Predigt zur Konfirmation am 18.April 2010 - Misericordias Domini
Johannes 10, 11-16, 27-30: Schwerkraft - nein Danke!


Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

es ist bald das letzte Mal, das Euch diese Anrede betrifft, bald werden es andere sein, die Euren Platz einnehmen. Und sie werden genauso jung aussehen wie Ihr es tatet, noch nicht einmal vor einem Jahr. Wie seid Ihr gewachsen!

Schon rein äußerlich sieht man es Euch an, Ihr vielleicht nicht, aber Eure Väter und Mütter haben es beobachtet. Sie wissen es genau, dass Ihr Schritt für Schritt immer weniger Kind und ein Stück mehr erwachsen werdet. Mit Ihr nachher, wenn ihr mit wenigen Schritten an die Stufen vor dem Altar tretet, um Gottes Segen zu empfangen für Euren weiteren Weg. Dann werdet Ihr entlassen ins Erwachsensein zumindest als religionsmündige Christen und Christinnen.

Das war's dann also, denkt vielleicht der eine oder die andere von euch halb wehmütig. Immerhin habt ihr mehr als zehn Monate miteinander ausgehalten, habt euch beschnuppert, zusammengerauft, einander erduldet und so manche Kleinigkeit gemeinsam ausgehalten. Heute verlasst Ihr die Grundschule Eures Glaubens.

Doch ganz ehrlich und ich hoffe es, verlasst ihr sie alle halb jauchzend - denn es eröffnet sich Euch nun die große Freiheit. Und dazu gehören erst mal keine Konfi-Tage, und mittwochs auch keine Glaubensausflüge im Rahmen des Konfi-Unterrichts mehr. So ist es: Von heute an seid Ihr frei, Euer Leben mit Gott im Glauben auszuschreiten. Wenn es Euch wieder zu den Gottesdiensten hierher führt, verdreht ihr vielleicht sogar dem einen oder anderen ganz schön den Kopf. Denn Ihr kommt ganz gewiss nicht mehr einer Unterschrift im Konfipass zuliebe, sondern weil Gottesdienste zu Eurem Leben gehören, nicht als Pflicht, sondern weil Gott zählt.

Wie dieser Weg aussehen wird, zumindest im Detail, das liegt auch zu einem guten Teil an Eurer Bereitschaft, sich auf den einzulassen, nach dem Ihr Euch nennt als Christ und Christin. Einmal dieses Ja zu Christus mit Mund und von Herzen gesprochen, macht Ihr Euch auf einen Weg, der auf keiner Landkarte eingetragen ist.

Ob KonfirmandInnen längst vergangener Jahrgänge sich ebenso darüber Gedanken gemacht haben? Denn oben auf der Empore fand ich Worte ins Holz eingeritzt, die ganz treffend die Richtung beschreiben, in die es jetzt geht. Fast wie ein Vermächtnis eines Menschen, der seinen Weg im Glauben geht, liest es sich dort: "Schwerkraft - nein Danke!"

In Eurer Konfirmation bestätigt ihr mit Eurem Kniefall heute, was Euch in der Taufe schon zugesagt wurde: Euer Leben als Christin und als Christ drängt in eine andere Richtung als die gewohnte. Es verhält sich nicht nach den Regeln der Naturgesetze oder der Evolution - es geht uns als Christen nicht um das Überleben der Fittesten, der Stärksten und der am besten Angepassten.

Der Segenspruch, den Ihr heute empfangt, bestätigt es genauso: Ihr müsst nicht in eurem Leben mit den Wölfen heulen, denn für Euch ist schon gesorgt. Und so passen für Euch und die Lage, in der ihr euch heute befindet, genau die Worte, die Jesus sich für den Abschied von seinen Jüngern und Jüngerinnen aufgehoben hatte. Sie stehen im Predigttext für diesen Sonntag:

Jesus spricht:

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -,

13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

15 wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir;

28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.

29 Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen.

30 Ich und der Vater sind eins.

Liebe Festgemeinde,

jede Konfirmation ist schon ein sehr ernster Anlass zum Feiern. Das macht die Rede des guten Hirten uns noch einmal deutlich. Erst vor kurzem hielt ich die Photos zwei verschiedener Konfirmandenjahrgänge in Freiburg aus den Nachkriegsjahren 1947 und 1948 in den Händen.

