Predigt am Karfreitag - Christuskirche Freiburg, 2.April 2010
2.Korinther 5, 14 (15) - 21: Botschafter der Versöhnung (an Christi statt)


2.Kor.5, 15-21

Gnade sei mit euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!


Seit vielen Jahren ist Paulus nun schon unterwegs als einer, der aus Überzeugung seinen Glauben in die Welt trägt. Zuerst sah er es als seine Pflicht, Gott voller Eifer verteidigen zu müssen, koste es, was es wolle. Selbst Menschenleben, das Leben der anderen.

Gute fünfzehn Jahre ist es wohl her, da begegnete ihm auf diesem Weg der auferstandene Christus und vertraute ihm seine Botschaft an. Nicht von Verfolgung, sondern … aber hören Sie selbst, was er uns in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth dazu zu sagen hat:

15 Und er (Christus) ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.

16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. 17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

18 Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.

19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Liebe Gemeinde,

es ist nicht einfach, in eine deutsche Botschaft im Ausland zu gelangen. In der Regel sind es gut bewachte Gebäude, mit Eisengittern und Stacheldrahtzäunen umgeben. Die Tore aus Eisen öffnen sich nur dann, wenn der Wächter an der Pforte entscheidet, dass keine Bedrohung ausgeht von dem, der um Einlass bittet. Vor wenigen Jahren noch hätten wir alle darüber gelächelt - heute aber sind Bilder von Anschlägen auf Botschaften aller Länder schon lange nicht mehr ungewöhnlich, wenn auch immer noch bestürzend. Eine Botschaft anzugreifen, kommt einer Kriegserklärung an die Nation gleich, die sie vertritt.

Deshalb stehen Botschaften unter besonderem Schutz, und die Menschen, die zu ihr gehören, sie also vertreten, ebenso. Sie verlassen die Botschaft selten anders als in schwarzen Limousinen mit verdunkelten Fenstern. Man kann sie kaum darin erkennen.

Er ist schon ein außergewöhnlicher Botschafter, dieser Apostel Paulus

Er verschanzt sich nicht hinter einem Gebäude, lässt sich nicht bewachen. Auch wenn er oft in Begleitung reist. Er bewegt sich auch auf ungesicherten Gebieten, betritt Neuland und läuft dabei Gefahr, verlacht, verschlagen und verhaftet zu werden. Alles das, weil er eine ganz besondere Botschaft zu überbringen hat. Er richtet sie nicht nur an Diplomaten, Gelehrte, Professoren seiner Zeit, Finanziers und Machthaber, ob in Verwaltung oder Politik. Die Botschaft, die Paulus weiterträgt, weiterzutragen hat, ist an alle Menschen gerichtet, ohne Unterschied. Ja gerade das macht sie aus, das ist das Besondere.

Paulus hat Nerven. So könnte man denken. Denn seine Botschaft stellt vieles in Frage. Klare Grenzen werden nieder gerissen. Ist es denn nicht sinnvoll, ein Volk gegen das andere abzugrenzen? Damit beide in Frieden leben können, so wie es ihnen gefällt. So haben wir es doch gelernt von klein auf. Die Diskussion um die Erweiterung der Grenzen Europas ist durchzogen von Ängsten und Befürchtungen. Selbst die Grenzen innerhalb Europas durchlässig zu machen, bedurfte viel Überzeugungsarbeit.

Noch weitaus gefährlicher scheint mir jedoch Paulus "Gerede" von der neuen Kreatur. Was heißt das, das Alte ist vergangen. Etwa, dass ein Mensch, der gegen ein Gesetz verstoßen hat, auf einmal frei sein soll? Das wäre schon ärgerlich, denn Strafe muss sein für jeden, der gegen das Recht verstößt. Nur die Angst gegen die Strafe bewahrt den Mensch davor, seinem Eigenwillen zu folgen auf Kosten aller anderen. So lautet die gängige Auffassung, was die Moral betrifft. Denn wer soll für den ganzen Schaden denn aufkommen?

