrücklichen Erfahrungen. Und es geht ja im geistlichen Leben auch nicht um besondere, gar sensationelle Erfahrungen. Doch ich führe mir das Gesicht der Nonne vor Augen und ahne seither, wie sehr das Sakrament zur Quelle von Freude und Kraft werden kann. Freilich regelmäßig jahrzehntelang praktiziert in einer Lebensform, die sich von meiner und vermutlich unser aller stark unterscheidet. Doch das will ich heute betonen: Es ist uns verheißen, und ich habe es an dieser Nonne mit eigenen Augen gesehen: Das Sakrament des Abendmahls hat eine übernatürliche, göttliche Kraft in sich.

Jesus hat ein Abendmahl gefeiert mit den Seinen, Männern und Frauen, kurz vor seinem Tod, in der Nacht vor dem Passafest. In enger Anlehnung an seine anderen Freundschaftsmähler, von denen im Neuen Testament erzählt wird. Im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth im 11. Kapitel (VV 23-26) schreibt Paulus von diesem Mahl (Übersetzung BigS):

Denn ich habe von unserem Befreier empfangen, was ich euch weitergegeben habe, nämlich: In der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, nahm der, dem wir angehören, Jesus, das Brot. Er sprach den Segen, brach das Brot und sagte: "So ist mein Leib für euch; das tut zur Erinnerung an mich." Nachdem die Mahlzeit beendet war, nahm er ebenso den Becher mit den Worten: "Der neue Bund durch mein Blut ist mit diesem Becher da. Das tut, sooft ihr trinkt, zur Erinnerung an mich". Denn: Immer, wenn ihr dieses Brot esst und aus dem Becher trinkt, verkündet ihr den Tod des Befreiers, bis er selbst kommt.

Diese sogenannten Einsetzungsworte, die ähnlich auch in den drei synoptischen Evangelien (Mt, Mk, Lk) überliefert sind, begründen das Sakrament des Abendmahls oder der Eucharistie in allen christlichen Kirchen. Wir feiern dieses Mahl als Erinnerungsmahl. Wir erinnern uns, d.h. wir verinnerlichen, was damals, vor langer Zeit, geschehen ist. Wir verinnerlichen, wie Jesus sein Leben hingegeben hat, wie er sein Leben denen zugewandt hat, die ihm begegnet sind. "Ich werde am Du." In der Begegnung mit Jesus machten die Menschen diese Erfahrung, die Martin Buber so formuliert hat: "Ich werde am Du." Ich werde frei, ich werde weit, was mich beugt und lähmt, was mir Angst macht und was mich bedrückt, fließt von mir ab, ich werde aufgerichtet, ich komme zur Entfaltung - in der Begegnung mit diesem Jesus, wenn er mich in meinem Innersten anspricht. Im neuen Testament sind viele solcher Geschichten erzählt. In der Begegnung mit Jesus werden Menschen heil. Er gibt Anteil an sich selbst, an seinem eigenen Leben. Besonders auch die Geschichte der Fußwaschung erzählt genau davon. Und indem er Anteil an sich selbst gibt, werden Menschen auch fähig, mit Anderen zusammenzuleben, mit Anderen in Beziehung zu sein. Wirkliche Beziehungen, von Herz zu Herz, sind auch Sakramente, lassen eine andere, göttliche Wirklichkeit aufscheinen: "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen" - so drückt Jesus diese Erfahrung aus (Mt 18,20).

Wir Menschen machen Erfahrungen. Und wir deuten diese Erfahrungen. Wir sind so gestrickt. Wir brauchen die Deutung. Doch oft ist es so, dass wir mehr deuten als wir erfahren. Dass wir eine Erfahrung gar nicht wirklich zulassen, ihr Raum und Zeit lassen. Wir haben schnell eine Interpretation zur Hand. Oder wir verstehen eine Sache oder Begebenheit nicht, können sie nicht richtig interpretieren, also legen wir sie ad acta. Sie interessiert uns dann nicht weiter.