Und wirklich: Alles sah mir sehr ernst darinnen aus. Die schwarze Kleidung, die Haare, streng nach hinten gekämmt oder mit geflochtenen Zöpfen gezähmt, selbst das Datum der Konfirmation, der Fastensonntag Judika gab dem ganzen eine bedeutsame Schwere. Die Konfirmandensprüche damals scheuten sich nicht, von Lasten zu reden, die den Menschen aufgegeben sind, und die Gott doch tragen hilft. Glaube geprägt vom Zeitgefühl trug noch einen Hauch von Heldentum. Man machte sich in einer neuen Kraft auf ins Leben. Noch im selben Jahr Ihrer Konfirmation mussten die Jugendlichen den Schritt in den Beruf leisten, wohl in den seltensten Fällen hatten sie überhaupt eine andere Wahl. Die Schule hätten sie gerne beendet, aber das stand nicht zur Debatte. Geld musste her. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Jugendlichen erwachsener waren, mehr im Leben standen.

Und es ist etwas dran: Immer jünger kommen sie uns vor, die KonfirmandInnen von heute. Und tatsächlich: Noch nie war man so lange jugendlich wie zu unserer Zeit, so besagen die neuesten Jugendstudien. Jung ist man heute ganze dreizehn Jahre lang. Die Jugend beginnt mit zwölf und endet erst mit fünfundzwanzig. Das ist allerdings nicht nur ein Vorteil, sondern schafft auch eine große Unsicherheit unter jungen Menschen. Wann hört sie nun endlich auf, die schöne Jugend, wann wird man endlich ernst genommen, gilt als vollwertiger Gesellschaftsbürger?

Die Konfirmation ist dabei sicher ein wichtiger Schritt solange sie Euch Jugendlichen hilft, euch selbst ernst zu nehmen in Eurer Verantwortung, aber auch in Euren Fähigkeiten, denn ihr habt Gesellschaft und Kirche viel zu bieten. Genau wie damals die AnhängerInnen Jesu. Seltsamerweise hält Jesus an dieser Stelle im Johannesevangelium ihnen keine Mahnrede vor wie wir Alten das doch so gerne tun. Im Gegenteil, er fordert nicht, sondern bietet sich den JüngerInnen für ihr weiteres Leben an.

Schwerkraft, nein Danke! Wer sich zu Christus mit seinem Ja bekennt, der darf sich die Augen reiben. Christliche Nachfolge hat wenig mit Pflichtgefühl und Leistung zu tun, aber alles mit einer tiefen Freude. Denn, so erzählt es das Evangelium an diesem Sonntag Misericordias Domini:

Was Gott nicht alles für dich und mich auf sich nimmt!

Jesus sagt es klar und deutlich mit seinem Bild: Er legt sich quer für uns. Wie ein Hirte es für seine Schafe tut. Vergessen wir die idyllischen Gemälde von glücklich schlummernden Hirtenbuben, die am Nachmittag im Schatten eines Apfelbaums dösen und nur darauf warten, dass ihnen die Früchte in den offenen Mund fallen.

Schwerkraft - nein Danke! Dieser Hirte ist anders. Er liegt nicht flach, wenn es brenzlig wird, er sucht auch dann nicht das Weite, sondern hält seinen Hirtenstab parat. Damit wehrt er selbst hingebungsvoll Gefahren ab, die seine Herde bedrohen. Er holt auch mal das eine oder andere Schaf mit dem schön geschwungenen Griff am Ende zurück. Denn das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite.

Da fällt man schnell auf den einen oder anderen Wolf im Schafspelz herein, der geübt ist im Manipulieren und den anderen hintergründig doch nur um seinetwillen ausnutzt. Uns allen bereiten die Missbrauchsskandale der vergangenen Monate Albträume. Sie weisen auf die Gefahren hin, die entstehen, wenn wir andere an uns binden wollen, nur damit sie unsere Bedürfnisse nach Liebe und Anerkennung stillen.

Auch hier gilt: Schwerkraft, nein Danke! Manchmal ist ein Nein nötig, wo ein Ja so viel leichter wäre, denn wir alle wollen gefallen, suchen nach Lob und Anerkennung bei den Menschen. Es ist jungen Menschen nicht zu verübeln, wenn Sie sich dankbar an Menschen hängen, die ihnen Aufmerksamkeit entgegenbringen ob in Schule oder Kirche, im Internet oder per Handy. Als Menschen sind wir zur Beziehung wie geschaffen. Dazu gehört immer auch eine gute Portion Vertrauen und die Fähigkeit, sich auf den anderen einzulassen. Auch und gerade unseren Kirchen und im Konfirmandenunterricht gilt deshalb der Auftrag, euch als junge Menschen so zu stärken, dass ihr in Freiheit lieben lernt. Nicht in Abhängigkeit, sondern in Verantwortung.

