Predigt zum Gottesdienst am 2. Advent, Christuskirche Freiburg - 5. 12. 2010
Matthäus 24, 1-14: Bis ans Ende der Welt


24, 1 Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. 2 Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

3 Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? 4 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. 5 Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. 6 Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. 7 Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. 8 Das alles aber ist der Anfang der Wehen.

9 Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. 10 Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. 11 Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. 12 Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. 13 Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. 14 Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

Liebe Gemeinde,

vom glanzvollen Sieg zur deutlichen Schlappe - einen solchen Einbruch in seinem Erfolg musste der US-amerikanische Präsident bei den Kongresswahlen Anfang November hinnehmen. Nach zwei kurzen Jahren der Euphorie musste es sich wie das Wachrütteln aus einem süßen Traum für seine Partei anmuten.Die Enttäuschung im ganzen Land unter seinen vielen Anhängern fasst einer von ihnen stellvertretend mit den Worten zusammen: "Ich habe mich gefühlt wie als Kind vor Weihnachten, voller Erwartung und Vorfreude. Heute fühle ich mich deprimiert. Wenn ich morgen aufwache, sieht die politische Landschaft anders aus." Jetzt spricht dort jeder von "Der Stunde der Wahrheit", dem gleichnamigen Bericht über ein neues Sparprogramm, das verabschiedet werden soll. Und kaum einer glaubt, dass der amerikanischen Traum in unserer Zeit noch wahr wird: dass jeder US-Bürger dieselben Chancen des sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs erhält ob Mann oder Frau, ob Berufsanfänger oder Ruheständler in spe, ob schwarz oder weiß. Die Versuchung ist groß, zu resignieren. Den Traum platzen zu lassen. Von Liebe und Einigkeit ist genug geredet worden, jetzt gilt es, ins harte Alltagsgeschäft zurückzukehren. Die Stimmung schlägt um wie nach Weihnachten. Die Kerzen werden ausgelöscht. Das Jammern beginnt.

Wir lassen uns leicht verblenden von dem einen oder anderen Versprechen, das uns aus unserer Misere hilft. Jesus nicht. Er sieht den Tempel, beeindruckend wie er ist, ohne darüber ins Schwärmen zu kommen. Mit ein wenig Selbstkritik müssen wir zugeben, dass es uns anders damit geht. Wir lassen uns durchaus beeindrucken von großartigen Gebäuden, glänzenden Homepage-Darstellungen dieser oder jener Gemeinde. Wortgewaltige Prediger in Religion und Politik ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich, wir erliegen ihrem Charme, und Status spielt auch im klassenlosen Deutschland eine große Rolle. Wir glauben fest daran, wer in den hohen oder kirchlichen Ebenen sitzt, hat das Sagen und kann bestimmen, wo es lang geht. Das erklärt unsere Bewunderung für alle, die hohe Positionen einnehmen ebenso wie unsere Bitterkeit und Wut, wenn wir uns von ihnen betrogen fühlen. Ein Blick auf den Bauzaun am Stuttgarter Hauptbahnhof genügt. "Wir können alles, nur nicht Demokratie"- steht dort geschrieben. Oder "ich glaube keine Zahlen, die ich nicht selbst manipuliert habe." Bis hin zu "Bürger Stuttgarts, die Talibahn zerstört Eure Kulturschätze." Das ganze nimmt mit dieser letzten Parallele, die zur Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban (diesmal die echte) im Jahr 2001 gezogen wird, religiöse Dimensionen an. Zumal die Zerstörung dieser Statuen aus dem 6.Jahrhundert Schockwellen durch die ganze Welt sandte.

Neben Betroffenheit und Wut, stellt sich das Gefühl einer lähmenden Hilflosigkeit ein. So ähnlich, liebe Gemeinde, geht es mir, wenn ich die Bilder vor mir aufsteigen lasse, die Jesu in seiner Rede über die Endzeit in den schrecklichsten Farben malt. Da ist das blutrot der Kriege, wie wir sie aus der Gegenwart kennen, der Staub, der von den erdbebengerüttelten Trümmern aufsteigt, da ist der Völkermord - noch liegt Rwanda in unserer Erinnerung. Da ist ein Überhandnehmen von Ungerechtigkeit wie wir es nur zu gut im Großen wie im Kleinen, im öffentlichen und im privaten Bereich erfahren können.

