Predigt 9.Trinitatis Matthias-Claudius-Kapelle am 1.August 2010
Philipper 3, 7-11 (12-14): Weil Sterben auch Leben ist


"Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheunen gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt", schreibt Kurt Tucholsky, dann ist sie angebrochen, die fünfte Jahreszeit. Nun ist alles vorüber, die Ernte ist eingefahren. Alles ruht. Es ist als halte die Natur den Atem an. In der fünften Jahreszeit.

Alles ruhte wohl auch für den eifrigen Apostel Paulus als er im Gefängnis vermutlich zu Ephesus lag. Jetzt hatte er Zeit zum Nachsinnen, zum Schreiben an seine geliebten Philipper. Die erste Gemeinde, die er auf europäischem Boden gegründet hatte. Dankbarkeit durchdringt seinen Brief ebenso wie die Fürsorge um die Gemeinde. Jetzt, im Gefängnis zur Ruhe verurteilt, hat er Zeit, für Sie zu beten. Und mehr noch: Ihnen in aller Schärfe der Polemik deutlich zu machen, dass Gott sich nicht durch untadeliges Verhalten zur Ernte einbringen lässt. Der Weg des Christen hält sich nicht an menschliche Regeln des Strebens nach Vollkommenheit. Der Christ landet am Ende seines Wegs nicht unabdingbar in der exklusiven Gesellschaft einer V.I.P. Lounge dank seines tadellosen Verhaltens. So beschreibt Paulus auf ganz persönliche Weise, dass Christus auf die Spur kommen sein Ein und Alles ist:

Philipper 3, 7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet.

8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne

9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.

10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden,

11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.

12 Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.

13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist,

14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Liebe Gemeinde,

Entweder-Oder / Sein oder Nicht-Sein / Gesetz oder Evangelium: wie einfach es ist, sich in solchen Gegensätzen zu verheddern. Ob tatsächlich Luther mit seinen Gewissensbissen daran Schuld sein soll, dass wir Paulus heranziehen, um Gesetz gegen Evangelium auszuspielen, und das seit bald fünf Jahrhunderten, dem Beginn der Reformation, ist Nebensache. Gewiss, Luther hatte Recht, die Gnade über das Gesetz zu stellen. Freilich, dass ausgerechnet Paulus, der wie Jesus nie aufhörte Jude zu sein, das Judentum mit einer Gesetzesreligion gleichgesetzt haben soll, dem muss heftig widersprochen werden. Ja, Paulus attackiert eine religiöse Praxis wie die Beschneidung, wo sie Menschen ermutigt, sich in falschen Illusionen des Heils zu wägen. Glaube lässt sich nicht durch die Einhaltung von Ritualen oder anderen religiösen Gesetzen erzwingen. Wer jeden Sonntag in die Kirche geht, das ist klar, der wird nicht automatisch zum besseren Christen. Sonst stünden die Karten schlecht für Matthias-Claudius, denn hier findet Gottesdienst nur alle vierzehn Tage statt. Was umgekehrt nicht bedeuten muss, dass jemand, der jeden Sonntag zur Kirche geht, ein schlechter Christ sein muss. Sonst wehe uns PfarrerInnen und auch den Ältesten.

Auch die Reformatoren rangen mit dem Verhältnis zwischen Gesetz und Gnade. Karl Barth brachte sein Verständnis auf den Punkt, indem er nicht mehr von Gesetz und Evangelium sprach, sondern von Evangelium und Gesetz. Das eine folgt aus dem anderen. "Wir lesen aus dem, was Gott hier für uns tut, ab, was Gott mit uns und von uns will." lautet seine Zusammenfassung. Stark vereinfacht gesagt: Weil Gott mir Gutes tut, kann ich Gutes tun. Weil Christus sich mit uns solidarisch zeigt in der Zeit des Jubels wie der Zeit, wenn ich verspottet werde oder gemobbt und Leiden mein Leben zeichnet, kann ich erst recht solidarisch sein.

Mit der inneren Freiheit des Herzens kann ich mich dann getrost dem Gesetz unterordnen. Wie sonst würde ich mir dessen bewusst, was mich von Gott trennt. Doch mit dem Versprechen der Gnade kann das Gesetz mir nichts mehr schaden, es macht mich nicht klein wie einen der Lutherzwerge auf dem Marktplatz zu Wittenberg. Sie haben vielleicht von der Empörung so mancher gehört als der große Mann Luther vom Sockel gehoben wurde, das heißt, sein Standbild wird renoviert und durch 500 kleine ein Meter Hohe Lutherzwerge auf dem Wittenberger Marktplatz ersetzt. Lächerlich, finden manche. Ganz in Ordnung, meint eine Passantin, denn das tut seiner Botschaft keinen Abbruch, sondern macht auf sie aufmerksam in unserer Zeit. So kann sich auch das Lutherbild der neuen Gesetzmäßigkeit unserer Zeit beugen, aus freien Stücken oder in Melanchthons Worten aus freiem, lustigem Geist.

So besehen dient das Gesetz uns Menschen als Geländer. Es hilft uns, unseren Weg im Glauben zu finden, gibt uns Orientierung. Das Evangelium wirkt wie die Pfosten, auf dem das Geländer ruht. Durch seine Gnade hilft uns Gott, aufrecht voranzuschreiten. Selbst wenn der Weg steil wird. Dann nämlich, wenn all mein Tun nicht zu fruchten scheint. Wenn die Ernte ausbleibt oder schlecht ausfällt. Wenn ein Rückschlag nach dem anderen erfolgt. In meinem Verhalten, in unserem Verhältnis zueinander als Menschen, die an ihrer eigenen Gebrochenheit, ihrer Unzulänglichkeit leiden.