Heute, in einer Zeit, in der es eine Fülle von Lebensentwürfen wie aus einem bunten Katalog auszuwählen gibt, scheint es kaum noch einen Unterschied zu machen, ob wir diesen oder jenen Weg wählen. Mit von der Partie sein, ist fast schon alles, gleich wo der Weg hinführt. So geschieht es schnell, dass wir in die Welt von Facebook und Twitter eintauchen, mehr Zeit im Chatroom verbringen als von Angesicht zu Angesicht mit unseren Mitmenschen. Computer sind nicht des Teufels Werk. Aber sie werden dann zum Problem, wenn sie uns so sehr in ihren Bann ziehen, dass andere Lebensbereiche darunter leiden. Wie unser Einsatz in Gesellschaft und Glauben. Auch hier stimmt für das Leben eines Christen dir Richtung: Schwerkraft, nein Danke!

Denn früher oder später stellt sich für Euch die Frage: In welcher Gesellschaft kann ich als Christ leben

Der Trend empfiehlt den Rückzug in die Gruppe, inmitten Gleichgesinnter lässt es sich gut leben. Das kann ein enger Freundeskreis sein, der mich begrenzt auf die wenigen, die denselben Geschmack wie ich vertreten, die Lust auf die gleiche Playstation haben, die mir nicht widersprechen und mich unwiderstehlich finden. Das kann den Rückzug in die Familie oder meine Gemeindegruppe bedeuten, die meine Meinung teilen und mir das Gefühl geben, zum Club der Auserwählten zu gehören. Belastbar, flexibel und leistungsfähig zu sein, zählt heute viel unter Jugendlichen und Erwachsenen. Wie soll das aber möglich sein, ein Leben lang?

Die Gesellschaft, in die Jesus uns stellt, trifft sich nicht heimlich und hinter verschlossenen Türen. Unsere Kirchen, unsere Gemeinden, unsere Kreise müssen sich immer wieder hinterfragen lassen, wenn sie sich dem Blick der Öffentlichkeit entziehen wollen. Die Aufteilung in die gute Welt hier drinnen und die böse Welt, da draußen, ist Christus fremd. Als Christen müssen wir keine Berührungsängste hegen. Oftmals tritt Christus an unsere Türen in der Gestalt eines Fremden. So kam er vielleicht auch zu dem einen oder anderen von Euch in der Konfirmandenzeit als Einer, mit dem Ihr wenig vertraut ward. Und dann habt ihr entdeckt, dass unsere Vorstellungen immer wieder aufgebrochen werden müssen: Gott ist ganz anders als erwartet. Er fordert nicht ständig, sondern gibt sich selbst. Und es ist ebenso erstaunlich, an wessen Seite wir Gott finden.

Auch mit der Konfirmation lässt Gott sich nicht in die Tasche stecken. Er ruft uns, im anderen den Menschen zu erkennen, den er ebenso in seine Gemeinschaft ruft wie mich. Sei es mit Unausgeglichenheiten, einer Frisur wie Lady Gaga, ja selbst mit der Fähigkeit, mich zu irritieren. Kirche ist kein Verein, der nur langjährigen Mitgliedern Zugang zur VIP Lounge anbietet, da hätten nur wenige von uns je eine Chance zur Einkehr. Im Gegenteil, der Ruf gilt allen: Schwerkraft, nein Danke!

Und schließlich, wer sagt, dass sich Kirche als die Gemeinschaft derer, die sich um Jesus sammeln, nur in Kirchen findet

Gewiss, es wäre schön, wenn wir es immer so klar sehen könnten: "Gott ist in der Kirche, im Konfi-Unterricht zugange." Jetzt, wo ihr Euch bald als Konfirmierte auf den Weg macht, wird es Eure Aufgabe sein, inmitten von Lärm und Ablenkungen, die Euch beschäftigen, auf die Stimme Jesu aufmerksam zu werden. Sie ist mal laut, mal leise vernehmbar: in der Kirche, in einem Lied oder Gebet, aber auch in euren Familien, in einem Gespräch unter Freunden. Wo Menschen nach Gott suchen, da verweist er sie immer wieder auf ihre Mitmenschen.

Jesus lässt sich nicht an ein Gebäude binden, auch nicht an die Konfi-Zeit. Er ruft uns auf, Gott in unserem Leben immer weiter zu entdecken, und zu erkennen, worum es ihm geht: nämlich um unser Wohl für immer, das heißt nichts anderes als "ewiges Leben". Keine Zeit, kein Raum kann Euch von ihm trennen. Schwerkraft, nein Danke! So zieht Eure Wege fröhlich mit Jesus in diese Richtung. Amen.