Ja, wenn das die Voraussetzungen sind, die Jesus für zwingend hält, bevor endlich Frieden auf dieser Welt einkehrt, dann lähmt mich das. Dann brauche ich keinen Advent mehr. Wie kann ein Mensch all dem standhalten ohne in eine Angststarre zu verfallen? Wenn das so ist mit dem Kommen des Reiches Gottes, dann sollten wir doch lieber gleich die Kerzen am Adventskranz ausblasen.

Ich brauche nicht noch mehr an Weltuntergangsstimmung als das, was mir der Zeitschriftenstand am Kiosk im Vorübergehen an reißerischen Schlagzeilen anzubieten hat. Vor allem nicht, von einem, auf den ich meine Hoffnung setze. Von Jesus, dem Heiland, hätte ich das nicht erwartet.

Und ich brauche es auch nicht. Denn Jesu Warnung lautet nicht: erst muss alles zerstört werden, bevor ich einen neuen Punkt setze. Als streiche Gott seine Schöpfung aus in einer zweiten Sintflut. Das wäre ein Widerspruch zu allem worauf wir im Advent hoffen. Wir warten nicht auf Zerstörung, sondern darauf, dass Gottes Heil unter uns aufgerichtet wird. Dass einer dem anderen ins Gesicht sehen kann im Licht der Liebe und des Verzeihens.

Jesu Ankündigung der Endzeit zielt auf eine andere innere Bewegung. Er wünscht nicht, dass seine Jünger und Jüngerinnen, zu denen er hier exklusiv spricht, sich von der Erwartung abwenden, dass sein Reich kommt. Im Gegenteil. Jesus spricht seiner Gemeinde Mut zu. Wenn all diese schrecklichen Dinge geschehen, so verzweifelt nicht daran. Gebt nicht auf, verfallt nicht in Pessimismus oder in die Versuchung, angesichts solcher katastrophalen Verhältnisse nur an Euer privates Seelenheil zu denken. Haltet durch. Lasst eure Liebe nicht erkalten, antwortet nicht auf Unrecht mit Ungerechtigkeit.

Das Reich Gottes setzt sich langsam durch wie das Licht, das am Adventskranz leuchtet. Erst nur an einer Kerze, doch bald werden es mehr Lichter sein. So wie heute Abend zum Wiehremer Adventssingen, wenn die Kinder mit ihren Kerzen hier in die dunkle Kirche einziehen werden. Und wenn es nur ein Licht wäre, das angezündet würde, so machte es doch die Dunkelheit hell.

"Hör auf, über die Dunkelheit und all das, was dich am Weltgeschehen ärgert, zu klagen", sagte einmal ein Freund beim Abendessen. "Zünde lieber deine Kerze an. Du kannst etwas bewegen. Lass Deinen Glauben aufleuchten."

Jesu Rede von den letzten Dingen in unserem Evangelium zielt genau darauf. Das letzte Wort hat nicht das Unheil um uns herum, unsere gestörten Verhältnissezwischeneinander. Das letzte Wort spricht Gott, es ist ein Wort des Heils und der Gerechtigkeit. Bis dahin gilt, was Jochen Klepper, evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter, in seiner Zeit großen Leidens auch für uns aufschrieb:

"Manchmal denkt man, Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein sichtbares Zeichen geben, das einem hilft.

Aber dies ist eben das Zeichen: dass er einen durchhalten und es wagen lässt."

Amen.

Lieder: EG 7, 1-5 / Ps 80 /EG 178.6 / EG 19, 1+3 / EG 6, 1-3, 5 / EG 20, 1-4,8 / EG 9, 1, 4-6