Das ist der wunde Punkt an Karfreitagund dem Kreuz, an das wir Menschen Gott geschlagen haben. Seine Botschaft von der Liebe (er)scheint so vordergründig schwach, dass sie sich trotz allem guten Willen nicht durchsetzen lässt gegen die nackte Gewalt, die diese Welt reguliert und in Schach hält. Ist das nicht unsere tagtägliche Erfahrung: Wer am lautesten brüllt, setzt sich durch. Wer die meisten Wahlplakate an den besten Stellen in der Stadt plaziert, ein gutes Wahlkampagnenteam hat, sich in Szene zu setzen versteht, der hat die besten Chancen, die Wahl zu gewinnen. Der Inhalt ist dann nur noch eine Nebensache, die es nachträglich zu beachten gilt oder auch nicht. Denn wer die Macht hat, hat auch das Sagen, muss sein Versprechen schon längst nicht mehr einlösen.

Doch wie lange lohnt es sich, auf die Taktik der Gewalt zu setzen, so wie Russland gegen Tschechenien in diesem auf einmal nicht mehr so vergessenen Krieg - es kommt der Tag, an dem Gewalt mit Gegengewalt beantwortet wird bis niemand mehr die Opfer auf beiden Seiten zählen kann. Dann werden wieder rote Rosen als Zeichen der Trauer und Verletzung niedergelegt, ob in den U-Bahn Stationen der Hauptstadt Moskau oder am Rand der Straßen und in den Dörfern der ungeliebten Republik. Auch diese andere Seite der Medaille kommt irgendwann zum Vorschein. "Die Maßnahmen (gegen Tschechenien) sollten ausgeweitet werden, sie sollten wirksamer sein, schärfer, grausamer", verkündet der russische Präsident Dmitri Medwedew in seiner Botschaft.

Es genügt, die Kriege der vergangenen Jahre aufmerksam zu verfolgen. Vom ersten Golfkrieg an bis zur Einmarsch in Afghanistan - immer wieder wurden die Versprechen auf baldigen Frieden aus den Mündern der Mächte unserer westlichen Länder eine Lüge gestraft. Trotz militärischer Übermacht gelang es nicht, den inneren Frieden dieser und so vieler anderer Länder vor ihnen, herzustellen. "Ehrfurcht vor dem Leben", so machte Albert Schweitzer Werbung für den Frieden, mit der Strategie von Schrecken und Ehrfurcht (man beachte die religiöse Untermalung) zog George Bush in den Krieg. Was entspricht mehr der Botschaft der Versöhnung?

Immer noch werden Kriege geführt, um von inneren polititschen Schwierigkeiten abzulenken, ganz zu schweigen von dem Schaden, den enorme Kriegskosten an Bildungsdefiziten und mangelnder Gesundheitspolitik auch in den kriegsführenden Ländern hinterlassen. Das Nachsagen haben diejenigen, die immer schon auf der Seite der Verlierer standen. Am Ende stehen wir alle vor demselben Scherbenhaufen, den niemand mehr gerne aufkehren möchte. Ein Teufelskreis. Den nur noch Jesus auf originelle, auf einzigartige Weise durchbrechen kann mit seiner Botschaft vom Kreuz herab.

Die neue Botschaft und der Botschafter

Es gehört Mut dazu, für den Botschafter, mit seiner fremden Botschaft nach draußen zu gehen. Es ist die Botschaft dessen, der sich einlässt auf uns Menschen und unserer üblen Taten. Selbst die Optimisten unter uns müssen zugeben: Es ist notwendig, sich zu überwinden, Gutes zu tun. Das Böse scheint so viel leichter von der Hand zu gehen. Ein schlechtes Wort hier, eine Intrige da, andere für unsere Pläne zu instrumentalisieren und das alles für ein gutes Ziel, unser Ziel. Der Zweck heiligt die unheiligen Mittel. Das macht es ja so schwierig. Woher nehme ich meine Entscheidungskraft, wenn ich gegen das Gesetz und den Verstand verstoße? Ich habe keine Antworten, nur Fragen.