Weil wir auf Deutungen angewiesen sind, zwei kurze Erwägungen zu den Einsetzungsworten Jesu.

1. Jesus nimmt das Brot, dankt segnend dafür, teilt es aus und spricht: "So ist mein Leib für euch; das tut zur Erinnerung an mich." Er sagt nicht: dieses Brot ist mein Leib. Sondern er sagt: Wie dieses Brot, so ist mein Leib für euch ist. Es lässt sich teilen. Es reicht für viele. Es ist eines, doch viele können daran teilhaben und davon satt werden. Mit dem Leib ist der Mensch in seiner Gesamtheit gemeint. Jesus gibt an seinem gesamten Leben Anteil. So hat er es in der Fußwaschung veranschaulicht. Und diejenigen, die an ihm teilhaben, die ihn an sich wirken lassen, werden dann selbst zum Leib. So wie sie mit Jesus verbunden sind, so sind sie dann auch untereinander verbunden, sind der Leib Christi. Diese solidarische Verbundenheit, die durch das Abendmahl bewirkt wird, ist so eng, dass Paulus etwas später im Brief im Blick auf die Gemeinde als den Leib Christi sagen kann: "Wenn ein Körperteil leidet, leiden alle anderen mit; wenn ein Körperteil geehrt wird, freuen sich die anderen alle mit." (1. Kor 12,26)

2. Jesus sagt weiter: "Der neue Bund durch mein Blut ist mit diesem Becher da." Wer beim Passa das Blut an die Pfosten gestrichen hatte, der wurde verschont, dem blieb Unheil erspart. Jesus sagt hier von sich, sein Blut bewirke den neuen Bund. Bei Blut denken wir oft ausschließlich an Jesu gewaltsamen Tod. An das Blut, das Jesus vergossen hat. Doch Blut meint mehr. Blut bedeutet Leben. Blut ist Lebenssaft. In Jesus, seinem Leben, das sein Sterben mit einschließt, wurde der Bund Gottes mit seinem Volk erneuert. Der Kelch des Heils meint, dass wir Jesu Lebenskraft geschenkt bekommen. Sein Leben, sein Blut, seine Liebe fließt uns zu und heilt und heiligt uns.

Wir werden nie ganz verstehen, was wir feiern, wenn wir Abendmahl feiern. Wir können immer höchstens einen Zipfel dieses Gewandes spüren, berühren und fassen, das Christus selbst ist, der uns umhüllt. Was ich uns wünsche: Dass unser Bedürfnis verstehen zu wollen nicht unseren Glauben hemmt. Dass wir uns hineinbegeben können in dieses Geheimnis der göttlichen Gegenwart. Dass wir darauf vertrauen und uns dafür öffnen, dass Gott selbst uns in diesem Sakrament nahe kommt, uns berühren, nähren und stärken will.

Das Abendmahl hat eine übernatürliche göttliche Kraft in sich, es ist eine Quelle der Freude.

Wir feiern dieses Mahl als Erinnerungsmahl. Wir verinnerlichen das göttliche Für-uns-Dasein. Erinnern heißt im Englischen remember. Indem wir uns gemeinsam erinnern, werden wir wieder eingegliedert, werden wir wieder members, Körperteile, Glieder dieses einen Leibes, dessen Haupt Christus ist.

Das Abendmahl verbindet uns also. Miteinander. Mit unseren Verstorbenen, die uns im Glauben vorausgegangen sind. Mit den Menschen, die wir ins Gebet nehmen. Im Abendmahl feiern wir den neuen Bund. Wir feiern, dass Gott sich mit uns verbündet. Das Mahl ist so auch eine Feier der Hoffnung. Wir nehmen im Mahl unsere Hoffnung vorweg, dass im Himmelreich alle Menschen am göttlichen Tisch versammelt sein werden. So singen wir ein Hoffnungslied, im Wechsel mit unseren Fürbitten für die, die uns am Herzen liegen.