Weil Sterben auch Leben ist -

diese Worte las ich vor kurzem auf dem Handzettel unseres Hospizes in der Wiehre.

Sie beschreiben gut, was Paulus so viel komplizierter und umständlicher ausdrückt. Weil Sterben auch Leben ist, kann ich es wagen, nach einer Verbindung zu suchen zwischen meinem Scheitern, den kleinen Toden, die ich täglich sterbe, und meinem Leben in Christus. Erst dann kann ich sie zulassen und hänge nicht an dem Bild von mir, das ich nach außen hin darzustellen suche.

Glaube und Misserfolg, Glaube und Widerstände schließen sich im Leben eines Christen nicht aus. Leiden ist nicht unweigerlich der Hinweis darauf, dass ich in meiner Arbeit versagt habe noch ist es ein Beleg dafür, dass ich zumindest religiös auf dem richtigen Weg bin nur weil ich zum Märtyrer gemacht werde. Mit allem Respekt vor Dietrich Bonhoeffer wird selbst er nicht zu einem Heiligen wegen seiner Rolle im Widerstand. Dass er in der Spannung zwischen Evangelium und Gesetz lebte, zeigen auch gerade seine Gedichte und Gedanken in Tegel in der Gefangenschaft.

Wenn beides zusammengehört, Leiden und Glückseligkeit, dann nur in Christus. Er stellt die Verbindung her. Zum Leiden gehört das Heilwerden. Zum Tod die Auferstehung. Christus hat beides durchlebt.

Das eröffnet uns die Chance unser Leben vom Ende her zu bedenken.

Von unserem Tod aus. Daraus entsteht ein mehr an Freiheit, die mich handeln lässt. Unser Leben und Handeln von unserem Tod aus zu überdenken - das ist zunächst ein erschreckender Gedanke. Zumindest für alle, die vom Gottesdienst Erbauung erwarten. Da haben Gedanken an Tod und Sterben keinen Platz. Doch es ist Aufgabe der Predigt, das Evangelium zu verkünden, dazu gehört die ganze Botschaft.

Ich erinnere mich sehr gut wie schockiert ich war, als mir ein Buch mit dem Titel "Gott der Überraschungen" vor vielen Jahren mit einem Vorschlag in eben diese Richtung in die Hände fiel. Der Autor stellt fest, dass gerade religiöse Gruppierungen und die Kirche Gott nur als den stehen lassen kann, der Erfolg verspricht. Die Versuchung, Gott zu zähmen und uns verfügbar zu machen, versperrt uns den klaren Blick auf die Realität, unseren Alltag. Wir sehen nur das, was uns nutzt, was unsere Gruppe stärkt, und machen aus denen, die uns widersprechen, Feinde. Gott jedoch ist nicht unsere Schmusekatze, sondern ein gerechter Herr, dessen Barmherzigkeit allen Geschöpfen gilt und der unsere falschen Sicherheiten enttarnt.

Um sich des treuen Handelns Gottes im Auf und ab des eigenen Lebens und dem meiner Freunde und Feinde mehr bewusst zu werden, schlug der Autor die Übung vor, einen eigenen Nachruf zu schreiben. Nicht einen Nachruf, vor dem man sich fürchtet, weil er alle negativen Eigenschaften, alles, was uns im Leben missglückt ist, aufgreift. Sondern den Nachruf, den man sich in den wildesten Träumen wünscht. Weil von Gott her gedacht wird. Dieses Nachdenken soll mich ermutigen, mein Leben von Christus her zu denken und nicht von einem kleinen Erfolg zum anderen hin, den ich in meinem Leben umzusetzen versuche, schon von der Schule an. So wird Christus das Korrektiv meiner Karriere.

Makaber, sagen die Einen. Heilsam und befreiend, mag die Reaktion der anderen sein. Wie auch immer, diese kleine Übung auf der Höhe des Sommers, in der Nähe der fünften Jahreszeit, wenn unsere Ernte absehbar ist, unsere Misserfolge, bietet eine Chance, das Leben von Christus her zu empfangen, sich von ihm ergreifen zu lassen, wie Paulus erzählt. Sich nicht von der eigenen Leistung, dem eigenen Versagen her zu definieren. Sondern von dem Erbarmen Gottes, der sich unserer und unser Feinde annimmt.

Leiden und Krankheit nicht als Konsequenz irgendwelcher Verstöße deuten zu müssen, ist befreiend. Zu wissen, da ist etwas, das nach dem Leiden kommt, das mir wieder aufhilft zum Leben, gibt mir Kraft. Dann kann ich das Schwere nicht nur ertragen, sondern neu erleben.

Auch mit Blick auf unsere kirchengemeindlichen Entwicklungen hier in Freiburg, in Baden und darüber hinaus in der weltweiten Kirche werde ich offener, wenn ich in dieser Spannung von schon und noch nicht leben lerne. Ich muss mich nicht fragen, wie ich die finanziellen und baulichen Krisenzeiten möglichst glimpflich überdauere und das alte Gemäure bewahre, damit Kirche gut dasteht. Das kann Teil meiner Aufgabe werden, jedoch nur, insofern es anderen und mir hilft, Christus zu erkennen. Die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden gehören unaufgebbar zusammen. Von daher bestimmen sich mein Gewinn und mein Schaden. Amen.

Lieder: 514, 1-3+5 / Psalm 40 / 293, 1+2 / 497, 1-3+5 / 394 / 639, 1-4