Eins jedoch scheint mir klar. Die Botschaft unseres Glaubens lässt sich nicht vom Botschafter trennen. Gott sandte nicht einen Engel, um uns von seiner Liebe zu singen, er kam selbst. Gott verabschiedete sich nicht, nachdem der Einzug in Jerusalem so gut verlaufen war, kurz vor Ende, die Kelche und den Teller mit dem Brot auf dem Tisch stehen lassend.

Er blieb.

Die Botschaft greift, wo der Botschafter sich nicht zurückzieht, sondern einsteht für die Botschaft

Jesus hielt uns aus bis zum Ende. Nur so betrachtet ist das Kreuz nicht das vordergründige Marterinstrument, das ist es ganz gewiß. Aber leider ist das nichts Besonderes - hatte nicht Alexander der Große 2000 Männer ans Kreuz schlagen lassen, damals vor den Toren von Tyros entlang der Küste Afrikas - weil sie ihn nicht zu sich hineinlassen wollten? Weil sie sich seiner Macht widersetzten?

Auch der Mensch widersetzt sich Gottes Macht - und dennoch und gerade deswegen schlägt Gott nicht zurück. Sondern lässt sich festnageln auf seine Liebe. Nichts anderes zählt mehr. Leben und Tod gehören zu Gott von Ewigkeit. Er hält sie in seiner Macht. Unser Leben, unseren Tod.

Das Besondere an der Botschaft Christi ist aber die Liebe. Das ist neu, dass die Liebe siegt und nicht die Gewalt. Das ist unerhört: Der Botschafter zieht sich nicht zurück, wenn es gefährlich wird, sondern steht mit seinem Leben für die Botschaft der Versöhnung ein. Er kam nicht, sich zu rächen, sondern um sich anzubieten.

Was für Botschafter gehören zu dieser Botschaft?

Sokrates, der Buddha und Jesus verzichteten darauf, jemals etwas von dem, was ihre Botschaft war, niederzuschreiben, so sagt es ein geflügeltes Wort. Sie verließen sich auf die Weitergabe ihrer Lehre über ihre AnhängerInnen.

Jesu Botschaft von der Versöhnung lässt sich nicht durch Wissen, das man erlernt hat, weitertragen. Auch wenn dies eine wichtige Basis zum Verstehen bildet. Es kann auch nicht in der Bibel gefangen gehalten werden, eingesperrt und umzäunt wie in einer Botschaft, nur für Theologen und PfarrerInnen zugänglich. Zum Glauben gehört die Erfahrung, wie das Wort von der Versöhnung in unserem Leben ankommt. Zur Erfahrung aber gehört die Begegnung mit anderen.

Wenn wir als Christen glaubwürdige Träger dieser Botschaft sein wollen, dass Gott nicht grausam und zerstörerisch in unserem Leben wirkt, sondern auf der Seite des Leidens und der Leidenden steht, dann müssen wir damit unter die Menschen gehen. Rückzug in eine heile, selbstgemachte Welt z.B. des innergemeindlichen Lebens wäre wie ein Rückzug in die Residenz des Botschafters innerhalb der Schutzräume seiner Botschaft.

Das Werk der Versöhnung ist Gottes Werk…

manchmal mit und manchmal auch gegen unseren Einsatz. Gottes Wirklichkeit ist nicht von uns abhängig. Wir können sie nicht aufhalten. Gott kann in unserer Geschichte nicht verlieren. Aber er will auch nicht als Gewinner über uns triumphieren. Das wäre gerade so als würde er einen neuen Schutzwall der Überlegenheit zwischen uns aufwerfen.

…uns aber bleibt, davon zu reden

nicht immer in Worten. Manchmal ist Schweigen angesagt, ein Sich Zurücknehmen. Wir können "gelassen" bleiben, mit einer inneren Ruhe, so sehr wir auch ins Beben kommen. Die Liebe Gottes nimmt uns in die Pflicht. Sein Kreuz überzeugt. Amen.